Heute ist der Internationale Tag des Kusses

Zu diesem Anlass ist mir spontan eine Idee gekommen. Ich stelle euch hier mal ein paar Küsse aus meinen Romanen vor. Nicht immer sind es erste Küsse, aber besonders wichtige, intensive oder romantische. Aber Vorsicht, das sind natürlich gleichzeitig auch Spoiler. ;-)

Zunächst aber noch ein altes Musikvideo, das euch vielleicht ein bisschen auf die folgenden Texte einstimmt. Ich finde, es passt geradezu perfekt zum heutigen Tag.

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Gilbert O’Sullivan – What’s in a Kiss (Official Video)

Come again! sweet love doth now invite

Thy graces that refrain

To do me due delight,

To see, to hear, to touch, to kiss, to die,

With thee again in sweetest sympathy.

(Melodie von John Dowland, Text: anonym)

Und jetzt viel Spaß beim Lesen (und natürlich beim selber Küssen)!

Johann starrte auf ihren schmalen anmutigen Nacken und unterdrückte standhaft den Drang, sie zu berühren. „Ihr seid ihm nichts schuldig, Elisabeth. Ein Toter wird Euch nichts nachtragen. Auch ich musste das erst lernen, aber es ist eine Tatsache.“

„Ihr versteht das nicht“, sprach sie gegen die Wand. „Ich war … ich wollte …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ihr hättet nicht …“

„Was?“

Langsam drehte sie sich zu ihm um. „Mich anfassen dürfen. Bitte geht jetzt.“

Verblüfft blickte er in ihr verschlossenes Gesicht. „Nein“, sagte er. „Noch nicht. Ihr sucht nach einem Schuldigen an Eurem schlechten Gewissen? Wie Ihr wollt, da kann ich Euch behilflich sein.“

Ehe sie sich versah, hatte er sie an den Schultern gepackt und an sich gezogen. Erschrocken starrte sie in seine kühlen blauen Augen. Er näherte seine Lippen ihrem Gesicht. Zunächst hatte er nur vorgehabt, ihre Wange zu streifen, doch dann traf er doch ihren Mund. War sie ihm eine Winzigkeit entgegengekommen? Er wusste es nicht.

Als sich ihre Lippen fanden, setzte Elisabeths Herzschlag für einen Takt aus, um dann in rasendem Tempo wieder einzusetzen. Sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen und hatte gleichzeitig vergessen, wie man atmet. Sie begann zu zittern und lehnte sich an ihn, obwohl sie hätte zurückweichen müssen. Doch ihr Kopf war ganz leer. Sie öffnete die Lippen leicht, um wieder zu Atem zu kommen, doch im nächsten Moment spürte sie seine forschende Zungenspitze, die ihr gänzlich den Boden unter den Füßen fortriss.

Aufhören. Er musste sofort damit aufhören. Johann spürte Elisabeths zarten, feingliedrigen Körper an seinem und ließ seine Hand über ihren Nacken in ihr Haar gleiten. Er konnte ihren heftigen Herzschlag fühlen – oder war es ein eigener? Das Blut rauschte in seinen Ohren, der Geschmack ihrer Lippen erfüllte ihn und er wollte mehr. Mehr.

Seine freie Hand wanderte über ihren Rücken und presste sie noch fester an sich. Als sie ihre Lippen einen Spalt weit öffnete, entrang sich ihrer Kehle ein leises Seufzen, das ihn fast um den Verstand brachte.

Er schwankte und hätte sie beinahe mit sich gerissen. Mit letzter Kraft versuchte er seine Selbstkontrolle wiederzuerlangen und löste sich von ihr.

Schwer atmend sahen sie einander einen langen Moment in die Augen, dann ließ er sie unvermittelt los und ging zu seinem Pferd zurück. Er griff nach den Zügeln und sah ihr erneut in die Augen. „Ihr wolltet Euch schuldig fühlen?“, sagte er in einem kühlen Ton, der ihm selbst fremd vorkam, ihn jedoch glücklicherweise wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte. „Nun habt Ihr etwas, das Ihr bereuen könnt.“

aus: Die Eifelgräfin, Historischer Roman, Rowohlt 2009

Christophorus erkannte in ihrem Blick Entsetzen, aber auch einen gefährlichen Widerstreit der Gefühle, den er in diesem Moment nur allzu gut nachempfinden konnte. Jetzt schnell raus hier, dachte er, rührte sich aber nicht vom Fleck. „Ihr habt Angst vor mir, Frau Marysa“, sprach er stattdessen aus, wie er schon einmal festgestellt hatte.

Seine Stimme klang ruhig, fast sanft, seine Frage enthielt auch eine Herausforderung, der sich Marysa nicht gewachsen fühlte. Wider besseres Wissen versuchte sie, noch einen Schritt zurückzuweichen, erreichte damit jedoch nur, dass er ihr folgte, sie schließlich zwischen ihm und der Wand gefangen war. Zwar hatte er seine Hand inzwischen wieder zurückgezogen, doch machte er keine Anstalten, sich vor ihr abzuwenden. Überdeutlich nahm sie die Nähe seines Körpers wahr; sein Geruch stieg ihr in die Nase und verstärkte das Kribbeln in ihrem Magen weiter. „Ich …“ Ihre Stimme schwankte. Sie musste ein zweites Mal ansetzen. „Ich habe keine Angst vor Euch.“

Marysa log nicht besonders gut. Am Ausdruck seiner Augen erkannte sie, dass er sie durchschaut hatte. Ein Glitzern trat in Christopherus’ Blick, der das Kribbeln in ihr in ein heftiges Ziehen verwandelte.

„Beweist es mir“, sagte er und auch seine Stimme klang nicht ganz fest. Er kam noch eine Winzigkeit näher, sodass sich ihre Körper leicht berührten, und umfasste ihr Gesicht mit seinen Händen.

Marysa war unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren. Atemlos beobachtete sie, wie sich sein Gesicht ihrem näherte. Kurz bevor sich ihre Lippen berührten, hielt er inne, den Blick noch immer fest auf ihre Augen gerichtet. „Beweist es mir“, wiederholte er. Für den Bruchteil eines Augenblicks verharrten sie so, dann senkten sich seine Lippen sanft auf ihren Mund.

aus: Der gläserne Schrein, Historischer Roman, Rowohlt 2011


»Oh. Lars!« Luisas Augen leuchteten beim Anblick der roségoldenen Kette mit dem diamantbesetzten Anhänger daran auf. »Wie wunderschön.«
Er versuchte den Kloß in seinem Hals wegzuräuspern. »Sie gefällt dir also?«
Ihre Finger schlossen sich fest um die Kette. »Gefallen ist gar kein Ausdruck. Das ist … Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Warum schenkst du mir so etwas Wertvolles?«
»Ein wertvolles Geschenk für eine wertvolle … Freundin.«
»Dieser Anhänger … das ist ein Unendlichkeitszeichen.«
»Ich weiß.« Als er es gesehen hatte, hatte er sofort an Luisa denken müssen. Was das zu bedeuten hatte, darüber grübelte er lieber nicht nach.
Luisa blickte auf ihre Hand, mit der sie die Kette umschlossen hielt, dann in seine Augen. Der Ausdruck, der in ihren Blick trat, hätte ihn warnen, ihn sogar in die Flucht schlagen sollen, doch er hielt ihm stand, nur dieses eine Mal, auch wenn sein Verstand versuchte, ihn von dem Weg, den er damit einschlug, wieder abzubringen. Sein Puls beschleunigte sich noch mehr, als Luisa wortlos auf ihn zu trat und ihre Arme fest um seinen Hals schlang. Schweigend, warm, presste sie sich an ihn und ihren Kopf gegen seine Schulter.

Er zögerte nur einen winzigen Moment, bevor er die Umarmung erwiderte. Selbstverständlich wusste er genau, dass das ein Fehler war. Er hatte geschworen, ihn nicht zu begehen, doch er kam in diesem Moment gegen das Sehnen, das jede Faser seines Seins erfasst hatte, einfach nicht an. Es verlangte ihm beinahe übermenschliche Kraft ab, sie nicht zu küssen, als sie den Kopf hob und ihm erneut in die Augen sah. In ihrem Blick lag so viel mehr als nur Freude über das Geschenk, so viel mehr als die reine, tiefe Freundschaft, die sie beide verband, seit Luisa auf der Welt war. Er fragte sich nicht zum ersten Mal, warum ausgerechnet sie – und nur sie – jemals in ihm den heimlichen Wunsch geweckt hatte, sie ebenfalls auf diese einzigartige Weise anzusehen und ihr Dinge zu sagen, die er niemals zuvor ausgesprochen hatte. Doch das war nicht möglich. Er hatte sein Versprechen gegeben, und selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre … Sie war nicht nur zu jung, sondern auch viel zu wertvoll, seinem Herzen zu nahe, als dass er es gewagt hätte, auch nur darüber nachzudenken. Ganz abgesehen davon, dass er gar nicht fähig war … Nein, es war nicht möglich, auch wenn der Aufruhr in seinem Inneren ihm vom Gegenteil zu überzeugen versuchte.
»Möchtest du sie gleich tragen?«
»Musst du das überhaupt fragen?« Sie löste sich von ihm, drehte sich um und reichte ihm gleichzeitig die Kette über ihre Schulter hinweg.
Vorsichtig öffnete er den filigranen Verschluss und legte ihr das Schmuckstück an. Während sie eine Hand auf den Anhänger legte, schlang er die Arme um sie und zog sie an sich, sodass sie sich mit dem Rücken gegen seine Brust lehnen konnte.
Die Sonne war inzwischen ein gutes Stück dem Horizont nähergerückt und das Licht hatte sich entsprechend zu einem Dunkelrot-Violett gewandelt. »Wir sollten jetzt wirklich allmählich zurück zu den anderen gehen«, raunte er ihr zu.
Sie drehte den Kopf und hob ihn ein wenig an, sodass sich ihre Wangen berührten. »Ja, sollten wir.« Ihr Kopf drehte sich noch ein klein wenig weiter, sodass ihr warmer Atem ihn streifte. »Aber lieber würde ich ewig hier so stehen bleiben.«
»Dann werden wir spätestens in ein paar Stunden von der Flut weggespült«, scherzte er, doch seine Stimme klang selbst in seinen Ohren viel zu rau und belegt. Nur ein winziges Stückchen, wenige Zentimeter, trennten ihre Lippen voneinander. In Lars‘ Innerem tobte ein Sturm, wie er ihn nie zuvor erlebt hatte. Er wusste, es war falsch, versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren, doch sein Verstand und sein Herz schienen heute voneinander abgekoppelt zu sein. Ehe er wusste, was er tat, streifte er bereits mit dem Mundwinkel den ihren, wie zufällig. Die kurze Berührung löste ein Prickeln und Brennen in ihm aus, das nur schwer zu beherrschen war. Er hörte, wie Luisa etwas zittrig ein und wieder ausatmete, jedoch vollkommen stillhielt. Im nächsten Moment reckte sie sich ein wenig und tastete mit ihren Lippen nach seinen, nur kurz, ganz sachte. Schweigend sahen sie einander an und ein unausgesprochenes Versprechen manifestierte sich zwischen ihnen.

aus: Strandkörbchen und Wellenfunkeln, Liebesroman, MIRA Taschenbuch 2019


»Es scheint funktioniert zu haben.«
»Was?« Verwirrt sah sie ihn an.
Cristan lächelte wieder leicht. »Mein Vorschlag heute Nachmittag. Ich habe dich geküsst und du bist weder umgefallen noch davongelaufen. Also hat mein Rat, an jemand Ungefährlichen zu denken, tatsächlich geholfen.«
Sie runzelt die Stirn. »Nein, hat er nicht.«
»Nicht?« Er neigte den Kopf ein klein wenig zur Seite und betrachtete sie neugierig.
Griet schluckte nervös. »Nein, weil … Du hast mich damit regelrecht überfallen. Warum hast du das getan? Vor all den Menschen?«
»Weil mir danach war.« Er lachte leise. »Also hast du womöglich überhaupt nicht gedacht. Tja, darauf hätte ich schon früher kommen müssen.«
Verwundert und ein wenig argwöhnisch hob sie den Kopf. »Was meinst du damit?«
Er hob die Hand und strich ihr eines ihrer widerspenstigen Löckchen hinters Ohr. Sie erschauderte leicht, wich aber nicht zurück. »Ich sollte versuchen, dich ein wenig öfter am Denken zu hindern.«
»Wozu?« Ihr Herz schlug ein paar Takte schneller.
»Damit du vergisst, dass du eigentlich vor mir davonlaufen willst.«
»Das kann ich nicht vergessen.« Sie nestelte fahrig an den Falten ihres Surcots herum.
»Heute Nachmittag hast du es offenbar vergessen.«
»Nein, habe ich nicht.«
»Was dann?« Er berührte sanft ihr Kinn, hob ihren Kopf, bis sie ihm erneut in die Augen sehen musste. »Was würdest du tun, wenn ich dich hier und jetzt noch einmal küssen würde?«
Griet blickte wie gebannt in seine blaugrauen Augen. Ihr rasender Puls machte sie schwindelig, ihre Stimme war kaum vernehmbar, als sie versuchte, Worte zu formen. »Ich weiß es nicht.«
Vorsichtig umfasste er ihre Schultern und zog sie näher zu sich heran. »Möchtest du, dass wir es herausfinden?«
Antworten konnte sie nicht, dazu herrschte ein zu großer Aufruhr in ihrem Inneren. Sie atmete nur noch ganz flach, weil sie fürchtete, von der üblichen Panik ergriffen zu werden. Ihr Blick wanderte von seinen Augen zu seinen Lippen. Lächelnden Lippen, die sich ihrem Mund Zoll für Zoll näherten, bis sie ihn beinahe berührten.
»Lauf nicht weg, Griet«, raunte er, dann küsste er sie ganz sachte.
Griet war, als habe ihr Herzschlag für einen Moment ausgesetzt, um dann in doppelter Geschwindigkeit weiter zu pochen. Das seltsame, beängstigende Ziehen war wieder da und breitete sich rasend schnell in ihrem gesamten Körper aus.
Doch da war der Augenblick auch schon wieder vorüber. Cristan zog sich ein wenig zurück und sah sie erwartungsvoll an. »Mehr?«
Sie konnte kaum atmen. »Ich … weiß nicht.«
Er lachte leise. »Gute Antwort. Also probieren wir es aus.« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, als seine Lippen die ihren erneut berührten, diesmal ein wenig fester, fordernder.
Griets erster Impuls war, zu erstarren, dann, sich zurückzuziehen. Cristan hielt sie jedoch fest, gerade so sehr, dass eine Flucht unmöglich war. »Bleib hier«, murmelte er gegen ihre Lippen, »bei mir.« Er ließ seinen Mund sachte über ihren wandern, bis sie alles um sich herum vergaß. Eine Art Wirbelsturm fegte durch ihren Körper und stellte ihre Gefühle vollständig auf den Kopf.
Sie versuchte, sich daran zu erinnern, warum das, was mit ihr geschah, nicht gut war. Doch ihr fiel nicht ein Grund ein. Ihr fiel überhaupt nichts ein. »Cristan …«
»Schsch.« Er suchte ihren Blick. »Wenn du Angst vor mir hast, sag es. Aber versuch nicht, wegzulaufen. Das macht es nur noch schlimmer.«
»Ich habe keine Angst vor dir.« Ihre Stimme klang ein wenig gepresst, doch zumindest gehorchte sie ihr einigermaßen.
»Wovor dann?« Er küsste sie erneut, diesmal auf die Wange, dann auf die Schläfe. Von dort aus ließ er seinen Mund federleicht bis hinab in ihre Halsbeuge wandern.
Griet erschauderte. »Ich weiß nicht. Das ist alles falsch. Ich wollte nie …«
»Was wolltest du nie?« Er ließ seine Lippen über ihre Kinnlinie zurück zu ihrem Mund gleiten. »So etwas empfinden? Macht dir das Angst?«
Sie schluckte, erschrocken über die köstlichen Gefühle, die sie durchrieselten. »Ja.«
»Ich werde dir nicht wehtun, Griet.«
»Ich weiß.«
Er hielt inne und musterte sie eingehend. »Wirklich?

aus: Vergeltung im Münzhaus, Historischer Roman, Rowohlt 2016

Für einen Moment schloss Martina die Augen und konzentrierte sich ganz auf das Gefühl, hin und her zu schwingen, auf den Luftzug, der sie streifte, und das leise Knarzen der Seile auf der Rinde des Baumstamms. Als sie sich wieder umsah, stand Thorsten ein paar Schritte entfernt und machte Fotos von ihr mit dem Smartphone.
»Hey, was soll das?« Empört versuchte sie, das Gesicht abzuwenden und sich gleichzeitig aufzurichten. Der Versuch scheiterte natürlich und der Reifen geriet ins Schlingern.
»Sie waren einfach ein zu verlockendes Motiv. Wie ein Model.«
»Ich bin kein Model und auch kein Motiv.« Zappelnd versuchte sie, sich von der Schaukel herunterzukämpfen. »Löschen Sie die Fotos sofort wieder.«
»Im Leben nicht.« Grinsend schob er das Smartphone in die Gesäßtasche seiner Jeans. »Es sei denn, Sie kaufen Sie mir ab.«
»Abkaufen?« Martina japste und kämpfte immer noch mit dem Reifen und ihrer halb liegenden Position.
»Wenn der Preis stimmt, lasse ich mich vielleicht überreden.« Er trat näher, hielt den Reifen fest und half ihr herunter. »Was bieten Sie denn?«
»Gar nichts! Das ist Erpressung.«
»Ich weiß.«
»Geben Sie schon her!« Flink versuchte sie, um ihn herum zu greifen, um das Smartphone zu ergattern, doch er war schneller und schnappte sich erst ihre eine Hand, dann die andere.
»Nix da.« Lachend hielt er sie fest. »Da müssen Sie schon mehr auf Zack sein.« Sein Blick fing ihren auf und hielt ihn fest. »Ich warte auf Ihr Angebot.«
»Auf gar keinen Fall bezahle ich Ihnen Geld für diese Fotos.« Die Haut an ihren Handgelenken kribbelte, wo er sie umfasst hielt, und ihr Herzschlag geriet außer Kontrolle.
»An Geld hatte ich auch nicht gedacht.« Er zog sie vorsichtig näher zu sich heran. »Sondern eher an Naturalien.«
»Was denn für … oh.« Sie schluckte hektisch. »Thorsten, das … geht … nicht.« Sie bekam kaum noch ein Wort heraus. Ihr Herz schlug ihr bis zur Kehle. »Das wäre falsch.«
Inzwischen stand sie so dicht vor ihm, dass ihre Körper sich leicht berührten. Thorsten blickte ihr unverwandt in die Augen. »Was wäre daran falsch, Martina?«
»Ich …« Sie schluckte erneut, unfähig, ihre Gedanken zu ordnen. »Ich weiß nicht. Das geht zu …« Sie brach ab, als seine Lippen nur Millimeter von ihren entfernt waren. Ohne es zu bemerken schloss sie selbst die Lücke zwischen ihnen, bis sie sich berührten, ganz sachte. Ein heftiger Stich durchfuhr Martina von der Magengrube bis hinauf in die Herzgegend. Das Vögelchen drehte Loopings. Vor Schreck stand Martina ganz still und bewegungslos da. Was war bloß in sie gefahren?
Thorsten verharrte einen Augenblick so, zog sich kurz zurück und streifte ihre Lippen dann erneut mit seinen, diesmal etwas fester.
Der Ring an ihrer Kette schien auf ihrer Haut zu glühen. Angst kämpfte mit Sehnen und wandelte sich im nächsten Moment zu Panik. »Nicht!« Sie fuhr zurück, riss sich los und stieß ihn ein wenig von sich. »Ich habe Nein gesagt!« Verzweifelt, weil sie sich jetzt, da sie die Verbindung unterbrochen hatte, noch panischer fühlte – panisch, unglücklich und schuldig. Abrupt drehte sie sich um und rannte ein Stück aufs Watt hinaus.
He, was ist denn jetzt wieder los? Wau? Frauchen, was ist denn mit dir? Stimmt etwas nicht? Hallo? Capone sauste hinter ihr her und stellte sich ihr in den Weg.
»Nicht, Capone, lass mich!« Martina wich dem Hund aus und ging noch ein paar Schritte weiter. Inzwischen brannten Tränen in ihren Augen. Sie machte alles falsch, wirklich alles. Aber was sollte sie denn tun? Sie hatte ein Versprechen gegeben und es gebrochen. Oder doch zumindest fast. Und sie wusste nicht, was mehr schmerzte. Dass sie es gebrochen hatte oder dass sie vor Thorsten weggerannt war .

aus: Die Liebe gibt Pfötchen, Liebesroman, HarperCollins 2020


Bevor sie sich zurückhalten konnte, hatte sie die Hand ausgestreckt und berührte mit den Fingerspitzen das unebene Narbengewebe an seinem Hals. Etwas mutiger – und weil ihre Neugier geweckt war – strich sie anschließend mit dem Zeigefinger der Narbe entlang bis zu seiner Brust.
„Nicht.“ Er fing ihre Hand auf und hielt sie an Ort und Stelle fest, sodass sie seinen raschen, kräftigen Herzschlag spüren konnte. „Tut das nicht, Luzia. Ihr begebt Euch in Gefahr.“
Der warnende, leicht raue Klang in seiner Stimme ließ sie zurückzucken. Gleichzeitig beschleunigte sich ihr Herzschlag, denn er ließ ihre Hand nicht los, als sie sie ihm entziehen wollte. Sie schluckte und fühlte sich plötzlich in die Enge getrieben. Zitternd atmete sie aus. „Ihr habt gesagt, dass Ihr die Situation nicht ausnutzen werdet.“
Sein Blick verdunkelte sich noch mehr und wanderte unstet zwischen ihren Augen und ihren Lippen hin und her. „Das war, bevor Ihr mich herausgefordert habt, Luzia.“

„Ich habe Euch nicht herausgefordert!“ Erschrocken versuchte sie sich noch weiter zurückzuziehen, doch das Ende der Matratze hinderte sie daran. Ihr Herz begann zu rasen, als Martin ihre Hand losließ, ihr die Decke von der Schulter schob und mit den Fingerspitzen die Linie ihres Armes entlangfuhr. Er verlagerte sein Gewicht ein wenig, sodass er im nächsten Moment halb über ihr war. Sein Gesicht näherte sich dem ihren, und sie spürte seinen warmen Atem über ihre Wange streichen.
„Doch, das habt Ihr, Luzia. Vom Tag unserer ersten Begegnung an“, raunte er. Im nächsten Moment trafen seine Lippen auf die ihren.
Was als kurze, sanfte Berührung geplant war, entglitt Martin in dem Moment, da er ihre vollen Lippen schmeckte. Alles in ihm schrie danach, sie hier und jetzt zu nehmen, obwohl er wusste, dass es falsch war. Gierig nagte er an ihrer Unterlippe, fuhr mit der Zunge darüber, bis sie sich ihm öffnete, ihn einließ. Ihrer Kehle entrang sich ein hilfloser, betörender Laut, der auch noch den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung in sich zusammenfallen ließ.

aus: Die Gewürzhändlerin, Historischer Roman, Rowohlt 2011


»Du gehst mir nicht auf die Nerven«, sagte Emma leise.
Doch, dachte sie gleichzeitig überrascht, das tust du. Nur nicht so, wie du glaubst …
»Versteh mich nicht falsch, Stefan. Ich will dich nicht loswerden. Es ist nur …«
»Was?« Abwartend sah er sie an und hielt ihren Blick gefangen, bis sie spürte, dass ihre Wangen ganz heiß wurden. Ihr Herz vollführte mittlerweile einen Trommelwirbel in ihrer Brust, dass sie beinahe keine Luft mehr bekam.
»Ich weiß nicht.«
Er schwieg weiter, doch sein Blick machte sie immer kribbeliger.
»Du machst mich nervös«, gab sie schließlich zu.
Einen Moment lang wirkte Stefan überrascht, doch dann stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen und wanderte hinauf bis zu seinen Augen. »Das …«, er hob die Hand wieder und legte sie vorsichtig an ihre Wange. Die Wolle seiner Handschuhe fühlte sich weich und rau zugleich an. »… ist interessant. Du machst mich nämlich auch nervös, weißt du. Vielleicht …« Mit der anderen Hand zog er sie sanft zu sich heran und ließ sie dabei keinen Moment aus den Augen.
Emmas Herz holperte und raste dann weiter. Sie wusste, dass man das Pochen inzwischen an ihrer Halsschlagader sehen musste. Ihre Wangen brannten, als sei alles Blut aus ihrem Körper geradewegs in ihren Kopf geschossen.
»Guten Morgen, ihr beiden. Ein bisschen früh für ein Stelldichein, oder? Ist euch hier draußen nicht zu kalt?«
Sie fuhren erschrocken herum und sahen sich Frau Reimbold und ihrer Katze, wie immer mit Geschirr und Leine, gegenüber. Die alte Dame lächelte freundlich.
»Wir, äh …« Emma sah unsicher zu Stefan auf.
Er grinste Frau Reimbold an. »Kalt ist uns eigentlich nicht, nein. Geht es Ihnen und Ihrer Katze gut?«
Frau Reimbold zwinkerte ihm zu. »Nein, kalt ist euch bestimmt nicht, das sehe ich. Und danke der Nachfrage, uns geht es ausgezeichnet. Aber jetzt müssen wir auch weiter. Falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich euch und euren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest.«
»Ihnen ebenso«, antwortete Stefan und sah ihr einen Moment lang nach, bis die alte Dame außer Hörweite war. Dann wandte er sich wieder Emma zu und schmunzelte. »Nicht sehr romantisch, was?«
Sie stieß die Luft aus und konnte endlich wieder etwas befreiter atmen. »Nicht sehr«, bestätigte sie und schaffte sogar ebenfalls ein kleines Lächeln. Als er ihre Hand nahm, jagte ihr Puls jedoch gleich wieder los.
»Meinst du, dein Bruder findet mich immer noch cool, wenn ich das hier mache?« Er zog Emma wieder an sich, und noch ehe sie überrascht nach Luft schnappen konnte, lagen seine Lippen sanft auf ihren. Ihr wurde noch heißer, und fast meinte sie, ihr eben noch wie wild schlagendes Herz habe für einen Moment ausgesetzt.
Im nächsten Moment registrierte sie jedoch enttäuscht, wie sich Stefan rasch wieder zurückzog und ihr prüfend ins Gesicht sah.
Sie war mittlerweile ganz außer Atem und strich sich hastig eine Haarsträhne, die sich aus ihrem wollenen Stirnband gelöst hatte, aus dem Gesicht. Seinem Blick wich sie jedoch nicht aus, auch wenn sie befürchtete, jeden Moment den Verstand zu verlieren. So etwas hatte sie noch nie erlebt.
»Ich weiß es nicht«, antwortete sie schließlich atemlos. »Aber mich findet er ja auch nicht cool, also wird ihn das hier auch nicht schockieren …« Sie trat nun ihrerseits auf Stefan zu und küsste ihn. Dann spürte sie voll Freude, wie er die Arme um ihre Taille legte. Lediglich die dick wattierten Jacken dämpften die Berührung ein wenig.
Auch Stefan atmete befreit auf. »Dann wird er sich be¬stimmt bald daran gewöhnen, oder?«
Emma nickte. »Ich hoffe es.«

aus: Ein Weihnachtshund auf Probe, romantischer Weihnachtsoman, 2007

»Ich will dich. Verdammt noch mal.« Seine Stimme grollte wie der sprichwörtliche Donner über sie hinweg. »Ich will dich. Aber …« Kurz, so als müsse er sich sammeln, hielt er inne, lehnte seine Stirn gegen ihre. Er schien vor unterdrückten Emotionen geradezu zu vibrieren.
»Aber was?« Sie brachte die Worte kaum heraus.
Er atmete schwer ein und wieder aus. »Ich habe Angst.«
Beinahe vorsichtig suchte er ihren Blick, und erneut schoss ein heißer Stich durch sie hindurch. Sie verstand. Verstand endlich, dass diese steinerne, gefährliche Fassade, die brutal finstere Aggression, die ihn umgab, schlicht und ergreifend ein Spiegel seiner Seele und seines Herzens waren. Er hatte gelernt, sich zu kontrollieren, sodass die Emotionen, die in ihm tobten, keinen Schaden mehr anrichten konnten, wenn er es nicht wollte. Doch ganz verbergen konnte er sie nicht. Sie hatte sich nur nie getraut, genau hinzusehen. Vielleicht, weil sie noch nicht bereit dazu gewesen war. Denn wenn sie hingesehen hätte, so wie jetzt, wäre ihr aufgefallen, dass dieser Ausdruck in seinen Augen Christians wahre Gefühle schonungslos offenlegte – und die ihren widerspiegelte.
Wild trommelte ihr das Herz gegen die Rippen, als sie versuchte, Worte zu formen. »Wovor hast du Angst?«
Sein Blick irrte von ihren Augen zu ihren Lippen und wieder zurück. »Dich zu brauchen. Dich zu verlieren.« Seine Stimme klang heiser und gepresst. Seine Lippen näherten sich den ihren, zögerten, zogen sich eine Winzigkeit zurück. Sein warmer Atem strich über ihr Gesicht. »Ein Leben ohne dich zu führen, ist einfacher zu ertragen, als die Angst, dich wieder gehenlassen zu müssen.« Wieder näherte sich sein Mund ihren Lippen, wieder hielt er inne.
In ihrem Inneren brannte ein Feuer aus Sehnsucht und gespannter Erwartung. Doch noch war nicht alles gesagt. Auch wenn der Blickkontakt immer noch fast schmerzhaft war, hielt sie ihm entschlossen stand. »Damals schon?«
Wieder streifte sie sein Atem. »Schon immer. Schon als … Scheiße, du warst viel zu jung. Ich hätte mich strafbar gemacht und … mein Versprechen gegenüber Steffen gebrochen.«
Ihr Herz war tatsächlich fähig, noch wilder zu schlagen. »Also hast du mich belogen und rausgeworfen.« Vorsichtig hob sie die Hand und berührte seine Wange.
Er schauderte leicht unter der Berührung, sein Blick zuckte erneut zu ihren Lippen, heftete sich dann aber wieder auf ihre Augen. »Ja.« Ein drittes Mal näherten sich seine Lippen, so langsam, dass es beinahe zur Qual wurde. »Ich habe dir nur nie sagen können, wie schwer es mir gefallen ist, dich zurückzuweisen.«
Endlich berührten seine Lippen die ihren, wenn auch nur ganz leicht. Annalena kam es vor, als würden sich hunderte winziger elektrischer Ladungen von ihm auf sie übertragen. Atemlos verharrten sie für einen Augenblick so. Ganz sachte strich sie mit den Fingerspitzen seine Wangenlinie entlang und spürte, wie er sich anspannte. »Dann tu das niemals wieder«, raunte sie gegen seinen Mund. »Mich zurückweisen meine ich.«
Sachte, tastend, strich er mit seinen Lippen über ihre und hielt dabei noch immer ihren Blick gefangen, so intensiv, dass sie glaubte, darin zu vergehen. Für einen Moment stand die Zeit für sie still, verharrten sie erneut. Im nächsten Augenblick reckte sie sich ihm entgegen, presste er seinen Mund hungrig auf ihren und drängte sich so heftig an sie, dass sie hart gegen den Kühlschrank prallte. Sie stieß einen erschrockenen und zugleich triumphierenden Laut aus und vergrub ihre Finger in seinen Haaren.

aus: Ein Weihnachtshund auf Glücksmission, romantischer Weihnachtsroman, Weltbild 2018


Still saß Julius auf Paulines Bettkante und blickte auf ihre schlafende Gestalt. Als er die Treppe heraufgekommen war, hatte er ihr leises Stöhnen und Wimmern vernommen. Ohne weiter darüber nachzudenken, hatte er ihr Schlafzimmer betreten, um nach ihr zu sehen. Sofort war ihm klar, dass sie wieder einen Albtraum hatte. Zuerst wollte er sie aufwecken, doch als sie plötzlich ganz ruhig wurde, hatte er davon abgesehen. Jetzt sah er, wie ihr im Schlaf Tränen über die Wangen flossen. Der Anblick zerriss ihm beinahe das Herz. Er streckte die Hand aus, wollte die Tränen fort wischen, doch er traute sich nicht. Stattdessen zog er nur ihre Decke ein wenig höher und erhob sich wieder. Traurig betrachtete er die Frau, die er liebte. Wie kam es, dass sich alle Welt gegen ihn verschworen hatte? War ihm nicht das kleinste bisschen Glück vergönnt? Am Abend, in der Bibliothek, hatte er gespürt, dass eine Verbindung zwischen ihnen gab. Dass auch sie sie wahrgenommen hatte. Aber wenn er sie jetzt ansah, die Qual von ihren Gesichtszügen ablas, verließ ihn der Mut, dass er sie jemals für sich gewinnen würde.
Müde fuhr er sich mit den Fingern durchs Haar, beugte sich zu Pauline hinab und streifte mit den Lippen ganz sachte ihre Stirn. Dann nahm er seine kleine Handlampe und verließ das Zimmer so leise, wie er es betreten hatte.

aus: Das Haus in der Löwengasse, Historischer Roman, Rowohlt 2012


»Ach wirklich?« Er wusste, es war ein Fehler, ihr jetzt auch noch in die Augen zu blicken, die sich überrascht weiteten. »Sie halten mich also für harmlos?«
Bedachtsam stellte sie sie Bierflaschen auf der Anrichte neben dem Kühlschrank ab, gegen den er sie praktisch gedrängt hatte. An ihrer Halsschlagader sah er, dass ihr Puls stark beschleunigt war. »Das habe ich nicht gesagt.«
»Sie haben keine Angst vor mir?«
»Das hätten Sie wohl gerne.« Ihre Stimme klang ein wenig heiser. »Verwechseln Sie Angst nicht mit etwas ganz anderem.«
»So? Womit denn?« Ihre unmittelbare Nähe raubte ihm den Atem. Sein Blick wanderte von ihren silbrig-violetten Augen hinab zu ihren Lippen und langsam wieder zurück. Sein Pulsschlag steigerte sich rapide.
Sie schluckte und benetzte mit der Zungenspitze ihre Lippen. »Tun Sie es und finden Sie es heraus.«
»Nein.« Langsam schüttelte er den Kopf. »Das ist mir zu gefährlich.«
Auf ihren Lippen erschien ein amüsiertes Lächeln. »Sagen Sie bloß.«
»Was?«
»Jetzt haben Sie Angst.«
»Ich bin nur vernünftig.« Er fluchte innerlich, als sie leise lachte.
»Feigling.« Flink trat sie zur Seite und wollte erneut nach den Bierflaschen greifen.
Einen wütenden Laut ausstoßend, fasste er sie am Arm und zog sie mit einem Ruck herum, sodass sie gegen ihn prallte. »Du nennst mich einen Feigling?«
In ihren Augen glitzerte es, teils überrascht, teils herausfordernd. »Überzeuge mich vom Gegenteil.«
Ihre Blicke verhakten sich ineinander. Sie reckte sich ihm ein klein wenig entgegen und in seiner Magengrube bildete sich ein brennender Knoten, der in dem Moment explodierte, als er seine Lippen auf ihre senkte.
Für einen Moment stand er wie unter Strom. Er wusste nicht, was er erwartet hatte – vermutlich gar nichts, weil sein Verstand mit diesem impulsiven Irrsinn nicht mitgekommen war. Der fast schon triumphierende Laut, den sie ausstieß, befeuerte die Alarmglocken, die in seinem Kopf schrillten, zusätzlich. Sie hatte ihn provoziert und er war ihr auf den Leim gegangen. Warum nur konnte sie ihn so einfach manipulieren? Und warum in drei Teufels Namen fühlte sich das so gut an?
Angeliques Lippen waren warm, weich und viel zu entgegenkommend. Sie hatte ihre rechte Hand auf seinen Oberarm gelegt, die linke auf seine Brust, und dort verkrallte sie sich in seinem Hemd. Der Kuss war nicht wild, aber dennoch hungrig. Patricks Blut erhitzte sich langsam, während er seinen Mund fordernd auf ihren presste, ihre Unterlippe einsaugte, daran knabberte, bis Angelique erneut einen leisen, diesmal deutlich erregten Laut ausstieß und sich fester an ihn schmiegte. Im nächsten Moment trafen ihre Zungenspitzen aufeinander und wieder schien Patrick kurz unter Strom zu stehen. Sein Körper reagierte geradezu brutal auf sie, doch anstatt das zum Anlass zu nehmen, zurückzuschrecken, schlang sie nun ihre Arme um seinen Hals und drängte sich noch fester an ihn, sodass sie ganz sicher unmissverständlich spüren konnte, wie erregt er war.
Mit einiger Anstrengung lockerte er seinen Griff ein wenig, mit dem er ihre Oberarme umfasst hielt, und unterbrach den Kuss. Einigermaßen entsetzt starrte er sie an und versuchte zu Atem zu kommen. »Und was jetzt?«
Ihre Pupillen waren erweitert und ließen ihren Blick dunkler wirken. »Ich hätte nicht gedacht, dass du das noch fragen musst.«

aus: Stille Nacht, flauschige Nacht, romantischer Weihnachtsroman, MIRA Taschenbuch 2019

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Nicht sehr, aber gerade so, dass das Blut ein wenig schneller, ein wenig heißer durch ihre Adern floss. Versuchsweise lehnte sie sich ein wenig fester gegen ihn, und prompt spürte sie eine Reaktion. Seine Finger verstärkten ihren Druck, wenn auch nur ein wenig, und sie vernahm seinen tiefen Atemzug, der klang, als müsse er sich wappnen.
«Seltsam», murmelte sie so leise, dass er es wahrscheinlich gerade noch vernehmen konnte.
«Was ist seltsam?» Seine Stimme war ein wenig rau und noch dunkler als sonst.
«Dass du mich noch nicht gescholten hast, ich solle dir aus dem Weg gehen.»
Er hielt inne, ließ seine Hände schwer auf ihren Schultern ruhen. «Würde es etwas bewirken, wenn ich das täte?»
Nun beschleunigte sich ihr Herzschlag doch in beängstigender Weise. Trotzdem – sie musste das jetzt aushalten! «Sag du es mir.»
Er schwieg einen langen Moment, dann wanderten seine Hände sehr, sehr langsam an ihren Armen hinab, hielten oberhalb der Ellenbogen erneut inne. Sein Mund näherte sich ihrem Ohr. «Wenn du klug wärest, würdest du mir Einhalt gebieten, Aleydis. Diese Warnung gilt nach wie vor.»
Er war ihr jetzt so nahe, dass sie seinen Atem an ihrer Haut spürte. Sie selbst bekam hingegen kaum noch Luft, so heftig war der Aufruhr, den er in ihr auslöste. Aushalten. Sie musste das aushalten. «Ich … » Sie schluckte gegen die Enge in ihrer Kehle an und gegen das heftige Pochen ihres Herzens, das sich einen Weg geradewegs durch diese Enge zu suchen schien. «Ich soll also klug sein … im Gegensatz zu dir?»
Anstelle einer Antwort drängte er sich sanft, aber bestimmt noch enger an sie, sodass sie die Hitze spürte, die sein Körper abstrahlte – und seine Erregung.
Heiße und kalte Schauder durchrieselten sie, ihr Herz drohte, ihre Brust zu durchbrechen. Sie rang unwillkürlich nach Atem. Doch bei Gott, sie wollte da jetzt durch! Als sie zu sprechen versuchte, gehorchte ihre Stimme kaum. «Lange habe ich nicht verstanden, warum du mich stets so grob angehst. Vor allem immer dann, wenn du mir zuvor ungebührlich nahegekommen bist.»
Er hielt inne, schien mit sich zu ringen, dann, plötzlich, senkte er seinen Mund auf ihre Schulter, glitt mit den Lippen an dem schmalen Streifen Haut entlang, den ihr Kleid dort freigab, bis in ihre Halsbeuge. «Und jetzt weißt du es?»
Sie spürte ein leichtes Saugen, das Kratzen seines stets so säuberlich kurzgehaltenen Kinn- und Oberlippenbartes. Dann – Himmel! – seine Zunge. Wie ein feuriger Strahl durchzuckte es sie bis hinab in ihren Schoß. Sie rang nach Atem, schwankte. Vinzenz hielt sie fest an Ort und Stelle, ließ seinen Mund ihren Hals hinaufwandern, so weit es ihre Haube erlaubte, dann wieder hinab in ihre Halsbeuge. Aleydis war, als würde sie vergehen. Ein Anflug von Panik mischte sich mit dem dringenden Wunsch, er möge nie wieder aufhören, sie auf diese Weise zu liebkosen.
«Ich … » Ihre Stimme war nur noch ein tonloses Flüstern. « … glaube schon.»

aus: Die Rache des Lombarden, Historischer Roman, Rowohlt 2021


Janna entspannte sich und wollte sich rasch aus dem Kreis verdrücken, doch die nächsten Worte der Seminarleiterin ließen sie erschrocken innehalten.
»Ein Applaus für Janna und Markus, die ihre Erinnerungen und ein wenig auch ihre Gefühle mit uns geteilt haben. Und nun noch die Krönung, ihr beiden. Ihr dürft nämlich jetzt für uns euren allerersten Kuss nachspielen. Na, wie findet ihr das? Der erste Kuss ist euch ganz bestimmt noch lebhaft in Erinnerung. Lasst uns daran teilhaben.«
Jannas Augen weiteten sich und sie spürte, wie Markus erstarrte, obwohl seine Miene bewundernswert ungerührt blieb. Das Flackern in seinem Blick entging ihr allerdings nicht.
Mit so etwas hatten sie beide nicht gerechnet. Noch weniger damit, dass ringsum nicht nur applaudiert und gejubelt wurde, sondern auch die ersten Kuss!-Kuss!-Rufe laut wurden.
»Na los, ihr beiden, nicht so schüchtern!«, rief Inge, woraufhin einige Teilnehmer sogar rhythmisch zu klatschen begannen. »Versetzt euch in jenen Tag zurück und lebt nach, was ihr damals empfunden habt!«

Ein überaus flaues Gefühl machte sich in Jannas Magengrube breit, als Markus mit leicht skeptischem Blick auf sie zutrat. Ihr Puls beschleunigte sich. Einen langen Moment sah Markus sie an und zum ersten Mal bemerkte sie einen Funken Unsicherheit in seinen Augen. Oder war es Widerwillen? Was immer es war, wenn sie nicht bald handelten, würden sie ihre Tarnung gefährden. Also zwang sie sich, Markus in die Augen zu sehen und zu lächeln. Als er noch immer nicht reagierte, stieg Ärger über diese ganze vertrackte und absurde Situation in ihr auf. »Nun mach schon«, zischte sie ihm zu, ohne dabei das Lächeln zu verlieren.
Wieder flackerte es in seinen Augen, diesmal eindeutig überrascht. Im nächsten Moment neigte er sich zu ihr hinab. Jannas Blutdruck schoss in ungesunde Höhen, trotzdem kam sie ihm ein wenig entgegen.
Im nächsten Moment durchfuhr sie etwas wie ein heftiger Stromstoß, als sich ihre Lippen berührten. Ihre Augenlider flatterten und schlossen sich, und für einen langen Moment spürte sie nichts anderes als ihn. Markus hatte sanft ihre Schultern umfasst und ließ seine Lippen spielerisch sachte über ihren Mund wandern. Für einen kurzen Moment fragte sie sich, ob er sie womöglich damit ärgern wollte, doch dann wurde der Druck seiner Lippen fester, fordernder. Janna schwankte ein wenig und hielt sich an ihm fest. In ihrer Magengrube kribbelte es immer heftiger und neuerliche Stromstöße durchfuhren sie.
Sie merkte, wie Markus sich eine Winzigkeit von ihr zurückzog, sodass ihre Lippen sich voneinander lösten. Als sie ihre Augen öffnete, begegnete sie seinem Blick, der unverwandt auf ihr ruhte und so dunkel geworden war, dass es ihr heiße Schauer über den Rücken jagte. Im nächsten Moment trafen sich ihre Lippen erneut. Er zog sie dichter an sich und ließ eine Hand in ihren Nacken und von dort in ihr Haar wandern. Sein Mund war weich und fest zugleich, fordernd und kenntnisreich – und gefährlich. Janna wusste, dass sie sich in dem Kuss verlieren würde, wenn sie nicht sofort aufhörten.
Ringsum war es vollkommen still geworden, was wohl auch Markus auffiel, denn von einem Augenblick auf den nächsten veränderte sich seine Haltung. Er spannte sich an, löste seine Lippen von ihren und richtete sich wieder auf. Sie vernahm sein verhaltenes Räuspern, bevor unter den übrigen Teilnehmern des Seminars begeisterter Applaus und sogar Pfiffe laut wurden.
Fast ein wenig zu hastig löste sie sich von Markus und versuchte durch tiefes Atmen ihre Fassung wiederzuerlangen.
Inge schoss auf sie zu und umarmte erst sie, dann Markus. »Na, also wenn das mal nicht ein filmreifer Kuss war! Einfach toll! Was meinen die anderen? Ist es nicht heiß geworden hier drinnen?«

aus: Scharade mal drei – Fall 9 für Markus Neumann und Janna Berg, 2015

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