Artikel vorlesen lassen
Voiced by Amazon Polly

Flammen und Seide Textschnipsel

 

Ist wirklich schon wieder ein ganzer Monat vergangen? Wo bleibt denn bloß die ganze Zeit? Während ich noch fleißig an letzten Korrekturen im Manuskript arbeite, sollt ihr jetzt wieder einen schönen Textschnipsel erhalten. Diesmal habe ich die erste Begegnung der beiden Hauptfiguren nach fünf Jahren ausgewählt und halte euch auch gar nicht länger auf. Habt einfach Spaß mein Lesen! :-)

 

7. Kapitel

Rheinbach, 16. Juli 1673

Während Madlen den salbungsvollen Worten lauschte, mit denen der Vikar seine Predigt hielt, begann es in ihrem Nacken merkwürdig zu kribbeln. Beinahe hätte sie sich dorthin gefasst, so nervös wurde sie. Doch sie riss sich zusammen, blieb ruhig auf ihrem Platz sitzen und blickte geradeaus. Jemand beobachtete sie, dessen war sie sich ganz sicher, und Peter konnte es nicht sein, denn der saß einige Reihen weiter vorne auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges. Sein Blick war andächtig geradeaus gerichtet.
Sich umzudrehen verbot sich natürlich, so etwas tat man während der Sonntagsmesse nicht. Also bemühte sie sich, gelassen zu bleiben. Das Flattern in ihrem Bauch konnte sie jedoch nicht gänzlich ignorieren, und prompt musste sie wieder an den Reiter mit den blonden Haaren denken.
Sie seufzte innerlich. Bestimmt bildete sie sich alles nur ein, weil sie den Soldaten erkannt zu haben glaubte und nun ihre Phantasie mit ihr durchging. Sie wünschte sich inbrünstig, die damaligen Ereignisse einfach vergessen zu können. Sie hatte sich damals unbedacht, ja geradezu närrisch verhalten und sich sogar in Gefahr gebracht. Wäre sie entlarvt worden, hätte es ihr böse ergehen können. Niemandem hatte sie je davon erzählt, nicht einmal Peter, obwohl sie sonst keinerlei Geheimnisse vor ihm hegte. Sie war sich nicht sicher, ob er ihr diese spezielle Dummheit verziehen hätte.
Sie sollte es wirklich vergessen. Sie war jetzt reifer, erwachsener. Und selbst wenn er es gewesen war, selbst wenn er wieder in der Stadt war … dann war das doch etwas Gutes. Er war ein alter Freund, und sie würde sich freuen, ihn zu sehen.
Als der Vikar am Ende der Predigt die Gemeinde zum gemeinsamen Abendmahl einlud und Madlen sich wie alle anderen in der Schlange anstellte, war endlich die Gelegenheit da, sich vorsichtig umzusehen. Nicht weit hinter ihr stand ihre gute Freundin Emilia Leinen inmitten ihrer Eltern und Geschwister und winkte ihr unauffällig zu.
Madlen lächelte und hob ebenfalls verstohlen die Hand. Dann ließ sie wie zufällig – zumindest hoffte sie, dass es auf die Umstehenden so wirkte – den Blick über die übrigen Kirchenbesucher schweifen. Sie entdeckte nur einen Mann mit schulterlangem blonden Haar, doch das war der Sohn des Bäckermeisters Wolber. Niemand schien sie besonders zu beachten. Vielleicht litt sie also wirklich bloß an einer zu ausgeprägten Phantasie.
Erleichtert, weil das Kribbeln im Nacken nachließ, ebenso wie das Flattern in ihrer Magengrube, richtete sie ihren Blick wieder nach vorne und bemühte sich für den Rest des Gottesdienstes, sich voll und ganz auf die Worte des Vikars und die Gebete zu konzentrieren.

***

Als Lucas bemerkte, wie Madlen sich vorsichtig umzusehen begann, tauchte er unauffällig in der Menge der Kirchenbesucher unter und schlüpfte durch das Portal hinaus. Sie würde noch früh genug erfahren, dass er wieder in der Stadt war. Und wenn von Werdt von der Sache damals erfahren hatte, würde es schwierig genug werden, mit ihm auszukommen, auch ohne dass Madlen ihnen in die Quere kam und womöglich zu vermitteln versuchte. Das hatte sie früher schon manchmal getan, der Himmel wusste, weshalb.
Das Schicksal verfluchend setzte Lucas sich auf das niedrige Mäuerchen, das den kleinen Kirchhof umgab, und wartete darauf, dass die Messe zu Ende ging.
Als das Portal sich wenig später öffnete, wich er in den Schatten einer Linde zurück und hielt nach von Werdt Ausschau. Nach Madlen natürlich auch, aber nur, um sicherzugehen, dass er ihr nicht doch noch ins Auge fiel.
«Wenn du nicht entdeckt werden willst, solltest du dir ein besseres Versteck als diesen Baum hier suchen.»
Lucas zuckte beim Klang der weiblichen Stimme heftig zusammen und drehte sich ruckartig um. Seine Augen weiteten sich ungläubig, als er geradewegs in Madlens Gesicht blickte.
Sie verschränkte die Arme. «Schlechte Tarnung und obendrein noch vom Feind hinterrücks überwältigt. Für einen ranghohen Offizier keine gute Leistung, will mir scheinen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass du mir gezeigt hast, wie man durch die Sakristei heimlich nach draußen schleicht.» Sie tippte gegen einen Knopf an seinem Militärmantel. «Leutnant Cuchenheim?»
«Hauptmann.» Er schluckte, weil seine Stimme leicht krächzte.
«Ich wusste gleich, dass du es bist.» Madlen ließ die Arme fallen und verschränkte stattdessen die Hände. «Ich habe dich erkannt – auf diesem riesigen Schlachtross.» Sie zögerte kurz. «Willkommen zu Hause.»
Ihm fiel partout keine Antwort darauf ein; sein Kopf schien vollkommen leergefegt zu sein.
Ein Lächeln breitete sich auf Madlens Gesicht aus. «Sprachlos habe ich dich noch nie erlebt.»
«Entschuldige.» Verärgert versuchte er, sich zusammenzureißen. «Du hast mich nur überrascht.»
«Das merke ich. Weshalb versteckst du dich denn hier?»
Da sie zwar etwas unsicher, aber insgesamt doch recht gleichmütig auf ihn wirkte, entspannte er sich ein wenig. «Ich will kein Aufsehen erregen.»
«Seit wann?» Sie lachte. «Das passt so gar nicht zu dem Lucas Cuchenheim, an den ich mich erinnere.»
«Das liegt daran, dass es diesen Lucas Cuchenheim nicht mehr gibt.»
Erstaunt musterte sie ihn. «Dann bist du nur sein Ebenbild, hast aber ein gänzlich neues Wesen angenommen?»
«Wenn du es so ausdrücken willst.»
«Weiß deine Mutter, dass du in der Stadt bist? Sie wird außer sich vor Freude sein.»
Er nickte. «Ich habe ihr meine Ankunft brieflich angekündigt. Sie war nicht in der Kirche, also fürchte ich, dass sie gerade in der Küche steht und sich viel zu viel Arbeit macht, um mir ein gutes Mahl zu bereiten.»
«Das ist doch nur verständlich. Du warst fünf Jahre nicht mehr hier.» Madlen löste ihre Hände voneinander und trat auf ihn zu. Ehe er sich versah, hatte sie ihn umarmt, trat aber rasch wieder zurück. «Schön, dass du wieder da bist, Lucas.»
«Ich bin nur hier, um einen Befehl auszuführen.»
«Was für einen Befehl denn?»
Er verschränkte die Arme. «Nichts, was dich interessieren dürfte.»
Ihre Augen verengten sich eine Spur. «Woher willst du wissen, was mich interessiert und was nicht? Ich bin kein kleines Mädchen mehr, das von der Welt keine Ahnung hat.»
Ihre Worte waren scharf, schärfer als er es von ihr erwartet hätte. «Das habe ich damit auch nicht sagen wollen.» Von einer für ihn gänzlich untypischen Nervosität erfasst, sah er sich nach den Menschen um, die noch immer im Kirchhof versammelt waren. Ein buntes Stimmengewirr drang zu ihnen herüber. «Musst du nicht zu deiner Familie zurück?»
«Nicht so rasch, nein. Vater wird noch mit den anderen Ratsherren sprechen wollen und Mutter mit ihren Freundinnen. So wie immer.» Sie trat einen Schritt zurück. «Aber mir scheint, du wärst lieber allein.» Sie wandte sich zum Gehen. «Dann also … Vielleicht sehen wir uns ja noch mal, solange du hier bist. Falls nicht, wünsche ich dir alles Gute, Lucas.»
Bevor sie an ihm vorbeigehen konnte, hielt er sie am Oberarm fest. «Warte, Madlen!» Er rieb sich über die Stirn, als sie sich ihm mit gerunzelter Stirn und fragendem Blick zuwandte. «Tut mir leid. Ich war auf diese Begegnung mit dir nicht gefasst.»
«Ach? Wenn ich mich nicht irre, hast du mich vorhin in der Kirche ziemlich lange angestarrt.»
Das hatte sie bemerkt? War er wirklich so ungeschickt geworden? Er ging lieber nicht darauf ein. «Ich bin mir nicht sicher, ob ich in Rheinbach willkommen bin. Wie ist die Stimmung?»
«Allgemein? Wie immer. Was dich angeht …» Sie zuckte mit den Achseln. «Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Niemand hat deinen Namen in den letzten Jahren ausgesprochen. Jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Dein Onkel Averdunk und seine Familie werden aber doch froh sein, dich wiederzusehen. Deine Mutter ebenfalls und …»
«Und das war es auch schon», beendete er ihren Satz mit einem grimmigen Lächeln. «Ich bin hier, um einen Verräter ausfindig zu machen.»

************************************
Diese Artikel könnten dich ebenfalls interessieren:

Textschnipsel Nr. 4: Flammen und Seide
Textschnipsel Nr. 3: Vier Pfoten für ein Weihnachtswunder
Textschnipsel Nr. 1: Ein Weihnachtshund auf Glücksmission
Wasserstandsmeldung: Buchprojekte 2018 (Stand 08.08.2018)
Blogaktion: Let’s Talk About Sex, Baby!

*************************************

Farbenprächtig, bildgewaltig, romantisch – dieser historische Roman von Petra Schier entführt seine Leser in das Rheinland des 17. Jahrhunderts.

Er erzählt eine dramatische Liebesgeschichte vor der Kulisse eines verheerenden Krieges, ausgelöst durch die Expansionspolitik des Sonnenkönigs Ludwig des XIV.

Zeiten der Gefahr
Rheinbach, 1673. Madlen Thynen weiß, dass Krieg herrscht. Als Tochter eines Tuchhändlers ist es unmöglich, die ausbleibenden Lieferungen zu ignorieren. Doch sie weiß nicht, was Krieg bedeutet. Bis er ihre Heimat erreicht …

Zeiten des Schicksals
Noch bevor die ersten feindlichen Truppen nahen, ist die Stadt Schauplatz des Konflikts zwischen Franzosen und Holländern: Ein Verräter hat sich hier eingenistet. Auf der Suche nach ihm kommt Madlens Jugendliebe zurück nach Rheinbach. Und bittet ausgerechnet ihren Verlobten um Hilfe.

Zeiten der Entscheidung
Madlen sollte sich nicht zerrissen fühlen zwischen diesen beiden Männern. Und doch tut sie es. Wird sie nun selbst zur Verräterin? Und wenn ja, wen verrät sie: ihre Pflicht oder ihr Herz?

Petra Schier

Historischer Roman
Rowohlt-Taschenbuch + eBook
ca. 450 Seiten
ISBN 978-3499273-55-1
9.99 Euro

Erscheint am 18. Dezember 2018

Jetzt schon überall vorbestellbar!

Wird auch als ungekürztes Hörbuch erscheinen.

Besuche heute: 1