Mitte der 90er Jahre:  Ich ging gerade in die 12. Klasse des Gymnasiums, hatte Deutsch, Englisch und Erdkunde (nein, nicht Geschichte!) als Leistungskurse belegt und mein größtes Hobby (schon seit meiner Kindheit) war Lesen.

Naturgemäß braucht man in solchem Falle immer wieder Büchernachschub, sodass ich regelmäßig die Buchhandlung am Ort aufsuchte. Eines Tages fiel mir mein erster historischer Roman in die Hände. Es war nicht etwa Umberto Ecos Der Name der Rose, auch nicht Der Medicus von Noah Gordon, obgleich ich beide Romane sehr empfehlen kann. Nein, meine Entdeckung war die einer  weit weniger bekannten und leider mittlerweile verstorbenen Autorin aus den USA, Judith Merkle Riley. Der Roman heißt Die Stimme und handelt von einer jungen Frau im England des 14. Jahrhunderts, die von einer „Stimme“ den Auftrag erhält, ihre Lebensgeschichte in Form eines Buches niederzuschreiben. Für eine Frau der damaligen Zeit ein beinahe unmögliches Unterfangen, vor allem, wenn sie nicht einmal ihren eigenen Namen schreiben kann, sondern nur den ersten Buchstaben desselben. Und das auch nur, weil ihr Bruder, der Kleriker ist, ihn ihr heimlich beigebracht hat. Sie findet dennoch einen Weg, und fortan erfährt der Leser Stückchen für Stückchen, was diese erstaunliche Frau in ihrem relativ kurzen Leben bereits alles erlebt und erfahren hat. Der Klappentext machte mich damals sehr neugierig, hatte ich doch bis dahin nur zeitgenössische Romane  gelesen. Vom  Mittelalter wusste ich außer dem, was man mir im Geschichtsunterricht beigebracht hatte, herzlich wenig. Allerdings hatte mir auch schon der Hollywood-Film Robin Hood – König der Diebe mit Kevin Costner sehr gut gefallen, sodass ich durchaus  bereit war, mich ein wenig näher mit dieser Epoche zu beschäftigen.

Also kaufte ich das Buch … und las es in einem Rutsch durch. Mehr noch: Nachdem ich damit fertig war, las ich es noch einmal, und seither so oft, dass ich inzwischen über ein Antiquariat die gebundene Ausgabe erstanden habe, weil diese weniger anfällig für „Lesezerstörung“ ist. Die alte Taschenbuchausgabe steht zwar auch noch in meinem Schrank, aber sie ist grausam zerfleddert, was aber absolut für das Buch spricht, wie ich finde. Zu diesem Roman gibt es noch zwei Fortsetzungen: Die Vision und Die Zauberquelle. Ich muss wohl nicht extra betonen, dass ich auch diese beiden Bücher regelrecht verschlungen habe. Ebenso die drei anderen historischen Romane, die die Autorin verfasst hat.

Ihr ahnt es: Damit war meine Leidenschaft für das Mittelalter geweckt. Fortan versuchte ich, so viele Romane wie nur möglich zu finden, die in dieser Epoche angesiedelt waren. Aber damals gab es noch nicht so viel Auswahl wie heute. Der Siegeszug des historischen Romans hatte gerade erst begonnen. Also las ich zusätzlich auch noch alle Sachbücher zum Thema, die mir in die Finger kamen. Die Stadtbibliothek freute sich …

Selbst geschrieben habe ich bereits, seit ich mit elf Jahren mein erstes Tagebuch geschenkt bekam. Meistens Kurzgeschichten und dergleichen. Nun aber formte sich die Idee in meinem Kopf, auch einmal etwas zu schreiben, das im Mittelalter spielt: einen Roman!

Mehr oder weniger planlos begann ich damit – auf meinem ersten eigenen PC, damals noch vollkommen ohne Internet. Ergebnis war ein fast 700-seitiger Roman, der Mitte des 14. Jahrhunderts auf einer Burg und in einer Stadt ganz in der Nähe meines Wohnortes spielte. Wie es dazu kam, dass genau dieser Roman in vollkommen überarbeiteter Form viele Jahre später tatsächlich den Weg in den Buchhandel fand, ist eine Geschichte für sich. Zunächst einmal verschwand das Manuskript in der Schublade.

Stolz war ich, denn wer schafft es schon mit 22 Jahren (ja, so alt war ich inzwischen), einen so umfangreichen Roman fertigzustellen? Von diesem Moment an war klar, dass ich nur eines wollte: Autorin werden, Bücher schreiben, die dann auch von den Menschen gelesen werden sollten.

Inzwischen studierte ich bereits auf das Lehramt an Grund- und Hauptschulen, schwenkte um zu Geschichte und Neuerer Deutscher Literatur, schrieb neue Geschichten, bildete mich schreiberisch weiter, wurde Mitglied in einem der ersten deutschen Internetforen für Autoren, bastelte eine eigene Internetseite, auf der ich Leseproben meiner Werke veröffentlichte. Und um nicht zu verhungern und meine Miete zahlen zu können, gab ich an vier bis fünf Tagen pro Woche mehreren Schülern Nachhilfe in Deutsch und Englisch. Einige Jahre lang. Meinem damaligen Freund und heutigen Ehemann ist übrigens nicht genug zu danken, denn ohne seine Unterstützung hätte ich diese Zeit ganz sicher nicht durchgehalten.

Dann geschah zweierlei:

Im Jahr 2003 erhielt ich den Anruf eines Verlegers aus der Eifel, der auf meine Internetseite aufmerksam geworden war und mich nicht als Autorin engagieren wollte, sondern als Lektorin. Warum nicht?, dachte ich und sagte spontan zu. Und da mir der Gedanke, als Lektorin zu arbeiten, immer besser gefiel, machte ich mich wenig später als freie Lektorin selbständig. Immer mit der Nachhilfe in der Hinterhand, denn von wenigen Aufträgen kann ja niemand leben.

Nur unwesentlich später klingelte mein Telefon erneut. Diesmal war ein bekannter deutscher Literaturagent am anderen Ende der Leitung, der mir erzählte, dass er durch Empfehlung eines anderen Autors auf mich aufmerksam geworden sei und wissen wolle, ob ich Interesse an einem Sachbuchprojekt für den Eichborn Verlag hätte.

Auch wenn ich nie mit dem Gedanken gespielt hatte, Sachbücher zu schreiben, sagte ich auch diesmal spontan zu. Leider wurde aus dem Sachbuchprojekt nichts, was aber hauptsächlich daran lag, dass der Verlag nicht recht wusste, was er wollte. Aber der Kontakt zum Agenten war da, natürlich hatte er inzwischen auch die Leseproben auf meiner Homepage entdeckt und wollte gerne mehr von meinem aktuellen historischen Manuskript lesen. Es war noch nicht fertig, dennoch schickte ich es ihm. Er fand es gut und nahm mich unter Vertrag. Wenig später konnte er das Manuskript an Rowohlt verkaufen. Es ist 2005 unter dem Titel Tod im Beginenhaus als mein Debüt und Auftakt der inzwischen sehr erfolgreichen Adelina-Reihe erschienen.

Die Lehre, die ich aus diesen Ereignissen ziehe, gebe ich gerne an euch, liebe Leserinnen, liebe Leser, weiter: Wenn man einen Traum hat, muss man an ihn – und an sich selbst – glauben und darf niemals aufgeben. An jenem Tag, an dem ich meinen ersten Roman vollendet hatte, wusste ich, was ich sein wollte: eine Autorin. Ich wusste, dass ich es schaffen kann. Einfach war es nicht – ist es auch heute noch nicht immer. Aber „einfach“ hat mir auch niemals jemand versprochen.

Es mag vielleicht banal klingen, aber Träume können wahr werden. Deshalb träume ich auch heute noch, denn es gibt noch so viel zu erreichen, so viel zu erleben, so viele Geschichten zu erzählen.

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Tod im Beginenhaus
Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt-Taschenbuch, erschienen 01.10.2005, 352 Seiten, ISBN 978-3-499-239-47-2
8.99 Euro

Die Apothekerstochter. Der Medicus. Ein unbekannter Mörder.

Herbst in Köln. In einem Spital der Beginen stirbt ein verwirrter alter Mann. Und das war nur der erste Tote. Eine Seuche? Adelina, die Tochter des Apothekers, glaubt nicht daran. Doch wem nützt der Tod der armen Kranken?
So selbstlos sich die frommen Frauen um die Geistesschwachen kümmern, mit jeder Leiche rückt die Schließung des Beginenhauses näher. Adelina hegt einen Verdacht, und den will sie beweisen, sosehr ihr Vater um den Ruf seiner eigensinnigen Tochter fürchtet. Aber heiraten will die ohnehin nicht. Schon gar nicht ihren seltsamen Untermieter, den Medicus Burka. Oder vielleicht doch?
Buchklappentext, Quelle: www.rowohlt.de

Auf meiner Homepage findet ihr alle Infos zum Roman, eine Leseprobe, eine Online-Lesung und noch vieles mehr zu Tod im Beginenhaus sowie den anderen Adelina-Romanen.

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