fountain-pen-297440_640Es hat sich schon früh in meiner Autorinnenlaufbahn gezeigt, dass der Versuch, es möglichst allen Lesern recht machen zu wollen, gnadenlos zum Scheitern verurteilt ist. An alle, die sich für diesen Beruf interessieren, ihn bereits ergriffen haben und vielleicht auch schon mehr oder weniger erfolgreich sind: Vergesst es einfach.

Mein dritter Adelina-Roman Verrat im Zunfthaus, erschienen 2008, hat meine “Stammleser” so gut wie alle erfreut. Zumindest entnehme ich das dem vielfältigen Feedback, das mich via Internet, Rezensionen usw. erreicht hat (und noch immer erreicht).

Aber. Es gibt immer ein Aber. Selbstverständlich gibt es auch immer Leute, die das Haar in der Suppe finden. Oder die vielleicht sogar extra heimlich eines hineinschmuggeln, nur um sich dann darüber aufregen zu dürfen. Ich weiß und begrüße, dass es unterschiedliche Geschmäcker gibt, was Bücher (und auch alles sonst) angeht. Wäre dem nicht so, sähe die Welt furchtbar trist und langweilig aus. Ich freue mich über jedes Feedback, solange es konstruktiv und nicht beleidigend geäußert wird. Auch wenn dem Leser eines meiner Bücher nicht gefallen hat. Doch wovon sich bitte alle Leser da draußen verabschieden möchten, ist die Annahme, ich müsse es ihnen unbedingt recht machen. Allen. Das geht nicht.

Nehmen wir Adelina als Beispiel. Viele, viele Leserinnen und Leser mögen diese Figur, weil sie so eine starke, kantige Persönlichkeit ist. Eine Frau im späten Mittelalter, die sich gegen alle Widerstände durchsetzt. Die nicht immer ihren Mund hält. Die aneckt und dadurch nicht selten in Gefahr gerät. Mal abgesehen davon, dass es tatsächlich in der Geschichte solche Frauen gab, bietet Adelina damit viel Potenzial, sich mit ihr zu identifizieren.

Es gibt allerdings Kritiker, die exakt das als großen Mangel ansehen. Ihrer Ansicht nach ist Adelina zu selbstständig, zu spitzzüngig, zu mutig und zu geradeheraus und entspricht damit nicht dem allgemein gültigen Bild der Frau im Mittelalter, die ausschließlich rechtlos und geknechtet (und am besten noch sexuell missbraucht) sein sollte. Die gab es. Aber es gab durchaus auch nicht wenige Frauen im Mittelalter, die Adelina sehr ähnlich waren, denn sonst hätten die mehr oder weniger gelehrten Männer jener Zeit, der Klerus und die Obrigen nicht immer und immer wieder gepredigt und verlangt, dass Frauen gefälligst in der Öffentlichkeit NICHT ihre Meinung zu äußern oder ihren Mund aufzumachen oder sich (in was auch immer) einzumischen hätten. Aber das soll hier gar nicht das Thema sein.

Adelina hat nämlich auch andere Seiten. Sie ist häuslich, kocht und backt gut und gerne. Sie kümmert sich neben ihrer Apotheke um ihren großen Haushalt, den kranken Vater, den zurückgebliebenen Bruder, die Lehrmädchen, die Kinder, ihren Mann, Hund und Katze. Nicht immer in dieser Reihenfolge, aber sie tut es. Anfangs noch recht allein, später mit der Hilfe ihres Gesindes.

Und wieder treten Kritiker auf den Plan, diesmal sogar aus zwei Lagern. Die einen halten das alles für viel zu viel für eine Frau. Das hätte sie nie schaffen können. Moment mal, das schaffen Frauen schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden! Doppel- und Mehrfachbelastung gibt es nicht erst seit dem 21. Jahrhundert. Aber auch das soll hier nicht thematisiert werden, sondern nur die Tatsache, dass Adelina wieder zu tough rüberkommt. Zu modern. Obwohl sie das tut, was damals ihre Aufgabe war.

Lager zwei der Häuslichkeits-Kritiker werfen mir vor, Adelina sei (und jetzt wird es interessant) zu häufig damit beschäftigt zu kochen, zu backen, sich um den Haushalt zu kümmern, um die Kinder, die Tiere usw. Sie wäre ständig nur dabei, Brotteig zu kneten oder Gemüse zu putzen oder ihrem Bruder die Kleider zu flicken. Dabei war (siehe oben) das doch genau, was man damals (unter anderem) von einer Frau erwartete.

Begreift ihr mein Dilemma? Egal, wie ich es mache bzw. wie ich ein Buch schreibe, ganz gleich, wie ich die verschiedenen Aspekte gewichte, es wird immer Leserinnen oder Leser geben, die sich beschweren. Da kann ich noch so gut recherchieren, noch so viel Mühe darauf verwenden, die Charaktere zu entwickeln und sich entwickeln zu lassen. Irgendwer meckert immer.

Was bleibt mir also übrig? Ich nehme die Kritik (gute wie schlechte) zur Kenntnis. Kann ich etwas für meine Schreibe damit anfangen, behalte ich sie im Hinterkopf. Aber ich lasse mich weder in die eine noch in die andere Richtung zerren. Ich schreibe meine Geschichten. Wem sie nicht gefallen, der hat, mal überspitzt formuliert, Pech gehabt. Ich mag auch nicht alle Bücher meiner Kollegen. Das ist normal und so muss es auch sein.

Bücher dürfen und sollen gerne polarisieren. Dann bleiben sie den Leserinnen und Lesern länger im Gedächtnis. Deshalb, und hier geht der Rat auch wieder an alle meine Kolleginnen und Kollegen da draußen, sollte man sich wegen kritischer Einzelmeinungen keine grauen Haare wachsen lassen.

Man kann es nicht allen recht machen, weil es einfach zu viele verschiedene Geschmäcker, Bildungshintergründe, Erwartungshaltungen, Vorlieben und Abneigungen gibt.

Man sollte es nicht allen recht machen, weil man sich damit nur verrückt macht und trotzdem nicht verhindert, dass die Meckerer meckern.

Man darf es nicht, weil man sich damit irgendwann seiner ureigenen Autorenstimme beraubt. Seiner eigenen Ideen und dessen, was man mit einer Geschichte erzählen, transportieren will.

Ich gehe gerne auf Leserwünsche ein, wenn es generell um Ideen für Geschichten geht. Gerade bei meinen Serien ist es richtig und wichtig, Anregungen hier und da aufzugreifen und zu verarbeiten. Dort, wo es passt und sinnvoll ist. Aber wenn ich jede einzelne Idee, jeden Wunsch, jede Kritik verarbeiten wollen würde, könnten die Leser auch gleich selbst die Geschichten schreiben (jeder und jede seine ganz eigene) und ich mir einen anderen Beruf suchen.

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Buchklappentext, Quelle: www.rowohlt.de

Zunfthaus


Verrat im Zunfthaus
Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt-Taschenbuch,
erschienen 01.02.2008, 352 Seiten
ISBN 978-3-499-24649-4
8.99 Euro

Informationen, Leseprobe, Shop-Links uvm. findet ihr auf meiner HOMEPAGE.

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