Mittelalterliche Musik heute

Die Geschichte der Musik im Mittelalter

Die europäische Musik des Mittelalters umfasst die Zeitspanne vom 9. bis etwa zur Mitte des 15. Jahrhunderts und lässt sich in drei Epochen unterteilen:

800 bis 1100: Gregorianik

1100 bis 1300: (Minnesang, sog. Notre-Dame-Schule, Ars Antiqua)

1300 bis 1450: Ars Nova u.a.

Außerdem muss bei mittelalterlicher Musik zwischen kirchlicher (liturgischer) und weltlicher Musik unterschieden werden.

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Zu den Epochen

Gregorianik ca. 900-1100 (Gregorianischer Choral, Liturgische Musik)

Der Name dieser Epoche geht vermutlich auf Papst Gregor I. zurück, der im 6. Jahrhundert lebte und angeblich den Choral vom Heiligen Geist empfangen hat. Verfasser von Chorälen im 9. Jahrhundert beriefen sich auf diese Legende. Allerdings dürften die vielen tausend überlieferten Choralmelodien wohl nicht auf eine einzige Person zurückzuführen sein.
Während des Mittelalters war der Choral grundlegender und funktionaler Bestandteil der Liturgie von Messen und Stundengebeten.
Typisch für die frühen Choräle war ihre Einstimmigkeit. Zwar bemühten sich verschiedene Lehrer und Gelehrte, den mehrstimmigen Tonsatz zu entwickeln und zu fördern, doch ihre Bemühungen blieben größtenteils fruchtlos.
Jedoch wurde zu jener zeit eine andere Erfindung wesentlich verbessert, und zwar die Notenschrift. Zwar waren auf vorher schon Melodien auf die verschiedensten Weisen festzuhalten versucht worden, doch erst ab dem 11. Jahrhundert gelang es nach und nach, durch Zusammenführung mehrerer Techniken eine anschauliche Notenschrift zu entwickeln.

Notre-Dame und Minnesang (Ars antiqua) etwa 1100 bis 1300

Ab dem Ende des 12. Jahrhunderts entwickelte sich in der sog. Notre-Dame Schule immer mehr die mehrstimmige Liedkomposition und damit auch die Rhythmuslehre, die sich aber erst nach und nach ausbildete.
Auch der Gesang in den jeweiligen Landessprachen und Dialekten (der sog. Vulgärsprachen) nahm ab dem 12./13. Jahrhunderten immer mehr zu und hatte sich bis zum Ende des 14. Jahrhunderts voll etabliert.
Ausgehend von Südfrankreich, wo die ersten Troubadoure auftraten, entstand am ca. 1100 nach und nach in allen germanischen Völkern die Kunst des Minnesangs.
Galt Gesang zunächst nur in höheren Kreisen als anerkannt, so nahmen von nun an auch bürgerliche und untere Schichten das Recht für sich in Anspruch, sich der Dicht- und Tonkunst zu bedienen. Die bislang eher gering geachteten Instrumentalmusiker schlossen sich nun zu zunftähnlich organisierten Vereinigungen zusammen.

Ars Nova, etwa 1300-1450

Ab dem 13. Jahrhundert entwickelt sich der mehrstimmige Tonsatz immer weiter und erreicht ab  Ende des 14. Jahrhunderts seine volle Entfaltung.
Dass auch der Volksgesagt weithin gepflegt wurde, kann man u.a. an dem bekannten, im 15. Jahrhundert entstandenen Lochamer Liederbuch ersehen.
Die älteste und umfangreichste Liederhandschrift des Mittelalters ist jedoch der Codex Manesse, der vermutlich um 1300 bis 1340 entstand.

Auch andere Handschriften entstanden zu jener Zeit, wobei bis auf wenige die meisten dieser Sammlungen nur die Texte der Lieder wiedergeben. Nur in wenigen wird auch die Melodie erfasst.

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Minnesang

Minne ist das mittelhochdeutsche Wort für Liebe, und der Minnesang entstand als eine besondere form der Liebeslyrik, di jedoch nur vom Adel gepflegt wurde. Die im Minnesang verwendete Hochsprache (Mittelhochdeutsch) stellt einen ersten Versuch da, die Dialektgeprägte deutsche Sprache zu vereinheitlichen. Dies gelang jedoch nicht, sodass 400 Jahre später Martin Luther einen weiteren Versuch in dieser Richtung anstellte.
Mit dem Beginn des Spätmittelalters, etwa ab 1250 wurde der Minnesang dann von anderen höfischen bzw. ritterlichen Musikformen nach und nach verdrängt.
Ab 1170 entstehen nach Frankreich auch in deutschen Landen Minnelieder, die das Ideal der Hohen Minne enthalten (das bedeutet eine Verzicht-Haltung des Mannes und die Unerreichbarkeit der Frouwe). Bekannte Vertreter dieser Liedform sind u.a. Albrecht von Johansdorf, Reinmar der Alte und Heinrich von Morungen.
Der sehr bekannte Walther von der Vogelweide geht hingegen neue Wege. Er entfernt sich bewusst vom Ideal der Hohen Minne und besingt in seinen Lieder die „gleichberechtigte Liebe“.  Diese neue Form wird heute allgemein als 'niedere Minne' bezeichnet, oder auch als Lieder der „Herzeliebe“ oder auch „Mädchenlieder“.
Im 13. Jahrhundert vermischen sich die verschiedenen Arten des Minnesangs dann zunehmend und nehmen wie z. B. bei Tannhäuser oder Neidthart von Reuental zunehmend auch parodierende und erotisierende Formen an. Der Begriff „Minne“ selbst ändert sich hierbei immer mehr zum Synonym für den Geschlechtsakt.

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Codex Manesse Heinrich von Meißen (Frauenlob)Codex Manesse, fol. 399r
Meister Heinrich Frauenlob

Das Minnelied lässt sich in folgende Formen einteilen:

Minne- oder Werbelied
(Hohe Minne, Frauen- und Minnepreislied)

Frauenlied
(Minnedienst aus der Sicht der angebeteten Frau , die diesen natürlich zurückweisen muss)

Wechsellied
(ein Nebeneinander- aber nicht Miteinandersprechen von Mann und Frau)

Dialog- oder Gesprächslied
(Dialog zwischen den Minnepartnern, beide oft fiktiv)

Tagelied
(Abschied zweier Liebender bei Tagesanbruch nach einer gemeinsam verbrachten Nacht)

Pastourelle
(Verführungsversuch eines Mädchens im Freien durch einen Ritter oder Kleriker, dem das Mädchen zu entgehen versucht)

Mädchenlied
(niedere bzw. erreichbare Minne)

Kreuzlied (Verbindung von Minne- und Kreuzzugthematik)

Naturlieder (dienen meist als Eröffnung eines Minneliedes, mögliche Formen: Mailied, Sommerlied und Winterlied)

Leich
(umfangreichere und komplexere Form als das strophische Lied)

parodistische Formen (ab ca. 1300)

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Spruchdichtung

Diese Form der hochmittelalterlichen Lyrik wurde weniger von ritterlichen Troubadouren bzw. Minnesängern vorgetragen, sondern vielmehr von Berufsdichtern und -sängern. Sie befasste sich, durchaus auch sehr kritisch, mit moralischen, kirchlichen aber auch politischen Themen aller Art. Da sich die Themenbereiche von Minnesang und Spruchdichtung sehr unterscheiden, beschränkten sich die meisten Dichter/Sänger auf nur eine Form. Eine der wenigen Ausnahmen hierbei ist Walther von der Vogelweide. Er hat in beiden Bereichen ein beeindruckendes Werk hinterlassen und gilt als einer der bedeutendstenn Vertreter der mittelalterlichen Lyrik.

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YouTube-Playlist mit rund 400 mittelalterlichen Musikstücken

 

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Mittelalter-Musikgruppen, deren Musik u.a. meine Online-Lesungen verschönern

Alle hier genannten Musikgruppen spielen authentische Mittelaltermusik, d.h. nach Originaltexten, meistens auf den entsprechenden Instrumenten und ohne moderne Musikelemente (Mittelalterrock o.ä.).

Flautando Köln

Ensemble für frühe Musik Augsburg

Musica Antiqua Gernsbach

Paul Hofhaimer Consort Salzburg

ensemble Alte musik

Minnestrello

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