Textschnipsel Nr. 7: Das Gold des LombardenNur noch ganz wenige Tage, bis mein 15. historischer Roman Das Gold des Lombarden in die Buchläden kommt. Damit ich die letzten Meter nicht langweilig werden, dürft ihr hier noch einmal in das Buch hineinschnuppern.

Diesmal in eine Szene, die mir beim Schreiben so richtig viel Spaß gemacht hat. Ich hoffe, das merkt man ihr an!

 

Vergnügliche Unterhaltung wünsche ich euch!

»Halt, stehenbleiben, du kleiner Tunichtgut! Was hast du hier zu suchen?«
Die Stimme seines jüngeren Wachmannes Ludger drang an Vinzenz’ Ohr, doch er hob den Blick nicht von seinem Rechnungsbuch.
»Ich muss zu Meister Vinzenz, lass mich los!«
»Du nennst den Gewaltrichter Herr van Cleve, du Mäusedreck, verstanden?«
»Hör auf, mich zu kneifen. Ich hab ‘ne Botschaft für ihn. Und er bringt mir das Fechten bei, also ist er mein Fechtmeister, und er hat gesagt, dass ich Meister Vinzenz zu ihm sagen soll. Au! Ich beiße, wenn du mich noch mal kneifst.«
»Was für eine Botschaft soll das denn sein?«
»Geht dich nix an, sondern nur Meister … Herrn van … Au! Den Gewaltrichter.«
»Verdammt noch eins, du hast mich gebissen, du Mistwurm!«
»Hab dich gewarnt, oder?«
Auf das Fluchen seines Wachmannes hin klappte Vinzenz sein Rechnungsbuch seufzend zu. »Nun lass den Jungen schon herein, Ludger.« Er vermeinte, ein triumphierendes »Ätsch« zu vernehmen, Augenblicke später betrat ein kleiner, strohblonder Junge die Wechselstube.
»Lentz.« Aufmerksam musterte er den Kleinen. »Ärgerst du wieder mal meine Wachleute?«
»Der blöde Ludger hat angefangen.«
»Zeig ein wenig mehr Respekt, Junge.«
»Hat er aber nicht verdient.«
Vinzenz verkniff sich ein Schmunzeln. »Was hast du mir zu berichten?«
Lentz warf über die Schulter einen prüfenden Blick zur offenstehenden Tür, dann trat er an den Tisch heran, hinter dem Vinzenz mit seinem Rechnungsbuch saß. Neugierig streckte er die Hand nach der glänzenden Silberwaage aus, zog sie aber rasch wieder zurück, als er Vinzenz’ strengen Blick bemerkte. »Ich war heute Morgen schon drüben in der Glockengasse. Hab meine Schwester besucht und einen Honigwecken gekriegt.« Der Junge leckte sich genießerisch über die Lippen und grinste, wurde aber sofort wieder ernst. »Hab gefragt, wie es Frau Aleydis geht und so.«
»Und?«
»Sie packt es ganz gut, sagt Gerlin. Gibt sich Mühe, den Haushalt so weiterzuführen wie … na ja, wie vorher.«
»Und weiter?«
Der Junge sog die Unterlippe in den Mund. »Ich mag es nicht, sie auszukundschaften. Frau Aleydis ist immer nett und gut zu mir, und sie lässt mich im Stall helfen und auch da schlafen, wenn ich keinen anderen Platz finde.«
»Du kundschaftest sie nicht aus, Junge. Du erzählst mir bloß, was sie so treibt.«
»Wo ist denn da der Unterschied?«
Vinzenz ging nicht darauf ein. »Was wolltest du mir erzählen?«
Lentz hob die Schultern. »Sie ist heute früh rüber zum Heumarkt und ins Gaffelhaus Eysenmarkt. Als sie wieder rauskam, hatte sie eine Urkunde oder so was bei sich.«
»Wahrscheinlich hat sie das Siegel ihres Gemahls auf sich eintragen lassen.« Er hatte bereits damit gerechnet, dass sie diesen Schritt recht schnell tun würde. »Danach ist sie nach Hause zurückgegangen?«
»Nein, erst war sie noch in der Judengasse.«
»Was wollte sie denn dort?« Besorgt runzelte er die Stirn.
»Weiß nicht. Sie ist ins Rathaus und kurz danach wieder raus. Dann ist sie nach Hause gegangen.«
Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob Aleydis wohl auf der Suche nach ihm gewesen war, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Sie wäre hierhergekommen, wenn sie ihn hätte sprechen wollen. Stellte sich also die Frage, was sie stattdessen dort gewollt hatte. Er nickte dem kleinen Jungen wohlwollend zu. »Danke, Lentz. Wie willst du für deinen Botendienst bezahlt werden? Meine Köchin hat Eintopf gekocht.«
»Gegessen hab ich schon. Aber noch ‘ne Stunde Fechten wär nicht übel.«
»Eine halbe, höchstens.«
»Aber diesmal mit dem richtigen Schwert, nicht mit dem blöden Holzding.«
Nun schmunzelte Vinzenz wirklich. »Abgemacht. Heute nach dem Vesperläuten in der Fechtschule der Universität.«
»Die lassen mich bestimmt wieder nicht rein.«
»Dann kommst du etwas früher und wartest draußen, bis ich da bin. Geh jetzt und halt weiterhin die Augen offen.«
»Mach ich.« In der Tür wandte Lentz sich noch einmal um. »Aber nur weil Ihr es seid und weil ich Frau Aleydis gerne mag und weil Ihr versprochen habt, auf sie aufzupassen.« Damit verschwand er nach draußen.
Gleich darauf trat Ludger ein. Der kräftige junge Mann runzelte sichtlich skeptisch die Stirn. »Ihr gebt dem kleinen Amselschiss doch nicht wirklich Fechtunterricht?«
»Lentz ist ein gelehriger Schüler.« Vinzenz lächelte noch immer amüsiert. »Er kann das Langschwert kaum heben.«
»Ja, wie auch, er ist ja kaum größer als die Waffe!«
»Aber mit dem Kurzschwert stellt er sich ganz passabel an.«
»Warum?«
»Ich nehme an, er übt heimlich mit einem Holzstecken.«
Ludger schüttelte den Kopf. »Nein, Herr van Cleve, ich meinte, warum lehrt Ihr den Kleinen den Umgang mit dem Schwert? Er ist ein nervtötender, nichtswürdiger Gassenkäfer.«
»So wie du einer warst, bevor ich dich als Wachmann eingestellt habe?«
Ludger zuckte zusammen. »Der Kleine wird Euch nur auf dem Kopf herumtanzen.«
»Da hinauf muss er erst einmal gelangen.« Vinzenz griff wieder zu seinem Rechnungsbuch. »Lentz ist ein pfiffiger Junge mit einer gehörigen Portion Verstand.«
»Aber Fechtunterricht?«
»Er hat Spaß daran, und solange er nicht hungert, kann er sich die Art der Bezahlung für seine Botendienste aussuchen, wie er will.«
»Ihr seid zu gutherzig, Herr van Cleve.«
Vinzenz hob leicht irritiert die Augenbrauen. »Das höre ich zum ersten Mal.«
»Der kleine Nichtsnutz hat mich gebissen!« Ludger betrachtete missmutig seine linke Hand.
»Das zeigt nur, dass du ihn künftig ernst nehmen musst. Er hat dich immerhin gewarnt.«
»Eine Tracht Prügel hat der Kleine verdient!«
»Geh auf deinen Posten zurück, Ludger.« Vinzenz wollte sich gerade wieder in seine Aufzeichnungen vertiefen, als er hinter sich leise Schritte vernahm.
»Lauschst du wieder einmal, Alba?«
Seine Schwester trat neben den Tisch, in der Hand einen Kissenbezug mit angefangener Blütenstickerei, die sich farbenfroh vom weißen Untergrund abhob. Sorgsam steckte sie die Nadel im Stoff fest. »Das war nicht notwendig, da ihr laut genug gesprochen habt. Eure Stimmen tragen leicht bis hinüber in die Wohnstube.«
»Ja, wenn du alle Türen offenstehen lässt.« Missbilligend betrachtete Vinzenz seine Schwester, die adrett in ein blaues Samtkleid mit passender Haube gekleidet war. »Sie hat es eilig damit, die Wechselstube zu ihrem eigenen Geschäft zu machen.«
»Aleydis?« Alba nickte leicht. »Du lässt sie bespitzeln. Von einem kleinen Gassenjungen.«
»Ich habe ein Auge auf sie.«
Sie lachte leise. »Hast du Sorge, Bruder, dass sie etwas anstellen könnte?«
»Sie wurde bereits einmal angegriffen, und das ist weniger als einen Tag her.«
Ihre Miene wurde sofort wieder ernst. »Stimmt, das war eine gefährliche Situation, in die ihr da geraten seid. Hast du dich schon mal gefragt, woher der wütende Mob plötzlich gekommen ist? Dieser Leyneweber hat ihn doch nicht mitgebracht, oder?«
»Nein.« Erneut klappte Vinzenz das Buch zu. »Der eine Vorfall hatte mit dem anderen wenig zu tun. Jemand hat die Knechte aufgehetzt.«
»Also wollte jemand Aleydis eine Botschaft senden.«
»Die sie überhört zu haben scheint, denn sonst wäre sie heute früh nicht zur Gaffel Eysenmarkt gegangen, um sich Nicolais Siegel bestätigen zu lassen.«
»Wenn sie tatsächlich deshalb dort gewesen ist. Vielleicht ging es auch um etwas anderes«, erwog Alba.
Vinzenz schüttelte den Kopf. »Sie ist wild entschlossen, die Wechselstube weiterzuführen. Das kann sie aber in vollem Umfang nur, wenn sie das Siegelrecht besitzt. Als Nicolais Witwe gebührt es ihr. Sie muss es nur anerkennen lassen.«
»Was nun also geschehen ist.« Alba seufzte. »Sie tut mir leid.«
»Weil sie ihren Gemahl verloren hat und nun sein Geschäft am Hals hat?«
Sie lächelte kühl. »Nein, weil sie sich jetzt gegen dich und Vater zur Wehr setzen muss.«
»Ich habe nicht vor, ihr Schaden zuzufügen, Alba.«
»Nicht?« Ihr Lächeln vertiefte sich. »So großzügig deiner Konkurrenz gegenüber kenne ich dich gar nicht.«
»In ihrer jetzigen Lage ist sie schwerlich Konkurrenz für mich oder Vater.«
»Sie könnte es aber werden.«
Vinzenz schnaubte. »Bis dahin muss sie noch eine Menge lernen.«
»Glaubst du, dazu ist sie nicht imstande?«
»Doch, das glaube ich sehr wohl.«
Überrascht musterte Alba ihn, dann lachte sie wieder. »Deshalb hast du ein Auge auf sie! Willst du ihr selbst das nötige Rüstzeug an die Hand geben? Ist dir der alltägliche Kampf ums tägliche Brot nicht genug, sodass du dir eine neue Streitquelle heranzüchten willst?«
»Ich will verhindern, dass sie in Schwierigkeiten gerät. Nicolais Schattengeschäfte könnten eine Gefahr für sie bedeuten.«
»Und du tust das völlig ohne Hintergedanken, Bruder?« Vielsagend neigte sie den Kopf zur Seite.
»Die Hintergedanken befinden sich allesamt in deinem Kopf, liebste Schwester, nicht in meinem.«

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Köln, 1423. Aleydis de Bruinker ist noch nicht lange mit dem lombardischen Geldverleiher Nicolai Golatti verheiratet, als dieser unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt. Man findet ihn erhängt – hat er sich das Leben genommen? Aleydis will das nicht glauben. Und tatsächlich: Sie findet Male, die auf einen Mord hinweisen. Potentielle Täter gibt es genug, Nicolai hatte viele Feinde.
Die junge Witwe stellt Nachforschungen an, die nicht jeden erfreuen. Schon bald schwebt sie in großer Gefahr, und es scheint, als sei ihr einziger Verbündeter in den Mord verstrickt …

Cover Das Gold des Lombarden
Das Gold des Lombarden

Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt-Taschenbuch & eBook, 512 Seiten, ISBN 978-3-499-27088-8
9.99 Euro

Erscheint am 20. Oktober 2017

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