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Marinus_van_Reymerswale_-_Der_Geldwechsler_und_seine_Frau_-_WGA19323 Marinus van Reymerswaele [Public domain]

Der Geldwechsler und seine Frau (Marinus van Reymerswalde)

Kommen Euch folgende Aussagen bekannt vor oder habt ihr sie vielleicht sogar (schon seit eurer Schulzeit) verinnerlicht?

– Frauen hatten keinerlei Rechte im Mittelalter.

– Frauen durften im Mittelalter keine Berufe erlernen oder ausüben.

– Frauen waren im Mittelalter ausschließlich dazu da, den Haushalt zu beschicken und Kinder zu kriegen.

-Frauen im Mittelalter konnten alle nicht lesen, schreiben und rechnen.

– Frauen wurden im Schnitt nur 29 Jahre alt.

– Die meisten Frauen starben im Kindbett.

– Liebesehen gab es im Mittelalter nicht.

– Mittelalterliche Frauen hatten keinerlei Anteil am öffentlichen Leben und mussten stets ihren Mund halten.

– Frauen im Mittelalter durften weder erben noch eigenen Besitz haben und waren grundsätzlich unmündig.

 

Die Liste ließe sich noch erweitern und ich bin sicher, dass viele von euch beim Lesen der einzelnen Punkte zustimmend vor sich hin genickt haben.

Nun muss ich euch leider sagen: Ihr seid in weiten Teilen Irrtümern, Falschmeldungen und Missverständnissen aufgesessen.

Das ist keinesfalls herablassend gemeint, sondern lediglich eine Feststellung. Auch mir wurden die genannten Punkte genauso in der Schule vermittelt und auch später noch, als ich begann, mich mit der (spät)mittelalterlichen Geschichte zu befassen, begegneten mir diese Aussagen immer wieder, selbst in renommierten Fachzeitschriften und Büchern. Selbst wenn man heutzutage Dokumentationen im Internet oder im TV über das Leben im Mittelalter ansieht, werden die immer gleichen Aussagen über die Frauenrolle im Mittelalter wiedergekäut, ganz so, als gäbe es die neuesten Erkenntnisse aus der historischen Forschung nicht.

Vielleicht hängt es mit Bequemlichkeit zusammen, vielleicht auch damit, dass solche düsteren Beschreibungen uns heute ein wohlig-gruseliges Schaudern verursachen und wir und gleich darauf so richtig glücklich schätzen können, in der heutigen Zeit zu leben und nicht damals. Hin und wieder, so möchte ich auch mal unterstellen, könnte es auch damit zusammenhängen, dass die neuen Erkenntnisse ein völlig anderes Licht auf die ach so finstere, männerdominierte Epoche des Mittelalters werfen und damit unser Weltbild erschüttern (könnten). Das geht vielen, gerade konservativ eingestellten Menschen gehörig gegen den Strich.

 

Irrtümer, Falschmeldungen und Missverständnisse

 

Was meine ich genau damit?

 

Zuallererst einmal: DAS Mittelalter gibt es nicht. Entsprechend ebenso wenig die Frau im Mittelalter. Wir reden hier von einem Zeitraum von etwa 1000 Jahren. Diesen als eine homogene Zeit anzusehen, wäre genauso, als wenn wir die Zeit vom Jahr 1019 bis 2019 als eine Epoche beschreiben wollten. Letzteres geht nicht? Genau, denn dann würden wir unsere Zeit mit dem Hochmittelalter gleichsetzen. Dass das nicht funktionieren kann, ist wohl mehr als deutlich.

 

Was ist überhaupt das Mittelalter?

 

Gemeinhin teilen wir das Mittelalter in drei Abschnitte ein: frühes, hohes und spätes Mittelalter. Sie erstrecken sich vom Ende der Antike (5./6. Jahrhundert n. Chr.) bis zum Beginn der Neuzeit (15. Jahrhundert n. Chr.). Dabei gibt es, was Beginn und Ende der Gesamtepoche angeht, verschiedene Ansichten. Ich bleibe jetzt der Einfachheit halber bei der hier genannten.

Das Frühmittelalter erstreckt sich in etwa vom 5./6. bis zum 10. Jahrhundert. Es handelt sich um eine Zeit des politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Wandels und keinesfalls, wie früher oftmals suggeriert, um eine finstere, rückständige Epoche. Sehr im Mittelpunkt standen die Christianisierung und die Abkehr von alten heidnischen Göttern, aber auch die weltlichen antiken Reiche zerfielen und wurden neu geordnet.

Codex Manesse Folio_164v_Leuthold_von_Seven Meister des Codex Manesse (Grundstockmaler) [Public domain]

Codex Manesse: Leuthold von Seven

Hochmittelalter nennen wir in etwa die Zeit zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert. Es war die Blütezeit des Rittertums, des Lehnswesens und auch des Minnesangs, also der Dinge, die uns aus dem Geschichtsunterricht wohl allen am meisten im Gedächtnis geblieben sind. Aber auch der Investiturstreit (Machtkampf zwischen weltlicher und geistlicher Macht) sowie die Kreuzzüge fallen in diese Zeitspanne.

Zwischen etwa 1300 und 1500 liegt das späte Mittelalter. In diesen Jahrhunderten verloren die Königreiche bzw. deren Herrscher an Macht, während weltliche und geistliche Landesherren erstarkten. Das Bürgertum gewann, ebenso wie die Handwerkerschaft, zunehmend (der Prozess begann schon im ausgehenden Hochmittelalter) an Einfluss und forderte mehr und mehr Selbstbestimmung, speziell in den Städten. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Sturz der Geschlechter (Adel) im Kölner Stadtrat ab 1395 und der darauf folgende Verbundbrief, der den Patriziern, Gaffeln (Zusammenschlüsse der Zünfte) und den darin zusammengeschlossenen Kaufleuten und Handwerkern weit mehr Macht in der Stadtregierung zuwies. In meiner Romanreihe um die Apothekerin Adelina gehe ich immer wieder auf diese Auseinandersetzungen ein.

Neben dem Bürgertum gewann auch die Geldwirtschaft zunehmend an Wichtigkeit und, ausgehend von Italien, entstanden unter anderem die ersten „Banken“.

Aber auch Bildung, Kunst und Wissenschaft erlangten einen Aufschwung im späten Mittelalter. Die ersten Universitäten wurden bereits im Hochmittelalter gegründet (Paris, Bologna), weitere (Köln, Prag usw.) folgten nun. Wissenschaft und Philosophie rückten mehr und mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit und für Künstler gab es mannigfaltige neue Betätigungsbereiche. Wo sich die Kunst, speziell die Malerei, zuvor auf kirchliche Motive beschränkt hatte, gab es nun, ausgehend vom erstarkenden Bürgertum ganz neue Möglichkeiten, private Bildnisse anfertigen zu lassen.

Die Wirtschaft boomte im späten Mittelalter, würden wir heute sagen. Auch hier waren das erstarkende Bürgertum und die Geldwirtschaft treibende Kräfte, ebenso wie die neu entstandenen Städtebünde wie zum Beispiel die Hanse, die zu großer Macht gelangten und den Handel (weltweit) voranbrachten.

Nicht vergessen darf man aber auch die großen Pestkatastrophen, die ebenfalls in das späte Mittelalter fielen und deren verheerende Ausmaße mitunter auch mit den eben genannten erstarkenden Handelsbewegungen und –beziehungen und der wachsenden Mobilität der Menschen zusammenhängen.

 

Die Frau im Mittelalter gibt es nicht

 

Schon anhand dieser Aufzählung dürfte euch nun klar sein, dass man innerhalb dieser wechselhaften rund 1000 Jahre schwerlich von „der Frau im Mittelalter“ reden kann. Ihre Rolle bzw. ihre Aufgaben, Lebenswelt und Rechtssituation unterscheidet sich gravierend, ob sie nun im 9. oder im 14. Jahrhundert gelebt hat. Und dazwischen auch noch einmal in vielfältiger Weise.

Und nicht nur das. Man muss stets im Auge behalten, welchem Stand eine Frau angehörte. War sie eine Tochter des Stammesobersten im 7. Jahrhundert, eine leibeigene Bäuerin im 11. Jahrhundert, eine Äbtissin im 12. Jahrhundert, eine adelige im 13. oder eine Bürgerstochter im Jahr 1400? War sie Nonne, Begine, Ehefrau, jüngste oder älteste Tochter eines Patriziers, Marketenderin oder Dirne, Tagelöhnerin oder Hebamme und so weiter. Die Kombinationsmöglichkeiten sind fast unendlich.

Worauf ich in diesem Blogartikel eingehen möchte, ist schwerpunktmäßig die Rolle der Frauen im späten Mittelalter, wobei sich manches auch auf frühere Zeitabschnitte, speziell die zweite Hälfte des Hochmittelalters anwenden lässt, aber längst nicht alles. Hierzu werde ich die oben genannten Aussagen nacheinander genauer betrachten.

Also, fangen wir an!

 

Frauen hatten keinerlei Rechte im (späten) Mittelalter.

 

Jein. Grundsätzlich war es schon so, dass eine Frau vor dem Gesetz unmündig war und stets der Aufsicht/Munt des Vaters, Ehemannes oder des ältesten lebenden männlichen Verwandten unterstand. Aber. (Ihr werdet heute noch einige Abers lesen!) Wenn man sich historisches Quellenmaterial und neueste Forschungen ansieht, erkennt man schnell, dass diese pauschale Aussage so nicht stimmt. Abgesehen davon, dass gerade in vielen Städten nach und nach die Unmündigkeit der Frauen abgeschafft wurde und sie somit geschäftsfähig wurden und das Recht erhielten, Eigentum zu besitzen, Siegel zu führen und das Bürgerrecht zu erwerben, treffen wir darüber hinaus in den Quellen auch immer wieder auf eine große Menge an Frauen, die sich eigenständig für ihr Recht einsetzten und sogar ohne männlichen Beistand vor Gericht vertraten.

Mini-Exkurs: Übrigens treffe ich vor allem bei Lesungen oder in Gesprächen immer noch auf den Irrglauben, dass zum Beispiel die Mitgift, die eine Frau mit in die Ehe brachte, dem Mann anheimfiel. Dem war nicht so. Die Mitgift gehörte der Frau, war ihr Heiratsgut, das zwar vom Ehemann verwaltet wurde, jedoch nicht so einfach ohne ihre Einwilligung ausgegeben werden durfte. Dass dies trotzdem manchmal geschah, steht auf einem anderen Blatt und war sogar oft Gegenstand ehelicher Auseinandersetzungen, die sogar vor Gericht enden konnten. Starb der Ehemann, fiel die Mitgift wieder an die Frau zurück.

 

Frauen durften im Mittelalter keinerlei Berufe erlernen oder ausüben.

 

Falsch.

Mit den durchaus vorhandenen Rechten, die Frauen besaßen, ging auch das der Berufsausübung einher. Nicht in jedem Beruf und überall, da wurde tatsächlich unterschieden, doch in weit mehr Berufszweigen, als das heute landläufig bekannt ist.

Bildnis einer mittelalterlichen Händlerin

Bildnis einer mittelalterlichen Händlerin

Es gab viele Berufsfelder, angefangen bei den Hebammen über die tuchproduzierenden Handwerke bis hin zu Handel und weiteren Gewerben, die sehr stark von Frauen besetzt waren. Weberinnen, Spinnerinnen und dergleichen verdienten zwar oft nicht viel Geld, waren aber häufig in ihrem Berufsfeld in der Überzahl. Seidenweberinnen gab es zum Beispiel in Köln, das Seidweberinnengässchen spricht noch heute davon, und dieser Berufszweig war sogar in einer eigenen Zunft zusammengeschlossen, in der nur Frauen zugelassen waren. Überhaupt konnten Frauen in diversen Gewerken und Handelsbereichen in Zünfte aufgenommen werden oder bildeten sogar reine Frauenzünfte.

In der Regel halfen Frauen entweder in der Werkstatt oder dem Handelskontor ihres Gatten mit oder führten sogar eigene. In diversen Berufen durften sie sogar ausbilden (nur Mädchen) und, wie gesagt, Zünften beitreten. Sie führten eigene Siegel, entweder nachdem ihr Ehemann gestorben war und sie deshalb sein Geschäft übernahmen, oder weil ihnen von Zunft und Rat das eigenständige Recht dazu zugesprochen wurde.

Einige Frauen erlangten in ihrem Berufszweig sogar großen Ruhm und Einfluss. Bei meinen Recherchen zur Stadt Koblenz stieß ich zum Beispiel auf die Jüdin Reynette, die im 14. Jahrhundert in der kleinen aber nicht unbedeutenden Handelsstadt an Rhein und Mosel lebte und es zu weitreichendem Einfluss als Geldverleiherin brachte. Erzbischof, Herzöge, Adel und reiches Patriziat gehörten zu ihren Kreditkunden. Sie war zweimal verheiratet. Ihr zweiter Mann nannte sich offiziell – und das ist tatsächlich ungewöhnlich fürs Mittelalter – nach ihr: Moses, Mann von Reynette. Er war zwar ebenfalls ein Geldverleiher, jedoch war sie diejenige mit Macht und Einfluss, sodass er sich auf ihren guten Leumund verließ und ihn für sich nutzte.

Mehr darüber könnt ihr unter anderem HIER nachlesen.

 

Frauen waren im Mittelalter ausschließlich dazu da, den Haushalt zu beschicken und Kinder zu kriegen.

 

Wieder falsch.

Selbstverständlich war die Ehe, die eine jede fromme Jungfer, so sie nicht ins Kloster eintrat, möglichst zu schließen hatte, in erster Linie dazu da, für Nachwuchs, zuvörderst männlichen, zu sorgen, damit die Erbfolge gesichert war. Das galt sowohl für die adelige als auch für Bürgers- Handwerker- oder Bauerntochter. Daraus jedoch zu schließen, dass Frauen nach der Hochzeit nur für Haus und Kinder zuständig gewesen wären, ist deutlich zu eng gedacht und wäre wirtschaftlich auch nicht sinnvoll gewesen. Wie man schon an meinen Ausführungen oben erkennt, waren verheiratete Frauen durchaus in vielen Handwerks- und Geschäftsfeldern tätig. Woher stammt nun aber diese (unrichtige) Aussage?

Codex Manesse 299r Von Wissenlo Meister des Codex Manesse (Grundstockmaler) [Public domain]

Codex Manesse: Von Wissenlo

Einen großen Anteil an diesem Frauenbild hat die Romantik oder noch weiter gefasst die Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts. Damals wurde auch der Begriff des finsteren Mittelalters geprägt, wohl um die „moderne“ Zeit von der früheren abzugrenzen und aufzuwerten. (Das ist jetzt etwas grob zusammengefasst, denn sonst würden meine Ausführungen diesen sowieso schon sehr ausführlichen Artikel sprengen.)

Tatsächlich trifft die Aussage, dass Frauen nur als Hausfrau und Mutter gesehen wurden, mehr auf das 18. und 19. Jahrhundert zu (und sogar noch eine Weile darüber hinaus) denn auf die Epoche des Mittelalters. Wenn man sich näher mit der Thematik befasst, wird schnell ersichtlich, dass Frauen im 13. oder 14. Jahrhundert deutlich mehr Möglichkeiten und Rechte hatten, sich in Beruf, Kunst und Handwerk zu entfalten als ihre Geschlechtsgenossinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Durch diverse politische, soziale, gesellschaftliche, religiöse und sogar meteorologische Begebenheiten und Ereignisse wurden Frauen etwa ab dem 16. Jahrhundert zunehmend aus Handel, Gewerbe und öffentlichem Leben gedrängt, sodass sie tatsächlich am Ende dieses Prozesses so gut wir ausschließlich auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter reduziert worden waren. Gegen die Auswirkungen dieser Entwicklung kämpfen wir sogar heute noch stellenweise an. Wäre die Geschichte nicht in den für sie typischen Wellenbewegungen verlaufen, sondern linear, wäre der Begriff Emanzipation für uns heute wohl überhaupt kein Thema mehr, denn dann hätte sich die Rolle der Frau gänzlich anders entwickelt, als sie es tatsächlich getan hat und immer noch tut. Hierauf genauer einzugehen, würde einen eigenen Blogartikel rechtfertigen.

 

Frauen im Mittelalter konnten allesamt nicht lesen, schreiben und rechnen.

 

Das wäre fatal gewesen und stimmt so auch nicht. Übrigens ebenso wenig wie wenn ich hier anstatt „Frauen“ „Männer“ geschrieben hätte.

Natürlich waren innerhalb der rund 1000 Jahre des Mittelalters die meisten Menschen Analphabeten. Doch mit dem zunehmenden Erstarken des Bürgertums, der Ausweitung des Handels, der Entstehung von Städtebünden, der Gründung von Universitäten und so weiter wurde das geschriebene Wort immer wichtiger. Wo anfangs nur ein paar privilegierte Geistliche imstande waren, Urkunden oder auch theologische Schriften zu verfassen, allesamt natürlich in Latein, wurde es mit fortschreitender Zeit immer notwendiger, Vorgänge in Worten festzuhalten. Briefe, Handelsurkunden, Wechsel, bald auch Rechnungsbücher, ganz zu schweigen von Chroniken oder den Stadtbüchern, in denen Ratsbeschlüsse, Gerichtsakten, in denen Urteile festgehalten wurden.

Wie kommen wir jetzt aber darauf, dass, wenn überhaupt, nur die Männer des Lesens, Schreibens und Rechnens mächtig waren? Eine gute Frage.

In den Klöstern, in denen am ehesten mit Gelehrsamkeit zu rechnen war, gab es wenig Unterschiede, was die Lese- und Schreibkunst anging. Tatsächlich entstammen auch viele theologische Schriften sowie Abschriften alter Bücher sowohl aus Mönchs- als auch aus Nonnenklöstern. Gerade neuere Forschungen deuten darauf hin, dass der Anteil weiblicher Chronisten und Schreiber sowie auch Illustratoren wahrscheinlich deutlich höher liegt als bisher angenommen.

 

Wie sah es außerhalb der Klostermauern aus?

 

Große Teile der Bevölkerung lernten niemals Lesen und Schreiben. Bauern, Tagelöhner, Knechte, Mägde, auch viele Handwerker gehörten dazu. Viele, aber nicht alle. Je wohlhabender jedoch die Person und je wichtiger für die Familie eine umfassende Bildung war, desto eher fand man auch des Lesens und Schreibens (sowie Rechnens) mächtige Männer und auch Frauen. Frauen übrigens insbesondere, denn wer war es denn, der (oder vielmehr die) im Falle der Abwesenheit des Gemahls die Geschäfte oder Werkstatt weiterführte? War ein Handwerker aus Gründen auf Wanderschaft oder anderswo beschäftigt, befand sich ein Kaufmann auf Reisen, oblag es in der Regel seiner Frau, ihn daheim in allen Bereichen zu vertreten. Zumindest solange der älteste Sohn noch zu jung war, um diese Aufgaben zu übernehmen. Doch selbst danach dürften die Frauen weiterhin in die Geschäfte involviert gewesen sein. Auch führten die Ehefrauen von Kaufleuten meistens deren Bücher. Das ging indes nur, wenn sie eine entsprechende Bildung besaßen.

Beim Adel verhielt es sich übrigens ähnlich. Wer, wenn nicht die Frau des Ritters, Grafen, Fürsten usw. hat wohl zuvörderst dessen Stellung vertreten, wenn dieser sich auf Kriegszug oder Reisen befand? Ganz zu schweigen davon, dass Frauen auch nach dem Tode ihrer Ehemänner häufig deren Gewerbe weiterführten oder die Ländereien verwalteten.

 

Mini-Exkurs: Es gab hinsichtlich des Weiterführens eines Handwerks jedoch auch diverse Einschränkungen für Frauen. So legten die meisten Zunftordnungen zum Beispiel fest, dass eine Frau innerhalb eines oder bis zu maximal drei Jahren nach dem Tod ihres Gemahls eine neue Ehe mit einem Mann desselben Handwerkszweigs eingehen musste, um die Werkstatt dauerhaft weiterführen zu dürfen. Deshalb waren Meisterwitwen sehr begehrt denn:

Es gab zwar Meisterprüfungen, doch die meisten Gesellen konnten nur jemals Meister werden, wenn sie die Tochter oder Witwe eines Meisters ihres Handwerkszweiges ehelichten. Durch diese Ehe erlangten sie automatisch die Meisterwürde.

 

Mittelalterliche Frauen hatten keinerlei Anteil am öffentlichen Leben und mussten stets ihren Mund halten.

 

Das hätten die Männer wohl oftmals gerne so gehabt. Aber. (Mein Lieblingswörtchen!) Ich bin im Zuge meiner Recherchen immer wieder auf Quellenmaterial gestoßen, aus dem hervorgeht, dass entweder irgendwelche Theologen oder aber (noch spannender) gerne auch Stadtobere in Schriften und Verlautbarungen verkündeten (oder ausrufen ließen), dass Frauen sich doch gefälligst nicht in öffentliche Debatten einzumischen hätten und, was zum Beispiel städtische Angelegenheiten betraf, ihren Mund halten sollten.

Warum, frage ich euch, musste man dies immer wieder anmahnen und sogar öffentlich verkünden? Wenn die Frauen wirklich so zurückhaltend, rechtlos und still gewesen wären, wie man uns im Schulunterricht glauben gemacht hat (und oftmals heute noch glauben macht), wären solche Ermahnungen gar nicht nötig gewesen.

Waren sie aber doch, denn Frauen haben zu keiner Zeit ihren Mund gehalten und sich immer schon überall eingemischt. Selbst wenn das hier und da durchaus Strafen nach sich ziehen konnte. Unterlassen haben sie es nie.

 

Frauen im Mittelalter durften weder erben noch eigenen Besitz haben und waren unmündig.

 

Grundsätzlich erbte im Mittelalter der älteste männliche Nachfahre alles. Es gibt zwar auch andere Erbrechtsformen, aber diese ist die gängigste und daran lässt sich auch kaum rütteln. Aber. (Ja, ihr merkt, ich liebe es sehr.)

Es war durchaus möglich, dass testamentarisch auch eine Frau mit Erbgut bedacht wurde, und es war auch eine gängige Vorgehensweise, mit der Familienoberhäupter ihre Ehefrauen und Töchter absicherten. Ehefrauen wurde oft lebenslanges Wohnrecht im Haus gewährt sowie eine (manchmal sogar verzinsliche, beim Stadtrat oder anderswo hinterlegte) Leibrente. Auch Töchter konnten Leibrenten und ihre Mitgift erben. In ganz seltenen Fällen, und darauf bin ich auch nur durch meine Recherchen gestoßen, wurden Frauen sogar zu Alleinerbinnen eingesetzt. Das war nicht nur ungewöhnlich, sondern oft sogar skandalträchtig, weil es gegen Gewohnheitsrechte verstieß. Aber unmöglich war es eben nicht.

Auch Frauen konnten ihr Hab und Gut vererben, so sie welches besaßen. In Städten, in denen die Unmündigkeit der Frauen im Lauf des späten Mittelalters sogar aufgehoben wurde, kam dies sogar regelmäßig vor.

Und damit wären wir noch einmal bei der Unmündigkeit. Obwohl sie über viele Jahrhunderte Bestand hatte, war die gängige Praxis meist eine andere. Und das wiederum führte letztlich dazu, dass viele Städte die Unmündigkeit der Frauen abschafften und es ihnen so ermöglichten, für sich selbst einzustehen, Bürgerrechte zu erlangen und auf eigene Rechnung Handel und Gewerbe zu betreiben.

 

Frauen wurden im Schnitt nur 29 Jahre alt.

 

So was von falsch bzw. irreführend, dass mir die Haare zu Berge stehen. Demnächst wird es zum Thema durchschnittliches Alter mittelalterlicher Menschen noch einen eigenen Artikel geben, weil es mich immer wieder erschreckt, wie sehr solche pauschalen Aussagen das Bild, das sich die Menschen vom mittelalterlichen Leben machen, verfälschen.

Hier nur kurz ein Beispiel, das euch leicht vor Augen führt, weshalb so eine pauschale Aussage komplett in die Irre führt:

Nehmen wir einen Haushalt von heute, in dem die Großmutter (70 Jahre alt), die Mutter (49 Jahre alt), die Tochter (25 Jahre alt) und die Enkelin (2 Jahre alt) zusammen leben. Das durchschnittliche Alter der Frauen beträgt hier 70 + 49 + 25 + 2 = 146 : 4 = 36,5 Jahre. Nehmen wir an, es kommt zu einer Gasexplosion in dem Haus, bei der alle vier Bewohnerinnen zu Tode kommen, dann wäre die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Frauen 36,5 Jahre.

Kapiert? ;-)

 

Übertragen wir dies jetzt mal auf die Frau im (späten Mittelalter):

 

Die Kindersterblichkeit war hoch, mancherorts und zu einigen Zeiten betrug sie bis zu 50 Prozent. Aber Achtung, auch dies ist ein Durchschnittswert, der von vielen Faktoren abhängig ist.

Wenn frau also die Kindheit überlebte, keiner Seuche (die Pest war nur eine von vielen), oder Hungersnot und keinem Krieg zum Opfer fiel und auch jede Geburt ihrer Kinder überlebte, konnte sie durchaus ein für uns normales Alter von 60, 70 und sogar deutlich mehr Jahren erreichen. Das sind jetzt eine Menge Wenns, ich weiß, aber in der Regel trafen ja nicht alle diese Faktoren auf jede Frau gleichzeitig zu.

In Klöstern hatten Frauen wohl tendenziell die höchste Lebenserwartung, weil dort Schwangerschaften eher eine Seltenheit waren (wenn auch nie ganz ausgeschlossen) und es in der Regel ein ausreichendes Nahrungsangebot sowie Heilkundige gab.

Auf dem Land dürfte sich die Sache wiederum schon allein deshalb wieder anders gestaltet haben, weil die Frauen hier deutlich härterer körperlicher Arbeit ausgesetzt gewesen sind (und sich möglicherweise sprichwörtlich zu Tode geschuftet haben).

Mehrgenerationenhaushalte waren im Mittelalter gang und gäbe, und auch dies spricht dafür, dass es durchaus ältere Familienangehörige gab (die ggf. auch gepflegt wurden), andernfalls gäbe es ja nur maximal zwei Generationen pro Haushalt.

 

Frauen trugen im Schnitt bis zu zwanzig Kinder aus und meisten Frauen starben im Kindbett.

 

Viele Frauen starben im Kindbett, aber sicher nicht die meisten, denn sonst wäre die Menschheit schon rein rechnerisch ziemlich schnell ausgestorben, weil einfach keine gebärfähigen Frauen mehr übrig gewesen wären.

 

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In der oben eingebetteten Dokumentation, die insgesamt gar nicht mal so schlecht ist, die aber leider auch hier und da zu stereotypen Aussagen neigt, wird zum Beispiel von sechs Kindern gesprochen, die eine Frau im Schnitt hatte. Ob es sich um lebende oder alle geborenen Kinder handelt, wird nicht spezifiziert. Im gleichen Zusammenhang heißt es aber auch, die Kindersterblichkeit hätte bei 50 Prozent gelegen und eine Frau habe bis zu zwanzig Kinder in ihrem Leben geboren (oder Schwangerschaften durchlebt).

Hier wirbeln gleich mehrere Behauptungen wild durcheinander und lassen uns wieder mal herrlich wohlig-gegruselt schaudern. Zwanzig Schwangerschaften, die Hälfte der Kinder starb und (siehe oben) eine Frau wurde im Schnitt nur 29 Jahre alt. Wie schrecklich und wie gut, dass wir heute leben.

 

Halt, Moment mal!

 

Zwanzig Schwangerschaften in 29 Lebensjahren? Wow, haben die Mädels damals früh angefangen und waren dann praktisch dauerschwanger bis zum Tod! Noch unglaublicher, wenn man bedenkt, dass sehr wahrscheinlich die jungen Frauen nicht ganz so frühreif waren wie unsere und die Menstruation nicht ganz so früh einsetzte wie heute oft. Hungersnöte und/oder einseitiges Essen sowie andere Faktoren können nämlich die Entwicklung der Mädchen zu Frauen stark beeinflussen.

Also doch nicht zwanzig Jahre lang dauerschwanger bis ins Grab? Nein, natürlich nicht. Erst mal war ein Mädchen zwar allgemein mit 14 Jahren (zeitweise sogar mit 12 schon) im heiratsfähigen Alter, was aber nicht heißt, dass alle Mädchen so früh tatsächlich schon verheiratet wurden und Kinder bekamen. Mädchen wurden zwar tendenziell früher verheiratet als Jungen bzw. junge Männer, im Adel gab es hier und da ja sogar Kinderheiraten, aber im Allgemeinen dürfte das Heiratsalter zwischen 15 und 18 Jahren gelegen haben. Man wusste nämlich auch damals schon, dass sehr junge Mädchen sich beim Gebären schwertun können und wollte ja nicht das Risiko eingehen, dass die erste Geburt gleich zum Tod (von Mutter und ggf. auch Kind) führte. Außerdem wurden Mädchen, zumindest in den entsprechenden Ständen, vor ihrer Heirat auch zur Hausfrau (und oft auch in einem Handwerk oder Gewerbe) ausgebildet, was einer allzu frühen Verheiratung ebenfalls entgegenstand.

 

Mini-Exkurs: Das Wort Hausfrau, speziell der Part „frau“ leitet sich vom mittelhochdeutschen frôwe / frouwe ab, was nicht Frau, sondern Herrin bedeutet. „Weib“ war die normale und nicht despektierlich gemeinte Bezeichnung für „Frau“.
Die frouwe war also die Herrin, die Hausfrau demnach die Hausherrin. Und tatsächlich war die Frau in ihrem Haus die Herrin über Hausrat und Gesinde und besaß hier die Entscheidungsgewalt.

Anmerkung am Rande: Männer waren übrigens meist deutlich älter, wenn sie die Ehe schlossen, weil sie erst einmal in der Lage sein mussten, eine Familie ernähren zu können, bevor sie überhaupt heiraten durften.

 

Nehmen wir nun an, ein Mädchen heiratete schon mit 15, wurde schnell schwanger und bekam neun Monate später das erste Kind. Wenn jetzt noch neunzehn weitere folgen sollten, wäre ihr Durchschnitts-Sterbealter bereits deutlich überschritten. Aber wir haben ja schon gelernt, dass es sich hierbei nur um einen statistischen Durchschnitt handelt, der nichts über das tatsächliche individuelle Sterbealter einer Frau aussagt.

Dauerschwanger waren die Frauen indes auch nicht alle, und eine solch hohe Anzahl von Schwangerschaften dürfte mithin der Höchstwert sein, den eine Frau erreichen konnte. Übrigens durfte sie dann auch nicht frühzeitig im Kindbett sterben, weil die ganze Rechnung sonst wieder nicht aufginge.

In der Doku oben wird hierzu Albrecht Dürers Mutter als Beispiel mit 18 Schwangerschaften in 25 Jahren angeführt. Wenn man sich ihr Bildnis ansieht, erkennt man, dass es das einer „alten“ Frau ist. Sie starb im Alter von 62 Jahren und wurde damit schon mehr als doppelt so alt wie der statistische Durchschnitt …

Hier und da finden sich Quellen, die von solch vielen Schwangerschaften berichten. Fragt sich, warum davon berichtet wurde. Weil das an der Tagesordnung war oder doch eher, weil es sich um eine besondere Ausnahme handelt, die jemand erwähnenswert fand? Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte.

Da über Frauen tendenziell wenig geschrieben wurde, ist es zumindest fahrlässig, solche Zahlen einfach als Durchschnittswerte für alle mittelalterlichen Frauen zu propagieren.

Übrigens: Wenn laut der Kindersterblichkeitsrate die Hälfte vorzeitig gestorben wäre, hätten wir pro Frau zehn Kinder, nicht sechs (siehe oben). Und wenn es doch sechs waren und es sich dabei um alle Geburten im Leben der Frau handelte und davon die Hälfte starb, bleiben nur noch drei lebende Kinder pro Frau übrig. Bei Dürers Mutter waren es indes 3 von 18 und damit eine Kindersterblichkeitsrate von über 75 Prozent anstatt der angegebenen 50 …

 

Euch dreht sich der Kopf? Mir auch.

 

Wie man es dreht und wendet, seid bitte immer vorsichtig bei pauschalen Aussagen und statistischen Werten. Hinterfragt, woher sie stammen und wie sie sich genau zusammensetzen.

Einigermaßen zuverlässigere Aussagen zur Geburtenrate lassen sich von historischen Quellen wie Kirchenbüchern, Testamenten, Abgabenlisten und dergleichen ableiten. Wenn in einer Stadt zahlreiche Kirchenbucheinträge zu finden sind, die pro Familie zwischen drei und sieben Kindern aufführen, die nicht im Kindesalter bereits verstorben sind (also mit etwas Glück später auch als Erwachsene in den Quellen auftauchen), kann man daraus die durchschnittliche Familiengröße ableiten. Für diese Stadt und den entsprechenden Zeitraum und die Schicht, aus der diese Familien stammten. Wo es solche Quellen nicht oder nur fragmentarisch gibt, wird es schwierig.

Über vorzeitig abgebrochene Schwangerschaften /Fehlgeburten gibt es so gut wie gar keine Aufzeichnungen, also beruhen Aussagen hierüber oftmals nur auf Schätzwerten.

 

Liebesehen gab es im Mittelalter nicht.

 

Dieses Thema hat nicht ausschließlich etwas mit der Rolle der Frau zu tun, aber immerhin war die Frau eine Hälfte eines Ehepaares.

Im Mittelalter wurde nicht aus Liebe, sondern nur aus wirtschaftlichen Gründen geheiratet, wird immer und überall betont. Gab es also keine Liebe im Mittelalter? Das wäre dann wirklich eine triste und traurige Epoche gewesen. 1000 Jahre Lieblosigkeit.

Kommt euch etwas seltsam vor? Zu recht.

Natürlich gab es innerhalb einer Ehe auch im Mittelalter Liebe und Zuneigung. Nicht in jeder Ehe, aber das ist heute auch nicht anders.

Grundsätzlich war die Ehe ein wirtschaftlicher Zusammenschluss und wurde erst im Laufe des Mittelalters zusätzlich mit einem christlichen Sakrament belegt und dieses noch einmal später ins Zentrum gerückt. Zuvor war die Ehe tatsächlich nur eine Vereinbarung zwischen zwei Familien.

Altstetten Meister des Codex Manesse (Grundstockmaler) [Public domain]

Codex Manesse: Konrad von Altstetten

Kulturelle, gesellschaftliche, soziale Strukturen sind ständig im Wandel und waren es auch quer durchs Mittelalter schon, aber der Mensch war immer zuallererst einmal Mensch. Natürlich war es dem Familienoberhaupt wichtig, seinen Nachwuchs möglichst sinnvoll wirtschaftlich abzusichern und, je nachdem, ob er ein Adeliger, vielleicht gar ein Herrscher, ein Kaufmann, Handwerker oder Bauer war, hegte er natürlich gewisse Pläne und Vorstellungen, wie diese Absicherung am besten aussehen sollte. Mussten Königreiche miteinander verbunden werden, ein Kontor weitergeführt oder ein nachfolgender Meister für den Handwerksbetrieb, ein Jungbauer für den Hof gefunden werden? Auf dem Land gab es oftmals relativ wenig Auswahl an heiratsfähigen Jungfern und Männern, in Städten, je größer sie waren oder je weitumfänglicher die Kontakte anderswohin reichten, desto mehr Alternativen boten sich entsprechend.

Besagtes Familienoberhaupt fasste womöglich auch schon geeignete Kandidaten, männlich wie weiblich, ins Auge, die ihm am besten für seine Töchter und Söhne in den Kram passten. Nun aber davon auszugehen, dass er dann hinging und seinem Sohn oder seiner Tochter sagte: „Ach, übrigens, in sechs Wochen heiratest du diese Frau oder jenen Mann, basta, fertig aus!“, ist wieder sehr kurz gedacht. Das mag vielleicht vorgekommen sein, aber diverse, bis ins Mittelalter zurückgehende Bräuche (man nehme den Mailehen-Brauch im Rheinland oder das Fensterln im bayrischen Raum, aber es gibt noch viele mehr) lassen darauf schließen, dass die jungen Leute durchaus in der Lage und willens waren, sich zu verlieben und selbst nach einem geeigneten Ehegespons Ausschau zu halten. Manchmal mochte sie oder er der Familie nicht passen, doch wenn man davon ausgeht, dass die meisten Menschen sich überwiegend innerhalb ihrer eigene Kreise bewegten, kann man doch davon ausgehen, dass die beiden beteiligten jungen Leute schon ein wenig Mitspracherecht hatten und nicht auf Biegen und Brechen anderweitig verheiratet wurden, wenn sie einander zugetan waren und die Rahmenbedingungen stimmten.

Selbst wenn ein noch recht junges Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren einem dreißigjährigen Mann anverheiratet wurde, muss das nicht heißen, dass sie dazu in jedem Fall unter Androhung von Strafe gezwungen wurde. Nur weil diese Ehe vielleicht wirtschaftlich erstrebenswert war, bedeutete das nicht, dass die beiden Eheleute sich nicht mochten. Einem Familienoberhaupt bzw. beiden Elternteilen dürfte auch damals schon daran gelegen gewesen sein, ihre Kinder nicht nur wirtschaftlich sicher zu verheiraten, sondern ihnen auch ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen (und davon liest man wieder häufiger als von der großen, unauffälligen Masse), doch wenn man davon ausgeht, dass Eltern immer das Beste für Ihre Kinder wollen, ganz gleich in welcher Epoche sie gelebt haben, klingt es in meinen Ohren abwegig, wenn man annimmt, alle Väter oder Eltern hätten ihre Kinder, Söhne wie Töchter, zu Zwangsehen verdonnert.

Übrigens gab es neben der Muntehe im Mittelalter durchaus auch noch andere Eheformen wie u. a. die Friedelehe (die mehr einer Liebesheirat glich, bei der die Frau jedoch rechtlich anders gestellt war, ebenso wie ihre Kinder), was ebenfalls darauf schließen lässt, dass den mittelalterlichen Menschen das Konzept von Liebe innerhalb der Ehe nicht fremd war.

Darüber hinaus lebten unzählige Menschen im Mittelalter sogar in wilden Ehen, weil sie einfach finanziell gar nicht in der Lage waren und das Recht hatten, eine offizielle Ehe zu schließen. Hierzu gehörten Knechte und Mägde, viele Tagelöhner, Gesellen, fahrendes Volk und viele mehr. Entsprechend viele Bastarde gab es denn auch. Doch wenn man sich überlegt, dass zwei Menschen kaum gezwungen werden können, eine wilde Ehe einzugehen, kann man davon ausgehen, dass zumindest ein großer Teil hiervon aus Zuneigung entstanden sind.

 

„Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

Johann Wolfgang von Goethe (Werk: Faust)

 

 

Na, geht es Euch jetzt auch so wie dem guten alten Faust oder konnte ich ein wenig Licht auf die Rolle der Frau im (späten) Mittelalter werfen? Wer bereits einmal eine meiner historischen Romanlesungen besucht hat, weiß wahrscheinlich, dass dies eines meiner Lieblingsthemen ist, welches ich nun versucht habe, einigermaßen kompakt für euch zusammenzufassen.

Natürlich ist dies ein sehr weites Feld und neuere Forschungen bringen immer wieder Überraschendes und Neues ans Licht. Mir ist es wichtig, Euch aufzuzeigen, dass die Pauschalaussagen aus dem Geschichtsunterricht (die anscheinend auch heute noch an der Tagesordnung sind), unbedingt hinterfragt werden müssen, denn schon dieser Blogartikel dürfte aufzeigen, dass allgemeingültige Aussagen nicht möglich sind und viele davon obendrein auch noch vollkommen an der Lebenswirklichkeit des Mittelalters vorbeigehen.

Vielleicht begreift Ihr auch jetzt noch besser, warum ich so gerne über starke Frauen des späten Mittelalters schreibe. Mir wurde schon vorgeworfen, dass meine Frauenfiguren viel zu selbstsicher, zu selbstständig, zu aufmüpfig und spitzzüngig seien. Dass sie niemals in dem von mir beschriebenen Maße am öffentlichen oder gewerblichen Leben hätten teilhaben können.

Hätten sie eben doch, und ohne ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein wären sie dabei nicht weit gekommen.

In diesem Sinne wünsche ich euch für die Zukunft einen kritische(re)n Blick auf das, was man euch als pauschale Wahrheiten (nicht nur über das Mittelalter) auftischen möchte. Und vielleicht trifft man sich ja tatsächlich mal bei einer meiner Lesungen zu einem Plausch über das Thema. Oder hinterlasst hier unter dem Artikel einen Kommentar, sprecht mich in den sozialen Netzwerken an oder schreibt mir eine E-Mail.

Hier nun noch ein kleines Filmchen, dass ich im Zuge der Recherchen zu diesem Blogartikel entdeckt habe. Es fasst auf unterhaltsame Weise noch einmal ein paar meiner Thesen und Ausführungen zusammen.

 

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