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Vor lauter Schreibtagebuch habe ich ganz vergessen, euch mal wieder einen Textschnipsel aus dem dritten Band der Lombarden-Reihe zu kredenzen. Da nun aber (vor allem in den sozialen Netzwerken) die fordernden stimmen laut wurden und mich daran erinnert haben, bekommt ihr heute einen weiteren kleinen Einblick in das Manuskript. Diesmal direkt aus den Umbruchfahnen. Wenn ihr jetzt noch einen Fehler findet, ist er mir und den Korrektoren durchgegangen und wird ziemlich wahrscheinlich im Buch landen.

 

Aus dem 6. Kapitel

Vinzenz kochte vor Zorn. Das war beileibe kein Zustand, in dem er sich wohlfühlte, zumindest nicht, wenn er in seiner Eigenschaft als Gewaltrichter einen kühlen Kopf zu bewahren hatte. Doch Aleydis’ entgeisterte Miene stand ihm vor Augen, ihr angsterfüllter Blick wollte nicht aus seiner Erinnerung weichen.
Selbst angesichts ihres toten Gemahls hatte sie nicht so entsetzt, so hilflos gewirkt. Hilflosigkeit passte nicht zu ihr. Sie war noch jung und mochte auf den ahnungslosen Betrachter unbedarft wirken mit ihrem gelockten Blondhaar und den großen blauen Augen. Nicht umsonst war Nicolais Kosename für sie Püppchen gewesen. Doch Vinzenz wusste inzwischen, dass sich viel mehr hinter dem hübschen Gesicht verbarg. Ein scharfer Verstand, leider gepaart mit einer ebensolchen Zunge, zumindest wenn sie ihren Willen durchsetzen oder ihn davon überzeugen wollte, dass ihre Ansichten den seinen überlegen waren. Er hatte sich weiß Gott schon unzählige Male rechtschaffen über sie geärgert, war mit ihr aneinandergeraten, hatte ihre Sicht auf die Dinge zurechtgerückt, wenn es vonnöten gewesen war. Doch ihr schreckensbleiches Antlitz, als sie auf der Straße vor ihm gestanden hatte, war nichts im Vergleich zu jeglichem Ärger, den er in ihrer Gegenwart jemals verspürt hatte. Er befand sich am Rande der Weißglut – und vermied es standhaft, sich auch noch das Entsetzen der beiden Kinder vorzustellen, um nicht gänzlich die Beherrschung zu verlieren.
Er hatte kurz mit einigen Nachbarn gesprochen, sich dann dem Gesinde gewidmet, und mittlerweile hatte er einen einigermaßen guten Überblick über die Geschehnisse. Auch Wardo hatte er aufgesucht, den Augustin und Lutz im Stall aufs Stroh gelegt hatten. Der Knecht hatte inzwischen das Bewusstsein wiedererlangt, war aber natürlich keine große Hilfe, da Hartliebs Knechte ihn gleich bei ihrem Eindringen niedergeschlagen hatten und er sich an nichts erinnern konnte.
Als Vinzenz mit seinen Befragungen fertig war, saß Aleydis in der gut geheizten Stube vor einem Becher Wein, den sie jedoch nur dumpf anstarrte. Sie sprang auf und stieß dabei den Becher beinahe um. Symon, der neben der Tür ausgeharrt hatte, warf Vinzenz einen eindringlichen Blick zu und zog sich zurück.
Leicht irritiert sah Vinzenz dem Eunuchen nach, zog dann aber die Tür hinter sich ins Schloss und trat auf Aleydis zu. «Setzt Euch wieder hin. Ihr seid bleich wie eine Tote.»
«Ich kann jetzt nicht ruhig herumsitzen und nichts tun.»
Fahrig schob sie den Zinnbecher näher an den Weinkrug heran und kratzte dann mit dem Finger an dem Fleck, der sich gebildet hatte, als sie den Becher beinahe umgestürzt hatte.
«Ich habe nicht gesagt, dass Ihr nichts tun, sondern dass Ihr Euch setzen sollt. Niemandem ist geholfen, wenn Ihr umkippt.» Ungewollt richtete sich sein Zorn gegen sie. Der hilflose Ausdruck in ihren Augen setzte ihm viel mehr zu, als ihm lieb war.
«Ich kippe nicht um.» Sie blickte an ihm vorbei auf einen Punkt an der Wand. «Er hat die Mädchen verschleppt, Vinzenz. Er hat sie einfach so mitgenommen.» Ihr Kopf hob sich ruckartig. «Wie geht es Wardo? O mein Gott, ist er schwer verletzt? Ich habe noch gar nicht nach ihm gesehen.»
«Er hat eine Beule und einen ordentlichen Brummschädel, das vergeht wieder.» Er bemühte sich redlich um Ruhe, doch allmählich verließ ihn die Beherrschung. «Setzt Euch endlich.
Im Stehen lässt es sich nicht gut reden.»
«Es gibt nichts zu reden.» Sie schluckte, rieb sich mit den Händen über Wangen und Stirn. Dann sah sie ihm zum ersten Mal direkt in die Augen. «Ich will Klage gegen Hartlieb de Piacenza erheben, und zwar wegen Entführung meiner beiden Mündel Marlein und Ursel. Er hat sie unrechtmäßig aus diesem Haus geholt, und es ist mir vollkommen egal, wie viele Schreiben vom Bonner Hochgericht er mitgebracht hat.» Sie sog hörbar die Luft ein. «Ich will die Mädchen zurück.» Die letzten Worte kamen nur noch leise und zittrig über ihre Lippen. Ihre Augen begannen zu glänzen.
Ein Schwerthieb hätte ihn nicht schmerzhafter treffen können. «Gott verdammich, Aleydis!» Mit einem Schritt war er bei ihr und zog sie ruppig in seine Arme.
Sie prallte gegen seine Brust und blieb dort, stocksteif, das Gesicht gegen sein Wams gepresst, genau an der Stelle, an der sein Herz schnell und schmerzhaft pochte. Fast hatte er den Eindruck, dass sie nicht einmal mehr atmete. Im nächsten Moment fuhr sie zurück, die Augen weit aufgerissen, starrte sie ihn an. «Was … ?» Er sah, wie sie schluckte. «Was soll das?»
Verärgert verdrehte er die Augen. «Nach was sah es denn aus? Ich bin kein Seelentröster, das habe ich Euch schon einmal gesagt. Aber Ihr seht aus, als würdet Ihr gleich zusammenbrechen.»
«Nein.»
«Was nein?»
«Ihr seid kein Seelentröster.»
«Endlich habt Ihr es begriffen.» Fluchend zog er sie erneut an sich, als sie zu weinen begann. «Und dennoch wird dies allmählich zur Gewohnheit», brummte er, das Kinn auf ihr Haupt gebettet. Er hörte sie unterdrückt schluchzen und schniefen, spürte das Zucken ihrer Schultern und hätte in diesem Moment alles darum gegeben, die Angst und Sorgen, die sie schüttelten, vertreiben zu können – falls nötig mit Waffengewalt.
Weinende Weiber waren für keinen Mann ein angenehmer Anblick. Doch Tränen bei einer Frau wie Aleydis ähnelten so ziemlich dem, was Vinzenz sich unter dem höllischen Fegefeuer vorstellte. Schweigend hielt er sie fest, unfähig, sie mit irgendwelchen tröstenden Floskeln zu überhäufen, die in einer solchen Situation angebracht gewesen wären. Beinahe hätte er resignierend die Augen verdreht, als sich die Tür einen Spaltbreit öffnete und seine Schwester Alba den Kopf hereinstreckte.
Sie erfasste die Situation mit einem Blick, nickte ihm kurz zu und zog sich sogleich wieder zurück. Wunderbar. Was hatte sie ausgerechnet jetzt hier zu suchen? Vielleicht sollte er das Trösten ihr überlassen. Als Frau war seine Schwester dafür deutlich besser geeignet. Doch er rührte sich nicht vom Fleck. Es war ihm schlicht unmöglich, die weinende Aleydis jetzt loszulassen. Gott verdammich!
«Wollt Ihr Euch nun allmählich wieder beruhigen und endlich hinsetzen?», knurrte er, als er spürte, wie das Weinen allmählich in ein ruhigeres Schniefen überging. «Eine verständige Frau wie Ihr sollte doch inzwischen wissen, dass Tränen ein Problem mitnichten lösen. Solch törichtes Verhalten solltet Ihr überdies in der Öffentlichkeit unterlassen, denn es schwächt Eure Position Eurem Widersacher gegenüber.»
«Glaubt Ihr nicht, dass ich das selbst weiß?» Mit dem Ärmel ihres Kleides tupfte Aleydis sich über Augen und Nase und trat gleichzeitig einen Schritt zurück, sodass Vinzenz eigentlich gezwungen gewesen wäre, sie loszulassen.
Er ließ seine Hände jedoch über ihre Schultern und Arme nach unten gleiten und hielt sie dann an den Handgelenken fest. «Ich glaube, dass de Piacenza Euch zielgenau an Eurer verwundbarsten Stelle getroffen hat. Ein kluger Schachzug, denn jeder, der Euch kennt, kann sich denken, dass Ihr alles tun würdet, um die Mädchen zurückzubekommen.»
Aleydis schluckte, starrte auf seine Hände, die sie fest an Ort und Stelle hielten. Sehr langsam hob sie den Kopf. «Ihr glaubt, er hat die Mädchen gar nicht wegen der Vormundschaft entführt?»
«Glaubt Ihr das denn?» Nun ließ er sie doch los, jedoch nur, um sie resolut zu ihrem Stuhl zu schieben. Diesmal setzte sie sich ohne Widerstand. Vinzenz wählte den Platz ihr gegenüber.
«Nun komm schon herein, Alba!», sagte er mit nur leicht erhobener Stimme. «Das Lauschen an fremden Türen zeugt nicht gerade von Wohlerzogenheit.»

 

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Hat Liebe einen Preis?

Köln, anno domini 1424: Im Haus von Aleydis de Bruinker zieht einfach keine Ruhe ein. Betrugsversuche in ihrer Wechselstube, übermütige Verehrer, das kriminelle Erbe ihres verstorbenen Mannes … mit all dem muss Aleydis sich fast täglich auseinandersetzen. Und trotz dieser Widrigkeiten kommt sie bestens zurecht, auch ohne Mann. Auch ohne Vinzenz van Clewe, obwohl sie zugeben muss, dass der gutaussehende Gewaltrichter bisweilen durchaus hilfreich sein kann. Doch dann erlebt Aleydis ihren schlimmsten Alptraum: Ihre Mündel werden entführt. Aleydis setzt alles daran, die Mädchen zurückzubekommen. Koste es, was es wolle …

 

Die Rache des Lombarden

Petra Schier

Historischer Roman
Rowohlt-Taschenbuch & eBook
ca. 384 Seiten
ISBN 978-3-499275-00-5
11,- Euro / eBook 9,99 €

Erscheint am 26. Januar 2021.

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