Textschnipsel Das Gold des LombardenBevor der Juni sich endgültig verabschiedet, möchte ich es nicht versäumen, euch noch einmal einen interessanten Textschnipsel aus meinem historischen Roman Das Gold des Lombarden zu kredenzen.

Das Buch wird jetzt laut Verlag übrigens am 20. Oktober 2017 erscheinen, also deutlich später als ursprünglich gedacht. Aber keine Sorge, zur Überbrückung habe ich noch einige weitere Textschnipsel für euch auf Lager. Aber genießt erst einmal diesen hier.

Aus dem 6. Kapitel

Aleydis hörte das Knirschen von Stiefeln auf sich zukommen und ahnte, um wen es sich bei dem Besucher handelte, noch bevor er sie erreicht hatte. Ohne einen Gruß ließ sich Vinzenz van Cleve neben ihr auf der Bank nieder und blickte aufmerksam zu dem Knecht hinüber. »Es ist ein weiterer Todesfall im Hause Golatti zu beklagen?«
Seine dunkle Stimme rief in Aleydis eine merkwürdige Reaktion hervor. Es fühlte sich beinahe an, wie wenn sie das Fell einer Katze gegen den Strich streichelte. Ihre Nackenhärchen stellten sich auf, doch sie bemühte sich, die Anwandlung von Unbehagen zu ignorieren. »Unser alter Hofhund.«
»Rufus.«
»Ja.« Überrascht sah sie ihn von der Seite an.
Er lächelte leicht. »Dachtet Ihr, nur weil ich kein Freund Eures Gemahls war, wüsste ich nicht über ihn und seinen Haushalt Bescheid?«
»Mir scheint, Ihr wisst mehr darüber als ich. Allerdings steht Ihr damit nicht allein da. Wie es aussieht, waren meine Familie und ich die einzigen Menschen, die keine Ahnung hatten, wer Nicolai wirklich war. Nun, vielleicht einmal abgesehen von Marlein und Ursel, aber die beiden sind ja auch noch Kinder.«
»Ihr habt inzwischen mit Euren Vater gesprochen, nehme ich an.«
»Er war mit seiner Gemahlin gestern zum Abendessen hier. Ebenso wie Cathrin und Nicolais Bruder.«
»Und heute noch einmal zur Verkündung des Testaments.« Auf ihren erneut verblüfften Seitenblick hin hob er nur die Schultern. »Ich komme gerade aus dem Rathaus. Ewald von Odendorp hat eine Abschrift der Urkunde vorgelegt, um die Auszahlung der Leibrenten in die Wege zu leiten.«
»Aha.« Still blickte sie wieder hinüber zu Lutz, der sich gerade den Schweiß aus dem Nacken rieb. Ein leichter Wind war aufgekommen und trieb weitere Wolken vor sich her. Vermutlich würde es noch vor dem Abend Regen geben. Möglicherweise sogar ein Gewitter. »Dann wisst Ihr wohl auch schon, was Nicolai über seinen Nachlass verfügt hat.«
»Nein.« Der Gewaltrichter lehnte sich auf der Bank zurück und überkreuzte seine ausgestreckten Beine. »Ich ging davon aus, dass Ihr mir davon berichten werdet, deshalb habe ich den Notarius nicht weiter aufgehalten. Er ist ein vielbeschäftigter Mann.«
»Nicolai hat Andrea enterbt.«
Interessiert richtete van Cleve sich wieder auf. »Lasst mich raten – das hat Euren Schwager nicht eben erfreut.«
»Er hat getobt.«
»Und doch war es kaum anders zu erwarten.«
»War es nicht?« Als sie dem Blick aus seinen fast schwarzen Augen begegnete, überkam sie erneut dieses eigenartige Gefühl des Gegen-den-Strich-gestreichelt-Werdens.
»Ihr seht nicht überrascht aus, also erübrigt sich eine Antwort auf diese Frage wohl.«
»Ich wusste, dass Nicolai sich über Andrea geärgert hat, aber dass er so weit gehen würde, ihm alle Rechte an seinem Erbe zu verwehren, hätte ich nicht erwartet.«
»Ich nehme an, Ihr seid die Nutznießerin dieser Entscheidung.«
»Nicolai hatte keine anderen männlichen Verwandten mehr, sieht man einmal von Andreas Sohn Matteo ab. Ihn hat er mit einer nicht unbeachtlichen Summe bedacht, die als verzinsliche Rente beim Rat hinterlegt ist, bis Matteo alt genug ist, um entweder in das Kontor seines Vaters einzusteigen oder selbst eines zu eröffnen. Der Junge ist gerade erst sechzehn Jahre alt, wird also wohl noch eine Weile bei seinem Lehrherrn bleiben.«
»Das ist anzunehmen.«
»Dem Beginenhof, in dem Cathrin lebt, hat Nicolai eine hohe Summe ausgesetzt und ihr ebenfalls eine verzinsliche Leibrente zugesprochen. Sie hat geweint. Die gute Seele wusste sich kaum zu lassen, als sie erfahren hat, dass …«
»Dass was?« Sein Blick ruhte eindringlich und fragend auf ihr.
»Nicolai hat … Er hat …« Sie konnte es nicht aussprechen, denn die Ungeheuerlichkeit war so immens, dass sie sie noch nicht zur Gänze fassen konnte.
»Er hat Euch zur Haupterbin gemacht?« Aus van Cleves Stimme war sowohl Ungläubigkeit als auch Belustigung herauszuhören.
Verärgert funkelte sie ihn an. »Nun lacht schon.«
»Verzeiht, aber …« Er schüttelte den Kopf und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch sein dichtes, schwarzes Haar, das wie immer in ungebärdigen Wellen auf seine Schultern fiel. »Ihr werdet doch wohl zugeben, dass es weit … sinnvollere Alternativen gegeben hätte.«
»Es war sein letzter Wille. Er wird sich etwas dabei gedacht haben.« Nur was, das begriff sie selbst noch nicht.

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Köln, 1423. Aleydis de Bruinker ist noch nicht lange mit dem lombardischen Geldverleiher Nicolai Golatti verheiratet, als dieser unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt. Man findet ihn erhängt – hat er sich das Leben genommen? Aleydis will das nicht glauben. Und tatsächlich: Sie findet Male, die auf einen Mord hinweisen. Potentielle Täter gibt es genug, Nicolai hatte viele Feinde.
Die junge Witwe stellt Nachforschungen an, die nicht jeden erfreuen. Schon bald schwebt sie in großer Gefahr, und es scheint, als sei ihr einziger Verbündeter in den Mord verstrickt …

Cover Das Gold des Lombarden
Das Gold des Lombarden

Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt-Taschenbuch & eBook, 512 Seiten, ISBN 978-3-499-27088-8
9.99 Euro

Erscheint am 20.10.2017

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