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Der letzte Textschnipsel aus meinem dritten Lombarden-Roman liegt schon wieder mehr als einen Monat zurück, deshalb finde ich, dass es an der Zeit ist, euch einen weiteren kleinen Einblick in das Leben zu gewähren, das Aleydis derzeit führt. Leicht hat sie es nicht gerade, wie ihr feststellen werdet. Denn nicht nur dräut Nicolais Schattenwelt über ihr (und wabert um sie herum), sondern auch andere Probleme belasten sie zunehmend, weil sie nun eine der reichsten Witwen Kölns ist. Wenn nicht sogar die reichste …

 

Aus dem 3. Kapitel

 

Mit einem erfreuten Lächeln ließ der Besucher ihr den Vortritt und folgte ihr bis vor die Haustür. Die Dämmerung hatte eingesetzt und ein leichter Nieselregen sprühte ihnen entgegen. Unwillkürlich rieb Aleydis sich über die Oberarme. »Ich nehme an, Ihr möchtet mich in einem konkreten Anliegen sprechen, Herr Richmodis.«
»Wilhelm.« Er hüstelte und wirkte mit einem Mal verlegen. »Bitte nennt mich Wilhelm. Wir kennen einander doch schon so lange.«
Aleydis nickte. Richmodis war zehn oder zwölf Jahre älter als sie, und seine Familie gehörte in der Tat schon seit langer Zeit zu ihres Vaters Kundschaft.
»Wisst Ihr, Frau Aleydis, ich habe lange überlegt, ob ich auf Euch zukommen soll. Ihr seid ja noch nicht allzu lange verwitwet und, nun ja …«
»Schreckt Euch das Erbe ab, das Nicolai mir hinterlassen hat?« Ihr forscher Vorstoß ließ ihn etwas zusammenfahren.
»Nein, nein.« Abwehrend hob er die Hände. »Das ist es nicht. Oder … Nun ja, Ihr müsst zugeben, dass seine Entscheidung, Euch alles zu vermachen, in Köln einiges an Aufsehen erregt hat.«
Aleydis nickte erneut und blickte ihn abwartend an.
»Kürzlich sprach ich mit Arnold Hürth, der, wie Ihr sicher wisst, ein guter Freund meines Vaters war.«
Das hatte sie allerdings nicht gewusst. Ein Funken Argwohn stieg in ihr auf. »Hat er Euch ermutigt, mir die Ehe anzutragen?« Eigentlich hatte sie nicht so geradeheraus sprechen wollen, doch die Worte hatten sich über ihre Lippen gestohlen, noch bevor sie hatte nachdenken können.
»Ich, äh … Also nein, also nun ja …« Richmodis starrte sie perplex an. Es dauerte einen Atemzug lang, bis er sich gefangen hatte und sich ein Lächeln abrang. »Er hat mir erzählt, wie schwierig die derzeitige Situation für Euch ist und dass Ihr Euch nicht leicht für eine neue Ehe erwärmen würdet, weil Ihr ja nun doch sehr … wohlhabend seid und sicherlich befürchtet, dass man Euch nur noch nach dem Wert Eures Vermögens beurteilt.«
Der Argwohn wandelte sich in Wut, dennoch blieb Aleydis ganz ruhig. Dass Arnold Hürth zu solchen Mitteln greifen würde, hätte sie ahnen müssen. »Ich vermute, er hat Euch angeboten, Euch unter die Arme zugreifen, was die Verwaltung meines Erbes angeht, sollte ich in eine Ehe mit Euch einwilligen? Um der Familienbande willen, die Arnold und mich verbinden?«
Richmodis nickte. »Ein äußerst liebenswürdiges und hochherziges Angebot, wie ich finde. Ihr könnt Euch glücklich schätzen, solch einen großartigen Mann zu Eurer Familie zählen zu dürfen, der stets Euer Wohl im Auge hat. Mein Vater und Arnold waren wie gesagt, sehr gut befreundet. Dass er diese Freundschaft auf mich ausweitet, erfreut mich sehr.«
Aleydis musterte den Mann, der ihr gegenüberstand, eingehend. Dennoch konnte sie nicht erkennen, ob er tatsächlich glaubte, was er da sagte, oder ob er eine eigene Agenda verfolgte. Denn wenn Arnold Hürth eines nicht war, dann ein Menschenfreund – und der ihre schon gar nicht. Er hatte bereits mehr als einmal deutlich gemacht, dass er liebend gerne über sie und ihr Vermögen verfügen würde, von den Mädchen ganz zu schweigen. Er hatte sogar einen Bräutigam für Marlein aufgetan, der nach wie vor versuchte, sich bei ihr lieb Kind zu machen, obwohl sie ihn schon mehrfach des Hauses verwiesen hatte.
Arnolds Schwester Griselda war zu ihren Lebzeiten die treibende Kraft in ihrer Ehe mit Nicolai gewesen – und darüber hinaus wohl auch in allem, was seine Schattenwelt betraf. Ihr Bruder Arnold wiederum war derjenige, der für sie die Strippen gezogen hatte. Selbstverständlich wollte er nun seine Gewalt über das, was er mit Nicolais Hilfe geschaffen hatte, zurückerobern. Doch Aleydis würde den Teufel tun und ihm in dieser Hinsicht auch nur ansatzweise entgegenkommen. Sie wollte nichts mit der Schattenwelt zu tun haben – oder doch zumindest so wenig, wie nur möglich. Auf keinen Fall würde sie den Untaten ihres Gemahls und der Familie Hürth Vorschub leisten, indem sie in eine von Arnolds Fallen tappte.
»Habt Ihr meinem Vater von dieser Freundschaft zu Arnold Hürth erzählt?«
Verwunderung zeichnete sich auf Richmodis’ Zügen ab. »Nein, darauf ist die Sprache nicht gekommen. Hätte ich das tun sollen, um sein Wohlwollen in dieser Sache zu bestärken? Ich hatte den Eindruck, dass er meinem Anliegen durchaus gewogen ist.« Er lächelte sie hoffnungsvoll an. »Ihr hättet es gut bei mir, Frau Aleydis, wirklich. Ich war schon immer entzückt von Eurem Liebreiz, und dass Ihr gelernt habt, Bücher zu führen und klug zu wirtschaften, kommt meinem Ansinnen noch dazu entgegen. Denn ein Weib mit Verstand birgt viele Vorteile.«
Oha, dachte Aleydis. Arnold hatte den guten Richmodis bereits genau instruiert. Sie ahnte, worauf dies hinauslaufen würde. Dennoch blieb sie freundlich und zwang sich zu einem Lächeln. »Es hätte eine völlig neue Grundlage für Euer Gespräch mit meinem Vater geboten.«
»Tatsächlich?«
»Allerdings.« Sie zog sich in den Hauseingang zurück. »Es tut mir leid, Herr Wilhelm, aber Ihr braucht Euch keine weitere Mühe zu geben. Ich werde Eurem Werben nicht nachgeben.«
Das Gesicht des Patriziers wurde lang. »Aber … Euer Vater meinte, ich solle mein Glück versuchen, denn möglicherweise wäret Ihr bereit, mich zu erhören.«
»Wie gesagt, es tut mir leid, doch mein Vater war offensichtlich nicht gut informiert.« Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu. »Unter den gegebenen Umständen ist es mir unmöglich, auf Euer Werben einzugehen.«
»Wirklich nicht? Kann ich Euch nicht doch überreden?« Mutig trat er vor, nahm ihre Hand und drückte sie. Mit der anderen Hand zog er sie sanft zu sich heran und näherte sein Gesicht dem ihren. »Ich bin Euch außerordentlich zugetan, Frau Aleydis. Und ich bin ganz sicher, dass Ihr, wenn Ihr mich näher kennenlernt, ebenfalls zu dem Schluss kommen werdet, dass ich eine ausgezeichnete Wahl bin.« Dann versuchte er tatsächlich, sie zu küssen.
Aleydis wich zurück und entzog ihm ruckartig die Hand. Energisch schob sie ihn von sich. »Ich bitte Euch, Herr Wilhelm, so geht das nicht. Ich werde die Knechte rufen, wenn Ihr das noch einmal versuchen solltet.« Ihr Herz pochte vor Schreck hart gegen ihre Rippen.
Glücklicherweise trat Richmodis auf ihre brüsken Worte hin einen Schritt zurück und zog betreten den Kopf ein. »Verzeiht, Frau Aleydis, doch Ihr müsst verstehen, dass es mir eine Herzensangelegenheit ist, Euch für mich zu gewinnen. Besteht denn nicht die geringste Aussicht für mich, Euch umzustimmen?«
»Nein.« Sie tastete hinter sich nach dem Türknauf. »Wie ich schon sagte: So wie die Dinge liegen, ist es mir unmöglich, eine Ehe mit Euch einzugehen.«
»Wie die Dinge liegen …« Ratlos sah er sie an, dann schluckte er. »Das meintet Ihr also, als Ihr sagtet, Euer Vater sei nicht gut informiert? Ihr habt bereits einem anderen die Ehe versprochen, es aber noch nicht öffentlich gemacht? Und noch nicht einmal Euren Eltern mitgeteilt?« Sein Gesicht wurde noch länger. »Das ist natürlich … Verzeiht, das konnte ich nicht wissen.« Er wich noch weiter zurück. »In dem Fall ist es selbstverständlich unverzeihlich, dass ich versucht habe … Also, ich hoffe, Ihr könnt mir vergeben, Frau Aleydis. Ich verabschiede mich nun. Gehabt Euch wohl.« Schon drehte er sich um und eilte mit großen Schritten in Richtung Blaubach davon.
Irritiert blickte Aleydis ihm nach. Sie hatte sich auf den Umstand bezogen, dass er enge Beziehungen mit den Hürths pflegte, nicht mehr und nicht weniger. Hatte sie sich da vielleicht missverständlich ausgedrückt? Hätte sie ihm ihre Beweggründe klipp und klar darlegen sollen? Jetzt ging er von vollkommen falschen Voraussetzungen aus. Doch er hatte ihr ja nicht einmal die Gelegenheit gegeben, sich zu erklären. Hoffentlich hatte sie mit ihrer Zurückhaltung keinen fatalen Fehler begangen.

 

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Erscheint am 26. Januar 2021.

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