Textschnipsel Flammen und Seide

Im Akkord und praktisch Tag und Nacht habe ich an meinem neuen Romanmanuskript gearbeitet, und nun ist es endlich fertig und so weit überarbeitet, dass es ins Lektorat wandern durfte. Für mich heißt das einerseits aufatmen, andererseits jedoch, dass es gleich im fliegenden Wechsel weitergehen muss, denn es müssen bis Ende Juli noch zwei weitere Manuskripte fertig werden. Es bleibt also hier im Blog und anders wo erst mal ruhiger um mich als sonst, denn Schreibklausur ist nach wie vor angesagt.

Trotzdem sollt ihr schon mal Gelegenheit erhalten, einen zweiten Textschnipsel aus Flammen und Seide zu lesen, damit euch hoffentlich der Mund wässrig wird.

Bitte sehr!

»Hauptmann, ich glaube, da hinten gibt es Ärger.« Der junge Knecht Gerinc deutete mit vielsagender Miene auf eine Gruppe Männer, die um einen der hinteren Tische in der gut besuchten Bonner Taverne saß. Laut und hoch ging es dort her; die ersten Streitlustigen hatten sich bereits erhoben und schrien einander in zwei verschiedenen Sprachen an.
Lucas Cuchenheim nahm stirnrunzelnd den Arm von den Schultern der drallen, rothaarigen Schankmagd, die sich auf seine wiederholten Scherze hin bereitwillig zu ihm auf die Bank gesetzt und fröhlich mit ihm geschäkert hatte. Er konnte aus dem Geschrei sowohl die deutschen Worte seiner Einheit heraushören als auch französische. Offenbar hatten seine Männer sich mit einem Trupp der Besatzer angelegt. Das war nie eine gute Idee, schon gar nicht, wenn man bedachte, dass das Heer seines Befehlshabers, des Bischofs von Münster Bernhard von Galen, mit den Franzosen fest verbündet war. Alle Arten von Querelen schadeten diesem Bündnis, und deshalb war es Lucas’ Aufgabe, diese zu unterbinden – zumindest, wenn es um seine Leute ging.
Schon goss einer seiner Männer einem Franzosen einen Krug Bier über den Kopf, woraufhin eine wilde Schubserei begann, in deren Folge beinahe der schwere Eichentisch umgekippt wäre.
Seufzend erhob Lucas sich, strich seine Uniform glatt und rückte seinen Säbel zurecht. »Entschuldige mich einen Augenblick, Bella. Ich bin gleich wieder zurück.«
»Na hoffentlich.« Die Schankmagd klimperte vielsagend mit den Wimpern. Sie war hübsch und leidlich sauber, zwar ein wenig rundlicher als es ihm normalerweise gefiel, aber nachdem er nun schon seit mehreren Monaten ohne weibliche Gesellschaft hatte auskommen müssen, sah er darüber nur allzu gerne hinweg. Ihre willige Gesellschaft für eine Nacht in Anspruch zu nehmen, würde sicherlich nicht unangenehm werden. Doch zunächst musste er für Ruhe sorgen, wenn er nicht riskieren wollte, dass er samt seinen Männern aus dem Gasthaus geworfen wurde.
»He, he, he, immer mit der Ruhe, Soldat.« Als er an den Tisch mit den Streitenden trat, hätte einer seiner Männer ihm beinahe versehentlich den Ellenbogen in die Rippen gerammt. Lucas packte den Soldaten am Arm und einen weiteren französischer Herkunft, der ebenfalls begonnen hatte, um sich zu schlagen, an der Schulter. »Was geht hier vor? Könnt ihr nicht mal eine Stunde lang hier sitzen und friedlich bleiben?«
»Hauptmann.« Der Soldat zog den Kopf ein und wurde sogleich ruhiger. »Die Schweinehunde haben uns verhöhnt.«
»Ach ja, habt ihr das?« Lucas blickte den Franzosen an und wiederholte seine Frage sicherheitshalber in dessen Muttersprache. Der Mann spuckte daraufhin vor ihm aus und überfiel ihn mit einem Schwall erzürnter französischer Worte.
»Aha.« Lucas ließ ihn einfach weiterreden und blickte in die Runde. Sein Auftauchen hatte auch den Rest seiner Truppe dazu bewogen, in ihren Drohgebärden innezuhalten. Er konnte von Glück sagen, dass ihm eine hochgewachsene, muskulöse Statur zu eigen war, die ihm zusammen mit der finsteren Miene, die er sich für derartige Anlässe zugelegt hatte, genügend Respekt verschaffte, um selbst angriffsbereiten Gegnern Einhalt zu gebieten. »Wenn ich den Mann hier recht verstehe, habt ihr angefangen, indem ihr dümmliche Witze über französische Damen gemacht habt.«
»Nur über diese überparfümierten, gepuderten Weiber, die so tun, als seien sie was Besseres als wir.« Der Soldat, den Lucas noch immer am Wickel hatte, zuckte mit einem schiefen Grinsen die Achseln. »War ja nicht bös‘ gemeint.«
»So wurde es aber aufgenommen.« Lucas stieß den Soldaten von sich, an dessen Namen er sich gerade nicht erinnern konnte, weil der Mann erst seit Kurzem seinem Regiment unterstellt worden war. »Hört gefälligst mit diesem Unsinn auf und haltet euch an unsere eigenen Weiber, wenn ihr schon wisst, dass die französischen euch nicht wollen. Ich will hier keinen Ärger haben.«
»Is’ ja schon gut, Herr Hauptmann.«
»Nein, ist es nicht. Wenn ihr nicht sofort friedlich seid, verderbt ihr mir nämlich den Abend.« Er warf einen kurzen Blick auf die Schankmagd an seinem Tisch. »Also vertragt euch gefälligst mit unseren französischen Freunden.«
»Freunde, pah.« Der Franzose spie erneut vor ihm aus. »Mit Eusch wir sind kein‘ Freunde. Dies‘ Stadt ge‘ört uns, ihr ‘abt zü ge’orchen üns. Wer ünser‘ Frauen beleidigt, müss büßen dafür.«
»Seht Ihr, Herr Hauptmann, wir können nix dafür. Die Franzmänner wollten den Streit, nicht wir.«
»Halt den Mund, Soldat.« Lucas ärgerte sich, dass ihm der vermaledeite Name des Mannes nicht einfallen wollte. Mit abschätzender Miene musterte er den Franzosen, der erzürnt und angriffsbereit dastand und sich von Lucas‘ Statur und Rang offenbar nicht im Geringsten einschüchtern ließ. Aus den Augenwinkeln bemerkte Lucas, dass einige der anderen Franzosen mehr oder weniger unauffällig unter ihre Mäntel griffen; offenbar waren sie allesamt bewaffnet. Das sah nicht gut aus.
»Raus mit euch, sofort«, befahl er seinen Männern. »Ich habe keine Lust, mich mit den Franzosen anzulegen. Macht, dass ihr ins Quartier zurückkehrt – und keine Umwege über die Hurenhäuser. Habt ihr verstanden?« Er warf nacheinander jedem seiner Männer einen eindringlichen Blick zu, woraufhin diese murrend gehorchten.
Lucas atmete auf, als die Soldaten nach und nach ihre Zeche bezahlten und das Wirtshaus verließen. Womit er nicht gerechnet hatte, war das gemeine kleine Messer, das der Anführer der Franzosen plötzlich in der Hand hielt.
»Isch will eine Düell!«, rief der Kerl mit überkippender Stimme. »Niemand beleidigt ünser‘ Frauen, ohn‘ dafür zü büßen!«
»Scheißdreck.« Lucas konnte gerade noch verhindern, dass der Franzose sich rücklings auf den letzten der abziehenden Soldaten stürzte. »Halt mal die Luft an, du Giftzwerg!« Er versetzte dem Franzosen einen Schlag gegen die Brust, sodass dieser rückwärts gegen seine Kumpane stolperte.
Damit löste er eine Kettenreaktion aus, denn nun stürzten sich natürlich sämtliche Franzosen auf ihn, woraufhin seine Soldaten zurückkehrten, um ihm beizustehen. In Sekundenschnelle war eine wüste Schlägerei im Gange, der auch Lucas sich nicht entziehen konnte. Allerdings war er aufgrund jahrelanger Erfahrung, hauptsächlich aus seiner allzu wilden Jugend, deutlich gewitzter und überlegener als seine überwiegend grünschnäbligen Soldaten. Rasch hatte er mehrere Franzosen mit Kinnhaken oder gezielten Schwingern so weit außer Gefecht gesetzt, dass er sich erneut Gehör verschaffen konnte. »Raus jetzt, allesamt!«, brüllte er seine Männer an. »Und ihr.« Er hatte den französischen Anführer rasch wieder am Wickel, »bleibt hier sitzen, bis meine Leute weit genug entfernt sind. Ist das klar?«
»Dreckiges Soldatenpack«, schimpfte der Franzose unbeirrt weiter. »Isch bring‘ Eusch alle üm!«
»Ist das klar, habe ich gefragt.« Lucas zog seinen Säbel und tippte mit der Spitze die Brust des Franzosen an.
Dessen Augen weiteten sich zwar, aber seine wutverzerrte Miene blieb bestehen. »D’accord.« Er spuckte ein drittes Mal vor Lucas aus. »Isch werde Meldung machen über Eusch.«
»Tut das. Mein Name ist Lucas Cuchenheim, Hauptmann im Regiment des Bischofs von Münster. Und nun nennt mir freundlicherweise Euren Namen, Monsieur, damit ich diesen bei meiner eigenen Meldung korrekt angeben kann.«
»Lieutenant Pascal d’Armond aus dem ’ier stationierten Regiment seiner Majestät, Könisch Luis XIV.« Der Franzose blickte ihn giftig an. »Ihr ’abt keine Rescht, Eusch über üns zü beschweren.«
»Welches Recht ich habe oder nicht habe, werden wir noch sehen. Lasst meine Männer in Ruhe, andernfalls …« Vielsagend tippte Lucas noch einmal mit der Spitze seines Säbels gegen die Brust des Franzosen. Dann wandte er sich mit einem bedauernden Blick zu der Schankmagd um, die nach wie vor auf der Bank saß, so als habe nicht gerade eine wilde Schlägerei stattgefunden. »Tut mir leid, Bella, aber ich muss gehen.«
Die Rothaarige zuckte mit den Schultern. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, Herr Hauptmann. Vielleicht ein andermal?«
»Vielleicht.« Lucas ging hinüber zu dem tresenartigen Tisch, hinter dem der Wirt mit zwei Knechten die Stellung hielt und sicherlich bei Bedarf eingegriffen hätte, falls die Schlägerei weiter ausgeartet wäre. »Verzeiht den Tumult, guter Mann. Falls etwas zu Bruch gegangen ist, bezahle ich den Schaden.«
»Habt Eure Männer ja gut im Griff. Sieht man nicht oft sowas. Die Franzmänner sind ständig auf Krawall aus.« Der Wirt, ebenfalls groß und mit einem beeindruckenden Wanst, lächelte grimmig. »Und sie drehen es immer so, dass unsere Leute es am Ende schuld waren.« Als Lucas seine Geldbörse zückte, winkte er großzügig ab. »Lasst mal gut sein, Herr Hauptmann. Waren ja nur zwei Bierkrüge, die zerbrochen sind. Ihr habt übrigens einen gefährlichen rechten Schwinger.«
»Den ich mittlerweile verabscheue einzusetzen.« Lucas seufzte. »Meine Zeche muss ich aber noch zahlen und die meiner Männer.« Er reichte dem Wirt gerade das Geld, als hinter ihm ein Stuhl umfiel.
»Vorsicht, Herr Hauptmann, der greift Euch …« Gerincs Stimme verstummte, da Lucas bereits herumgefahren war und den Angriff des Franzosen durch einen Schlag mit der Handkante und einem gezielten Tritt gegen die Knie parierte.
»… an.« Gerinc hüstelte.
Der Franzose ging wie ein nasser Sack zu Boden und heulte wutentbrannt auf. Einen Schwall französischer Flüche ausstoßend, versuchte er, wieder auf die Beine zu kommen, doch Lucas trat noch einmal zu und stellte ihm dann einen Fuß auf die Brust. »Lasst es.« Seine Stimme blieb vollkommen ruhig. »Andernfalls blamiert Ihr Euch noch mehr vor Euren Männern, als Ihr es jetzt schon getan habt.« Er nickte dem Wirt noch einmal zu. »Nichts für ungut. Gerinc, wir gehen.«

Übrigens

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