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Textschnipsel Der Ring des Lombarden

 

Wer meinen Newsletter abonniert hat, dürfte diesen Textschnipsel schon kennen – zumindest einen Teil davon. Ich habe ihn bereits im vorletzten Newsletter veröffentlicht, denn dort kriegt ihr immer mal wieder exklusive Vorab-Einblicke oder auch zusätzliche Schmankerln. Da nun aber schon so lange kein Textschnipsel mehr von mir gebloggt wurde, hier endlich auch für alle da draußen ein Ausschnitt aus dem 3. Kapitel.

Abgesehen davon: Diejenigen, die im Newsletter schon geschmökert haben, sollten hier trotzdem noch mal reinlesen, denn dies ist ein erweiterter Textschnipsel. ;-)

 

Aus dem 3. Kapitel

»Was wollte der Onkel denn von uns?« Ursel hatte neugierig den Kopf gehoben, zog ihn jedoch gleich darauf wieder ein, weil ihr bewusst wurde, dass es ungezogen war, ungefragt zu sprechen. Dennoch bat sie nicht um Verzeihung.
Aleydis sah es ihr nach. »Er kam mit einem …« Sie hielt inne. »Vorschlag zu mir, den ich jedoch abgelehnt habe.«
»Wer war denn der Mann, den er dabei hatte?«, wollte Marlein wissen. »Der mit den fussigen Haaren?«
Aleydis fragte lieber nicht nach, woher die Mädchen diese ganzen Details wussten, wo sie sich doch die ganze Zeit in der Küche aufgehalten hatten.
»Das war ein guter Bekannter von Herrn Arnold«, erklärte sie und beschloss, den Mädchen gegenüber ehrlich zu sein. »Ein gewisser Thomas van der Burghe, der gerne um deine Hand angehalten hätte, Marlein.«
»Was? Um meine Hand?« Das blonde Mädchen riss erschrocken die Augen auf. »Soll ich denn jetzt schon heiraten?«
»Nein, selbstverständlich nicht.« Aleydis warf ihr einen beruhigenden Blick zu. »Mit vierzehn, wenn es nach Herrn Arnold geht, aber auch das habe ich abgelehnt.«
»Daran habt Ihr gutgetan, Herrin.« Ells zupfte an ihrer weißen Haube, die ihr mausbraunes Haar bedeckte. »Dieser Mann war mir auf den ersten Blick unheimlich mit seinem feuerroten Haar. Unglück würde er übers Haus bringen, da bin ich ganz sicher. Männer mit fussigem Haar sind gefährlich, jawohl.«
»Das ist abergläubischer Unsinn, Ells, das weißt du genau.« Streng musterte Aleydis ihre Köchin. »Mit seiner Haarfarbe hatte meine Ablehnung nun wahrhaftig nichts zu tun.« Eher schon mit diesen hellblauen, stechenden Augen und seinem abstoßend-schmeichlerischen Wesen, dachte sie.
»Doch, doch, glaubt es mir nur. Fussiges Haar, insbesondere solch ein loderndes Rot, verheißen Ungemach und Gefahr.« Ells nickte mit Nachdruck. »Das habe ich schon oft erlebt. Und überhaupt, was will denn ein ausgewachsener Mann mit einem Kind wie Marlein? Drei Jahre warten, bis sie alt genug ist? Dass ich nicht lache. Nein, ganz bestimmt steht er mit dem Gottseibeiuns im Bunde.« Sie bekreuzigte sich hastig. »Wer weiß, was er mit unserer lieben Marlein anstellen würde, wenn er sie erst geehelicht hat? Oder vielleicht sogar schon vorher!«
»Frau Aleydis!« Entgeistert starrte Marlein Ells an. »Ich will den nicht heiraten, wenn er so fussige Haare hat und gefährlich ist!« Ihr Kinn zitterte und schon rannen ihr die ersten Tränen über die Wangen. »Bitte verheiratet mich nicht mit dem.«
»Also wirklich, Ells, war das nötig?« Ungehalten blickte Aleydis der Köchin in die Augen, bis diese achselzuckend den Kopf senkte. »Du weißt doch, wie zartbesaitet Marlein ist. Sie in einen solchen Schrecken zu versetzen … dafür gebührt dir eigentlich eine Abreibung.« Sie griff über den Tisch nach Marleins Hand. »Beruhige dich, Kind. Ich habe doch schon gesagt, dass ich sein Ansinnen abgelehnt habe.«
»Da war der Onkel bestimmt böse, oder?« Ursel hatte nichts von der sensiblen Natur ihrer Schwester, sondern war immer schon, obgleich zwei Jahre jünger, die mutigere und impulsivere – und nicht selten trat sie als Beschützerin ihrer älteren Schwester auf. »Hat er sehr geschimpft?«
»Nein.« Als Schimpfen würde Aleydis die Drohungen, die Arnold ausgestoßen hatte, nicht bezeichnen, aber so etwas gehörte nicht hierher. »Die beiden sind unverrichteter Dinge wieder gegangen, das ist alles.« Noch einmal drückte sie Marleins Hand. »Mach dir keine Gedanken. Solange ich etwas zu sagen habe, wird dieser Thomas van der Burghe nicht um deine Hand anhalten. Und selbst wenn er es täte, würde er sie nicht erhalten.«
»Danke, Frau Aleydis.« Immer noch weinerlich rieb das Mädchen sich mit dem Ärmel ihres Kleides über Augen und Nase. »Warum will der Onkel denn, dass ich jetzt schon heirate? Oder mich verlobe?«
»Wegen deiner Mitgift«, antwortete Ursel prompt, zog aber wieder den Kopf ein, als Aleydis‘ strenger Blick sie traf. »Ist doch so, oder nicht? Wenn ich nicht erst neun wäre, würde er mich auch gleich mit verheiraten.«
Diese erstaunlich erwachsene Einsicht ließ Aleydis seufzen. »Auch in dieser Angelegenheit habe ich ein Wörtchen mitzureden. Und nicht zuletzt auch mein Vater, der zu eurem Vormund bestimmt wurde. Also zerbrecht Euch nicht weiter die Köpfe darüber, sondern geht nun zu Bett.«
»Ja, Frau Aleydis.« Beide Mädchen hatten gleichzeitig gesprochen und erhoben sich, um der Aufforderung Folge zu leisten.
Kaum hatten sie die Stube verlassen, räusperte Ells sich vernehmlich. »Und ich bleibe dabei: Dieser fussije Käl verheißt nichts Gutes. Ihr werdet schon noch sehen. Gut, dass Ihr ihn weggeschickt habt. Hoffentlich hat er nicht bereits was von seinem teuflischen Wesen hiergelassen, damit es Unbill stiftet.«
»Ells!« Ungehalten schüttelte Aleydis den Kopf. »Lass endlich dieses abergläubische Geschwätz! Du weißt genau, dass ich dergleichen in meinem Hause nicht dulde. Das hat mein Gemahl, Gott hab ihn selig, nicht getan, und daran wird sich auch jetzt nichts ändern.« Geräuschvoll schob sie ihren Stuhl zurück und erhob sich. Anstatt wie zumeist beim Abtragen der Schüsseln und Teller zu helfen, begab sie sich ohne ein weiteres Wort zur Stubentür. Dort blickte sie noch einmal über die Schulter zurück. »Ich ziehe mich jetzt zurück und möchte heute Abend nicht mehr gestört werden. Matteo, dich möchte ich morgen früh in der Wechselstube sprechen. Du wirst mir dort, solange du hier bist, zur Hand gehen.« Damit verließ sie die Stube, holte sich aus der Küche eine kleine Öllampe und erklomm die Stiege ins Obergeschoss. Ihre Schlafkammer lag nach vorne rechts hinaus, sodass sie, wenn sie ans Fenster trat, die Glockengasse überblicken konnte und rechter Hand einen Teil des Hofes. Das gesamte Haus besaß teure Butzenglas-Fensterscheiben, wodurch der Reichtum der Besitzer für alle Welt deutlich sichtbar zur Schau gestellt wurde. Die Fenster in ihrer Kammer standen weit offen und waren mit Haltern fixiert, sodass sie im Wind nicht zuschlagen und kaputtgehen konnten. Auch die Fensterläden waren weit geöffnet, und so war es in der Kammer recht kalt, doch das störte Aleydis nicht. Gerlin würde ihr später wie immer noch einen heißen, in Tücher gewickelten Ziegelstein heraufbringen und die Kohlen in dem dreibeinigen Becken neben dem Bett entzünden, und bis dahin reichte es Aleydis, sich in ihre Decken einzuwickeln. Da der Wind immer noch unvermindert ums Haus pfiff und möglicherweise über Nacht Regen mit sich bringen würde, stellte Aleydis das Öllämpchen auf der kleinen Truhe neben dem Bett ab und trat ans Fenster, um dieses zu schließen. Dabei meinte sie, Rauch zu riechen, und runzelte die Stirn. Zog der Kamin wieder einmal nicht richtig? Im Frühjahr hatten sie bereits Ärger damit gehabt, weil ein herabgefallenes Vogelnest den Abzug versperrt hatte. Lutz hatte fast einen ganzen Tag gebraucht, um die Überreste des Nestes aus dem Kamin herauszufischen, ganz zu schweigen von dem Dreck, den er dabei in der Küche aufgewirbelt hatte.
Da verstopfte Kamine eine große Brandgefahr in sich bargen, wandte Aleydis sich ab, um wieder nach unten zu gehen und dem Knecht Bescheid zu geben. Sie hielt jedoch inne, als sie ein seltsames, fernes Knistern und Knacken vernahm. Eine Gänsehaut überlief sie am gesamten Körper, noch bevor ihr Verstand nachvollziehen konnte, woher das unheimliche Geräusch kam. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Eilig trat sie erneut ans Fenster, beugte sich ein wenig vor, sog die Luft ein. Das war nicht der Kamin. Irgendwo brannte es!
Ihr wurde kalt und heiß zugleich, als sie ihren Blick erst hinüber in den Hof richtete – dort war nichts zu erkennen, alles lag friedlich im Dunklen. Als sie sich nach links wandte und die Glockengasse hinaufblickte, bemerkte sie zunächst auch nichts Ungewöhnliches. Oder doch? Ein Lichtschein fiel ihr auf und gleich darauf winzige Funken, die der Wind herüberwehte. Der Anblick ließ ihr rasendes Herz beinahe stillstehen. Sie beugte sich weiter vor, noch weiter nach links – und stieß einen erstickten Laut aus. Im Beginenhof brannte es – und anscheinend hatte noch niemand außer ihr das Feuer bemerkt.
»Hilfe!« Ihre Stimme versagte. Hastig verließ sie die Kammer. »Zu Hilfe, Lutz, Wardo, Symon, es brennt! Der Beginenhof brennt! Holt Hilfe, weckt die Nachbarschaft!«
»Was ist?« Lutz war der Erste, der auf ihr Rufen reagierte und aus der Stube gestürmt kam. »Was sagt Ihr da, Herrin? Es brennt?«
»Im Beginenhof«, wiederholte Aleydis und war schon auf dem Weg nach draußen. »Schlagt Alarm, in Gottes Namen! Lutz, bleib du hier bei den Mädchen und gib acht, dass sie im Haus bleiben.« Ohne an einen Mantel zu denken, rannte sie auf die Glockengasse und wandte sich nach links in Richtung des Beginenhofes. Hinter sich hörte sie Wardo und die Mägde rufen und schreien. Sie rannten ebenfalls auf die Straße, pochten an die Türen der Nachbarhäuser, alarmierten jeden im Umkreis. Auch Matteos Stimme vernahm sie und kurz darauf die ersten aufgeregten Nachbarn.
Der Beginenhof lag nur knapp fünfzig Schritte von ihrem Anwesen entfernt, und als sie ihn erreichte, bestätigte sich ihr Verdacht, dass die Bewohner noch nichts von dem Feuer im rückwärtigen Bereich des Hofs bemerkt hatten. Frau Jonata führte ein strenges Regiment und sorgte stets dafür, dass die ihr unterstellten Beginen nach dem Abendmahl ihre Kammern aufsuchten und alsbald das Licht löschten.
Mit den Fäusten hämmerte Aleydis gegen das Hoftor, in der Hoffnung, eine der Mägde würde sie hören, dann gegen die schmale Haustür. «Frau Jonata, wacht auf!» Ihre Stimme kippte beinahe über. «Es brennt! So öffnet doch endlich die Tür! Das Feuer muss gelöscht werden.» Aleydis’ Herz raste nun wieder, denn sie hatte gesehen, wo genau es brannte: Das Dach des Anbaus, in dem Cathrein eingemauert war, stand lichterloh in Flammen. Es würde sicherlich nicht lange dauern, bis das Feuer auch auf das Haupthaus übergriff. «So wacht doch auf, Frau Jonata!» Wieder hämmerte sie mit aller Kraft gegen die Tür.
Mittlerweile hatte sich die Glockengasse mit Menschen gefüllt. «Feuer! Feuer!»-Schreie mischten sich mit dem aufgeregten Getrappel unzähliger Füße, Männerstimmen brüllten Befehle. Jemand rüttelte am verschlossenen Hoftor der Beginen. «Wir müssen es aufbrechen!», rief ein anderer, doch in dem Moment waren aus dem Inneren des Beginenhofes ebenfalls schrille Schreie zu vernehmen. Der Riegel des Tores wurde zu-rückgeschoben, und schon stürmten die ersten Knechte mit gefüllten Wassereimern hindurch, um das Feuer zu löschen.
«Um der Liebe Gottes willen, was ist denn bloß geschehen?!» Endlich hatte sich auch die Tür des Wohnhauses geöffnet, und eine vollkommen aufgelöste Jonata rannte auf die Straße. Sie trug einen Hausmantel über dem langen grauen Nachthemd und wickelte sich eilig den Schleier ihrer Haube wie ein Kopftuch um das hellblonde, fast weiß wirkende Haar. «Wie konnte das passieren?» Als sie Aleydis erkannte, eilt sie auf sie zu. «Du meine liebe Güte! Danke, dass Ihr uns geweckt habt. Ist das unsere Remise, die da brennt?» Etwas hilflos blickte die sonst so energische Beginenmeisterin auf das Gewusel von Menschen, die versuchten, des Brandes Herr zu werden. Schnell hatte sich eine Schlange gebildet, volle und leere Wassereimer wanderten hin und her. Derweil kamen auch die übrigen Beginen aus dem Haus und sahen sich verstört um.
Aleydis legte Jonata eine Hand auf den Arm. «Nein, Frau Jonata, nicht die Remise. Es ist Cathreins Gefängniszelle. Das Dach steht in Flammen.»
«Heilige Maria, Muttergottes!» Jonata bekreuzigte sich gleich dreimal. «Cathrein. Man muss sie da herausholen, sonst verbrennt sie!»
«Bleibt hier.» Obwohl die Angst um Cathrein ihr die Kehle zudrückte und alles in ihr danach verlangte, die einstige Freundin zu retten, hielt Aleydis Jonata am Handgelenk fest. Sie konnte sich selbst nur mit Mühe zurückhalten. Am liebsten wäre sie ebenfalls sofort zu der Unglücksstelle gerannt, doch selbst von hier aus sah sie, dass das keinen Sinn hatte. Die Knechte und auch mehrere Mägde sowie viele weitere Bewohner der umliegenden Nachbarhäuser brauchten den Platz, um die Flammen mit dem herbeigetragenen Wasser zu löschen.
«Aber sie verbrennt doch!» Jonata schluchzte verzweifelt. «Jemand muss sie befreien.»
«Geht zur Seite, ihr guten Frauen.» Ein weißhaariger Mann mit vorstehendem Bauch und buschigem Bart trat den Frauen in den Weg. Jan Starkenberg war Aleydis’ Nachbar von gegenüber, ein reicher Weinhändler, der früher oft zu Gastmählern zu Besuch gewesen war, als Nicolai noch gelebt hatte. «Sonst steht ihr den Helfern im Weg.»
«Nein!», protestierte Jonata. «Cathrein, sie muss doch gerettet werden.»
Aleydis hätte gerne dasselbe verlangt, doch das Entsetzen hatte sie stumm gemacht.

 

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Erscheint am 28. Januar 2020

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