Banner Textschnipsel aus Das Gold des LombardenWeil ich weiß, dass viele von euch schon ganz ungeduldig auf meinen nächsten historischen Roman warten, wünsche ich euch mit diesem etwas länger geratenen Textschnipsel aus Das Gold des Lombarden besonders viel Spaß. Bitte beachtete wie immer, dass dies eine noch gänzlich unlektorierte Version ist. Geschliffen wird sie erst, wenn das Manuskript fertig vorliegt.

Aus dem 2. Kapitel

Nach einer zweiten durchwachten Nacht machte sie sich am frühen Mittwochmorgen mit Symon an ihrer Seite auf den Weg zum Rathaus in der Judengasse, um in Erfahrung zu bringen, welcher der drei Gewaltrichter Kölns für ihre Klage zuständig war.
Cristan Reese, der einzige der drei Amtmänner, der sich im Augenblick dort aufhielt, sprach ihr sein Beileid aus und verwies sie dann an Vinzenz van Cleve, ebenfalls Kaufmann in der Gaffel Eysenmarkt und wie Nicolai im Geldwechselgeschäft tätig.
Aleydis hätte am liebsten geschrien, als erfuhr, dass sie sich ausgerechnet an ihn wenden musste. Sie kannte ihn nicht persönlich, wusste aber, dass er, oder vielmehr sein Vater, schon seit Jahren in einen Zwist mit Nicolai verstrickt gewesen war.
Es gab in Köln eine ganze Reihe von Geldwechslern. Neben den Juden gehörten dazu hauptsächlich die Lombarden, derer Nicolai einer gewesen war. Von ihnen war er der bekannteste und einflussreichste gewesen. Die Familie van Cleve gehörte zu den wenigen eingesessenen Kölner Familien, die sich als Bankiers hervortaten, und war Nicolais größte Konkurrenz gewesen.
»Herrin, wollt Ihr wirklich zum Neumarkt gehen?« Symons helle Stimme riss sie aus den Gedanken, als sie wieder draußen in der Judengasse standen, in der es vor Geschäftigkeit nur so summte. Handwerker waren dabei, die Fassade des Rathauses frisch zu kalken. Schräg gegenüber erhielt ein Haus neue Fensterrahmen und Türen, aus einem anderen Gebäude wurden Möbel auf einen riesigen Ochsenkarren verladen. Hausfrauen und Mägde befanden sich mit ihren Einkaufskörben auf dem Weg zum Alter Markt oder dem Fischmarkt.
Unschlüssig blickte Aleydis einer kleinen Gruppe von Jungen und Mädchen nach, die kichernd und kreischend hinter einem ledernen Ball her rannten, den sie mit Stöcken vor sich her trieben. Dann sah sie zu dem Knecht auf. »Bleibt mir denn eine andere Wahl?«
Symon zuckte mit den Achseln. »Ihr wisst, wohl, was man über Vinzenz van Cleve sagt.«
»Nein, Symon. Was sagt man denn über ihn?« Die dunkle, unfreundlich klingende Männerstimme ließ sie beide herumfahren. Symon machte erschrocken einen Schritt rückwärts. »Herr … Herr van Cleve! Ich … Wir … haben Euch nicht …«
»Guten Morgen, Witwe Golatti, und mein Beileid zu Eurem Verlust.« Der Gewaltrichter richtete den Blick aus seinen dunkelbraunen Augen auf Aleydis, ohne weiter auf den Knecht zu achten. Er war ein hochgewachsener breitschultriger Mann mit schwarzem, lockigem Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte, und einem akkurat kurzgehaltenen Oberlippenbart, der sich um seine Mundwinkel herum nach unten in einem schmalen Streifen mit einem ebenfalls kurz geschorenen Kinnbart vereinigte. Er galt in Köln als gleichermaßen strenger wie gerechter Gewaltrichter und natürlich wusste Aleydis, was Symon hatte andeuten wollen. Vinzenz van Cleve wirkte so furchteinflößend wie sein Ruf. Er besaß eine beinahe unheimliche Ausstrahlung und tat nichts, um sie abzumildern.
Man munkelte, die Jungfer, die er einst habe heiraten wollen, sei ihm aus Angst vor seinem finsteren Gemüt davongelaufen, und die Unglückselige, die er daraufhin geehelicht hatte, habe sich nach nur wenigen Ehejahren in einem Mühlteich ertränkt. Offiziell war ihr Tod als schrecklicher Unfall behandelt worden. Ein einziger Blick in die intelligenten, beinahe schwarzen Augen des Gewaltrichters veranlasste Aleydis bereits, sich der allgemeinen Ansicht anzuschließen, dass Vinzenz van Cleve mit äußerster Vorsicht zu genießen war. Seine düstere Miene ließ auf ebensolche Gedanken schließen und von diesen war es nur ein kleiner Schritt zu gleichermaßen finsteren Machenschaften.
Da er aber nun einmal für ihre Klage zuständig war, blieb ihr nichts anderes übrig als ihre Abneigung und den Funken diffuser Furcht, der sich in ihr entzündet hatte, beiseitezuschieben. Wenn sie ihre Pflicht erfüllen wollte, musste sie diesen bedrohlich wirkenden und undurchsichtigen Gewaltrichter auf ihre Seite bringen.
»Guten Morgen, Herr van Cleve, und Danke für Euer Mitgefühl.« Sie schluckte, denn für sie es war offensichtlich, dass er solches nicht im Mindesten für sie empfand. »Herr Reese sagte mir bereits, dass Ihr …«
»Johann van Kneyart hat mir die Nachricht über Eure Klage gestern Abend bereits überbracht.« Der Gewaltrichter drehte sich um. »Folgt mir.«
»Wohin gehen wir denn?« Überrascht lief Aleydis hinter ihm her, dicht gefolgt von Symon, der wie immer dafür sorgte, dass niemand, vor allem keine Bettler und Gürtelschneider, ihr zu nahe kam. Der Gewaltrichter warf ihr über die Schulter einen kurzen Blick zu. »Zu Eurem Haus, was sonst? Ihr werdet doch wohl erlauben, dass ich mir den Leichnam Eures Gemahls einmal selbst ansehe. Falls nötig, ziehe ich auch den städtischen Medicus Burka hinzu, um zu klären, inwieweit Eure Vorwürfe gerechtfertigt sind.«
»Selbstverständlich.« Aleydis beeilte sich, zu ihm aufzuholen. »Aber der Henker hat es bereits bestätigt und ich bin sicher, Ihr werdet mir zustimmen, wenn Ihr die Male am Hals meines Gemahls seht.«
»Euch werde ich zustimmen?« Erneut traf sie sein Blick, der diesmal vor Spott funkelte.
Sie runzelte die Stirn. »Verzeiht, Herr Gewaltrichter, aber immerhin war ich es, der die Male überhaupt erst aufgefallen sind. Alle anderen hatten sich schon darauf versteift, dass er sich selbst …« Sie brach ab und bekreuzigte sich.
»Reiner Zufall.«
»Wie bitte?«
»Dass Ihr zuerst darauf gekommen seid. Die Henkersknechte sind tumbe, grobschlächtige Kerle, allesamt. Denen ist die eine Leiche so gleichgültig wie die andere. Meister Bertram wäre schon auch selbst darauf gekommen, wenn etwas an der Leiche nicht stimmig ist.«
»Nicht stimmig?«
»Dazu braucht er gewiss nicht die Anleitung eines kleinen Püppchens wie Euch.«
»Was war das?« Erbost eilte Aleydis an ihm vorbei und stellte sich ihm in den Weg.
Ungehalten blieb er mitten auf der Brückenstraße stehen. »Das war doch der Kosename, den Nicolai seiner ach so jungen, hübschen Braut gegeben hat, oder nicht? Ich hatte ja nie viel Gelegenheit, Euch aus der Nähe zu betrachten, aber die Bezeichnung passt ausgezeichnet auf Euch, Frau Aleydis.«
»Wagt es niemals wieder, mich Püppchen zu nennen, Herr van Cleve. Nicolai tat es, da habt Ihr recht, aber es war niemals so despektierlich gemeint wie aus Eurem Mund, sondern stets mit Achtung und großer Zuneigung. Es mag sein, dass Ihr meinen Gemahl nicht ausstehen konntet, aber das gibt Euch noch lange nicht das Recht, mich so unhöflich zu behandeln. Wenn Ihr es nicht unterlasst, werde ich mich vor dem Rat über Euch beschweren.« Ihr Herz pochte schwer und hart in ihrer Brust von dem gerechten Zorn, der in ihr brodelte. Am liebsten hätte sie van Cleve ins Gesicht geschlagen, doch das wagte sie nicht, auch wenn er sie verdient hatte.
Ein grimmiges Lächeln umspielte seine Lippen. »Eine scharfe Zunge besitzt Ihr, Frau Aleydis. Aber das hätte ich wohl erwarten müssen bei einem Weib, das sich mit Nicolai Golatti zusammentut. Lediglich Eure Jugend überrascht mich, obgleich sie natürlich für ihn von mehr als einem Vorteil gewesen sein mag. Wie man mir berichtete, geht Ihr davon aus, seinen Erben unter dem Herzen zu tragen.« Er setzte sich wieder in Bewegung.
Aleydis beeilte sich, erneut zu ihm aufzuschließen. »Das ist gut möglich, Herr van Cleve, geht Euch aber nicht das Geringste an und auch nicht, aus welchen Gründen Nicolai mich geheiratet hat … oder ich ihn. Er war ein guter Mann mit vielen liebenswerten Eigenschaften.«
»O ja, gewiss.«
»Ihr sagt das, als sei es ein schlechter Scherz.«
»Nein, Frau Aleydis, ich frage mich nur, ob Ihr wirklich so dumm seid, wie Ihr tut, oder im Gegenteil, so gerissen, wie es einer Gemahlin von Nicolai Golatti durchaus anstehen mag.«
Verwirrt sah sie ihn von der Seite an. »Ich weiß nicht, was Ihr damit meint, Herr van Cleve.«
»Wirklich nicht?« Inzwischen hatten sie das Haus in der oberen Glockenstraße erreicht und er wartete, bis sie ihm die Eingangstür geöffnet hatte. Ohne auch nur einen Wimpernschlag zu zögern, steuerte er quer durch die leere Geldwechselstube auf die Wohnräume im rückwärtigen Teil des Hauses zu. Es war deutlich, dass er sich auskannte, auch wenn Aleydis sich nicht erinnern konnte, dass er während der Zeit, da sie hier im Haus gelebt hatte, auch nur einmal zu Besuch gewesen war.
Um den aufgebahrten Nicolai flackerten immer noch die dicken Wachskerzen, die Aleydis entzündet hatte. Einige waren schon weit heruntergebrannt, andere bereits ersetzt worden. Sie würde jemanden zum Kerzenzieher schicken müssen, denn bis zur Beerdigung würde der Vorrat ganz sicher aufgebraucht sein.
Pater Ecarius, ein hagerer Mann mittleren Alters, dessen Tonsur frisch ausrasiert war und dessen hellblonder Haarkranz beinahe weiß wirkte, stand mit einem Benediktinermönch von Groß St. Martin neben der Bahre und sprach ein leises Gebet, während einige Angehörige der Gaffel sich im Raum verteilt hatten und ebenfalls betend die Häupter gesenkt hatten. Der Mönch, ein altes Männchen, das völlig kahl und vertrocknet aussah, schwenkte ein Gefäß, aus dem beißende Weihrauchdämpfe aufstiegen. Aleydis hatte es bereits an der Haustür gerochen und eine erneute Anwandlung von Übelkeit herunterkämpfen müssen.
Bei van Cleves Eintreten verstummte der Pfarrer und der Mönch, hielt mit dem Schwenken des Weihrauchgefäßes inne.
Der Gewaltrichter nickte dem Geistlichen zu. »Seid gegrüßt, Pater Ecarius. Es tut mir leid, dass ich stören muss, aber wäret Ihr wohl so gut, für einen Moment die Andacht auszusetzen und den Raum zu verlassen?«
Erstaunt musterte Aleydis ihn. Offenbar konnte der Mann durchaus freundliche Töne anschlagen. Als er ihres Blickes gewahr wurde, hob er spöttisch die Augenbrauen und ihr wurde klar, dass sie ganz sicher vorerst nicht in den Genuss dieser Milde kommen würde. Was auch immer ihn umtrieb, beinhaltete eine mehr als eindeutige Geringschätzung ihrer Person.
Wortlos verließ der Pfarrer den Raum, dicht gefolgt von dem Mönchlein und den Gästen, die auf ihrem Weg hinaus Aleydis leise ihr Mitgefühl aussprachen. Bis sie alle hinaus waren, hatte van Cleve sich bereits neben der Bahre postiert und den Leichnam einer eingehenden Musterung unterzogen. Er war gerade dabei, den Stoff des Hemdes am Hals des Toten beiseitezuziehen, als Aleydis neben ihn trat. Rigoros schob sie seine Hand fort. »Lasst mich das machen.« Vorsichtig schob sie die Stoffalten beiseite, die sie absichtlich möglichst üppig um Nicolais Hals drapiert hatte, damit man die Würgemale nicht so deutlich sah.
Die kalte Haut ihres Gemahls ließ sie unwillkürlich schaudern. Dass er hier so leb- und farblos lag, war für sie vollkommen unwirklich. Sie erlaubte sich nicht, das schmerzliche Ziehen in ihrer Brust zuzulassen, denn dann wäre sie ganz gewiss nicht mehr in der Lage gewesen, sich mit dem Gewaltrichter auseinanderzusetzen, der im Augenblick wirkte, als habe man ihn gezwungen, einen viel zu sauren Wein zu trinken. Anstatt auf Nicolais Hals ruhte van Cleves Blick nun auf ihr. »Sieh da, Ihr trauert ja wirklich.«
Ruckartig hob sie den Kopf. Sie war sich nicht bewusst gewesen, dass ihre Gefühle trotz all ihrer Bemühungen so deutlich zu erkennen waren. Dann bemerkte sie, dass ihre Hand zitterte, mit der sie noch immer den Hemdstoff umfasst hielt. Rasch zog sie sich zurück und schob ihre Hände in die weiten Ärmel ihres rostroten Kleides. »Was dachtet Ihr denn?«
Vinzenz van Cleve ging nicht darauf ein, sondern wandte sich wieder dem Leichnam zu. Er schob Aleydis etwas unsanft zur Seite und betrachtete die Würgemale von allen Seiten. »Ich denke, dass so etwas früher oder später passieren musste. Trug Euer Gemahl am Tag seines Todes mehr Geld als üblich mit sich herum? Wechsel? Schuldverschreibungen? Irgendetwas dergleichen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Mit wem hat er sich an dem Tag getroffen?«
Sie hob ratlos die Schultern. »Ich bin mir nicht sicher.« Als sein skeptischer Blick sie erneut traf, hob sie die Schultern. »Er sagte am Morgen zu mir, dass er zum Rathaus müsse …«
»Dort war er auch, das können mehrere Ratsherren bezeugen.«
»Danach wollte er ein paar Kaufleute aufsuchen, denen er Geld geliehen hatte. Ich müsste seine Korrespondenz durchsehen, um ganz sicher zu sein, um wen es sich handelte.« Sie stockte. »Glaubt Ihr, einer seiner Geschäftspartner hat das getan?«
»Einer seiner Schuldner, meint Ihr? Wäre das so abwegig?«
Ratlos blickte sie auf das wächserne Gesicht ihres Gemahls, bis sie seinen Anblick nicht mehr ertragen konnte und sich abwandte. »Er hat nie etwas davon gesagt, dass er mit einem von ihnen Probleme gehabt hätte. Er ist mit allen gut ausgekommen …«
»Fürwahr.«
»Was?«
Der Gewaltrichter zog den Stoff wieder über die Würgemale. »Es mag durchaus sein, dass er es so gesehen und Euch geschildert hat.« Er hielt inne und musterte sie mit neuem Interesse. »Sagt an, Frau Aleydis, wisst Ihr wirklich nicht, wer Euer Gemahl war?«
»Wer er war?« Verständnislos schüttelte sie den Kopf.
»Er hat Sicherheiten an Kölner Handwerker und Kaufleute verkauft.«
»Er hat ihnen hin und wieder Kredite gegeben.«
»Er hat sie bedroht und Geld von ihnen erpresst, damit ihnen Schutz gewährt wurde.«
»Das ist nicht wahr!« Entsetzt starrte sie ihn an. »Schutz wovor?«
»Vor Überfällen durch seine Handlanger, Diebstahl, dergleichen.«
»Ihr seid ja vollkommen verrückt. Nicolai hätte so etwas nie getan. Er war ein guter, ehrenhafter Mann. Natürlich hat er von seiner Wechselstube aus auch Geld verliehen. Ich habe seine Bücher geführt und weiß genau Bescheid …«
»Ach ja?« Wieder schwang Spott in seiner Stimme, der sich diesmal dicht am Rand zum Sarkasmus bewegte. »Ihr?«
»Ich kann rechnen und schreiben. Was ist so ungewöhnlich daran, dass ich für Nicolai die Bücher geführt habe? Viele Kaufmannsfrauen tun das.«
»Und dennoch behauptet Ihr, Ihr habet keine Ahnung, was Nicolai Golatti wirklich tat? Seid Ihr also doch gerissen genug, Euch dumm und unwissend zu stellen, oder seid Ihr es – Gott bewahre – wirklich?«
Aleydis spürte erneut Zorn in sich aufsteigen. »Wie könnt Ihr es wagen, im Angesicht meines toten Gemahls derartige Anschuldigungen gegen ihn und mich auszusprechen, Herr van Cleve? Besitzt Ihr denn nicht einen Funken Anstand? Schert Euch hinaus! Ich will Euch hier nicht mehr sehen. Und ganz sicher werde ich noch heute beim Rat vorsprechen und mich über Euer ungeheuerliches Benehmen beschweren.«
Unbeeindruckt verschränkte van Cleve die Arme vor der Brust. »Es bleibt Euch belassen, dies zu tun, Frau Aleydis. Ich rate Euch aber, Euch zuvor noch einmal genauestens mit den Machenschaften Eures verstorbenen Gemahls auseinanderzusetzen. Ihr habt seine Bücher geführt? Nun, vielleicht hat er Euch nur diejenigen überlassen, die Euch ein Bild seiner Rechtschaffenheit vermitteln sollten.«
»Er war ein rechtschaffener Mann!« Erzürnt ging Aleydis vor der Tür auf und ab. »Jeder Bürger Kölns wird Euch das bestätigen. Er hat sich stets ehrenhaft und wohltätig gezeigt, war gottesfürchtig und allseits beliebt. Im Rat hatte er viele Freunde. Dass Ihr und Euer Vater nicht dazu gehörtet, gibt Euch nicht das Recht, ihn zu verleumden.«
»Er hatte Freunde im Rat und unter den Schöffen, das ist wahr. Habt Ihr Euch noch nie gefragt, wie ausgerechnet ein Lombarde zu so viel Einfluss kommen konnte? Selbst Ihr müsstet wissen, dass die Lombarden noch niemals zu der beliebtesten Bevölkerungsschicht gehört haben. Sie rangieren gemeinhin nicht weit hinter den Juden.«
»Das ist nicht wahr. Die Familie Golatti ist schon seit Generationen höchst angesehen, ebenso wie viele jüdische Familien. Wir haben einige gute jüdische Freunde …«
»So? Dann fragt Euch bitte in einem stillen Moment, weshalb Euer Gemahl sich dann so vehement beim Rat dafür eingesetzt hat, dass die Juden aus der Stadt vertrieben werden.«
»Vertrieben?« Verwirrt hob Aleydis den Kopf.»Deshalb war er vorgestern im Rathaus. Er hat der öffentlichen Sitzung beigewohnt, in der beschlossen und besiegelt wurde, dass die Aufenthaltsgenehmigung der Juden, die alle zehn Jahre erneuert werden muss, diesmal nicht verlängert wird. Alle in Köln derzeit ansässigen Juden werden umgehend der Stadt verwiesen. Diese Entscheidung wurde nicht zuletzt aufgrund seines nicht unerheblichen Betreibens gefällt, Frau Aleydis.«
Entgeistert machte sie einen Schritt rückwärts und stützte sich an dem Regal ab, in dem das gute Silbergeschirr ausgestellt war. »Das ist eine Lüge.«
»Das ist die Wahrheit, die Euch die meisten Ratsherren ins Gesicht bestätigen würden, wenn Ihr den Mut hättet, sie zu fragen. Euer Gemahl wollte die lästige Konkurrenz loswerden. Ob ihm das wirklich geglückt ist, bleibt fraglich, denn die meisten Juden werden sich vermutlich drüben in Deutz ansiedeln und das ist trotz des nicht gerade kleinen fließenden Gewässers, das uns von dort trennt, nicht mehr als ein Katzensprung entfernt.«
»Ihr müsst Euch irren, Herr van Cleve. Was Ihr da über Nicolai sagt, passt überhaupt nicht zu dem Mann, mit dem ich verheiratet war. Ich muss es doch wissen, schließlich habe ich Tisch und Bett mit ihm geteilt.«
Der Gewaltrichter schwieg einen langen Moment und ließ seinen Blick nachdenklich auf ihr ruhen. »Ich denke, Ihr tätet gut daran, Euch damit abzufinden, und zwar möglichst bald, dass Nicolai Golatti nicht der Mann war, für den er sich vor Euch ausgegeben hat. Fragt Euren Vater, Frau Aleydis, wenn Ihr mir keinen Glauben schenken wollt. Er wird Euch bestätigen, was ich gesagt habe. Und dann fragt Euch selbst, ob Ihr wirklich in das Wespennest stoßen wollt, als das sich die Suche nach dem Mörder Eures Gemahls herausstellen wird. Bedenkt, es gibt nicht einen Zeugen für die Tat. Ich kann Euch gerne bestätigen, dass sein Tod nicht durch ihn selbst herbeigeführt wurde. Für Eure Beobachtungsgabe zolle ich Euch einen gewissen Respekt, denn man findet sie selten bei Frauen Eures Schlags … oder Alters. Was seid Ihr eigentlich? Sechzehn, siebzehn?«
Giftig starrte sie ihn an. »Ich bin zwanzig Jahre alt, Herr van Cleve. Im Winter werde ich einundzwanzig.«
Nun war es an ihm, überrascht dreinzublicken. Sie konnte es ihm nicht ganz verübeln, denn tatsächlich wirkte sie mit ihrer schlanken Gestalt und der glatten, rosigen Haut, ihrem welligen Blondhaar und dem, wie alle Welt stets betonte, hübschen Gesichtchen deutlich jünger, als sie tatsächlich war. Jünger … und leider auch dümmer. Nicolai hatte sie nicht umsonst sein Püppchen genannt, doch er hatte um ihren klaren, wachen Verstand gewusst, ebenso wie ihr Vater. Beide Männer hatten sie stets mit Respekt behandelt. Etwas, das sie von Vinzenz van Cleve wohl nicht erwarten durfte. Er schien sie für nicht viel mehr als das hübsche Spielzeug eines in die Jahre gekommenen und noch dazu verderbten Mannes zu halten.
»Nun denn.« Der Gewaltrichter schien seine Verblüffung überwunden zu haben. »Das ändert nichts an den Tatsachen, Frau Aleydis. Es gibt keine Spuren und keine Zeugen. Ich nehme Eure Klage zu Protokoll, sage Euch aber gleich, dass kaum Aussicht besteht, den Mörder unter den gegebenen Umständen zu fassen. Ich gehe nämlich nicht davon aus, dass Ihr willens und in der Lage seid, es mit dem von mir erwähnten Wespennest aufzunehmen. Ganz zu schweigen davon, dass dabei Dinge ans Licht kommen könnten, die Euch nicht nur nicht gefallen, sondern Euch möglicherweise auch schaden könnten.«
»Wollt Ihr etwa, dass ich die Sache auf sich beruhen lasse?« Verständnislos blickte sie ihm ins Gesicht. »Mein Gemahl wurde ermordet und ich soll die Klage fallenlassen?«
»Das habe ich nicht gesagt. Eure Klage steht, ich sehe nur keine Möglichkeit, Euren Verdächtigungen auf den Grund zu gehen.«
»Ihr meint, Ihr habt keine Lust dazu. Ihr konntet Nicolai nicht leiden.«
»Er war mir vollkommen gleichgültig, das versichere ich Euch, Frau Aleydis. Die Vernunft sagt mir jedoch …«
»Die Vernunft?« Empört runzelte sie die Stirn. Nun verschränkte auch sie die Arme vor dem Leib. »Verlasst dieses Haus, Herr van Cleve. Ich ertrage Eure Gegenwart nicht einen Moment länger.«
»Ich nehme an, dass ich auch zum Totenmahl nicht eingeladen bin.«
Verärgert tat sie einen Schritt auf ihn zu. »Selbstverständlich seid Ihr das, so wie jedes einzelne Mitglied der Gaffel Eysenmarkt. Aber haltet Euch von mir fern und wagt es nicht, Eure haltlosen Anschuldigungen weiterzuverbreiten.«
»Dazu besteht wohl auch kein Anlass, denn es liegt weder in meinem noch in Eurem Interesse, den Namen Eures Gemahls durch den Schmutz zu ziehen.«

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Cover Das Gold des Lombarden
Das Gold des Lombarden

Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt-Taschenbuch & eBook, 512 Seiten, ISBN 978-3-499-27088-8
9.99 Euro

Erscheint voraussichtlich am 18.09.2017

 

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