Textschnipsel Flammen und Seide

 

Ist tatsächlich schon wieder ein Monat vergangen, seit ich den letzten Textschnipsel zu Flammen und Seide veröffentlicht habe? Unglaublich. Die Zeit zerrinnt mir zwischen den Fingern, und ich kriege es gar nicht so richtig mit, weil ich immer noch wie wild daran arbeite, die vier Wochen krankheitsbedingten Ausfall vom vergangenen März aufzuarbeiten. Nur hin und wieder strecke ich meine Nase aus der Arbeit, um mich zu orientieren. So wie heute.

Da ich nebenbei gerade auch das lektorierte Manuskript zu meinem neuen historischen Roman überarbeite, kriegt ihr heute einen Ausschnitt aus dem ersten Lektoratsdurchgang, also schon deutlich geschliffener (aber noch nicht fertig) als der Text, den ich dem Verlag abgegeben habe.

Ich hoffe, der Ausschnitt gefällt euch und macht euch noch ein bisschen neugieriger auf die Geschichte, als die beiden Textschnipsel zuvor. Über Kommentare, Fragen usw. freue ich mich natürlich auch immer.

Aus dem 5. Kapitel

»Guten Morgen, Madlen. Geht es dir gut? Du siehst ein wenig bleich aus.« Peters freundlich-besorge Stimme riss sie aus ihren Gedanken, sodass sie erschrocken zusammenzuckte.
»Entschuldige, ich habe dich gar nicht gesehen.« Verlegen lächelte sie zu ihm auf. »Guten Morgen, Peter. Mir geht es sehr gut. Mir steckt nur noch ein bisschen der Schreck in den Gliedern, weil diese Soldaten so schnell an uns verbeigeritten sind. Ihre Schlachtrösser sind schon beeindruckend.«
»Soldaten?« Überrascht hob er die Augenbrauen. »Davon habe ich gar nichts mitbekommen. Aber ich war mit meinen Eltern auch schon recht früh hier drinnen.« Er deutete mit den Kinn in Richtung Altar, wo Madlen seinen Vater und seine Mutter mit einigen Bekannten sprechen sah. »Möchtest du die beiden begrüßen?«
»Ja, sehr gerne.« Froh, dass Peters Gegenwart sie ablenkte, hakte sie sich nach einem kurzen fragenden Blick in Richtung ihrer Mutter bei ihm unter und ließ sich zu seinen Eltern geleiten.
»Madlenchen, du liebes Kind, guten Morgen!« Mit ausgebreiteten Armen kam Gislinde von Werdt ihr entgegen und zog sie resolut an ihren ausladenden Busen. Schallende Luftküsse landeten links und rechts neben Madlens Wangen, dann schob die etwas mollige, stark parfümierte und gepuderte Frau sie wieder von sich und musterte sie mit funkelnden blauen Augen. »Du wirst von Tag zu Tag liebreizender. Kein Wunder, dass mein Sohn es kaum eine Minute aushält, ohne entweder von dir zu schwärmen oder nach dir Ausschau zu halten. Nicht wahr, mein guter von Werdt, Ihr findet doch auch, dass das Mädchen immer und immer hübscher wird, nicht wahr?«, wandte sie sich an ihren Mann.
»Wie könnte ich einer Tatsache widersprechen, liebste Gattin? Ihr habt vollkommen recht.« Mit einem gutmütigen Lächeln nickte Erasmus von Werdt Madlen zu. »Ich wünsche dir einen guten Morgen, liebes Kind. Geht es dir wohl? Wir haben uns ja schon eine Weile nicht mehr gesehen, aber daran sind nur meine ewigen Geschäfte schuld. Doch bald werde ich ja von Peter tatkräftig unterstützt.« Er lächelte seinem ältesten Sohn wohlwollend zu, dann zwinkerte er in Madlens Richtung. »Wie mir ein Vögelchen gezwitschert hat, habt ihr euch bereits heimlich, still und leise ein zukünftiges Heim ausgesucht.«
»Ja, also …« Fragend sah Madlen Peter an. »Ich wusste nicht, dass das ein Geheimnis war … außer für mich natürlich.« Sie schmunzelte. »Euer Sohn hat gestern ganz schrecklich wichtig getan, wollte mir aber nicht erzählen, was er vorhatte, bis wir direkt vor dem Haus standen.«
»Na, so ein Schlingel!« Peters Mutter gab ihm lachend einen Klaps gegen den Arm. »Aber nun erzähl mal, Madlen, bevor unser guter Stotzheim die Messe beginnt: Gibt es etwas Neues?«
»Madlen erzählte mir eben, dass ihr auf dem Weg zur Kirche Soldaten begegnet sind«, übernahm Peter das Wort, ehe Madlen auch nur reagieren konnte. »Ein Trupp auf Schlachtrössern, nicht wahr?«
»Ja.« Madlen nickte. »Ungefähr zwanzig Mann, schätze ich.«
»Kurkölnische?« Erasmus von Werdt horchte interessiert auf. »Dann hättest du doch davon wissen müssen, Junge.«
»Nein, es waren Münsteraner.« Madlen bemühte sich, nicht an den Mann mit dem blonden Zopf zu denken. »Ich habe ihre Uniform erkannt.«
»Tatsächlich?« Peter runzelte überrascht die Stirn. »Was haben die hier zu suchen? Bernhard von Galen hält sich doch im Moment gar nicht in der Nähe auf, soweit ich weiß.«
»Vielleicht eine Gesandtschaft«, schlug sein Vater vor.
»Oder sie sind nur auf der Durchreise«, fügte Madlen hinzu.
»Möglich ist alles.« Peter berührte sie leicht am Arm. »Aber das rechtfertigt trotzdem nicht, brave Rheinbacherinnen zu erschrecken.«
Sie lächelte amüsiert. »Deshalb sind sie auch gewiss nicht hergekommen. Und so schlimm war es auch gar nicht. Ist schon wieder vergessen.« Zumindest bemühte sie sich mit aller Kraft darum.
»Du warst ganz blass.« Peters besorgter Blick ruhte auf ihr. »Man sollte diesen rücksichtslosen Kerlen die Leviten lesen.«
»Ach was, die sind bestimmt schon längst über alle Berge.« Madlen winkte ab und senkte die Stimme, denn in diesem Moment betrat der Vikar in Begleitung seiner Messdiener die Kirche. »Ich gehe jetzt besser zu meiner Familie, sonst stören wir noch die Heilige Messe!«

***

Natürlich hatte er von allen nur irgend möglichen Menschen ausgerechnet ihr als Erstes begegnen müssen. Während Lucas sein Pferd an einem Pflock festband, den einer seiner Männer gleich nach ihrer Ankunft am Lagerplatz vor dem Dreeser Tor in den Boden gerammt hatte, wurde er das Gefühl nicht los, verflucht zu sein. Jede andere hätte es gerne sein dürfen, aber nicht sie. Nicht ausgerechnet Madlen Thynen. Wer auch immer die Fäden des Schicksals in der Hand hielt – Gott oder der Teufel – war ein lausiger Puppenspieler. Reichte es nicht, dass er mit einem heiklen Auftrag im Gepäck in die Stadt seiner Kindheit zurückkehren musste? War es auch noch notwendig, ihm seine größte, elendigste Narretei gleich in der ersten Minute unter die Nase zu reiben?
Aus den Briefen seiner Mutter wusste er selbstverständlich, dass Madlen nach wie vor im Haus ihrer Eltern lebte, also noch unverheiratet war. Da jedoch Peter von Werdt, wie es der Zufall – oder das puppenspielende Schicksal – so wollte, gerade frisch aus dem Militärdienst entlassen war, würde es sicher baldigst eine große Hochzeit zu feiern geben.
Das ging Lucas im Grunde nichts an, jedoch würde er, wenn er den Verräter finden wollte, mit von Werdt zusammenarbeiten müssen. Sie waren zwar nie Feinde gewesen – schon gar nicht im Hinblick auf Madlen, denn die hatte schon immer fest zu von Werdt gehört –, aber als Freunde konnte man sie auch nicht bezeichnen. Peter von Werdt war in Lucas‘ Augen immer eine Spur zu korrekt, ein wenig zu blasiert und eindeutig zu angeberisch gewesen. Von Werdt hatte schon immer das Bedürfnis gehabt, ihm zu zeigen, dass er der Überlegene war, der Gewinner, derjenige, dem alles gelang und der alles besaß. Als ob Lucas das nicht ohnehin gewusst hätte.
Glücklicherweise hatten sechs Jahre Abwesenheit einiges geradegerückt. Lucas hatte sich verändert – oder zumindest war er reifer geworden, ruhiger, besonnener. Dennoch würde es nicht einfach werden, die Bürger seiner Heimatstadt davon zu überzeugen, dass sie ihm vertrauen konnten. Zu vieles war geschehen, das ihm – ob berechtigt oder nicht – auf ewig anhaften würde.
Ob von Werdt wohl die gesamte Geschichte kannte? Madlen und er waren Vertraute seit jeher, also hatte sie es ihm vermutlich längst gebeichtet. Nicht die allerbeste Voraussetzung, um die alte Bekanntschaft wieder aufleben zu lassen und zum Wohle seiner Mission sogar noch zu vertiefen.
Am besten, so überlegte er, als er sich zu Fuß auf den Weg zurück in die Stadt machte, hielt er sich so weit wie möglich von der Familie Thynen im Allgemeinen und Madlen im Besonderen fern. Es war vollkommen unnötig, sie in seine Angelegenheiten hineinzuziehen, und sie würde ihn nur ablenken. Je rascher er seinen Auftrag erfüllte, desto schneller konnte er Rheinbach wieder verlassen und Madlen und von Werdt ihrem verdienten Eheglück überlassen.
Die Messe war gerade zur Hälfte vorbei, als Lucas lautlos durch das Portal in die Kirche schlüpfte.

 

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