Artikel vorlesen lassen
Voiced by Amazon Polly


Der Welttag des Hundes war zwar schon gestern, doch da hatte ich leider keine Zeit, einen neuen Textschnipsel zu posten. Ganz ehrlich, ich hatte es auch vollkommen vergessen. Doch als ich heute beim offiziellen Korrekturvorgang an diese Szene gekommen bin, wurde mir klar, dass sie einfach perfekt passt. Außerdem bin ich ganz sicher, dass auch ihr sie lieben werdet. Wo genau sie im dritten Band meiner Lombarden-Trilogie stattfindet, verrate ich diesmal nicht. Das spielt auch gar keine Rolle. Lest einfach. ;-)

 

«Ich schließe jetzt das Hoftor», wandte Aleydis sich erneut an die Stadtsoldaten. «Bleibt Ihr drinnen oder draußen?»
«Draußen, werte Frau.» Der kleinere, deutlich gesprächigere und auch höflichere der beiden, deutete auf die andere Seite der Gasse, wo sie sich zwei umgestürzte Eimer als Sitzgelegenheiten aufgestellt hatten. «Es ist aber noch einer von uns drinnen … » Er brach ab, als ein schrilles Jaulen ertönte, das in ein abgehacktes Heulen überging. Es klang, als habe jemand einen Hund misshandelt.
Aleydis fuhr erschrocken herum und rannte in den Hof zurück. «Beim Allmächtigen, was war das denn?» Das Heulen wollte gar nicht wieder abreißen. Dann war es plötzlich still, gleich darauf ertönte helles Gebell, dann wieder markerschütterndes Jaulen.
«Das ist der Hund, der unsere Hennen gerettet hat!», schrie Irmel.
Aleydis hatte bereits ihre Röcke gerafft und rannte dem gottserbärmlichen Gejaule entgegen. Im Garten sah sie den dritten Soldaten, der mit großen Schritten durch ihre noch nicht für die Frühjahrssaat vorbereiteten Gemüsebeete stampfte. Er hielt einen Knüppel in der Hand, vermutlich einen heruntergebrochenen Ast von einem ihrer Obstbäume. Als sie den Rand des Gartens erreicht hatte, erblickte sie auch den Hund, der mittlerweile das Heulen eingestellt hatte und nun wieder wie wild kläffte. Es handelte sich um ein wuscheliges, schmutzig weißes, noch nicht einmal ganz kniehohes Tier, fast noch ein Welpe, wie Aleydis annahm, mit riesigen schwarzen Tatzen, zwei schwarzen Knickohren und einem schwarzen Schwanz. Gar seltsam sah dieser Hund aus, und er war wütend und verängstigt gleichermaßen, wie er sich nun gegen die Gartenmauer drückte, geduckt und doch mit gesträubtem Nackenfell und gefletschten Zähnen.
«Ich krieg dich, du Mistvieh. Jetzt hab ich dich.» Der Soldat schwang die Keule, doch Aleydis rannte zu ihm und fiel ihm in den Arm.
«Nicht! Hört auf damit. Wollt Ihr den etwa erschlagen?»
Wütend drehte der Soldat sich zu ihr um. «Na, was denn sonst? Wenn ich es nicht tue, macht es der Hundeschläger. Das ist ein dreckiger Streuner, der trägt keine Hundemarke. Hier hat er ja wohl nix zu suchen, oder? Also muss er weg. Ich erledige das schon für Euch, werte Frau. Ist gleich erledigt.» Schon machte er einen weiteren Schritt auf den Hund zu und wollte erneut ausholen.
Aleydis stellte sich ihm in den Weg, ergriff mit beiden Händen seinen Arm und trat ihm gleichzeitig gegen das Knie. Der Mann brüllte vor Schmerz auf, drehte sich reflexartig zur Seite und gab Aleydis so die Gelegenheit, seinen Schwung auszunutzen und ihn zu Fall zu bringen. Schwer atmend, starrte sie auf ihn hinab. «Ihr werdet auf meinem Grund und Boden keinen Hund erschlagen.»
Vollkommen verdutzt blickte der Soldat zu ihr auf. «Wie habt Ihr das gemacht?» Umständlich rappelte er sich wieder auf und vergaß dabei, den Knüppel wieder aufzuheben.
Das tat Aleydis an seiner Stelle und warf ihn so weit von sich fort wie nur möglich. «So, wie Ihr es auch mit einem Angreifer getan hättet. Ich nehme doch an, dass Meister Vinzenz, der Gewaltrichter, Euch in der Fechtschule der Universität Übungsstunden erteilt. Er ist doch für die Stadtsoldaten zuständig.»
«Meister Vinzenz?» Der Soldat runzelte die Stirn, dann schlug er sich mit der flachen Hand vor den Kopf. «Sagt bloß, er gibt Euch auch Fechtstunden.»
Aleydis schüttelte spöttisch den Kopf. «Wohl kaum, aber er hat mir ein paar Handgriffe beigebracht.» Sie wünschte, diese wären ihr bei dem Angriff im Wehrgässchen besser gelungen, doch da hatte sie sich nicht verteidigen können. Nicht gut genug jedenfalls.
«Ich wollte Euch bloß einen Gefallen tun. Der Köter da ist ein Streuner. Der Stadtrat hat die Hundeschläger angewiesen, alle Tiere ohne gültige Marke zu töten und wegzuschaffen. Die Viecher sind eine wahre Landplage und schleppen Ungeziefer ein.»
«Nun, dieser hier hat laut meiner Magd genau das Gegenteil getan, nämlich den räuberischen Fuchs vertrieben, der uns schon seit einiger Zeit immer wieder heimsucht. Dafür kann ich ihn wohl schwerlich bestrafen.»
«Aber der gehört niemandem und muss weg», widersprach der Soldat.
«Das werden wir ja sehen.» Sie drehte sich zu dem Hündchen um, das inzwischen dicht an der Mauer saß und sie argwöhnisch beobachtete. «Ihr habt ihn getreten, ja?»
«Hab ihn zweimal erwischt, aber er ist verflixt flink.»
«Dann zieht Euch jetzt zurück, damit Ihr ihm keine Angst macht.»
«Was habt Ihr denn vor?» Verständnislos sah der Mann sie an, zog sich aber ein Stück weit zurück.
Sie antwortete ihm nicht, sondern ging vor dem Hund in die Hocke und streckte sehr vorsichtig die Hand aus. «Na, du kleiner mutiger Krieger? Hast du unsere Hennen vor dem Fuchs verteidigt?»
Das Hündchen beäugte sie misstrauisch, spitzte aber die Ohren, als sie ruhig weitersprach. «Keine Sorge, ich will dir nichts tun. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir so einem kleinen Helden etwas antun würden.» Sie machte ein paar lockende Laute. «Komm, komm mal her zu mir, Kleiner. Ich will mir dich mal von nahem ansehen.»
Die Rute des Hundes bewegte sich leicht hin und her. Er stand auf, machte erst einen Schritt rückwärts, stieß dann aber mit dem Hinterteil gegen die Mauer und zuckte prompt erschrocken zusammen. Empört blickte er hinter sich, dann wieder auf Aleydis’ ausgestreckte Hand.
«Na, komm schon, Kleiner. So ein mutiger Krieger wird doch keine Angst vor mir haben.»
«Krieger, dass sich nicht lache», murmelte der Soldat, hielt sich jedoch weiterhin zurück.
Die Neugier des Hündchens überwog schließlich, wohl weil es von Aleydis keine Gefahr witterte. Schritt für Schritt, mit lang ausgestreckter Nase, tappte es auf sie zu und schnüffelte schließlich an ihren Fingerspitzen.
«Na, siehst du. Mutig bist du.» Lächelnd wartete Aleydis, bis der Kleine noch näher kam und an ihrem Rock schnupperte. «Du siehst ja lustig aus. Ich will gar nicht wissen, wer deine Eltern waren.»
«Die sind vermutlich schon erschlagen worden», murrte der Soldat, inzwischen klang er jedoch gar nicht mehr so entschlossen, dem Tierchen den Garaus zu machen.
«Wahrscheinlich habt Ihr recht. Das Kerlchen ist noch ganz jung. Falls es überhaupt ein Kerlchen ist. Aber was für Pfoten der Kleine hat! Wenn er da noch hineinwachsen will, wird er riesig.» Vorsichtig berührte Aleydis den Hund an der Brust und streichelte ihn schließlich, als er stillhielt. «Ich könnte dir eine Stellung in meinem Haushalt anbieten.» Mutig griff sie nach dem Hund und hob ihn auf den Arm. Der Kleine knurrte kurz, doch dann rekelte er sich wie wild in ihren Armen und versuchte, ihr das Gesicht abzulecken. Aleydis lachte. «Na, na, nicht so stürmisch! Sonst lasse ich dich noch aus Versehen fallen.» Sie versuchte, einen Blick auf seine Unterseite zu erhaschen, und nickte dann. «Ein Kerlchen, ganz offensichtlich. Na, wie ist es, bist du auf der Suche nach Arbeit? Wir könnten einen Hühnerhund gebrauchen.» Der Hund hielt still und blickte sie aus braunen Knopfaugen an. Dann leckte er ihr wieder übers Kinn. Kichernd ließ Aleydis das Tier wieder zu Boden und erhob sich. «Also gut, du bist eingestellt. Ells wird dir deinen Futter- und deinen Wassernapf zeigen. Beide stammen noch von deinem Vorgänger, dem guten alten Rufus.»
«Ihr wollt das Viech behalten?» Ungläubig starrte der Soldat sie an. «Dann müsst Ihr ihm umgehend eine Marke besorgen, sonst überlebt er nicht lange.»
«Das weiß ich.» Sie verschränkte die Arme und blickte ihn vielsagend an. «Leider ist es mir nicht möglich, momentan meinen Grund zu verlassen.»
«Oh, ach ja.» Der Soldat hüstelte. «Aber trotzdem.»
«Mein Vater wird sich gleich morgen darum kümmern. Er muss sowieso zur Terz im Rathaus sein. Dann kann er auch gleich beim Henker vorbeigehen und sich eine Hundemarke geben lassen.»
«Tja, dann … Ihr müsst den Hund aber so lange irgendwo einsperren, damit er nicht auf die Straße läuft.» Dem Mann war anzusehen, dass er Aleydis’ Idee für albern und rührselig hielt.
Doch das war ihr gleich. Sie hatte sich auf den ersten Blick in den merkwürdigen Hund verliebt, und davon abgesehen war sie schon lange auf der Suche nach einem neuen Wachhund. «Macht Euch darüber keine Gedanken.» Sie wies in Richtung Hof. «Es wird allmählich dunkel, und ich will das Hoftor schließen.»
«Gut, gut, mein Posten ist heute Nacht vor Eurer Haustür.» Der Soldat warf dem Hündchen, das sich dicht an Aleydis’ Röcken hielt, noch einen scheelen Blick zu, dann machte er sich auf den Weg zu seinen beiden Kollegen.
«Nun gut, Kleiner, dann komm mal mit. Wie nennen wir dich denn?»
Der Hund hechelte und wuselte um sie herum.
«Da ist er ja, der kleine Hund!» Irmel kam angelaufen und klatschte dabei in die Hände. «Wem gehört der denn, wisst Ihr das?»
«Uns ab heute», erklärte Aleydis. «Er ist ein Streuner, aber noch ganz jung. Da er unsere Hühner ja so gut verteidigt hat, dachte ich, er könnte das ab sofort auf Dauer tun. Er muss nur gleich morgen beim Henker gemeldet werden und eine Marke bekommen.»
«Ach, das ist ja schön! Endlich wieder ein Hofhund!» Irmel strahlte, bückte sich und lockte den Hund zu sich. «So ein feiner Kerl. Aber Pfoten hat der! So was hab ich ja meiner Lebtage noch nicht gesehen.»
«Er dürfte recht groß werden.» Aleydis sah sich um. «Wo ist denn Lutz?»
«Hier, Herrin.» Der Altknecht kam aus der Remise. In den Armen hielt er ein Bündel alter Wolldecken. «Der Hund kann in die Hütte vom alten Rufus einziehen. Die ist dem Kleinen jetzt noch ein bisschen groß, aber man kann sie gut mit den Decken hier und Stroh auspolstern, dann fühlt er sich schon wohl darin. Was Kleiner?» Die Augen des Knechtes leuchteten auf, als er den wuscheligen Hund betrachtete. «Bisschen merkwürdig siehst ja aus, aber das ist egal. Der Herrgott wird sich schon was dabei gedacht haben.» Rasch breitete Lutz die Decken in der Hundehütte aus, die in einer Nische neben der Hintertür stand.
«Ich hol die Näpfe!» Irmel polterte ins Haus. «Vielleicht find ich auch noch ein paar Wurstenden oder so.»
«Hier hab ich noch ein Bündel Stroh. Damit kann man die Hütte noch mehr auspolstern. Der alte Rufus mochte das immer sehr und hat seine Knochen darin versteckt.» Die behäbige Ells kam ebenfalls aus der Remise. Sie wollte sich schon bücken, um das Stroh selbst auszulegen, doch Aleydis nahm ihr diese Arbeit rasch ab und lockte das Hündchen zu sich. «Schau mal, wie gefällt dir das? Magst du ab sofort hier wohnen?»
Der Hund tappte neugierig näher, schnüffelte ausgiebig an Hütte, Stroh und Decken, dann kroch er in die Behausung und rollte sich mit einem zufriedenen Schnaufen auf den Decken zusammen.
«Ich schätze, das war ein Ja.» Lächelnd erhob Aleydis sich wieder.
«Hier, ich habe Wasser für ihn, dazu ein bisschen Grütze und zwei Wurstenden und ein Stückchen Brot.» Irmel stellte die beiden Steingutnäpfe des alten Rufus neben die Stufen zur Haustür, wo sie früher immer gestanden hatten. «Das ist Euch doch recht?»
Aleydis nickte nur. «Der Krieger muss sich schließlich stärken.»
«Krieger?» Verwundert hob Irmel den Kopf.
«Ich finde, das ist ein passender Name für ihn», befand Aleydis. «Zumindest scheint er das Herz eines solchen zu besitzen.»
Der Hund hob neugierig den Kopf, als sie den Namen mehrmals wiederholte, dann stand er auf und untersuchte die beiden Näpfe. Der Inhalt des einen war so schnell hinuntergeschlungen, dass Aleydis lachte. «Der frisst uns die Haare vom Kopf. Aber gut, dafür wird er bestimmt einmal ein imposanter Hofwächter.»

 

*************************************

Diese Artikel könnten dich ebenfalls interessieren:

Textschnipsel Nr. 1: Die Rache des Lombarden
Markus Neumann, Geheimagent aus „Spionin wider Willen“, im Interview
Petra Schier im Interview bei #weltbildliest
Petra Schier über Lieblingsbücher ihrer Kindheit und Jugend
Die Frau im (späten) Mittelalter: Von Irrtümern, Falschmeldungen und Missverständnissen

*************************************

 

Hat Liebe einen Preis?

Köln, anno domini 1424: Im Haus von Aleydis de Bruinker zieht einfach keine Ruhe ein. Betrugsversuche in ihrer Wechselstube, übermütige Verehrer, das kriminelle Erbe ihres verstorbenen Mannes … mit all dem muss Aleydis sich fast täglich auseinandersetzen. Und trotz dieser Widrigkeiten kommt sie bestens zurecht, auch ohne Mann. Auch ohne Vinzenz van Clewe, obwohl sie zugeben muss, dass der gutaussehende Gewaltrichter bisweilen durchaus hilfreich sein kann. Doch dann erlebt Aleydis ihren schlimmsten Alptraum: Ihre Mündel werden entführt. Aleydis setzt alles daran, die Mädchen zurückzubekommen. Koste es, was es wolle …

 

Die Rache des Lombarden

Petra Schier

Historischer Roman
Rowohlt-Taschenbuch & eBook
ca. 384 Seiten
ISBN 978-3-499275-00-5
11,- Euro / eBook 9,99 €

Erscheint am 26. Januar 2021.

Teilen mit

Besuche heute: 1 / Besuche insgesamt: 50