Textschnipsel Flammen und Seide

 

Allmählich wird es Zeit, euch an meinem aktuellen Schaffen teilhaben zu lassen, und am besten geht das natürlich mit einem Textschnipsel. Da ich mich momentan in Schreibklausur befinde, um den Roman noch einigermaßen pünktlich fertigzubekommen, (durch meine Grippe im März bin ich ins Hintertreffen geraten), bin ich ansonsten ja vergleichsweise still hier im Blog. Aber ich möchte gerne, dass ihr seht, an was ich gerade schreibe, und vielleicht möchtet ihr ja auch eure Meinung dazu kundtun. Seid aber bitte gnädig, was stilistische und formale Unebenheiten angeht, denn es handelt sich, wie immer in so einem frühen Stadium, um einen unlektorierten Textauszug, der noch nicht ganz glattgeschliffen ist. Inhaltlich dürft ihr aber gerne eure Eindrücke kommentieren.

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen, 1668 und 1673. Das erste Kapitel, aus dem der Auszug stammt, spielt auf der früheren Ebene. Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt. Erst mal lernt ihr hier zwei der drei Protagonisten kennen, und ich hoffe, ihr mögt diesen Romananfang. Erzählt mit aber auch gerne, ob euch das als Einstieg spannend/interessant genug ist. Würdet ihr hier weiterlesen wollen, wenn ihr das Buch in der Buchhandlung (oder die Leseprobe im Online-Shop) anlesen würdet?

Rheinbach, 25. April 1668

»Hör auf damit! Nicht!« Madlen wich kichernd zurück, als Lucas an einer ihrer langen hellbraunen Locken zupfte. »Lass mich durch, ich muss die Kräuter ins Haus bringen. Mutter und Bridlin brauchen sie in der Küche.«
Da Lucas strategisch günstig in dem von noch kahlen Rosenranken überwucherten Torbogen stand, der den Garten der Thynens von Haus und Hof trennte, blieb er einfach stehen, wo er war, um das hübsche sechzehnjährige Mädchen noch ein bisschen weiter zu necken. »Hast du gerade gesagt, dass ich aufhören oder dass ich nicht aufhören soll?« Er grinste breit und zupfte erneut an der Strähne. Er mochte Madlens glänzende weiche Locken, die sich, vom Frühlingswind leicht zerzaust, dicht um ihr ovales, ebenmäßiges Gesicht mit der kleinen Stupsnase und den warmen braunen Augen ringelten und ihr ein gutes Stück über Schultern und Rücken hinab tanzten, wenn sie sich bewegte. Das angenehm flaue Gefühl, dass sich bei ihrem Anblick stets in seiner Magengrube ausbreitete, versuchte er jedoch zu ignorieren. Er war immerhin ein Mann von vierundzwanzig und sie ein junges, unerfahrenes und noch dazu von ihren Eltern gut behütetes Hühnchen. Ganz und gar nicht die Art Frau, die ihn zu reizen vermochte. Trotzdem machte es ihm einen Heidenspaß, die meist so schüchterne Kleine ein wenig zu foppen. Immerhin kannte er sie praktisch schon seit ihrer Geburt und wusste genau, wie er sie aus ihrem Schneckenhaus locken konnte. »Ich könnte schwören, du hast da gerade etwas von nicht aufhören gesagt.«
»Hab ich überhaupt nicht. Ich hab gesagt, du sollst aufhören.« Madlen wich erneut zurück, als er einen Schritt auf sie zumachte und tat, als wolle er nach ihren Schultern greifen. »Nicht!«
»Siehst du, da ist es wieder, das Wörtchen nicht.« Triumphierend grinste er sie an. »Also tue ich doch bloß, was du von mir verlangst.« Obgleich er wusste, dass es sich nicht gehörte, strich er Madlen mit dem Daumen leicht über die Wange. Die Geste bewirkte, dass sich ihre Augen erschrocken weiteten und das flaue Gefühl in ihm sich bedrohlich verstärkte. Deshalb besann er sich und zwickte sie rasch mit der anderen Hand in die Seite.
»He!« Mit einem Quietschen sprang Madlen zur Seite und hätte beinahe das Körbchen mit den winzigen Wildkräuterblättern fallengelassen. »Was machst du denn da?« Fahrig umfasste sie den Henkel des Körbchens mit beiden Händen. »Mutter wird mich schelten, wenn ich die Kräuter auf dem Weg ins Haus verliere. Es sind sowieso erst so wenige und noch ganz winzig, weil sich der Winter so hartnäckig gehalten hat. Die reichen ja so schon kaum, auch ohne dass ich die Hälfte verstreue, bloß weil du mich zankst.« Ihre Wangen hatten sich gerötet, was ihr ganz bezaubernd zu Gesicht stand.
»Ich hatte gar nicht vor, dich zu zanken.« Entschlossen, es nicht zu weit zu trieben, behielt Lucas seine Hände nun bei sich. »Vielmehr wollte ich nur Guten Tag sagen und ein bisschen mit dir klaafen. Ich sah dich im Vorbeigehen zufällig von der Straße aus. Hast du schon das Neueste gehört?«
Madlen entspannte sich sichtlich und lächelte, sodass die kleinen Grübchen neben ihren Mundwinkeln zutage traten. »Nein, aber du wirst es mir ganz bestimmt erzählen. Was hast du nun wieder angestellt?«
»Ich?« Er tat vollkommen unschuldig. »Wie kommst du darauf, dass ich etwas angestellt haben könnte?«
»Weil du du bist und weil du gerne mit deinen Missetaten angibst.«
Mit dieser kurzen Einschätzung hatte sie genau ins Schwarze getroffen. Mit einem erneuten Grinsen hob er die Schultern. »Schuldig in allen Anklagepunkten. Hast du heute schon mal Offermanns Remise angeschaut?«
»Nein.« Sie zog die Augenbrauen verwundert hoch. »Warum sollte ich?«
»Weil der Anblick seiner Pflugschar auf dem Dach, garniert mit einem Berg Schweinemist, ein wahrlich ergötzlicher Anblick ist.«
»Ach du Schreck!« Madlen riss die Augen auf. »Was hast du getan? Und warum?«
»Woher willst du wissen, dass ich das war?«
Sie bedachte ihn nur mit einem bezeichnenden Blick, woraufhin er lachte. »Er hat dafür gesorgt, dass sein Sohn Hans zum Flurschütz des Reihs ernannt wurde und nicht ich. Mir wollen sie jetzt das Amt des Knuwwelshalfen andrehen.«
»Du wolltest Flurschütz werden?« Verblüfft starrte Madlen ihn an, dann lachte sie laut auf. »Du liebe Zeit, was für ein Witz. Da würden sie ja den Bock zum Gärtner machen. Ausgerechnet der Junggeselle mit dem schlimmsten Ruf in ganz Rheinbach …«
»Na, na, ganz so arg ist es nun auch wieder nicht.«
Sie ließ sich von seinem Einwand nicht beirren. »Du weißt schon, wie das gemeint ist. Ausgerechnet du sollst auf die Einhaltung der Reihgesetze, also vor allem auf Zucht und Ordnung achten? Da lachen ja unsere Hühner.«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich das Amt wollte«, schränkte er ein. »Mein Onkel Averdunk hat mich dafür vorgeschlagen. Wahrscheinlich hoffte er, die Ehre würde vorteilhaft auf meinen Charakter abfärben. Was mir nur stinkt, ist, dass Offermann sich eingemischt hat. Ich bitte dich, Hans als Flurschütz? Das ist doch wohl noch mehr ein Witz, als wenn ich den Posten übernähme. Er schafft es nicht mal, dass jemand den Hut zum Gruß vor ihm zieht, wie soll er denn dann durchsetzen, dass alle Welt die Reihgesetze einhält? Anscheinend hat Offermann dem gesamten Reih eine große Spende zur Verwendung fürs Maifest getätigt. Du kannst dir wohl vorstellen, wie gut das bei einer Vereinigung von Junggesellen ankommt.«
»Also hast du dem alten Offermann seine Pflugschar aufs Dach gestellt und einen Kübel Mist drüber ausgeschüttet«, folgerte Madlen. »Glaubst du nicht, dass sie dich dafür bestrafen werden?«
»Erst mal müssen sie beweisen, dass ich das war.«
Madlen legte den Kopf leicht schräg. »Du hast es mir gegenüber doch gerade zugegeben. Wenn sie mich fragen würden …«
»Dann würdest du mich nicht verraten.« Er zwinkerte ihr zu.
»Ach nein? Warum wohl nicht?«
»Weil …«, er trat wieder etwas näher an sie heran, »wir gute Freunde sind.«
Sie errötete erneut. »Sind wir das?«
»Etwa nicht?«
»Doch, ja, natürlich.« Sie blickte vorsichtig links und rechts an ihm vorbei. »Ich muss jetzt wirklich wieder ins Haus, sonst kommt Mutter mich holen.«
»Guckst du dir Offermanns Remise noch an?«
Sie zögerte. »Vielleicht. Wenn er nicht vorher die Pflugschar längst wieder heruntergeholt hat.«
»Ich hab sie festgebunden. Damit ist er eine Weile beschäftigt.«
Lachend schüttelte sie den Kopf. »Wann wirst du wohl endlich erwachsen? Kein Wunder, dass dein Onkel versucht, dir ein verantwortungsvolles Amt zuzuschustern. Andere in deinem Alter sind schon Herr ihres eigenen Hausstandes und du …«
»Ich drücke mich erfolgreich um diese grauenhafte Aussicht herum. Mit wem sollte ich wohl einen Hausstand gründen?«
»Es gibt doch in Rheinbach genügend nette Mädchen, oder etwa nicht? Oder in den Dörfern ringsum. Du bräuchtest dir bloß eine auszusuchen.« Sie knabberte verlegen an ihrer Unterlippe. »Oder ersteigere ein Mailehen. Am Samstag ist doch die Versteigerung.«
Lucas grinste wieder. »Vielleicht sollte ich dich als Mailehen ersteigern.«
»Mich?« Mit einem Ruck hob Madlen den Kopf.
»Ja, doch. Du bist jetzt sechzehn und nimmst zum ersten Mal an der Versteigerung teil, nicht wahr?«
»Ja, schon …« Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich. »Warum willst du mich ersteigern?«
»Warum nicht? Wir haben doch gerade festgestellt, dass wir gute Freunde sind. Außerdem bist du klug und nicht so leichtgläubig wie manche anderen Mädchen. Bei dir muss ich mir nicht ständig Gedanken machen, dass du etwas, das ich sage, falsch verstehst. Du kennst mich.« Er zupfte erneut an einer ihrer Locken. »Und du bist hübsch, also werden wir ein sehr ansprechendes Maipaar abgeben.«
»Das ist doch Unsinn, Lucas.« Sichtlich verlegen nestelte Madlen am Griff des Körbchens herum. »Man ersteigert doch kein Mailehen, bloß weil man nett zusammen aussieht.«
»Das habe ich ja auch nicht gesagt, Madlen.«
»Oder weil man befreundet ist. Die Leute werden denken …«
»Was?« Forschend sah er Madlen ins Gesicht, bis sie ihren Blick zu seinem erhob. Das flaue Gefühl verstärkte sich abermals.
»Außerdem bin ich schon jemandes Mailehen.« Sie schluckte hörbar. »Also natürlich jetzt noch nicht, aber Peter hat gesagt, dass er mich beim Schultheißen des Reihs schon vorab freikaufen will, damit niemand auf mich bieten kann.«
»Peter von Werdt, natürlich.« Lucas behielt sein heiteres Lächeln bei, obgleich ihn das Gefühl der Enttäuschung härter traf, als er erwartet hatte. Natürlich war ihm klar gewesen, dass Madlen Thynen nicht sein Mailehen sein wollen würde. Nicht wegen des Altersunterschieds, denn Peter war noch einmal zwei Jahre älter als er, aber wegen seines zugegebenermaßen fragwürdigen Rufs.

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Petra Schier

Historischer Roman
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ca. 400 Seiten
ISBN 978-3499273-55-1
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Erscheint voraussichtlich am 18. Dezember 2018

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