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Warum man es nie allen Lesern recht machen kann, soll und darf - Die Zweite

 

Fast vier Jahre ist es her, es war ganz genau am 24. Juli 2015, als ich den ersten Teil dieses Blogartikels schrieb. Damals in der Annahme, es sei ein Einzelbeitrag. Doch diesen Monat ist ein neues Buch von mir erschienen, das mich dazu angeregt hat, das Thema noch einmal aufzugreifen und um einige Beispiele zu erweitern. Oder vielmehr haben verschiedene Leserinnen-Feedbacks mich dazu animiert.

Bei dem neuen Roman handelt es sich um Strandkörbchen und Wellenfunkeln, den dritten Band meiner Lichterhaven-Liebesromanreihe.

Es ist wirklich erstaunlich: Selten hat mich bisher so unterschiedliches Feedback in so kurzer Zeit zu einem meiner Bücher erreicht. Offenbar habe ich es geschafft, meine Leserschaft in gleich mehrere unterschiedliche Lager zu spalten. Dabei dachte ich eigentlich, ich hätte einfach einen weiteren romantischen Liebesroman geschrieben.

 

Weit gefehlt!

 

Man warf mir unter anderem Pornografie vor oder auch, dass ich meine Leser mit langatmigen Szenen langweile, die Story unrealistisch sei und dass ich meinem fellnasigen Star die falsche Sprache ins Schnäuzchen gelegt hätte.

Man lobte mich für ungewöhnlich geschmackvolle, emotionale und schöne Liebes- bzw. Sexszenen, bildhafte, abwechslungsreiche Sprache und durchgehende Spannung, die einen das Buch nicht aus der Hand legen lässt, wunderbar realistische Figuren und Handlungsabläufe, mit denen man sich gut identifizieren könne, weil sie aus dem Leben gegriffen seien, sowie eine einfach bezaubernde und wunderbar treffende Art, wie ich meinen fellnasigen Star “reden” lasse.

 

Das Dilemma dürfte an dieser Stelle bereits gut erkennbar sein, nicht wahr?

 

Beginnen wir mal mit dem Vorwurf, den ich mir schon früher mehrfach anhören oder in Rezensionen lesen musste:

Eine Leserin schrieb mir (nicht wörtlich, aber sinngemäß): “Dieses Buch ist ja reinste Pornografie! Unfassbar, dass man so etwas mit so einem Cover und Klappentext verkauft! Ich wollte das Buch einem Kommunionkind schenken. Wie gut, dass ich vorher reingeschaut habe. Einfach schrecklich! Ich werde von der Autorin niemals wieder ein Buch lesen.”

Eine andere Leserin schrieb mir (auch hier sinngemäß wiedergegeben): “Sag mal, Petra, kann es sein, dass du in diesem Buch etwas mehr Sexszenen als sonst drin hast? Fiel mir nur so am Rande auf. Ich finde das toll. Gerne mehr davon!”

Eine dritte Leserin schrieb: “Du weißt ja inzwischen, dass ich überhaupt nicht auf Sexszenen in Büchern stehe. Doch in deinem Buch waren sie so ansprechend formuliert, dass sie sogar mir gefallen haben.“

Eine vierte Leserin wiederum befand: “Die Sexszenen waren mir zu viel, da habe ich dann halt einfach drüber weggeblättert.”

Nun gut, es gibt natürlich viele Leserinnen und Leser, die grundsätzlich Sexszenen in Büchern nicht mögen, auch nicht in Liebesromanen, wo man tendenziell damit rechnen muss. Und es gibt solche, die sie lieben. Und dann ganz viele Schattierungen dazwischen. Doch wie, frage ich jetzt mal flockig in die Runde, soll ich mich denn jetzt bitte nach all diesen Einzelmeinungen und -vorlieben richten?

 

Genau, geht nicht.

 

Mal abgesehen davon, dass ich nie auf die Idee käme, ein Buch nur wegen des süßen Covers an ein Kommunionkind zu verschenken, frage ich mich, aber das nur nebenbei, wie man bei folgendem Klappentext darauf verfallen kann, dass es sich um ein Kinderbuch handelt:

Luisa hat sich einen Traum erfüllt: Sie hat ihre eigene Tierarztpraxis eröffnet! Voller Hingabe beginnt sie nun, sich für ihre flauschigen Patienten einzusetzen. Da steht eines Tages Lars vor der Tür – ihre erste große Liebe. Im Arm hält er einen winselnden Golden-Retriever-Welpen. Luisa sieht sofort, wie dringend das Tier ihre Hilfe braucht. Wie gut, dass der Notfall sie von ihren Gefühlen für Lars ablenkt, die sofort wieder in ihr brodeln. Auf keinen Fall darf sie zulassen, dass dieser Mann ihr noch einmal das Herz bricht!

Aber gut, dann war es eben ein Fehlgriff der betreffenden Person. Pech gehabt, passiert manchmal und ggf. werde ich auch zu diesem Thema (Was für Romane schreibe ich eigentlich und warum?) noch einmal einen Blogartikel verfassen. Dummerweise habe ich jedoch ähnliche Kommentare wie den oben genannten (nur ohne das eingestreute Kind) nun schon mehrfach zu hören bzw. zu lesen bekommen.

 

Warum man es nie allen Lesern recht machen kann, soll und darf - Die ZweiteDas ist Pornografie!

 

Nein, ist es nicht. Es sind erotische/explizite Szenen innerhalb eines Liebesromans. Zur Abgrenzung von Liebesromanen zu erotischen Romanen und Pornografie werde ich demnächst einen separaten Artikel veröffentlichen.

Aber das ist gar nicht der Punkt.  Der liegt woanders: Die einen Leserinnen sind sauer, weil sie Sexszenen in meinem Roman vorgefunden haben. Gleichzeitig werde ich aus anderen Richtungen gerade für diese schönen Sexszenen gelobt.

Was soll ich also aus LeserInnensicht tun? Auf Sexszenen verzichten oder weiterhin welche schreiben?

Ganz genau, die Entscheidung liegt bei mir, und ich lasse sie mir auch nicht nehmen. Mag sein, dass im vorliegenden Roman tatsächlich ein bisschen mehr Sex drin ist, als sonst im Durchschnitt, aber das liegt nicht daran, dass mir sonst nichts eingefallen wäre (wurde mir auch schon vorgeworfen), sondern hängt damit zusammen, dass jede dieser Szenen aus meiner Sicht sehr wichtig für die Handlung ist. Sie transportieren etwas. Eine Entwicklung, eine Erkenntnis, ein wachsendes Gefühl und noch vieles mehr. Deshalb stehen sie da und ich werde sie nicht nachträglich löschen (wenn das denn überhaupt ginge).

 

Zum nächsten Punkt:

 

Eine Leserin schrieb: Der Roman war an vielen Stellen zu langatmig, zu ausführlich, zu viele Beschreibungen der Orte und Personen und überhaupt. Das wurde auf Dauer langweilig.”

Von der nächsten Leserin kriege ich zu hören: “Was die Romane der Autorin ausmacht, ist ihre bildhafte, lebendige Sprache und ein durchgehender Spannungsbogen ohne Knicke oder langatmige Stellen. Ich wurde in das Buch  hineingesogen und konnte es nicht aus der Hand legen, bis ich es ausgelesen hatte.”

Tja, was denn jetzt? Schreibe ich total langatmig oder sehr spannend? Schnarchlektüre oder Kopfkino?

Ich würde sagen, was das angeht, gibt es so viele Meinungen wie Leserinnen und Leser unter der Sonne. Okay, wenn die alle mein Buch gelesen hätten, wäre es ein Mega-Bestseller, ganz gleich wie langweilig oder spannend es ist. :-)

Genau deswegen kann ich mich nicht danach richten, was LeserInnen von mir hinsichtlich meiner Sprache oder meines Spannungsaufbaus “raten”. Mein Stil ist mein Stil. Wenn sich die negativen Stimmen häufen würden und man mir durch die Bank vorwürfe, meine LeserInnen ganz grauenhaft zu langweilen, würde ich mir Gedanken machen (und der Verlag auch), aber das ist glücklicherweise nicht der Fall. Nur leider sind deshalb weiterhin all jene sauer, die mein Buch doof fanden, weil sie ihr Geld für etwas ausgegeben haben, das sie gelangweilt hat. Kann ich da aber wirklich etwas dafür?

 

Kommen wir zum übernächsten Punkt:

 

Wie realistisch sind meine Geschichten? Wie nah oder fern vom “wahren Leben”?

Eine Leserin urteilte: “Also dieses ganze Hin und Her und dass sich Lars so ziert, das ist doch total unrealistisch. Und (Achtung: Spoiler!) dass er glaubt, nicht lieben zu können, ist hanebüchener Blödsinn. Wie kann denn ein erwachsener Mann sich so anstellen? Den hätte ich an Luisas Stelle einfach abgeschossen.”

Eine andere Leserin schrieb mir hingegen unlängst: “Liebe Petra, deine neueste Liebesgeschichte erinnert mich stark an meine eigene. Bei meinem Mann und mir war es nämlich ganz genauso wie bei Lars und Luisa.”

 

Warum man es nie allen Lesern recht machen kann, soll und darf - Die Zweite

 

Es ist, denke ich, wie mit dem schön-fiesen Wort Kitsch: Jede/r empfindet es anders. Jeder Leser, jede Leserin hat einen anderen Erfahrungshorizont, andere Ansichten, andere Vorstellungen. Was ich allerdings mittlerweile gelernt habe, ist, dass selbst die krudeste, seltsamste, unwahrscheinlichste Geschichte nicht so verrückt und “unrealistisch” ist wie das wahre Leben. Aus diesem Grund werde ich nicht einfach aufhören zu schreiben, wie ich schreibe – oder was. Es wird immer jemanden geben, dem es nicht gefällt oder die der Meinung ist, so etwas könnte sich nie und nimmer auf diese Weise zugetragen haben. An der nächsten Ecke könnte ich schon die Person treffen, die exakt diese Geschichte am eigenen Leib erfahren hat.

Der letzte Vorwurf aus meiner Aufzählung oben bezieht sich auf die Fellnase in meinem Roman: Jolie, das noch keine drei Monate alte Golden-Retriever-Mädchen. Ich sage hier bewusst Mädchen und nicht “Dame”, wie ich es oft in anderen Romanen getan habe, denn ein Hunde-Mädchen ist sie noch. Um genau zu sein, sogar ein Hundebaby.

 

Was kriegte ich von einer Leserin neulich zu hören?

 

Warum man es nie allen Lesern recht machen kann, soll und darf - Die ZweiteFolgendes: „Die Geschichte an sich ist ja sehr schön und Jolie auch sehr süß, aber die doch arg kleinkindliche Sprache, mit der sie ‘denkt’ finde ich ganz schlimm. Das hat mich irgendwann total genervt.”

Nun ja … Hallo? Hundebaby? Elaborierte Essays werden ihr wohl nicht aus der Schnauze purzeln, dazu hat sie doch noch gar nicht genug erlebt in den wenigen Wochen ihres Lebens. Sie ist ein Hundebaby und wenn man sie mit einem Menschenkind vergleichen würde, wäre dieses etwa zwei, drei Jahre alt. Wie reden Dreijährige noch mal?

 

Mhm, genau.

 

Die nächste Kritikerin schrieb es gerade andersherum: “Die Hundegedanken an sich sind ja eine schöne Idee, aber einige davon fand ich dann doch um Einiges zu erwachsen. So viel kann die Kleine ja noch gar nicht wissen/kennen. Das fand ich nicht so gut.”

Und wieder andere äußern sich (sinngemäß) folgendermaßen: “Die in kursiv gehaltenen Hundegedanken sind einfach nur niedlich und witzig zu lesen und man kann sich dadurch noch viel besser in die kleine Jolie hineinversetzen. Es erstaunt mich immer wieder, wie gut die Autorin es schafft, sich in die Sichtweise der Hunde hineinzuversetzen und diese in Worte zu fassen.”

 

Puh, tja, was mache ich nun?

 

Warum man es nie allen Lesern recht machen kann, soll und darf - Die ZweiteTief durchatmen. Das mal zuallererst. Empfiehlt sich eigentlich in jeder Situation. Und dann Folgendes erklären: Ich gebe jedem meiner Hunde einen eigenen Charakter. Die einen sind schüchtern, die anderen draufgängerisch, mal rotzfrech, mal besserwisserisch, mal altklug, mal divenhaft, aber stets liebenswert auf ihre jeweilige Art. Dabei beachte ich immer, wie alt die Tiere sind und was sie ggf. schon alles erlebt haben. Danach richtet sich, wie und was sie sprechen, der Duktus, die Wortwahl. Auf die Befindlichkeiten meiner LeserInnen kann ich dabei leider nur sehr, sehr begrenzt Rücksicht nehmen. Eher gar nicht. Will ich auch nicht. Deshalb lasse ich es. Es ist wie mit allen meinen Figuren: Sie reden und handeln so, wie es ihnen entspricht, ob das nun alle LeserInnen mögen und nachvollziehen können oder nicht.

 

Langer Rede kurzer Sinn:

 

Warum man es nie allen Lesern recht machen kann, soll und darf - Die ZweiteMan (in meinem Fall frau) kann es nicht allen Leserinnen und Lesern recht machen. Wie soll das gehen? Für jede/n Einzelne/n ein separates Buch nach den persönlichen Präferenzen schreiben?

Man (frau im Sinn) sollte nicht einmal versuchen, es allen LeserInnen recht zu machen, weil man sich dann irgendwann in alle möglichen Richtungen verbiegt und die eigene Stimme, die eigene Geschichte, das, was man eigentlich erschaffen wollte, aus den Augen verliert. Junge bzw. angehende AutorInnen lassen sich oft noch ganz besonders heftig von LeserInnen-(Einzel-)Meinungen beeindrucken und hinterfragen plötzlich alles, was sie bisher geschafft oder erschaffen haben, weil irgendwer meint, es besser zu wissen oder die Kritik am Buch so ausdrücken zu müssen, dass sie klingt wie eine absolute Wahrheit. Davon muss man sich befreien, wenn man eine eigene, authentische, wiedererkennbare AutorInnen-Stimme finden will.

Frau / man darf es nicht allen LeserInnen recht machen, denn wo kämen wir hin, wenn die LeserInnen zu bestimmen hätten, wie unsere Geschichten aussehen? Wenn sie das gerne möchten, steht es ihnen frei, sich selbst hinzusetzen und einen Roman zu schreiben. Aber dann hätte ich bitte sehr auch gerne ein Wörtchen mitzureden. Denn wie du mir, so ich dir. Ist doch wohl klar, oder? Oder??? ;-)

 

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