Es ist schon eine kleine Ewigkeit her, dass ich euch einen Textschnipsel aus einem meiner Manuskripte präsentiert habe. Die letzten Monate waren dazu einfach viel zu chaotisch. Doch da in sechs Wochen der zweite Band meiner Pilger-Trilogie, Das Geheimnis des Pilgers, das Licht der Welt (oder vielmehr des Buchhandels) erblicken wird, habe ich euch doch mal wieder einen Ausschnitt herausgesucht. Es handelt sich um ein Stück aus dem ersten Kapitel, in dem eine historisch belegte Person mit einer meiner weiblichen Hauptfiguren, Reinhild, zusammentrifft. Die Jüdin Reynette Bonenfant hat zu jener Zeit, also 1379, tatsächlich in Koblenz gelebt und als Geldverleiherin gewirkt. Sie war eine der einflussreichsten Frauen (und Jüdinnen sowieso) ihrer Zeit. Nicht nur Herzöge und (Erz-)Bischöfe standen bei ihr in der Kreide, sondern sogar ganze Städte. Auch die angedeutete Geschichte ihres Privatlebens in diesem Textabschnitt ist historisch belegt.

Wenn ihr genau hinseht, werdet ihr irgendwo mitten im Text seltsame Zeichen bzw. Links neben dem fett dargestellten Wort “einen” entdecken. Dass ist kein Fehler, sondern wenn ihr auf diese Links klickt, saust ihr ganz ans Ende des Textes. Dort habe ich euch den Kommentar bzw. die Frage meiner Lektorin mit angefügt, die sie mir zu diesem “einen” gestellt hat, sowie das kleine Gespräch, dass sich während des Lektorats in Kommentarform daraus entwickelt hat. Ich dachte, das ist mal eine nette Beigabe für euch, damit ihr seht, dass Lektorinnen sich tatsächlich hier und da zu Wort melden (also wirklich lebende Menschen sind) und was sie schon mal so allen anmerken können. :-)

Wie ihr sehen werdet, kommen meine Lektorin und ich sehr gut miteinander aus.

Da die Kommentare fast am Ende des Textes stehen, könnt ihr natürlich auch erst mal zu Ende lesen und euch dann den Anmerkungen widmen.

Zu den Abkürzungen: BC ist meine Lektorin, PS bin natürlich ich.

Nun aber genug geplaudert, hier kommt nun der Textschnipsel:

Aus dem 1. Kapitel

Mit pochendem Herzen stand Reinhild von Winneburg-Manten vor dem Eingang zu dem beeindruckenden dreigeschossigen Haus in der Judengasse, in dem die weithin bekannte und geachtete Geldverleiherin Reynette Bonenfant mit ihrem Gemahl Moses und ihren Kindern wohnte. Die unangenehme Hitze, die Koblenz seit Tagen im Griff hatte, machte ihr den Besuch, den sie sich vorgenommen hatte, nicht eben angenehmer. Der Schweiß rann ihr unter der bestickten Leinenhaube über den Nacken und die Wirbelsäule hinunter.

Heiß war ihr allerdings auch ohne Zutun des Sommerwetters bereits über Gebühr, denn das, was sie sich für den heutigen Tag vorgenommen hatte, war nicht ganz ungefährlich. Wenn ihr Plan wohl auch keine prekären Auswirkungen auf ihre körperliche Unversehrtheit mit sich bringen würde, so stand ihr doch unmissverständlich vor Augen, dass sie im Begriff war, ihren zukünftigen Gemahl zu hintergehen – oder vielmehr, sich gegen seine ausdrückliche Anordnung zu stellen. Damit würde sie das bisschen Wohlwollen, das er im Augenblick für sie aufbrachte, aufs Spiel setzen. Doch so manche ausweglos anmutende Situation verlangte nun einmal nach dem beherzten Handeln der Betroffenen. Vielmehr in diesem Fall dem Handeln der Verlobten des in der Misere befindlichen Edelmannes.

Vielleicht hätte sie warten sollen, bis ihr Vater und Conlin aus Köln zurück waren, vielleicht sich an ihre Mutter wenden und sich mit ihr beraten sollen. Doch die Zeit drängte und sie war sich ganz sicher, dass ihr Plan aufgehen würde. Sie vertraute Conlin und ganz besonders seinen Fähigkeiten als zukünftiger Händler für Sicherheiten. Vermutlich war ihr Vertrauen in ihn sogar deutlich größer als sein eigenes.

Ihre Position, bei der Geldverleiherin um einen kurzfristigen Kredit anzufragen, war hingegen eindeutig besser als Conlins, denn die Schulden, die sein Bruder Oswald in den letzten Jahren angehäuft hatte, drohten, die angesehene Grafenfamilie vom Langenreth an den Bettelstab zu bringen. Kein Geldverleiher der Welt, der noch bei Verstand war, würde Conlin ohne einen vorhandenen Gegenwert auch nur einen Heller anvertrauen. Und falls doch, stünde zu befürchten, dass die Zinsen nur durch die Aufgabe der noch vorhandenen Güter der Grafenfamilie aufzubringen sein würden. Unlautere Kreditgeber mochten sich solcher Praktiken bedienen, doch zumindest stand Reynette Bonenfant nicht in dem Ruf, ihre Geschäfte unehrenhaft zu führen.

Reinhild war sich bewusst, dass auch ihr Vater Conlin unter die Arme greifen würde, falls er ihm nicht doch in Köln bereits den Garaus gemacht hatte, aber Conlin würde es hassen, von seinem Schwiegervater abhängig zu sein. Sinnvoller, wenn auch ihrem Seelenfrieden wenig zuträglich, war es deshalb, wenn sie ihre Mitgift sowie das Haus, in dem sie mit ihrem Sohn lebte und dass dieser von seinem Vater, ihrem geliebten Gemahl Gottfried geerbt hatte, in die Waagschale legen und Reynette als Sicherheit anbieten würde.

Wenn Reynette auf ihren Vorschlag einging, würde Conlins Zorn sich ausschließlich auf Reinhild richten, seine Abhängigkeit sich mittelfristig auf seine zukünftige Gemahlin reduzieren, nicht auf ihre Familie. Sie konnte nur hoffen, dass er ihr das eigenmächtige Handeln irgendwann verzieh, wenn er sich erst einmal in seinem Gewerbe etabliert und den Kredit mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt hatte. Denn dass er dazu in der Lage sein würde, vielleicht sogar viel schneller, als er glaubte, dessen war sie sich vollkommen sicher. Sie kannte ihn, und auch wenn sie sich lange Zeit hatte einreden lassen, dass er ein ehrloser Tunichtgut und Tagedieb war, hatte ihr Gefühl dem stets widersprochen.

Conlin war ein guter Mann. Ein Ehrenmann. Andernfalls wäre ihr guter Freund Palmiro nicht so eng mit ihm befreundet und hätte sie wohl auch niemals dazu gedrängt, Conlin die Ehe anzutragen. Denn, lieber guter Gott im Himmel, genau das hatte sie getan. Im Nachhinein wusste sie nicht einmal mehr, wie sie den Mut aufgebracht hatte, den Stier bei den Hörnern zu packen und dabei gleich eine Wagenladung ihrer eigenen Ängste und Sorgen über Bord zu werfen. Dass jene Wagenladung sich jedoch, einem Anker gleich, weiterhin an sie gekettet verfolgen würde, versuchte sie zu verdrängen.

Entschlossen reckte sie das Kinn vor, straffte ihre gesamte Haltung und trat auf die mit kunstvollen Schnitzarbeiten verzierte Eichentür zu. Doch noch bevor sie die Hand heben konnte, um den schmiedeeisernen Klopfer zu betätigen, schwang die Tür auf und die Hausherrin höchstpersönlich stand ihr gegenüber.

»Guten Tag, Frau Reinhild.« Weder aus Reynettes Stimme noch aus ihrer Miene ging sonderliche Überraschung über den Besuch hervor. »So tretet doch bitte ein. Im Haus ist es deutlich kühler. Ihr müsst Euch doch in dieser stechenden Sonne unwohl fühlen.«

Reinhilds schluckte tapfer gegen den Schrecken an, den der plötzliche Anblick der Hausherrin ihr verursacht hatte, und setzte ein, wie sie hoffte, freundliches Lächeln auf. »Guten Tag, Frau Reynette. Ihr habt recht, das Wetter ist nicht dazu angetan, das Wohlbefinden zu fördern.«

»Dann kommt nur.« Reynette trat einen Schritt zur Seite, um den Eingang freizugeben. »Kommt herein und erzählt mir, was mir die Ehre Eures Besuchs verschafft.« Der Raum, der sich hinter der Eingangstür befand, war wie eine Mischung aus Kontor und Wohnstube eingerichtet und offenbar das Herz des Hauses. Im hinteren Bereich stand ein schweres, über und über mit Wald- und Tierschnitzereien verziertes Schreibpult, das auf beiden Seiten von silberbeschlagenen Truhen flankiert wurde. Es stand nicht an der Wand, sondern so, dass Reynette dahinter Platz nehmen und somit den Raum und die Tür im Auge behalten konnte. Die Wand hinter dem Pult war mit einem riesigen, wertvollen Wandteppich geschmückt, auf dem gar wundersame Szenen mit Menschen und Tieren dargestellt waren. Da spielten vollkommen nackte Frauen und Kinder mit Schlangen, Bären und anderen wilden Tieren, während eben so nackte Männer auf Bäume kletterten, miteinander rangen, auf ausgebreiteten Decken saßen und Schach spielten oder mit Frauen …

Reinhild errötete, als sie begriff, was dieser Wandschmuck alles enthüllte.

Reynette lächelte sichtlich amüsiert. »Eine hübsche Interpretation des Gartens Eden, nicht wahr? Mein verstorbener erster Gemahl, der gute Leo, hat diesen Wandteppich einst von einem Händler aus Konstantinopel gekauft.«

Reinhild wandte den Blick von dem unzüchtigen Tun auf dem Teppich ab, konnte aber nicht um hin, sich zu fragen, ob die dargestellten Ringkämpfe, die von den Männern ausgetragen wurden, wirklich nur Ringkämpfe waren, oder nicht doch bei näherem Hinsehen etwas gänzlich anderes. »Ein sehr … beeindruckender Wandteppich«, lobte sie mit etwas Verspätung. »Sehr fantasievoll gestaltet.«

»Es freut mich, dass Ihr es wie ich seht.« Reynette deutete auf einen weiteren Tisch rechter Hand, um den acht hochlehnige, gepolsterte Stühle verteilt standen. »Setzt Euch doch. Ich lasse die Magd etwas Kühles zu trinken und einen kleinen Imbiss bringen?« Schon eilte sie, ohne eine Antwort auf ihre Frage abzuwarten, zu einer geschickt hinter einem eigens dafür angefertigten Ausschnitt des Wandteppichs verborgenen Tür und öffnete sie. »Ruth, bring Gebäck und kühlen Wein und Kirschsaft. Wir haben einen Gast.« Lächelnd trat sie ebenfalls an den Tisch und ließ sich Reinhild gegenüber nieder. Dabei raschelte der üppige blaue Seidenstoff, aus dem ihr Surcot ebenso wie das weiße Unterkleid bestanden. Beides war von ausgesuchter Qualität und dennoch überaus schlicht gehalten, ebenso wie die einfach geschnittene blaue Seidenhaube. Auch Schmuck trug die reiche Jüdin nicht zur Schau, sah man einmal von dem großen Siegelring ab, der ihren rechten Ringfinger zierte.

Es war nicht ihr eigener, wie Reinhild wusste, einer Jüdin war es nicht erlaubt, ihr eigenes Siegel zu führen. Deshalb verwendete sie dasjenige ihres Gemahls Moses. Er war Rabbiner, betätigte sich jedoch auch offiziell als Geldverleiher. Gerüchte besagten allerdings, dass er die großen und wichtigen Geschäfte einer Gemahlin überließ. Sie war diejenige mit den einflussreichen Verbindungen und dem ausgeprägten Geschäftssinn. Nicht umsonst wurde Moses sogar in aller Öffentlichkeit als Mann der Reynette bezeichnet. Da er sich gegen diese Despektierlichkeit nicht zur Wehr setzte, schien er sehr genau zu wissen, wer das Zepter in der Familie sowie im Kontor führte, und damit zufrieden zu sein. Zum Nachteil gereichte ihm dies ganz offensichtlich nicht. Gemessen an der erlesenen Einrichtung des Hauses war die Bezeichnung reich für die Vermögensverhältnisse der Bonenfants beinahe noch untertrieben, auch wenn sie jenen Reichtum nicht in ausuferndem Prunk zur Schau stellten.

Tatsächlich standen nicht nur viele Händler, Kaufherren und Ratsmitglieder aus Koblenz bei Reynette in der Kreide, sondern auch Grafen, Herzöge und sogar ganze Städte im gesamten Rheinland. Selbst Fürsten und der Erzbischof höchstpersönlich liehen sich Geld bei der Jüdin, die nun mit einem feinen Lächeln ihre Hände auf der Tischplatte faltete. »Ihr braucht Euch nicht in Verlegenheit zu ergehen, Frau Reinhild, weil Ihr an meine Tür geklopft habt. Zwar sind wir uns schon das eine oder andere Mal bei offiziellen Anlässen begegnet, doch ich nehme nicht an, dass Euer Besuch rein freundschaftlicher Natur ist. Dazu haben wir noch nie genügend Worte miteinander gewechselt.« Sie hielt inne, als eine junge, dralle Magd ein Tablett mit silbernen Schüsseln, Krügen und Trinkbechern hereintrug und auf dem Tisch abstellte. Genauso still und flink, wie sie gekommen war, verschwand die Magd auch schon wieder.

Reynette schob Reinhild einen der Becher zu. »Möchtet Ihr lieber einen leichten Wein oder den süßen Kirschsaft probieren, den ich auf meinen eigenen Gütern vor den Stadttoren herstellen lasse? Saft? Eine gute Wahl, in der Tat.« Sie goss sowohl Reinhild als auch sich selbst von der tiefroten Flüssigkeit ein. »Nehmt auch von den Wecken. Sie sind ebenfalls mit einem Kompott aus Kirschen und Johannisbeeren gefüllt. Der helle Überzug besteht aus Zucker, Zimt und Muskatnuss. Höchst schmackhaft.«

»Danke.« Pflichtschuldig nahm Reinhild sich einen der kleinen Wecken, obwohl sie nicht wusste, wie sie ihn hinunterbekommen sollte. Jetzt, da sie der weit bekannten Geldverleiherin gegenübersaß, fühlte sie sich gar nicht mehr so sicher und selbstbewusst. Zweifel stiegen in ihr auf, ob sie das Richtige tat und ob Reynette überhaupt in Erwägung ziehen würde, ihr zu helfen.

»Ach, verzeiht, Frau Reinhild!« Unvermittelt streckte Reynette ihre Hand aus und berührte sie am Handgelenk. »Ich habe Euch noch gar nicht mein tief empfundenes Beileid zum Verlust Eures wohledlen Gemahls ausgesprochen. Von diesem scheußlichen Überfall in der Fremde habe ich selbstverständlich gehört. Entsetzlich, entsetzlich.« Zwar drückte ihre Miene Mitgefühl aus, doch ihr Blick blieb davon unberührt und wirkte seltsam stoisch. »Ich hoffe, Ihr habt Euch von diesen Schrecken bereits ein wenig erholt. Um Eures Sohnes willen müsst Ihr natürlich stark sein und weise Entscheidungen treffen. Mir ging es nicht anders, als mein guter Leo verstarb!« Kurz umwölkte ihr Blick sich, doch es wirkte nicht so, als trauere sie noch um ihren ersten Mann. »Die Entscheidungen, die man im Sinne der Familie und insbesondere der Kinder zu treffen geradezu verpflichtet ist, wiegen oft schwer, aber eine kluge Frau lässt sich davon nicht aufhalten, nicht wahr? Auch wenn es hin und wieder zu Verdruss führen mag.«

Reinhild nickte nur vage, äußerte sich jedoch nicht dazu. Sie wusste um die Tatsache, dass Reynettes älteste Tochter Mede sich nach dem Tod des Vaters strikt geweigert hatte, den wesentlich älteren Mann zu ehelichen, den Reynette für sie ausgesucht hatte. Stattdessen hatte Mede sich nach Köln abgesetzt, wo sie wohl nach wie vor lebte. Solche Dinge sprachen sich in einer überschaubaren Stadt wie Koblenz nicht nur herum, sondern blieben auch über lange Zeit im Gedächtnis der Menschen. Mede mochte nur wenige Jahre älter als Reinhild sein, deshalb konnte diese nur zu gut nachfühlen, dass die Aussicht auf eine Ehe mit einem Mann, der ihr Großvater hätte sein können, die junge Frau einst in die Flucht geschlagen hatte.

Dass Reynette hinsichtlich der Verheiratung ihrer Kinder wenig Skrupel zu besitzen schien, war im Hinblick auf ihre wirtschaftliche Machtstellung zwar nachvollziehbar, machte sie in Reinhilds Augen jedoch nicht unbedingt sympathisch. Vielleicht lag es daran, dass Reinhilds Eltern deutlich mehr Feingefühl für die Befindlichkeiten ihrer Kinder an den Tag legten, dass Reinhild im Geiste schon immer Medes Partei ergriffen hatte. Sich dies ausgerechnet jetzt anmerken zu lassen, war aber vermutlich nicht zielführend.

Ehe ihr einfiel, wie sie das Thema taktvoll wechseln könnte, schien Reynette sie bereits sehr gut eingeschätzt zu haben. Ihre nächsten Worte ließen jedenfalls auf eine ausgezeichnete Menschenkenntnis schließen. »Ihr seid verzagt, Frau Reinhild, das sehe ich Euch an. Der Verlust des Gemahls kann schmerzlich sein, insbesondere wenn die Ehe nicht rein aus strategischen Gründen geschlossen wurde, sondern, wie in Eurem Fall, echte Zuneigung zugrunde lag. Ein solcher Glücksfall ist ja nicht allen Menschen beschieden, nicht wahr, und wenngleich die Zuneigung in vielen Fällen, wenn nicht den meisten, mit der Zeit zu wachsen pflegt, kann man doch nicht ohne weiteres erwarten, ein solches Glück gleich mehrfach für sich beanspruchen zu dürfen … Oder überhaupt. Geld und Politik stehen nun einmal stets weit über den Bedürfnissen des Herzens. Aber ich versichere Euch, dass eine Frau wie Ihr, die Verstand besitzt, stets kluge Entscheidungen zu treffen in der Lage ist. Insbesondere wenn es darum geht, Eure Zukunft zu planen und sich einen neuen Manne wählen.« Ihre graubraunen Augen waren interessiert auf sie gerichtet. Ihr Blick war beinahe lauernd. »Sagt, was plant Ihr für Eure Zukunft und die Eures Sohnes? Dass Ihr Euch in dieser Hinsicht nicht dem Rat und der Führung Eures Vaters anvertraut, scheint mir offensichtlich zu sein, denn andernfalls wärt Ihr wohl heute nicht hier. Ihr habt Euch schon einmal das Recht ausbedungen, den Gemahl selbst zu wählen. Also nehme ich an, Ihr seid auch jetzt darauf bedacht, Euer Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Ihr helft seit Wochen in Don Palmiros Kontor aus und führt ihm die Bücher.« Auf Reinhilds überraschten Blick hin lächelte Reynette wieder kühl. »Selbstverständlich ist mir dies bereits zu Ohren gekommen. In Koblenz bleibt nichts lange ein Geheimnis.« Beiläufig nahm nun auch Reynette einen[BC1] [PS2] [BC3] [PS4] der winzigen Wecken, biss hinein und kaute mit sichtlichem Genuss. Erst nachdem sie den Bissen hinuntergeschluckt hatte, sprach sie weiter. »Habt Ihr nun also den Entschluss gefasst, Euch an Stelle Eures verstorbenen Gemahls im Handel zu versuchen, und möchtet mich um finanzielle Unterstützung ersuchen, weil Eure Eltern mit einem solchen Unterfangen sehr wahrscheinlich nicht einverstanden sein und seine Förderung entsprechend verweigern werden, oder«, sie legte eine bedeutungsvolle Pause ein, »hat die Tatsache, dass man Euch in letzter Zeit des Öfteren in Gesellschaft des edlen Conlin vom Langenreth gesehen hat, vielmehr mit Eurem heutigen Besuch in meinem Haus zu tun?«

Reinhild spürte, wie sich ihre Wangen erwärmten. Der Jüdin schien tatsächlich kaum etwas zu entgehen, deshalb war es wohl müßig, um den heißen Brei herumzureden. Auch wenn erneut Zweifel an ihr zu nagen begannen, ergriff Reinhild endlich das Wort. »Ihr seid eine scharfsichtige Frau, und ich danke Euch, dass Ihr mir so unangemeldet Gehör schenkt. Tatsächlich bin ich hergekommen, um Euch um einen Kredit zu bitten. Keinen besonders hohen, gemessen an den Beträgen, mit denen Ihr sonst zu tun habt, und auch nicht, um mich selbst im Handel zu betätigen. Ich bin nicht so vermessen zu glauben, das Führen von Rechnungsbüchern für meinen Neffen, Don Palmiro, befähige mich dazu, ein eigenes Kontor zu eröffnen oder auch nur in dem seinen einen maßgeblichen Einfluss auszuüben.«

»Stimmt ja, stimmt, Ihr seid die Tante des jungen Handelsherrn.« Die Erheiterung stand Reynette ins Gesicht geschrieben. »Dabei ist er wie viel älter als Ihr? Fünf, sechs Jahre? Nun ja, die verwandtschaftlichen Bande sind manchmal höchst verworren, nicht wahr? Insbesondere, wenn sich der alteingesessene Adel mit dem Bürger- und Kaufmannstum vermischt. Übrigens etwas, das ich für eine kluge und auf lange Sicht sinnvolle Entwicklung halte.« Sie legte den Kopf ein wenig schräg. »So tragt Ihr Euch also mit dem Gedanken, Euch alsbald neu zu vermählen, und da der Gedanke allein noch nicht rechtfertigt, Euch bei mir einzufinden, nehme ich an, es ist bereits eine Verlobung erfolgt oder doch zumindest eine bindende Absprache mit dem betreffenden Manne und seiner Familie!« Als Reinhild zur Bestätigung den Kopf neigte, seufzte Reynette überraschend. »Conlin vom Langenreth also. Frau Reinhild, mit Verlaub, ein wenig mehr Verstand hätte ich Euch allenthalben zugetraut.«


 [BC1]Einen oder eine?

 [PS2]Ein Weck, demnach einen.

 [BC3]Das war tatsächlich ein Kommentar, den ich in internetlosem Zustand für mich selbst gemacht hatte und dann vergessen, sehr schlau 😉 und um die Frage noch ausgiebiger zu beantworten: Es gibt auch die Form: Die Wecke, die hätte ich nämlich verwendet, und damit gehen beide Möglichkeiten 😊

 [PS4]Echt? Ich kenne nur die männliche Form. Wieder was gelernt. 😊


Adel verpflichtet – Handel errichtet

Koblenz 1379: Erst seit Kurzem trägt Conlin den Titel Graf vom Langenreth, der für ihn mehr Pflicht als Ehre bedeutet, denn nun ist es an ihm, den guten Ruf und den Wohlstand der Familie zu retten, die sein Bruder zugrunde gerichtet hat. Doch um als Händler von Sicherheiten erfolgreich zu sein, braucht er Kapital. Als ausgerechnet seine Verlobte Reinhild ihn finanziell unterstützen will und dann auch noch ihr lang gehütetes Geheimnis ans Licht kommt, droht die noch junge Liebe zu scheitern.

Das Geheimnis des Pilgers

Petra Schier

Historischer Roman
HarperCollins Taschenbuch & eBook
Erscheint am 23.08.2022
416 Seiten
ISBN 978-3-749903-82-5
11,- Euro / eBook 8,99 €

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