Das Jahr 2021 ist bereits einen Monat alt und das ist, finde ich, ein guter Anlass, um euch einen ersten Textschnipsel aus meinem nächsten historischen Roman Das Kreuz des Pilgers zu präsentieren. Wenn ihr mein Schreibtagebuch zum Roman verfolgt, habt ihr ja schon ein paar Textschellen von mir zu hören bekommen. Selbstverständlich seid ihr herzlich eingeladen, euch die bisherigen Tagebucheinträge im #schiertagebuch noch einmal oder erstmals anzuschauen bzw. anzuhören. Die Tradition der Textschnipsel möchte ich aber dennoch weiter aufrechterhalten.

Wie immer gilt: Dies ist ein noch unlektoriertes Stück Text. Wer Tippfehler oder stilistische Unebenheiten findet, darf sie behalten. ;-)

Viel Spaß bei diesem Schnipsel aus dem 2. Kapitel

Leise ging Reinhild die wenigen Schritte bis zum Rand des Lagers und von dort aus zu dem lustig glucksenden Bach, der die Ebene durchzog und sich weiter im Norden zwischen zwei Hügeln hindurch in die Ferne schlängelte. Es war bereits weit nach Mitternacht, doch sie konnte einfach nicht einschlafen. Deshalb hatte sie sich eine einfache Leinenhaube über ihr geflochtenes blondes Haar gezogen und ein leichtes Wolltuch um die Schultern geschlungen und ihre Schlafstätte verlassen. Seit sie vor zwei Tagen mit ihrem Gemahl und der bewaffneten Handelskarawane von Zürich herübergekommen und zu der Gruppe aus Pilgern und Kaufleuten gestoßen war, die kürzlich erst den Alpenpass überquert hatten, fühlte sie sich zerrissen. Glücklich einerseits, denn der Reisegruppe hatte, wie erhofft, auch Palmiro angehört, den sie schon so schrecklich lange nicht gesehen hatte. Er war vor anderthalb Jahren auf eine Pilgerreise ins Heilige Land aufgebrochen und auch wenn er hin und wieder Briefe geschickt hatte, war sie doch in beständiger Sorge um sein Wohlergehen gewesen, so wie ihre Familie und Freunde. Sie kannte Palmiro schon ihr gesamtes Leben – oder doch zumindest fast. Als sie gerade vier Jahre alt gewesen war, hatte Don Antonio, ein Freund der Familie, den damals nicht einmal zehnjährigen Knaben aus Mailand mitgebracht. Palmiro hatte kaum die deutsche Sprache über die Zunge gebracht und alle waren verblüfft gewesen, als Don Antonio verkündet hatte, der ehemalige Gassenbengel sei sein Ziehsohn und ihm so lieb und wichtig wie sein eigen Fleisch und Blut. Heute, siebzehn Jahre später, verstand Reinhild natürlich besser, was damals geschehen war und welch schreckliches Schicksal nicht nur Palmiro, sondern auch Don Antonio selbst widerfahren war. Wegelagerer hatten die Handelskarawane überfallen, mit der die beiden gereist waren, und hatten ein schreckliches Blutbad angerichtet, dem auch Antonios Gemahlin zum Opfer gefallen war. Palmiro war so schwer verletzt worden, dass man um sein Leben hatte bangen müssen. Ein Akt der Rache war jener Überfall gewesen, hatte Don Antonio später zugegeben, weil er zuvor dem Anführer der Galgenschwengel bei einem Überfall auf eine Taverne das Pferd entwendet hatte.
Der Rappe, ein stolzes, wunderschönes Tier, stand noch heute in Don Antonios Stall und tat sich am Gras der Weiden gütlich, die zum Anwesen des Kaufmanns gehörten. Das Tier mochte bereits an die zwanzig Jahre alt sein und genoss nun sein Gnadenbrot, nachdem es Don Antonio viele Jahre lang treu als Reittier gedient hatte.
Palmiro war nicht nur Reinhild sehr bald wie ein Familienmitglied lieb geworden, sondern auch ihren Brüdern und ihrer Schwester, ebenso wie den Söhnen und Töchtern der reichen Gewürz- und Weinhändlerfamilie Wied, die der ihren eng verbunden war. Als sie alle noch Kinder gewesen waren, hatten sie viel Zeit miteinander verbracht – und Unsinn angestellt. Oder vielmehr hatten zumeist die anderen den Schabernack getrieben und Reinhild hatte Schmiere gestanden oder sich eine Ausrede einfallen lassen müssen, um die Missetäter vor Strafe zu schützen. Sie war nie sehr abenteuerlustig gewesen – im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester Mariana, die Unbill geradezu anzuziehen schien. Doch im diplomatischen Umgang mit ihrem Vater hatte sie stets ein besonderes Talent besessen, das sie vermutlich von ihrer Mutter geerbt hatte.
Mit einem amüsierten Lächeln dachte Reinhild an jene Kindertage zurück und setzte sich auf einen Stein am Ufer des Bachs. Nach kurzem Zögern streifte sie ihre Schuhe ab und tauchte ihre Füße in das kühle Nass. Sie hatte sich ein gutes Stück weiter vom Lager entfernt, als sie eigentlich vorgehabt hatte, doch dieser Stein hier war einfach perfekt und die Nacht wunderbar lau und friedlich. Gottfried, ihr Gemahl, lag bereits seit kurz nach Einbruch der Dunkelheit unter seinen Decken vergraben und schlief tief und fest. Zunächst hatte sie noch versucht, sich zu beruhigen, indem sie sich fest an ihn gekuschelt hatte. Doch jene Zerrissenheit, die ihr das Herz schwermachte, hatte sich einfach nicht abschütteln lassen. Denn das Zusammentreffen mit Palmiro hatte nicht nur die Freude des Wiedersehens in ihr geweckt, sondern auch all jene anderen Gefühle, die sie schon so lange tief in ihrem Herzen verbarg und über die sie mir keiner Menschenseele reden konnte. Liebe befand sich darunter. Tiefe, unverbrüchliche Liebe, doch zugleich auch das Wissen, dass sie ein Geheimnis teilten, das, sollte es je ans Tageslicht kommen, entsetzliche Schande über sie bringen würde. Und vielleicht sogar Schlimmeres.
Sie hatte Gottfried vor fünf Jahren aus Liebe geheiratet – einer tiefen, ganz und gar besonderen Liebe, wie sie vielleicht niemand sonst auf dieser Erde begreifen würde. Und aus Dankbarkeit, weil er sie mit dieser Ehe letztlich aus einer schrecklichen, von ihr selbst verschuldeten Situation errettet hatte. Schon als Kinder waren sie ein Herz und eine Seele gewesen und das hatte sich bis zum heutigen Tage nicht geändert, obgleich sie ihm einst viel Herzeleid verursacht hatte. Niemand anderer als Gottfried hätte ihr verziehen, da war sie sich sicher. Er besaß ein so reines und gütiges Herz! Und dennoch stand etwas zwischen ihnen. Eine andere Liebe, wild, ungebändigt, gegen jeden Brauch und jede Sitte, fern von Anstand und dem, was die Heilige Mutter Kirche durch ihre Priester beharrlich und mit Vehemenz als rechtens verkündete.
Ehebruch. Allein das Wort zu denken, führte schon dazu, dass man sich mit einem Bein ins höllische Fegefeuer begab. Doch Reinhild war sehenden Auges in dieses Netz aus Heimlichkeiten und drohender Schmach getreten und machtlos gegen die tiefen Gefühle, die es gewoben hatten.

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Dokumentation zum Projektstipendium für “Das Kreuz des Pilgers”

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Das Kreuz des Pilgers

Petra Schier

Historischer Roman
HarperCollins Taschenbuch & eBook
ca. 400 Seiten
ISBN 978-3749901-58-6
11,- Euro / eBook 8,99 €

Erscheint am 24. August 2021.

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