Nachdem ihr im ersten Textschnipsel zu Vier Pfoten retten Weihnachten einen kleinen Einblick in Sabrinas Ansichten über Esther, die Freundin von Sabrinas Vater, erfahren habt, wird es nun Zeit, sie in Person kennenzulernen.

Viel Vergnügen! (Und nein, das war jetzt nicht ironisch gemeint!)

Elena, die Weihnachtsmusik liebte, summte leise mit und bemerkte zu spät die schlanke, schwarzhaarige Frau, die just in dem Moment neben ihr auftauchte, als Elena eine fast mannshohe Blautanne durch den Torbogen wuchtete.
»Huch, passen Sie doch auf!« Die Frau sprang zurück und klopfte sichtlich ungehalten ein paar Tannennadeln von ihrem Mantel.
»Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht gesehen.« Elena lehnte die Tanne gegen die anderen, die von einem Mitarbeiter in die Ständer gestellt wurden.
»Das habe ich gemerkt.« Die Schwarzhaarige musterte sie von Kopf bis Fuß und runzelte dabei ein wenig die Stirn.
Elena sah an sich hinab. Ihre dunkelgraue, hautenge Designerjeans war von Erdflecken verunziert, ebenso wie ihr hellroter Rollkragenpullover. Die Weste hatte sie längst ausgezogen, weil sie ihr zu warm geworden war.
»Hallo, Esther!« Winkend kam Jan angerannt, der bis eben noch einen Kakao getrunken zu haben schien, denn seine Oberlippe war mit einem braunen Kakaobart verziert. »Was machst du denn hier?«
Die Schwarzhaarige lächelte ihm kühl, aber freundlich zu. »Jan, hallo. Wie siehst du denn aus?« Sie zog ein Taschentuch aus ihrer schicken kleinen Lederhandtasche und wischte energisch über den Mund des Jungen.
Jan verdrehte die Augen. »Hab Kakao getrunken. Guck mal, das ist Elena. Sie wohnt jetzt bei uns.«
»Wie bitte?« Esthers Augen weiteten sich, als sie Elena erneut ansah.
Elena hob abwehrend die Hände. »Es ist nicht so, wie es klingt. Ich bin über die Weihnachtsaktion des Magazins Zeitschritte engagiert worden, um Herrn Kilian für die kommenden zwei Monate zu entlasten. Als Nanny, sozusagen. Mein Name ist Elena Braumann.« Sie hielt der Frau ihre Hand hin, zog sie aber gleich wieder zurück, als sie bemerkte, wie verschmutzt sie war. Entschuldigend zuckte sie die Achseln.
»Esther Meinhardt.« Esther musterte sie noch immer verblüfft. »Warum hat Steffen mir denn gar nichts davon erzählt?«
»Vermutlich, weil er selbst nicht mit mir gerechnet hat«, erklärte Elena rasch. »Annalena hat ihm nichts von der Sache erzählt und ihn praktisch vor vollendete Tatsachen gestellt, als ich gestern eintraf.«
»Annalena, aha.« Es klang nicht sonderlich begeistert. Esther betrachtete sie erneut eingehend. »Moment mal, Elena Braumann? Von der Modefirma Elena Gante
Elena nickte nur.
»Das ist ja … eine Überraschung.« Offenbar eine, die Esther alles andere als gefiel. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht gleich erkannt habe … in dem … Aufzug.«
Elena sah erneut an sich hinab und lachte. »Tja, so schmutzig war ich tatsächlich schon lange nicht mehr.«
»Die guten Designerkleider.«
Der missbilligende Tonfall veranlasste Elena, erneut die Achseln zu zucken. »Alles waschbar.«
»Ja, hm.« Esther runzelte die Stirn und sah sich um. »Ist Steffen nicht hier?«
»Hallo Esther. Papa ist noch unterwegs.« Nun war auch Sabrina herbeigekommen. »Er holt uns nachher ab.«
»Außer, wir gehen noch mit Lulu spazieren«, fügte Jan eifrig an. »Das ist der Hund von Elenas Bruder und sie muss nachher auf ihn aufpassen.«
»Auf sie, Lulu ist eine Sie«, korrigierte Elena.
»Ja.« Jan nickte. »Und dann gehen wir in den Wald.«
»Aha.« Esther kräuselte die Lippen. »Das ist aber ungünstig, weil ich schon etwas anderes mit euch vorhatte.«
»Was denn?« Halb neugierig, halb enttäuscht sah der Junge zu ihr auf.
»Einen Ausflug ins Kunstmuseum. Da gibt es heute einen Kindertag mit spannenden Führungen und Vorträgen.«
»Oh, toll.« An Jans Stimme war zu erkennen, dass ihm ein Spaziergang mit Lulu im Wald hundertmal lieber gewesen wäre.
»Wir können auch ein andermal spazieren gehen«, schlug Elena vor. Sie wusste nicht, wer Esther war, doch sie schien ein fester Bestandteil der Familie zu sein.
Interessanterweise ließ auch Sabrina die Schultern hängen. »Museum klingt gut.«
Plötzlich hob Jan den Kopf und lächelte triumphierend. »Ähm, aber wenn wir mit Elena spazieren gehen, kannst du mit Papa ausgehen. Aua, was denn?« Erstaunt sah er seine Schwester an, die ihn unsanft angerempelt hatte. »Die gehen doch dauernd aus. Dann können sie das auch heute und wir gehen mit Elena und Lulu in den Wald.«
»Darüber muss ich erst mit eurem Vater sprechen.« Es sah aus, als sei Esther von dem Vorschlag des Jungen durchaus angetan.
»Worüber willst du mit mir sprechen?« Just in diesem Moment war Steffen Kilian durch den Torbogen getreten.
»Steffen, hallo, mein Lieber!« Mit etwas zu offensichtlicher Begeisterung ging Esther auf ihn zu und küsste ihn zur Begrüßung kurz, aber eindeutig besitzergreifend auf die Lippen.
Elena hörte, wie Sabrina hustete, und warf ihr einen überraschten Blick zu. Das Mädchen hatte das Gesicht genervt verzogen.
Esther wandte sich wieder um. »Gerade habe ich dein neues, ähm … Kindermädchen kennengelernt.«
»Mein was?« Steffen kam näher und ließ, wie schon am Morgen, seinen Blick an Elena hinab und wieder hinauf wandern. »Ach, du meinst Frau Braumann.«
»Elena.« Elena rang sich ein Lächeln ab. Allmählich begriff sie die Situation, in die sie hier hineingeraten war.
»Elena«, wiederholte Steffen mit einem leichten Nicken. »Sie war Annalenas Idee und jetzt versuchen wir gerade, uns aneinander zu gewöhnen.« Unvermittelt hob er die Hand, zupfte an einer Haarsträhne, die sich aus Elenas Zopfgelöst hatte, und hielt im nächsten Moment einen winzigen Tannenzweig in der Hand. Betont achtlos warf er ihn zu Boden. »Was führt dich denn hierher, Esther? Ich dachte, du wärst heute auf Verwandtenbesuch.«
»Das hat sich verschoben. Ich wollte euch eigentlich alle ins Kunstmuseum einladen, weil dort heute Kindertag ist und es Vorträge und Spiele gibt. Aber Jan meinte, Elena habe bereits einen Spaziergang im Wald geplant.«
»So, hat sie das?« Überrascht wandte Steffen sich erneut Elena zu. »Haben Sie das?«
Elena nickte, schüttelte aber fast gleichzeitig den Kopf. Die kurze Berührung hatte sie ein wenig aus dem Konzept gebracht. »Geplant ist übertrieben. Meine Schwägerin rief vorhin an und fragte mich, ob ich bis heute Abend auf ihren Hund aufpassen könne.«
»Das war nämlich früher mal Elenas Hund«, warf Jan eifrig ein.
Elena nickte wieder. »Ja, stimmt. Ich hatte überlegt, ob den Kindern nicht ein Spaziergang im Wald Spaß machen würde, aber wenn Frau Meinhardt schon etwas anderes vorhat …«
»Nennen Sie mich doch bitte Esther, dann redet es sich so viel leichter«, trillerte Esther überraschend freundlich. Das Lächeln auf ihren Lippen erreichte jedoch nicht ihre Augen. »Das Kunstmuseum läuft ja nicht weg. Meinetwegen macht ruhig euren Spaziergang.« Sie blickte Steffen strahlend an. »Wie beide könnten die Zeit ja für ein spontanes Date nutzen. Was meinst du?«
»Mitten am Nachmittag?« Er rieb sich über die Stirn und sah dann von seinen Kindern zu Elena und wieder zurück. »Ich hatte die ganze Woche noch keine Zeit für Sabrina und Jan. Ein Spaziergang im Wald klingt doch gut. Warum gehen wir nicht alle zusammen? Später, wenn die Kinder im Bett sind, können wir immer noch ausgehen«, setzte er schnell hinzu, als das Lächeln auf Esthers Lippen erstarb.
»Für eine Wanderung bin ich überhaupt nicht passend angezogen«, protestierte sie, und Elena sah, wie Sabrina erneut das Gesicht verzog.
»Ich könnte Ihnen ein Paar Schuhe von mir leihen«, schlug sie spontan vor, und hoffte, Esther würde dieses Friedensangebot annehmen. »Die müssten Ihnen passen. Größe achtunddreißig.«
»Danke. Das ist nett, aber ich trage Größe siebenunddreißig.« Esther lächelte ihr wieder zu, doch so frostig, dass Elena beinahe geschaudert hätte. »Ich werde rasch nach Hause fahren und mich umziehen. Wann und wo soll es losgehen?«
»Um zwei auf dem Wandererparkplatz am westlichen Waldrand«, schlug Elena unbeirrt freundlich vor. Sie wollte sich diese Frau keinesfalls zur Feindin machen. Offenbar hatte Esther Angst um Steffen, doch dazu bestand ja überhaupt kein Grund. »Von dort aus gehen mein Bruder und meine Schwägerin auch immer spazieren, weil sie in der Nähe wohnen.«
»Also gut, ich werde dort sein.« Esther küsste Steffen noch einmal und rauschte davon.
Steffen warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Tja, es ist schon halb zwei. Dann sollten wir uns vielleicht auch auf den Weg machen, schätze ich. Sie müssen den Hund ja noch abholen, nicht wahr?«
»Ja, aber wie gesagt, das ist ganz in der Nähe von diesem Parkplatz.« Sie räusperte sich und unterdrückte ein Lächeln, als sie die rote Farbe auf seinen Lippen sah. »Ich wollte Sie keinesfalls zu diesem Spaziergang nötigen …« Als nun auch die Kinder zu kichern begannen, presste sie vergeblich die Lippen aufeinander.
»Schon gut. Ein Spaziergang tut uns bestimmt allen …« Er hielt irritiert inne. »Was ist denn so witzig?«
»Nichts.« Elena gluckste. »Korallenrot steht Ihnen gut.«
»Was?«
»Du hast Lippenstift drauf«, quietschte Jan und kicherte erneut los.
»Großer Gott.« Steffen wurde blass und fuhr sich mit der Hand an die Lippen. Verlegen starrte er auf die leuchtend rote Farbe, die an seinen Fingern haften geblieben war.
»Hier, Papa.« Sabrina hatte ein halbwegs sauberes Taschentuch hervorgezogen und hielt es ihm hin.
Er riss es ihr geradezu aus der Hand und wischte sich energisch über den Mund. Als sein Blick erneut auf den von Elena traf, schmunzelte er. »Seid ihr hier fertig? Dann sollten wir aufbrechen. Was für ein Hund ist das denn?«
»Lulu ist eine Cockerspanieldame.«
»Wer nennt einen Hund denn bitte so?«
»Ich.« Elena folgte ihm zum Auto. In letzter Sekunde machte sie noch einmal kehrt und holte ihre Weste, die sie im Kassenzelt auf einem Stuhl abgelegt hatte. Etwas außer Atem schloss sie erneut zu Steffen und den Kindern auf. »Wie Jan schon erwähnt hat, gehörte Lulu früher mal mir.«
»Und warum jetzt nicht mehr?«
»Ich habe sie umständehalber an meinen Bruder abgegeben.«
»Umständehalber?« Er schloss den Wagen auf und drehte sich mit neugierigem Blick zu ihr um.
Sie zuckte die Achseln. »Ich hab ihm Lulu aufs Auge gedrückt, als ich mit Titus in die Karibik gezogen bin.«
»In die Karibik.« Die Skepsis kehrte in seine Miene zurück.
Elena seufzte innerlich, blieb aber gelassen. »Es war eine schöne Zeit, aber ein Hund passte dort nicht hin.«
»Kann ich mir vorstellen. Steigt schon mal ein, ich sage drinnen Bescheid, dass wir jetzt fahren.« Schon war er im Hauptgebäude der Gärtnerei verschwunden.
»Dann mal ab ins Auto mit euch«, forderte Elena die Kinder fröhlich auf.
Sabrina und Jan kletterten auf die Rückbank und schnallten sich an, sie setzte sich auf den Beifahrersitz.
»Blöd, dass Esther mitkommt.«
Elena drehte sich zu Sabrina um, die an ihrem Anorak herumzupfte. »Warum findest du das blöd? Magst du Esther nicht?«
»Doch. Sie ist sehr nett.« Begeisterung klang eindeutig anders.
»Dann wird es bestimmt schön.« Auf keinen Fall wollte Elena einen Keil zwischen die Kinder und Esther treiben.
»Sie lacht fast nie.« Sabrina drehte eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger.
»Und wenn, dann nur über Erwachsenensachen«, setzte Jan hinzu. »Die kapiere ich nicht.«
»Die kapiert keiner«, befand Sabrina und blickte starr aus dem Seitenfenster.
»Vielleicht sollten wir sie dann ein bisschen zum Lachen bringen«, schlug Elena vor. »Kommt schon, das wird lustig. Seht mal, jetzt kommt sogar endlich die Sonne raus.«
Tatsächlich tauchten die zwischen den Wolken hervorblitzenden Sonnenstrahlen die Gewächshäuser und Beete ringsum in ein fahles Novemberlicht. Elena lehnte sich in ihrem Sitz zurück und beobachtete schweigend, wie Steffen das Gebäude wieder verließ und dabei über die Schulter noch mit seiner Schwiegermutter sprach. Beide wirkten fröhlich und Helene winkte mit einem kleinen Lächeln in Elenas Richtung.
Elena nickte ihr zu, fühlte sich jedoch plötzlich merkwürdig fehl am Platz. Wenn sie die Situation richtig gedeutet hatte, hätte jetzt Esther hier im Auto sitzen müssen, und das war schon merkwürdig genug, wenn man bedachte, dass Helene Marbach die Mutter von Steffens verstorbener Frau war. Hoffentlich, so überlegte Elena weiter, handelte sie sich keinen Ärger mit einer der beiden Frauen ein – oder mit beiden. Am besten war es wohl, wenn sie so neutral wie möglich blieb. Dumm nur, dass Neutralität so gar nicht zu ihren Stärken zählte.

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