Banner Textschnipsel Vier Pfoten am Strand

Den ersten Textschnipsel aus Vier Pfoten am Strand habe ich euch Ende November zu lesen gegeben, also ist es definitiv Zeit für einen weiteren. Diesmal habe ich mich für die Szene entschieden, in der meine Protagonisten sich zum ersten Mal gegenüberstehen.  Außerdem werden diejenigen, die Körbchen mit Meerblick gelesen haben, sich ganz besonders freuen, denn ihr werden auch ein paar alte Bekannte wiedertreffen.

Ich hoffe, ihr habt so viel Spaß beim Lesen wie ich beim Schreiben.

Aus dem 4. Kapitel

»Hallo Mel, schau mal, was ich euch mitgebracht habe.« Christina hob die Papiertüte mit den eingewickelten Krabbenbrötchen hoch, als sie Sybillas Schatztruhe betrat. »Mittagessen!«
»Oh, du bist ja ein Schatz!« An Melanies Stelle kam Deana Holthusen hinter dem alten, auf Hochglanz polierten Verkaufstresen hervor und umarmte Christina herzlich. Die Fünfzigjährige küsste sie fröhlich auf die Wange und schnappte sich dann die Tüte, um einen Blick hineinzuwerfen. Dabei strich sie eine Strähne ihres kurzen, dunkelroten Haars aus der Stirn und verdrehte genießerisch die Augen. »Genau, was wir jetzt brauchen, Mel. Krabbenbrötchen und … Hmmm, wie lecker, Kais Matjessalat.«
»Klingt himmlisch.« Mel hob den Blick von einer Rechnung, die sie gerade eingehend studiert hatte. »Brinkmann hat schon wieder den Rabatt falsch berechnet.«
»Dreh ihm bitte erst nach dem Essen einen Strick daraus, Mel.« Lächelnd kehrte Deana hinter den Tresen zurück und blickte Melanie über die Schulter. »So viel Zeit muss sein. Vor allem, wenn Christina uns derart verwöhnt. Wie kommen wir überhaupt zu der Ehre?«
Christina zuckte die Achseln. »Ehrlich gesagt hat Kai mir das Essen aufgenötigt. Er sagte irgendwas von einem Bild, das ihr ihm besorgt habt, für die Seemöwe, glaube ich, und dass er euch dafür bis in alle Ewigkeit dankbar sei.«
»Das Möwenbild.« Mel strich ihr schulterlanges, honigblondes Haar hinters Ohr. »Kai hat es im Internet entdeckt, aber laut der Seite er Künstlerin war es schon verkauft. Wir haben nachgeforscht und es ihm besorgt. Viel zu teuer, wenn du mich fragst, aber es passt einfach perfekt in sein Nobelrestaurant. Wenn wir jetzt dafür immer leckeres Essen aus dem Möwennest bekommen, hat sich der Aufwand ja gelohnt.«
Noch während sie sprach, ertönte ein langgezogenes Freudengeheul aus dem Obergeschoss, dann hörten sie Pfotentapser auf der Treppe und im nächsten Augenblick schoss ein schokoladenbrauner Wirbelwind auf Christina zu und warf sie beinahe um.
Lachend wehrte sie die Hündin ab, die sich vor Freude beinahe umbrachte. »Ist ja schon gut, Schoki. Man könnte meinen, wir hätten uns seit Jahren nicht gesehen. Ja, ja, ich freue mich auch. Aber pass ein bisschen mit meinen Klamotten auf. Die sind fast neu und frisch gewaschen.« Während Christina sprach machte sie die erforderlichen Handzeichen, damit Schoki auch wirklich wusste, was sie eigentlich von ihr wollte.
Nur widerwillig beruhigte sich die Hündin etwas und setzte sich. Mit erwartungsvollem Blick studierte sie nun die Tüte, die Deana auf dem Tresen abgestellt hatte. Dabei sah es aus, als würde ihre Nase immer länger.
»Nichts da, das ist unser Mittagessen.« Lachend zog Mel die Tüte ein wenig vom Tresenrand weg. Neugierig musterte sie ihre Schwägerin. »Sag mal, hast du gleich ein Date? Du siehst ja richtig schick aus.«
»Zu schick?« Besorgt sah Christina an sich hinab. Sie trug eine schmal geschnittene Stoffhose in Dunkelblau und dazu eine auf Figur geschnittene kurzärmlige weiße Bluse mit modischen Rüschen an der Knopfleiste.
»Kommt drauf an wofür.« Deana betrachtete sie wohlwollend. »Ich finde, die Sachen stehen dir ganz ausgezeichnet. Man ist sie nur nicht an dir gewöhnt, zumindest nicht an einem normalen Werktag.«
»Ich wusste, es ist zu viel.« Christina seufzte und schüttelte ihre langen, hellbraunen Locken, die sie ausnahmsweise nicht zu einem praktischen Zopf gebunden, sondern nur an den Schläfen mit Klämmerchen zurückgenommen hatte. »Aber was soll’s. Lieber overdressed als underdressed.«
»Was hast du denn vor?« Melanie wickelte eines der Krabbenbrötchen aus und biss hinein.
»Nichts Großartiges. Ich dachte nur, ich schaue mal bei Ben Brungsdahl rein.« Christina fixierte Melanie. »Bei dem Ben Brungsdahl, von dem du mir nicht erzählt hast, dass er die nächsten drei Monate hier in Lichterhaven sein wird. In Sybillas Haus!«
Melanie hob überrascht die Augenbrauen. »Entschuldige, das muss mir entfallen sein. Du warst doch letzte Woche auf diesem Lehrgang und irgendwie hab ich das dann ganz vergessen. Er hat ziemlich kurzfristig gebucht und Glück gehabt, dass ich für diesen Sommer noch keine Gäste aufgenommen hatte. Zu ihm willst du also? Warum? Willst du ihn verführen?«
»So ein Quatsch!« Lachend winkte Christina ab. »Nein, er war am Samstag bei der Hundeschule, weil er anscheinend mit seinem Hund nicht klarkommt.«
»Ja, davon habe ich auch schon gehört«, mischte Deana sich ein und nahm sich das zweite Brötchen aus der Tüte. »Ich habe am Montag Elke Dennersen auf der Straße getroffen und sie hat mir erzählt, dass der Hund ziemlich eigensinnig zu sein scheint. Und kräftig. Eine Amerikanische Bulldogge.«
»Stimmt, kräftig ist Boss«, bestätigte Melanie. »Der wird schon so seine fünfzig Kilo auf die Waage bringen. Und stur wie ein Esel. Hat auf kein einziges Kommando gehört und dauernd so ausgesehen, als wäre er tödlich beleidigt. Herr Brungsdahl hat es erstaunlich gelassen hingenommen. Ich weiß nicht, ob ich mit so einem Tier zurechtkäme. Schoki ist da so ganz anders.« Lächelnd streichelte sie der Hündin über den Kopf, die inzwischen um den Tresen herum gegangen war und sich auf die Füße ihres Frauchens gesetzt hatte.
»Könnte ein interessanter Job werden.« Christina schob die Hände in die Hosentaschen. »Er war seither nicht mehr in der Hundeschule, deshalb dachte ich, ich gehe mal bei ihm vorbei und stelle mich vor.«
»Also doch eine Verführung, nur nicht erotischer Natur, sondern hinsichtlich einer Zusammenarbeit mit dir?« Melanie schmunzelte. »Hast du schon gehört, dass er verboten gut aussieht? Hast du dich deshalb so in Schale geworfen?«
»Wie er aussieht, weiß jeder, der schon mal eine Zeitschrift gelesen hat«, befand Deana.
»Na ja.« Verlegen hob Christina die Schultern. »Ich will keinen Eindruck schinden oder so. Aber ihr wisst, dass ich Fan seiner Kunstwerke bin. Wenn ich den Meister jetzt höchstpersönlich kennenlernen darf, will ich wenigstens einigermaßen präsentabel aussehen. Der erste Eindruck zählt schließlich. In Jeans und Arbeitsweste wird er mich später noch oft genug zu sehen bekommen. Jedenfalls wenn er tatsächlich einen Kurs bei mir belegt.«
»Ich glaube schon, dass er das tun wird.« Melanie wischte sich mit einer Serviette über die Lippen. »Er kam mir sehr bemüht vor, was Boss angeht, aber wahrscheinlich hat er null Ahnung von Hunden. Er hat Boss adoptiert, weil er ihm leidtat, und steht jetzt da wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg.«
»Und wie ist er sonst so? Luisa hat in einer Tour geschwärmt, wie nett er sei.«
»Das ist er wirklich«, bestätigte Melanie. »Ich meine, ich hatte ja schon ab und zu mit ihm Kontakt, aber meistens nur per E-Mail oder Telefon, da fand ich schon immer, dass er eine angenehme Art hat. Persönlich ist er sogar richtig charmant. Es wundert mich, dass ihn sich noch keine Frau geschnappt hat. Solche Exemplare, wo das Gesamtpaket stimmt, findet man schließlich nicht so oft.« Sie lächelte versonnen und Deana stieß sie schmunzelnd an.
»Du musst dich gerade beschweren. Mit Alex hast du doch wohl den absoluten Glücksgriff getan.«
»Ich beschwere mich doch gar nicht. Würde mir im Traum nicht einfallen. Ich meine ja nur. Ben Brungsdahl ist reich, gebildet, Künstler, sieht gut aus und ist charmant. Die Frauen müssten sich eigentlich um ihn schlagen. Aber man hört kaum etwas über sein Privatleben, das scheint er weitgehend unter Verschluss zu halten. Verheiratet ist er jedenfalls nicht und ich glaube, eine Freundin hat er auch nicht, sonst wäre er doch nicht für drei Monate allein hierhergekommen.«
»Vielleicht hat er ein paar Leichen im Keller.« Christina grinste. »So wie ihr ihn nämlich beschreibt, ist er fast schon zu perfekt. Da schwimmt garantiert irgendwo ein Haar in der Suppe.«
»Vielleicht ist er auch nur wählerisch«, wandte Deana ein. »Ich für meinen Teil fand ihn damals schon nett, als er Sybilla besucht hat.«
Melanie nickte. »Ich bin sicher, ihr werdet euch gut verstehen. Er machte auf mich den Eindruck eines sehr weltoffenen Mannes, der gerne dazulernt. Und was Boss angeht, ist, fürchte ich, dieses Lernen dringend nötig. Aber da er von sich aus bei deiner Hundeschule vorbeigeschaut hat, nehme ich an, dass ihm dieser Umstand bewusst ist. Du kannst dich also bestimmt auf einen einsichtigen Schüler freuen. Richte ihm einen schönen Gruß von mir aus, wenn du bei ihm vorbeischaust.«
»Von mir bitte auch.« Deana nahm die beiden Schüsseln mit dem Matjessalat aus der Tüte und reichte eine davon Melanie. »Wir werden uns in der Zwischenzeit der Völlerei widmen.«
»Dann mache ich mich mal auf den Weg zu Sybillas Haus.« Christina wandte sich zur Tür.
»Nein, warte, so weit brauchst du gar nicht zu laufen«, hielt Melanie sie auf. »Ich habe sein Auto vorhin drüben am Lagerhaus gesehen. Wahrscheinlich richtet er sich gerade in seiner neuen Werkstatt ein. Du hättest mal die Mengen an Stein, Eisen, Plastik und was weiß ich nicht alles sehen sollen, die dort letzte Woche angeliefert worden sind. Ich bin gespannt, was er daraus machen wird.«
»Okay, dann bis später mal. Tschüss Schoki.« Christina kraulte die Hündin, die ihr bis zur Tür gefolgt war, kurz hinter den Ohren und verließ den Laden.
Das Lagerhaus, das Ben Brungsdahl gemietet hatte, lag zwischen den Hafenanlagen und einer alten, baufälligen Werft, die schon seit über zehn Jahren nicht mehr genutzt wurde. Als ihr Blick auf das Werftgelände fiel, runzelte sie überrascht die Stirn, weil vor dem Gebäude, das einmal die Büros und Planungsräume beherbergt hatte, zwei silberne SUVs parkten. Die Eingangstür stand offen und in einer der Werkstatthallen sah sie zwei Männer herumlaufen, die Zollstöcke in Händen hielten. Einer von ihnen machte mit seinem Smartphone eifrig Fotos. Erkennen konnte sie die Männer auf die Entfernung nicht, aber sie fragte sich sofort, was wohl dort vor sich gehen mochte. Ob jemand das Werftgelände gekauft hatte? Sie erinnerte sich noch daran, wie geschäftig es dort früher zugegangen war. Dann aber hatte Carl Verhoigen, ein reicher Unternehmer, der gebürtig aus Lichterhaven stammte, den Eigentümer, der aus irgendwelchen Gründen in Zahlungsnot geraten war, unter Druck gesetzt und die Werft schließlich übernommen. Die Gerüchte besagten, dass es sich dabei um einen Kleinkrieg zwischen zwei ehemals guten Freunden gehandelt hatte, der jäh endete, als der unterlegene frühere Werftbesitzer an einem Herzinfarkt starb. Seitdem tat sich auf dem Gelände nichts mehr. Selbst der letzte bereits zur Hälfte fertiggestellte Fischkutter stand noch wie ein trauriges Mahnmal in der hintersten Werkstatthalle und rostete vor sich hin. Verhoigen weigerte sich standhaft, die Werft zu verkaufen – zumindest bisher. Vielleicht hatte er jetzt seine Meinung endlich geändert. Der Lichterhavener Stadtrat, so wusste Christina, denn ihr Vater war Ratsmitglied, versuchte schon seit vielen Jahren, den Unternehmer zur Einsicht zu bewegen, denn die Werft war inzwischen zu einer der letzten unansehnlichen Stellen in dem ansonsten liebevoll herausgeputzten Touristenort verfallen.
Christina beschloss, ihren Vater bei nächster Gelegenheit zu fragen, ob er etwas über einen Wechsel der Besitzverhältnisse der Werft wusste, und steuerte nun zielstrebig auf die zweiflüglige Eingangstür an der linken Seite des Lagerhauses zu. Dieses Gebäude, so fiel ihr ein, gehörte ebenfalls Carl Verhoigen. Zuletzt hatte es als Unterstand für die Fahrzeuge eines Großbauern gedient, der nun am Stadtrand neue Hallen für seinen Fuhrpark gebaut hatte. Vermutlich war ihm der Weg durch die Stadt mit den großen Traktoren und dem Mähdrescher zu umständlich geworden, ganz abgesehen davon, dass sich die umliegenden Geschäftsleute über den Schmutz beschwert hatten, den Landmaschinen nun einmal verursachten. Vielleicht wusste ja sogar Ben Brungsdahl etwas über die Werft, weil er mit Verhoigen darüber gesprochen hatte. Immerhin lag die Lagerhalle fast in direkter Nachbarschaft zur Werft.
Als sie den Eingang erreichte, schallte ihr aus dem Inneren des Gebäudes Metallicas The Unforgiven entgegen, unterlegt mit einem metallischen Hämmern, das sich gleich darauf mit dem Kreischen eines Winkelschleifers abwechselte. Offenbar hatte der Künstler bereits mit einem neuen Projekt begonnen.
Zögernd hob Christina die Hand und klopfte an die Stahltür, doch natürlich konnte Ben Brungsdahl das bei dem Lärm nicht hören. Versuchsweise betätigte sie die Türklinke, stellte fest, dass er nicht abgeschlossen hatte, und trat beherzt ein. Sie wollte ihn keinesfalls stören, aber eine Mischung aus Neugier und Geschäftssinn trieb sie an.
Zunächst einmal sah sie sich einem riesigen Stapel Holzkisten und Kartons gegenüber, von denen einige aufgerissen waren. Als sie sie umrundete, entdeckte sie die von Melanie erwähnten Steine verschiedenster Größen und Färbungen, von höchstens handtellergroß bis mannshoch, weiß, grau, bläulich schimmernd und sogar schwarz. Weiter hinten konnte sie eine weiß-grüne Marmorplatte erkennen und am hinteren Ende der Halle einen Berg Eisenrohre, -platten und Kugeln. Daneben etwas, das wie ein riesiges aufgerolltes Metallnetz aussah und noch einige weitere Werkstoffe, die sie auf den ersten Blick keinem ihr bekannten Material zuordnen konnte. An der rechten Wand entlang waren Werkbänke aufgestellt, über denen Stahlplatten mit Haken für Werkzeuge sowie Regalbretter angebracht waren. Hier war noch nichts eingeräumt, vermutlich befanden sich die Utensilien, die für das Ordnungssystem vorgesehen waren, alle noch in den Kisten und Kartons.
Das alles erfasste Christina mit nur wenigen Blicken, doch angezogen wurde ihre Aufmerksamkeit von dem Mann, der mitten in der Halle stand und gerade mit einer Eisensäge ein rostig aussehendes Rohr in zwei Hälften teilte. Neben ihm auf dem Boden lagen bereits mehrere dünne Rohre und eckige sowie ovale Eisenplatten von unterschiedlicher Größe.
The Unforgiven wechselte zu Nothing else matters. Der Künstler war wohl ein Metallica-Fan.
Er stand mit dem Rücken zu ihr, deshalb konnte Christina ihn nur von hinten sehen, doch was sie erkennen konnte, war durchaus präsentabel. Sein Haar war blond und reichte ihm bis knapp an den Hemdkragen. Es wirkte leicht verwuschelt, so als wäre er mehrfach mit der Hand hindurchgefahren. Seine Beine steckten in gut sitzenden Bluejeans, die ein sehr ansehnliches Hinterteil sowie kräftige Beine betonten. Die Ärmel des graublau gestreiften Flanellhemdes hatte er bis zu den Ellenbogen hochgerempelt. Darüber trug er, wie sie überrascht feststellte, eine schwere Lederschürze, durch deren Träger seine breiten Schultern deutlich hervorgehoben wurden.
Für einen langen Moment starrte Christina nur fasziniert zu ihm hinüber, dann bemerkte sie den Hund, der, ebenfalls mit dem Rücken zu ihr, ein Stück von Brungsdahls Arbeitsplatz entfernt auf einer braunen Decke lag und zu schlafen schien. Sie hätte den Kopf über die Verantwortungslosigkeit geschüttelt, den Hund solchem Lärm auszusetzen, doch Boss trug einen speziellen Gehörschutz für Hunde auf den Ohren, sodass ihm weder die Musik noch das Kreischen von Säge oder Winkelschleifer etwas ausmachten.
Anerkennend nickte Christina vor sich hin und beschloss, auf sich aufmerksam zu machen. »Herr Brungsdahl?« Entschlossen trat sie auf ihn zu. »Entschuldigen Sie, dass ich hier so einfach hereinplatze, aber Sie waren am vergangen Samstag in meiner Hundeschule und da dachte ich …«
»Wie?« Die Säge ging aus und er fuhr zu ihr herum. »Was soll das? Was haben Sie hier zu suchen? Raus hier!«
Erschrocken machte Christina einen Schritt zurück, als der sichtlich erboste Mann auf sie zu kam. Er besaß ein markantes Gesicht mit hohen Wangenknochen und energischem Kinn, das durch den sehr kurz gestutzten Oberlippen- und Kinnbart noch betont wurde. Er war trotz der nicht sehr ansehnlichen Schutzbrille, die er auf der Nase trug wirklich noch attraktiver als auf den Fotos, die sie in den einschlägigen Zeitschriften gesehen hatte. Luisa hatte recht gehabt. Doch im Moment wirkte er auch ziemlich furchteinflößend mit seiner zornig verzerrten Miene. Außerdem war er einen guten halben Kopf größer als Christina, sodass sie gezwungen war, den Kopf zu heben, um ihm ins Gesicht zu sehen.
Im selben Moment, als er sich zu ihr umgedreht hatte, erhob sich auch der Hund und bellte dunkel in ihre Richtung.
Was ist los? Wer ist das?
Instinktiv hob sie beschwichtigend die Hände. »Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken oder …«
»Machen Sie, dass Sie hier rauskommen!« Seine zornig erhobene Stimme wurde noch lauter. »Sie haben hier nichts zu suchen. Verschwinden Sie auf der Stelle!«
Boss kam langsam näher und bellte erneut.
Keine Ahnung, warum du hier nicht erwünscht bist, aber du hast mich geweckt, also bin ich sauer. Auch wenn du eigentlich ganz nett aussiehst. Hau ab.
Vollkommen perplex wich Christina noch einen Schritt zurück. »Tut mir leid, ich wollte nur …«
»Es interessiert mich einen Scheißdreck, was Sie wollten. Machen Sie sich vom Acker, verdammt noch mal. Sehen Sie nicht, dass ich hier arbeite?«
Ja, genau, er arbeitet. Halt, Moment, habe ich da gerade Ben verteidigt? Ach, was soll’s. Hier geht es ums Prinzip. Ich will meine Ruhe.
»Doch, natürlich sehe ich das. Ich dachte nur …«
»Denken Sie gefälligst woanders. Raus!«
Genau. Wau.
Trotz der leicht getönten Schutzbrille konnte sie die wütend blitzenden blauen Augen des Mannes erkennen, und sie beschloss, dass es sicherer war, der Aufforderung umgehend Folge zu leisten. Wortlos machte sie kehrt und verließ die Lagerhalle wieder. Noch bevor sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, kreischte die Säge erneut los.
»Na, danke sehr.« Missmutig starrte sie auf das schlichte, grau verputzte Gebäude, hinter dessen Mauern sich der wohl unfreundlichste und unverschämteste Mann aufhielt, dem sie je begegnet war. Das sollte der ach so nette und charmante Ben Brungsdahl sein? Verärgert wandte sie sich ab und entfernte sich von der Tür. »Weißt du was? Du kannst mich mal. Auf einen wie dich kann ich ausgezeichnet verzichten.«
»Autsch, das tut weh. So hatte ich mir den Empfang in Lichterhaven nicht gerade ausgemalt.« Die dunkle, amüsiert klingende Männerstimme riss sie unvermittelt aus ihren Gedanken und ließ sie abrupt den Kopf heben.
Für einen Moment blickte sie den schwarzhaarigen Mann mit dem kantigen Kinn, den strahlend blauen Augen und dem Dreitagebart irritiert an, dann wäre ihr beinahe die Kinnlade heruntergeklappt. »Lars?« Sie kniff die Augen zusammen. »Lars Verhoigen? Bist du das?«
»Und ich hatte gedacht, dass ich mich nicht so sehr verändert hätte. Optisch meine ich. Hallo Christina. Lange nicht gesehen.« Er grinste breit.

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