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Gerade gestern habe ich das lektorierte und von mir überarbeitete Manuskript zum diesjährigen Weihnachtsroman an meine Lektorin zurückgeschickt und finde, das ist ein guter Zeitpunkt für einen ersten Textschnipsel. Allerdings habe ich lange überlegt, welchen Textausschnitt ich euch kredenzen soll. Auf Facebook bat eine Leserin darum, etwas mit Schnee zu nehmen. Nun ja, da hätte ich was: Einen Schneesturm mit Glatteis. ;-)

Außerdem hatte ich vor einigen Wochen ebenfalls auf Facebook mal herumgefragt, wie die dort anwesenden Leser*innen zu Textnachrichten in Romanen stehen. Denn in Körbchen unterm Mistelzweig unterhalten sich Viola und Lars zumindest anfangs relativ oft auf diese Weise – aus bestimmten Gründen, die ihr gleich vielleicht schon erraten werdet. Denn ich habe mir genau so eine Szene jetzt herausgesucht – und eine schön lange noch dazu, weil Ihr es seid. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

 

Aus dem 4. Kapitel

 

Die Fahrt nach Hause, obwohl nur kurz, war eine elende Tortur. Die Straßen waren bereits spiegelglatt und wegen des heftigen Schneesturms konnte man kaum weiter als zehn Meter sehen. Als Lukas seine Haustür aufschloss, kam er sich zudem seltsam verlassen vor. Er hatte sich in Rekordzeit an die Anwesenheit der quirligen Miss Daisy gewöhnt und vermisste sie jetzt schon. Wie ärgerlich! Dabei hatte er vorhin noch mit dem Gedanken gespielt, sie doch einfach Viola zu überlassen. Aber das war gar nicht so einfach. Andererseits sollte diese geteilte Sorgepflicht auch nicht in einen Wettstreit ausarten. So ganz sicher war er sich nicht, ob sie das Richtige taten.
Um sich von den trüben Gedanken ebenso abzulenken wie von der Erinnerung an die viele nackte Haut, die er heute an Viola zu sehen bekommen hatte, ging er schnurstracks in sein Schlafzimmer, zog sich bis auf die Shorts aus und warf sich auf sein Bett. Mit einer Hand verfrachtete er sein Smartphone in die Ladestation auf seinem Nachttisch, mit der anderen angelte er nach der Fernbedienung seines Fernsehers. Träge zappte er durch die Programme, bis er bei einem Film hängen blieb. Kopfschüttelnd sah er sich einige Szenen an, dann griff er nach seinem Handy und suchte aus den Kontakten Violas Nummer heraus. Grinsend schrieb er ihr eine Nachricht.

Lukas: Wenn du noch ein bisschen mehr knatschen willst, schalt mal Sixx ein. Da läuft Sinn und Sinnlichkeit. Kate Winslet spielt gerade auf dem Klavier.

Es dauerte nicht lange, bis sein Handy piepste.

Viola: Ich dachte, du guckst solche Filme nicht.

Viola: Das ist übrigens ein Piano forte.

Lukas: Ist doch egal. Musik ist Musik.

Viola: Warum sind Männer bloß immer solche Kulturbanausen?

 Er grinste vor sich hin.

Lukas: Hey, immerhin finde ich, dass sie schön singen kann. Aber ich wusste gar nicht mehr, dass der Sheriff von Nottingham in dem Film mitspielt.

Viola: ???

Lukas: Alan Rickman. Der hat in Robin Hood – König der Diebe den Sheriff von Nottingham gespielt. Was hat er in deiner Schnulze zu suchen?

Viola: Ich hab doch vorhin gesagt, dass er mitspielt. Hast du mir nicht zugehört?

Er runzelte die Stirn. Anscheinend war er von Violas Anblick derart abgelenkt gewesen, dass ihm tatsächlich entgangen war, was sie gesagt hatte. Aber ob es gut wäre, ihr das auf die Nase zu binden?

Lukas: Entschuldige, das muss ich überhört haben. Ich war wohl irgendwie abgelenkt.

Viola: Wovon abgelenkt?

Skeptisch kräuselte er die Lippen. Aber gut, wenn sie es unbedingt wissen wollte …

Viola: Vom miesen Wetter?

Lukas: Nicht direkt.

Viola: Wovon dann?

Von dir, verdammt noch mal! Nein, das würde er ihr nicht schreiben. Das war purer Irrsinn. Mit so etwas wollte er gar nicht erst anfangen. Ehe er sich für eine adäquate Antwort entscheiden konnte, erschien erneut eine Nachricht von Viola auf dem Display:

Viola: Robin Hood ist übrigens auch ein Liebesfilm, das ist dir schon klar, oder?

Erleichtert, dass er offenbar vom Haken war, überlegte er sich eine passende Antwort.

Lukas: Ich war jung und unschuldig, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe.

Drei lachende Emojis erschienen auf seinem Display.

Viola: Unschuldig? Du?

Lukas: Irgendwann war jeder mal unschuldig. Wir haben den Film übrigens in der Schule gesehen. Englischunterricht.

Diesmal folgte ein grinsendes Emoji.

Viola: Mein erster Film in Originalsprache war König der Löwen. Auch im Englischunterricht. Schrecklich!

Lukas: Warum? Das müsste doch genau dein Beuteschema sein.

Wieder antwortete sie mit einem Emoji. Diesmal ein augenverdrehender.

Viola: Es hat bloß bis zu dem Moment im Vorspann gedauert, als Rafiki den kleinen Simba für die Tiere der Savanne hochhielt, da liefen mir schon die Tränen in Strömen übers Gesicht. Von der Szene, als Simbas Vater umkommt, will ich gar nicht erst anfangen.

Er schmunzelte.

Lukas: Aber es gibt doch ein Happy End.

Ein lachendes und ein weinendes Emoji erschienen auf seinem Display.

Viola: Ja, eben. Ich war im Dauerweinmodus.

Lukas: Ihr durftet in der Schule Wein trinken?

Jetzt dauerte es eine Weile, bis die Antwort erfolgte, und er hoffte, Viola musste ebenso lachen wie er. Die sieben oder acht lachenden Emojis, die sie ihm schickte, bewiesen es zu seiner Freude.

Viola: Mach dich ruhig über mich lustig, du wirst schon sehen, was du davon hast.

Ein grinsendes Teufelchen-Emoji folgte. Überrascht hob er die Augenbrauen. Wie kam es, dass sie sich per Textnachrichten derart gut verstanden?

Lukas: Was willst du denn dagegen tun, wenn ich dich aufziehe? Du bist dort und ich bin hier. Zwischen uns liegen zweieinhalb Kilometer und ein fieses Unwetter. Du kannst mir gar nichts anhaben, kleine Schnieftasse.

Viola: Ich gebe dir gleich eine Schnieftasse! Wer sagt dir denn, dass ich hier nicht einen Berg Voodoo-Puppen liegen habe, von denen ich eine dir widme und dir einen Fluch auf den Hals hetze?

Wieder lachte er laut auf. Allmählich begann ihm die Sache richtig Spaß zu machen. Seine nächste Antwort überlegte er sich genau.

Lukas: Ich glaube weder an Voodoo noch an Flüche. Damit kannst du vielleicht deiner Tante Elke Angst machen, aber nicht mir. Da musst du schon schwerere Geschütze auffahren.

Gespannt wartete er auf Violas nächste Antwort, doch die kam leider nicht. Er wartete eine Minute, zwei, drei.

Lukas: Was denn, fällt dir nichts mehr ein?

Doch auch darauf kam keine Reaktion. Allerdings zeigte die App auch an, dass sie seine letzte Nachricht gar nicht mehr gelesen hatte. Er wartete noch weitere fünf Minuten, dann legte er sein Smartphone zur Seite. Dass er enttäuscht war, weil sie nicht mehr antwortete, bereitete ihm Sorgen. Sie hatten doch bloß unverbindlich … Er stutzte. Geflirtet? Zumindest in Ansätzen konnte man es so nennen.
Nein. Rigoros schüttelte er den Kopf. Sie hatten nur ein wenig Quatsch gemacht. Nicht mehr. Trotzdem hatte sich sein Herzschlag beschleunigt.
Verärgert über sich selbst erhob er sich, holte sich ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank und warf sich erneut aufs Bett. Er wollte gerade den Sender wechseln, um nicht weiter dem Liebesfilm ausgesetzt zu sein, als sein Smartphone piepste und anzeigte, dass er eine neue Nachricht erhalten hatte.
Viel, viel zu eilig griff er nach dem Handy und öffnete die Textnachrichten-App. Viola hatte ein Hunde-Emoji und einen kleinen Kackhaufen geschickt.

Viola: Entschuldige bitte, aber Miss Daisy hätte um ein Haar ein Malheur in der Küche angerichtet. Ich musste schnell mit ihr raus. So schnell bin ich, glaube ich, noch nie die drei Stockwerke runtergerannt. Miss Daisy ist übrigens ganz schön schwer! Und draußen ist es EKELHAFT!

Viola: Wo waren wir eben stehen geblieben?

Lukas: Du wolltest mir für die Schnieftasse eine passende Bestrafung androhen.

Viola: Voodoo zieht also bei dir nicht?

Lukas: Nicht mal ansatzweise.

 Viola: Dann muss ich wohl Gewalt anwenden.

Er hob die Augenbrauen. Das machte Spaß. Viola war plötzlich viel lockerer und richtig schlagfertig. So wie zu den wenigen Gelegenheiten, wenn er sie im Kreise ihrer Geschwister erlebte.

Lukas: Uuuh, jetzt habe ich aber Angst. Ich schlottere geradezu!

Sie antwortete mit einem grimmigen Teufels-Emoji.

Viola: Schlottere ruhig. Ich bin kräftiger, als ich aussehe.

Lukas: Was du nicht sagst.

Viola: Du glaubst mir nicht?

Lukas: Nicht die Spur.

Viola: Ich kann dich aufs Kreuz legen.

Lukas: Im Leben nicht, du halbe Portion!

Viola: Ich habe den schwarzen Gürtel!

Lukas: In was? Schluchzen?

Es dauerte einige Sekunden, bis sie ihm ein Kampfsport-Emoji schickte. Anscheinend hatte es etwas gedauert, bis sie es gefunden hatte. Anerkennend blickte er auf sein Handy. Dass sie Kampfsport betrieb, hatte er nicht gewusst. Es machte ihm aber zusehends mehr Spaß, sie zu foppen.

Lukas: Was soll das denn sein? Gesellschaftstanz?

Er fügte ein tanzendes Pärchen an.

Viola: Nimm dich bloß in acht, sonst könntest du dein blaues Wunder erleben.

Lukas: Ich habe keine Angst vor dir. Da müsstest du mich schon tatsächlich aufs Kreuz legen und das wird niemals geschehen.

Viola: Sei dir da nicht so sicher. Ich kann ziemlich heimtückisch sein.

Lukas: Das musst du mir erst beweisen. Mittwochabend in eurer Sporthalle. Mal sehen, wer da wen aufs Kreuz legt.

Diesmal dauerte es ein Weilchen, bis sie antwortete.

Viola: Du willst gegen mich antreten?

Lukas: Du hast es herausgefordert.

Viola: Okay, dann werde ich Miss Daisy danach wohl doch wieder mit zu mir nehmen, weil du deine Knochen sortieren musst.

Lukas: Du nimmst den Mund ganz schön voll, Fräulein.

Viola: Nenn mich noch einmal Fräulein und du musst deine Knochen nicht nur sortieren, sondern vorher erst einmal zusammensuchen.

Kopfschüttelnd starrte er auf diese mehr als kecke Drohung.

Lukas: Ich wusste gar nicht, dass du derart rabiat werden kannst.

Viola: Du weißt ja auch längst nicht alles über mich.

Damit hatte sie allerdings recht. Plötzlich reizte es ihn mehr als alles andere, diesen Zustand zu ändern. Grimmig verzog er die Lippen.

Lukas: Okay, du hast es nicht anders gewollt. Mittwochabend, achtzehn Uhr dreißig in eurer Sporthalle. Und wag es ja nicht zu kneifen.

Viola: Dito.

 Ein Bizeps-Emoji folgte.

Viola: Du hast mir noch immer nicht verraten, was dich so abgelenkt hat, dass dir Alan Rickman entgangen ist.

Verflixt! Für einen Moment rang er mit sich. Dann setzte er alles auf eine Karte. Und er wusste, dass er einen Fehler machte, noch während er schrieb und auf Senden klickte.

Lukas: Das verrate ich dir, wenn du es geschafft hast, mich aufs Kreuz zu legen.

Viola: Du glaubst immer noch nicht, dass ich das schaffe?

Er schluckte hart, dann machte er den zweiten Fehler.

Lukas: Das solltest du unbedingt schaffen. Sonst muss ich mein Geheimnis für immer hüten und das wäre doch schade.

Er wartete gespannt, doch obwohl Viola die Nachricht gelesen hatte, gab sie keine Antwort mehr darauf.

 

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Körbchen unterm Mistelzweig

Petra Schier

HarperCollins, Taschenbuch
12,5 x 18,7 cm, ca. 432 Seiten
ISBN 978-3-959675-35-2
10,00 € / eBook  8,99 €

Erscheint am 25. September 2020

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