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Voiced by Amazon Polly

 

Es dauert noch ungefähr vier Monate, bis mein nächster Lichterhaven-Roman erscheint. Gerade befinde ich mich mit dem Manuskript in dem “Leerraum” zwischen Lektorat und Fahnenkorrektur und dachte mir, dass das ein perfekter Anlass ist, euch erstmals mit der Geschichte und insbesondere den drei Hauptfiguren bekanntzumachen: Ella, Jörn und Barnabas. Ausgewählt habe ich euch einen Textausschnitt aus dem dritten Kapitel und ich hoffe, er macht euch schon ein wenig neugierig auf den Roman. Selbstverständlich dürft ihr mir eure Eindrücke in den Kommentaren mitteilen. Ich bin gespannt!

 

Viel Vergnügen!

 

In lockerem Schritt trabte Jörn die Treppe hinab, überquerte die sauber gemähte Liegewiese und erreichte gleich darauf den Gehweg, der direkt an der Ufermauer entlangführte. Dort blieb er ganz still stehen und ließ den Anblick des heranplätschernden Wassers auf sich wirken. Auch hier schossen kreischend Möwen über ihn hinweg und schnappten sich ihr Abendessen aus den salzigen Fluten. Hinter ihm knatterte eine Wetterfahne im Wind, ansonsten herrschte himmlische Ruhe, sah man einmal von dem Motorsegler ab, der noch eine späte Runde über Lichterhaven drehte.
Ein warmes Wohlgefühl durchfloss Jörn stets, wenn er der See so nahe war. Er roch das Salzwasser und die würzige Luft, lauschte der vertrauten Stille, die im Grunde gar keine war, weil Wind und Wasser stets für ein Hintergrundrauschen sorgten, und wurde eins mit der Welt. Ganz allmählich fielen der Stress und die Anspannung des Tages von ihm ab, und auch die kleineren oder größeren Ärgernisse begannen sich zu verflüchtigen.
Auf diesem etwas abgelegenen Stück des Ufers war er im Moment vollkommen allein. Da es hier keinerlei Touristenattraktionen gab, und auch keine Strandkörbe oder Gastronomie, verirrten sich die Touristen eher selten hierher. Die meisten Urlauber tummelten sich lieber in Zentrumsnähe, was auch sicherer war, da die Strände und Liegewiesen dort bewacht waren. Dieser Küstenabschnitt hier im Osten von Lichterhaven wurde mehr von den Einheimischen besucht. Um diese Uhrzeit jedoch war die Chance groß, dass man niemandem mehr begegnete. Jörn war dies nur recht. Er hatte den ganzen Tag mit Menschen zu tun gehabt, sodass er  die Ruhe und das Alleinsein jetzt in vollen Zügen genoss.
Das zunehmend aufdringliche Knurren seines Magens veranlasste ihn schließlich aber doch, den Weg zum Hafen einzuschlagen. Da der Wind hier direkt am Wasser noch frischer war, schloss er seine Windjacke und legte einen flotten Schritt vor. Die Sonne stand bereits tief und würde bald untergehen. Im Augenblick zeichnete sich jedoch ein herrlicher Sonnenuntergang ab, dessen Farben im Augenblick zwar noch blass, in wenigen Minuten jedoch in allen Schattierungen von rosa über dunkelrot bis violett erstrahlen würden. Ein Naturschauspiel, von dem er spontan beschloss, es zu genießen, bevor er sich etwas zu essen suchte. Deshalb verlangsamte er seinen Schritt wieder etwas und hielt nach einer bequemen Sitzgelegenheit Ausschau. Er war jetzt nur noch ungefähr zweihundert Meter vom Hafen entfernt, doch auch hier waren weit und breit keine Menschen mehr zu sehen – bis auf eine einzelne Person, die in etwa fünfzig Metern Entfernung in sich zusammengesunken auf einer der Steinbänke am Rand der Liegewiese saß. Die feuerrote Bluse und das lange, schwarze Haar verrieten Jörn sofort, um wen es sich handelte.
Unwillkürlich blieb er stehen. Auch wenn er gerade nicht auf Gesellschaft aus war – und auf diese spezielle schon mal gar nicht –, verriet ihm Ellas Haltung, dass etwas nicht in Ordnung war. Nur einen winzigen Augenblick rang sein Pflichtgefühl mit dem Verlangen, weiterhin das Alleinsein zu genießen. Entschlossen setzte er sich wieder in Bewegung.
Je näher er kam, desto eindeutiger war zu erkennen, dass Ella nicht hier war, um den Sonnenuntergang zu genießen. Als er sie schließlich erreicht hatte, erkannte Jörn zu seinem Schrecken, dass sie den Kopf nicht nur einfach in die Hände gestützt hatte. Nein, sie weinte! Dennoch schien sie ihn bereits erkannt zu haben.
»Geh weg!« Ihre Stimme klang hohl.
»Ella, was ist denn los?« Besorgt trat Jörn näher an die Bank heran.
»Nichts. Hau ab!«
»Du weinst doch.« Ihre harsche Zurückweisung ignorierend ließ er sich neben ihr auf der Bank nieder.
»Na und? Lass mich einfach.« Sie hob nicht einmal den Kopf. »Kann man hier nicht mal in Ruhe heulen?«
Prüfend blickte Jörn sich um. Zwar waren heute keine Touristen mehr unterwegs, doch normalerweise war dies kein Platz, an dem man seine Privatsphäre hatte, auch um diese Uhrzeit nicht. »Wenn du in Ruhe heulen willst, solltest du das nicht an einem öffentlichen Strand tun.« Als sie nicht reagierte, sondern nur schniefte und offenbar versuchte, sich wieder zu beruhigen, stieß er sie leicht mit dem Ellenbogen an. »Was ist denn los? Ist es wegen deiner Oma?«
»Und wenn? Was dann?« Nun klang sie leicht aggressiv, was ihn stutzig machte.
»Dann würde ich das verstehen. Ihr standet euch nahe, nicht wahr? Da ist es doch nur natürlich …«
»Nein.«
Verwundert musterte er Ella von der Seite. »Ihr standet euch nicht nahe?«
Sie stieß einen ungehaltenen Laut aus. »Doch, aber deswegen heule ich nicht. Verdammt, ich sollte überhaupt nicht heulen. Aber es ist zum Verrücktwerden.« Endlich ließ sie die Hände sinken, in denen sie ihr Gesicht verborgen hatte. Ihre Augen waren gerötet, und die Tränenspuren auf ihren Wangen verrieten, dass sie schon eine Weile hier gesessen und geweint haben musste. Dabei war sie doch vor Kurzem erst bei ihm im Feuerwehrhaus gewesen. Was war in der Zwischenzeit passiert? Suchend sah er sich noch einmal um. »Wo ist Barnabas?«
Prompt schniefte Ella wieder und wandte das Gesicht ab. »Weg.«
Irritiert runzelte Jörn die Stirn. »Wie weg?«
»Na, weg eben.« Erneut schlug Ella die Hände vors Gesicht und stieß dabei einen wütenden Laut aus. »Er ist mir abgehauen. Hat sich losgerissen und ist …«
»Weg.« Alarmiert sah Jörn sich um. »In welche Richtung ist er denn gelaufen?«
»Keine Ahnung.« Kraftlos ließ Ella die Hände in den Schoß sinken. »Da rüber.« Vage wies sie nach Osten.
»Mir ist er nicht entgegengekommen.« Jörn überlegte scharf, ob ihm der Bearded Collie aufgefallen war, doch er schüttelte den Kopf. »Dann muss er über eine der Deichtreppen zurück in den Ort gelaufen sein.«
»Ja, wahrscheinlich.« Dumpf starrte Ella auf ihre Hände. »Alles geht schief. Vor ein paar Tagen war noch alles in Ordnung, und dann … Plötzlich habe ich Barnabas, aber er will gar nicht bei mir sein. Er zickt nur herum und tut nichts – rein gar nichts, was ich ihm sage. Und jetzt ist er auch noch weggelaufen.«
»Was habt ihr denn vorher gemacht? Habt ihr euch gestritten?«
Befremdet blickte Ella ihn an. »Mit einem Hund kann man doch nicht streiten.«
Jörn lächelte leicht. »Natürlich kann man das. Er wollte in die eine Richtung, du in die andere. Ihr habt beide euren Sturkopf durchgesetzt, und das Ende vom Lied ist, dass er abgedampft ist. So in etwa?«
»Ich … habe mit ihm geschimpft, weil er ständig so an der Leine gezogen hat und weil er so gar nicht auf mich gehört hat. Da hat er mich angeknurrt und ist losgeprescht, und weg war er. Ich bin ihm noch hinterhergelaufen, aber er war so schnell verschwunden …« Bedrückt senkte Ella erneut den Blick. »Was, wenn ihm etwas passiert? Wenn er angefahren wird oder so? Oma Carlotta wollte, dass ich mich um Barnabas kümmere, warum auch immer. Ich dachte, das wird ganz leicht, aber jetzt …«
»Wie hast du denn mit ihm geschimpft?« Jörn verkniff sich die Bemerkung, dass Schimpfen wohl die denkbar schlechteste Reaktion auf das Verhalten des Hundes war. »Laut? Hektisch?«
Verständnislos zuckte Ella die Schultern. »Wie man halt schimpft.«
»Viel Ahnung von Hunden hast du nicht, oder?«
»Du aber schon, Mr. Alleswisser?« Nun schwang deutlich Aggression in ihrem Tonfall mit.
Jörn ignorierte es. »Kann ich nicht behaupten. Ich hatte nie einen Hund. Aber ich kenne Barnabas ziemlich gut, weil deine Oma so oft mit ihm auf der Fischerin mitgefahren ist. Sie ist immer ganz ruhig, aber konsequent mit ihm umgegangen und hatte nie Probleme mit ihm.«
»Ich weiß.« Wütend schob Ella das Kinn vor. »Auf dich hört er ja auch perfekt. Nur ich bin die Gelackmeierte, weil ich anscheinend keine Hundeflüsterin bin.«
»Man muss kein Hundeflüsterer sein, um mit einem Hund zu kommunizieren.«
»Was denn dann?« Ein zorniges Funkeln war in Ellas Augen getreten. Ihre Stimme hingegen klang verzweifelt. »Du hast gut reden, du bist ja schon einer. Aber ich? Was soll ich denn machen, wenn Barnabas überhaupt nicht auf mich hört? Er ignoriert mich die meiste Zeit. Dabei war es früher mit ihm immer total nett. Aber jetzt … Irgendwas mache ich falsch, aber ich weiß nicht, was.«
»Und das wurmt dich.«
»Natürlich wurmt mich das!« Ihr Blick wurde noch finsterer. »Was denkst du denn? Glaubst du, ich will mich den Rest meines Lebens mit einem starrsinnigen Hund herumschlagen, der alles tut, nur nicht das, was er soll?«
Fast hätte Jörn gelacht. »Also zunächst einmal wäre es nicht der Rest deines Lebens, sondern seines. Es sei denn, du hast vor, innerhalb der kommenden zehn, zwölf Jahre das Zeitliche zu segnen.«
Ein wütendes Blitzen aus ihren strahlend blauen Augen traf ihn. »Mach dich nicht über mich lustig, sonst kannst du gleich wieder verschwinden. Hatte ich dich nicht sowieso dazu aufgefordert, mich allein zu lassen?«
Obwohl nun auch eine Spur Ärger in ihm aufstieg, blieb Jörn äußerlich gelassen. Er musterte Ella, deren Wangen leicht gerötet und immer noch von den Tränenspuren verunziert waren. Dennoch sah sie unglaublich gut aus. Sie war und blieb auf der Liste der Stadtschönheiten ganz weit oben. Seiner Meinung nach sogar auf dem ersten Platz. Daran änderten weder Tränen noch ihre zornige Miene etwas. Er wusste, er begab sich in Teufels Küche, wenn er sie weiter reizte, doch was gesagt werden musste, musste gesagt werden. »Und des Weiteren«, nahm er deshalb den Faden von zuvor wieder auf, »solltest du mal runterkommen und dich entspannen. Gib euch ein bisschen Zeit. Du hast gerade deine Oma verloren und Barnabas sein Frauchen. Meiner Meinung nach solltet ihr irgendwo zusammen hocken und heulen.«
»Ein Hund kann doch gar nicht heulen. Also jedenfalls nicht … so.«
»Bist du dir da sicher?« Jörn erhob sich und streckte die Hand aus. »Los, komm.«
Argwöhnisch blickte Ella zu ihm auf. »Wohin?«
»Ich helfe dir, Barnabas zu suchen.« Auffordernd wackelte er mit den Fingern.
Ella zögerte. Zögerte noch einen weiteren Moment. Dann ergriff sie seine Hand und ließ sich von ihm hochziehen. Er ließ sie gleich wieder los, dennoch war ihm, als habe diese kurze Berührung ein leichtes Kribbeln bei ihm ausgelöst. So ähnlich wie ganz leicht fließender Strom. Vielleicht spielte ihm auch nur der Hunger einen Streich. Sein Magen knurrte noch immer, doch er ignorierte ihn. Barnabas war jetzt wichtiger.

***

Beinahe hätte Ella ihre Hand ruckartig zurückgezogen, doch da hatte Jörn sie bereits losgelassen. Was war das für ein seltsames Gefühl gewesen, als ihre Hände sich berührt hatten? Fließender Strom? Oder wurde sie jetzt schon komplett verrückt? Ja, wahrscheinlich, und das war nach dem Stress der vergangenen Tage bestimmt kein Wunder. »Wo willst du denn suchen?« Unschlüssig blickte Ella in die Richtung, in die Barnabas vor gut einer Viertelstunde verschwunden war. »Er kann doch inzwischen überall sein.«
Prüfend blickte Jörn sich um. »Wahrscheinlich ist er einfach nach Hause gelaufen.«
»Quer durch ganz Lichterhaven?« Ihre latente Sorge um den Hund steigerte sich zu massivem Unwohlsein. »Da kann ihm alles Mögliche passieren. Ich hätte ihm gleich folgen sollen. Aber ich konnte einfach nicht mehr.« Verlegen blickte sie zur Seite. Dass sie ausgerechnet Jörn ihr Herz ausschüttete, fühlte sich irgendwie surreal an.
»Nicht zu dir.« Jörn ging einfach los und winkte ihr, ihm zu folgen. »Zu seinem alten Zuhause.«
Eilig schloss Ella zu ihm auf. »Du meinst, er ist zu Oma Carlottas Haus gelaufen?«
»Könnte doch sein, oder? Vielleicht sucht er sie dort.«
Der Gedanke versetzte Ella einen Stich. Auch wenn Barnabas sie in den vergangenen Tagen einiges an Nerven gekostet hatte, tat er ihr nun leid. »Das ist zumindest nicht ganz so weit weg von hier. Meine Wohnung liegt gut zwei Kilometer entfernt.«
»Auf der anderen Seite von Lichterhaven, ich weiß.« Sie hatten die nächstgelegene Deichtreppe erreicht, und Jörn ließ ihr den Vortritt. »Du wohnst in einem Ferienhäuschen im Platanenweg.«
»Ja, genau.« Auf der Deichkuppe blieb Ella stehen und sah sich um. Doch natürlich war von Barnabas weit und breit nicht die Spur zu sehen. »Matilda Lindholm hat es mir dauerhaft vermietet. Für mich ist das Häuschen gerade groß genug. Ich bin eh dauernd auf Achse, da brauche ich keinen Palast. Nur ein größerer Garten wäre schön. Wenn ich auch nicht viel Freizeit habe, aber die, die mir bleibt, würde ich gerne in einen schönen Blumen- und Gemüsegarten stecken.« Ella räusperte sich verlegen. »Entschuldige, dass ich dich mit diesem Blödsinn vollquatsche. Das interessiert dich wahrscheinlich nicht die Bohne. Ich bin nur gerade …«
»Nervös?«
Ella schluckte. »Nein.« Doch! Sie fühlte sich ohne ersichtlichen Grund plötzlich gehemmt und, ja nervös. Und alles bloß wegen Barnabas. Ganz sicher nicht wegen dieses seltsamen Gefühls vorhin. Das war doch albern!
»Du wirkst aber nervös.« Jörn übernahm wie selbstverständlich die Führung, als sie den Weg einschlugen, der in den Ort hineinführte. »Wir werden Barnabas schon finden.«
Erleichtert, dass er ihren Gemütszustand nur auf den Hund oder vielmehr dessen Verschwinden schob, nickte Ella. »Wahrscheinlich bin ich einfach kein Hundemensch. Ich hatte früher mal eine Katze.«
»Ich auch. Katzen sind toll.« Jörn grinste. »Hunde sind aber auch nicht ohne. Nur ganz anders als Katzen. Ihr werdet euch schon noch anfreunden.«
»Fragt sich nur, wie.« Inzwischen hatten sie bereits die Häuser am Rande des Ortskerns erreicht und bogen in die Seesterngasse ab. Dieser Bereich Lichterhavens gehörte noch zum ganz alten, historischen Stadtkern. Oma Carlotta hatte in einem winzigen Fachwerkhäuschen gelebt, das unter Denkmalschutz stand und das sie wahrscheinlich dem örtlichen Heimatverein vermacht hatte. Zumindest war das zu Lebzeiten ihr Wunsch gewesen. Sie hatte immer davon geträumt, ein kleines Museum aus dem über fünfhundert Jahre alten Haus zu machen, dem Hexenhäuschen, wie sie es stets genannt hatte, weil dort angeblich einst eine waschechte Hexe gelebt hatte. Eine, die sogar zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt worden, dem Tode jedoch irgendwie entronnen war. Angeblich war sie eine Vorfahrin von Ella und Carlotta.
Als sie sich dem Häuschen näherten, erblickten sie tatsächlich Barnabas, der sich auf der obersten der drei Stufen vor der Eingangstür zusammengerollt hatte und ihnen aus großen, traurigen Augen entgegenblickte. Als sie sich näherten, wedelte er schwach mit der Rute.
Ach, Ella. Und Jörn. Was macht ihr denn hier? Ich warte gerade auf mein Frauchen. Hier riecht es ein bisschen nach ihr. Aber sie kommt, glaube ich, nicht mehr. Sie ist ja gestorben. Aber trotzdem wollte ich unbedingt hierherkommen und nachsehen, ob sie nicht doch wieder da ist. Schimpfst du jetzt wieder mit mir, Ella?
»Da bist du ja!« Teils erleichtert, teils aufgebracht, strebte Ella auf den Hund zu, doch Jörn hielt sie am Handgelenk fest.
»Warte mal.«
»Was denn?« Sie wirbelte verärgert zu ihm herum und prallte unsanft gegen seine Brust. Der Aufprall fühlte sich an, als habe sie Bekanntschaft mit einem Stahlklotz gemacht, was sie daran erinnerte, dass dieser Mann durch und durch aus Muskeln bestand.
»Beruhige dich erst mal. Wenn du dich so hektisch auf ihn stürzt, läuft er womöglich wieder weg.«
»Ich bin nicht hektisch.« Merkwürdigerweise war ihr Herzschlag in diesem Moment ganz anderer Ansicht. Er hatte sich zu einem wilden Stakkato beschleunigt, das sie zunehmend irritierte.
»Du wirkst aber so.« Jörn hielt sie noch immer am Handgelenk fest und blickte ihr ruhig und unverwandt in die Augen. »Entspann dich, Ella. Dann siehst du auch, dass es Barnabas gerade gar nicht gut geht.«
Sie sah überhaupt nichts – abgesehen von Jörns haselnussbraunen Augen, und das war nicht gut, auch wenn sie nicht genau wusste, warum. Das eigentümliche Kribbeln von vorhin kehrte auch wieder zurück; es ging von seiner Hand auf ihren Arm über und verwandelte sich in ein alarmierendes Knistern.
Ehe sie sich mit irgendeiner irrationalen Handlung lächerlich machen konnte, wandte sie sich entschlossen ab und entzog ihm ihr Handgelenk. »Was ist denn mit ihm?« Noch während sie die Worte aussprach, sah sie selbst, was er meinte. Normalerweise hüpfte Barnabas fröhlich um sie herum, wenn er sie sah. Er begrüßte sie freundlich, auch wenn er ansonsten nicht auf sie hörte. Doch jetzt blieb er ganz still vor der Eingangstür liegen und blickte aus traurigen Augen zu ihnen auf. Ihr Ärger über sein Weglaufen war sofort verflogen und machte einer Welle von Mitleid Platz. Deutlich ruhiger ging sie auf Barnabas zu und setzte sich neben ihn auf die zweite Treppenstufe. »Hey, Süßer, was machst du denn hier?«
Na, was schon? Ich warte und warte. Aber das bringt nichts, oder? Ich bin umsonst hergekommen. Mein Frauchen ist für immer weg.
Das leise Winseln, das Barnabas ausstieß, trieb Ella erneut die Tränen in die Augen. Diesmal jedoch nicht vor Zorn auf ihn – oder sich selbst. Sie blinzelte heftig und berührte den Hund sanft am Kopf. »Du vermisst sie, nicht wahr?«
Mein Frauchen? Ja, klar. Ich hab sie doch so lieb gehabt. Und jetzt ist sie einfach weg und kommt nicht wieder. Alles war in schönster Ordnung, und dann lag sie plötzlich morgens da … in ihrem Bett und hat nicht mehr geatmet.
Ella schnürte sich die Kehle zu. Obwohl ihr die Tränen erneut über die Wangen rannen, blickte sie ratlos zu Jörn auf. »Was mache ich denn jetzt mit ihm?«
»Keine Ahnung.« Jörn ging vor ihnen in die Hocke und kraulte Barnabas hinter den Ohren. »Na, Kumpel, was sollen wir machen?«
Machen? Wir? Warum? Barnabas hob den Kopf und wedelte verunsichert mit der Rute.
Ella hatte sicherheitshalber rasch ihre Hand zurückgezogen, um nicht erneut mit der von Jörn in Kontakt zu kommen. »Hierzubleiben ist, glaube ich, keine gute Idee.«
»Wahrscheinlich nicht.« Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob Jörn sich wieder. »Hey, Barnabas, was ist? Hast du vielleicht Hunger?«
Barnabas spitzte die Ohren. Hunger? Ich? Also … Na ja, ein bisschen vielleicht schon. Kommt darauf an, was es zu fressen gibt.
»Mir hängt der Magen bis in die Kniekehlen. Warum gehen wir nicht alle zusammen runter zum Hafen und beschaffen uns etwas Essbares?«
An den Hafen? Kriege ich ein Fischbrötchen? Wuff? Deutlich weniger bedrückt sprang Barnabas auf und schüttelte sich.
»Huch!« Ella prallte zurück und wäre beinahe seitlich von der Treppe gepurzelt, wenn Jörn sie nicht geistesgegenwärtig an der Schulter gepackt hätte. Hastig rappelte sie sich auf. »Danke.« Sie wich seinem Blick aus, weil sie nicht ganz sicher war, wie sie das Auf und Ab ihrer Emotionen in seiner Gegenwart einordnen sollte. Ihr Herzschlag hatte sich schon wieder eine Spur beschleunigt. »Essen klingt gut.« Hauptsache, Barnabas guckte nicht mehr so todtraurig!
»Dann mal los.« Jörn hatte die Leine aufgehoben, die Barnabas bis hierher mitgeschleift hatte, reichte sie jedoch nicht Ella, sondern behielt sie selbst in der Hand. Prompt passte Barnabas sich wie selbstverständlich seinem Schritt an, als sie den kürzesten Weg durch die Altstadt hinunter zum Hafen nahmen.
Ella registrierte es mit einem innerlichen Seufzen.

 

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