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Banner Textschnipsel Nr. 1: Strandkörbchen und Wellenfunkeln

 

Während ich noch fleißig an dem Manuskript zum dritten Lichterhaven-Roman arbeite, dem der Verlag den interessanten Titel Strandkörbchen und Wellenfunkeln gegeben hat, dürft ihr schon mal einen kurzen Blick ins komplett nicht-lektorierte erste Kapitel werfen. Wer meine Facebook-Seite verfolgt, erinnert sich vielleicht an einen winzigen Textausschnitt, den ich kürzlich zur Diskussion und Spekulation gestellt habe. Hier kommt nun ein größeres Stück dieser Szene. Und ja, ich weiß, manchmal bin ich so gar nicht nett. Zu euch, zu meinen Figuren … Aber was sein muss, muss sein, und ich verspreche, dass ihr es nicht bereuen werdet, diesen Textschnipsel (und später das gesamte Buch) zu lesen. :-)

 

Aus dem 1. Kapitel

Lars stellte den Papierbeutel mit dem Essen auf dem Beifahrersitz ab, klemmte sich hinters Steuer und nahm erst einmal einen großen Schluck von dem Heißgetränk, stellte erneut die Musik an und legte kurz mit geschlossenen Augen den Kopf gegen die Kopfstütze. Vielleicht hätte er doch lieber den Flieger nehmen sollen, überlegte er. Die Fahrt nach Österreich und zurück war doch ziemlich anstrengend gewesen … und in der Luft gab es wenigstens keine Staus.
Das Quietschen von Autoreifen irgendwo nicht weit entfernt ließ ihn die Augen wieder öffnen. Erst konnte er nicht erkennen, von wo das Geräusch gekommen war. Dann jedoch beobachtete er irritiert, wie ein junger bärtiger blonder Mann mit einem Jutesack durch das Wäldchen auf der anderen Seite der Raststätte lief. Ein brusthoher Metallzaun trennte den Wald von Raststätte und Autobahn, vermutlich um Wildtiere davon abzuhalten, sich der Fahrbahn zu nähern.
Mit gerunzelter Stirn sah Lars dem Mann dabei zu, wie dieser stehen blieb, sich mehrmals umsah und dann den Sack mit Schwung herumwirbelte, sodass er hart gegen einen Baumstamm knallte. Dann ließ er ihn fallen, trat noch einmal dagegen und kehrte zu seinem Auto zurück. Zumindest ging Lars davon aus, denn nur Augenblicke später heulte ein Motor auf und erneut quietschten Reifen.
Die ganze Szene hatte seltsam unwirklich auf Lars gewirkt, hinterließ jedoch ein ausgesprochen ungutes Gefühl in ihm. Was war in dem Sack? Natürlich wusste er, dass viele Leute illegal ihrem Müll in den Wäldern und an Straßenrändern abluden, und am liebsten hätte er jeden einzelnen von ihnen dafür mit einem Kinnhaken gestraft, doch warum zuerst den Müll gegen einen Baumstamm schleudern und dagegentreten?
Das ungute Gefühl steigerte sich zu einer schrecklichen Ahnung, die ihm einen kalten Schauder über das Rückgrat jagte. Rasch klemmte er seinen Kaffeebecher in die Halterung neben dem Sitz und stieg aus seinem SUV. Den Zaun hatte er schnell erreicht und kletterte ohne weiter nachzudenken einfach darüber. Dabei blieb er an einer scharfen Kante hängen und zerriss sich die Jeans, doch mehr als einen kurzen verärgerten Laut stieß er deswegen nicht aus. So schnell er konnte, rannte er auf den Baum zu, unter dem der Jutesack lag.
Schon aus einiger Entfernung vernahm er ein jämmerliches Winseln, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Gleichzeitig ergriff eine Welle heißen Zorns ihn, und ließ ihn die Hände zu Fäusten zusammenballen. »Dreckskerl, verdammter!« Mit diesem Ausruf fiel er neben dem Sack auf die Knie und zerrte an der Verschnürung, zückte schließlich aber sein Schweizer Taschenmesser und zerschnitt den rauen Stoff einfach.
Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn für einen Moment vor Entsetzen erstarren. Zwei goldbraune Welpen lagen in dem Sack. Sie starrten vor Dreck; einer von ihnen war offensichtlich tot. Blut war aus einer Kopfwunde gesickert, doch der kleine Körper war noch warm. Offensichtlich war ihm beim Aufprall gegen den Baumstamm das Genick gebrochen und der Schädel zertrümmert worden.
Tränen des Zorns traten Lars in die Augen, doch er konzentrierte sich sogleich auf den zweiten Welpen, der noch atmete und erneut ein klägliches Winseln von sich gab. »Scheiße, Kleiner, was hat der Typ bloß mit euch gemacht?« Sehr vorsichtig zerriss er den Jutesack, um sich die Bescherung näher ansehen zu können. Der kleine Hund stieß ein Jaulen und dann ein so ängstliches Bellen aus, dass es Lars erneut die Tränen in die Augen trieb. Wenn er etwas auf den Tod nicht ertragen konnte, dann Gewalt gegen Tiere. Der Anblick der wehrlosen Kreaturen brach ihm beinahe das Herz. »Ist ja schon gut, Kleiner, ich tue dir nichts.« Behutsam versuchte er, den Welpen aus dem Sack zu heben, doch dieser quietschte ängstlich und schnappte um sich.
Lass mich, lass mich! Aua, weg! Fass mich nicht an! Ich beiße!
»Autsch! Du hast ja ganz schön spitze Zähnchen.« Lars ließ von dem Tier ab, das offensichtlich Schmerzen litt, und zog stattdessen erst einmal den toten Welpen aus dem Sack hervor. »So ein verdammtes Arschloch!« Traurig betrachtete Lars den kleinen leblosen Körper, dann sah er sich suchend um. Es hatte keinen Sinn, den toten Welpen mitzunehmen. Der Waldboden hier rund um den Baum war von einer dünnen, alten Laubschicht aus dem Vorjahr bedeckt, darunter befand sich lockerer Humusboden. Mit bloßen Händen grub Lars ein Loch, legte den Leichnam hinein und bedeckte ihn mit der Erde und einem ordentlichen Haufen Laub. Wenn es hier Wildschweine oder Füchse gab, würden sie den Kadaver möglicherweise wieder ausgraben, doch das war der Lauf der Natur und würde zumindest keinen weiteren Schaden anrichten. Den zweiten, immer noch winselnden Welpen hingegen würde er auf jeden Fall mitnehmen und zum Tierarzt bringen. Aber nicht in diesem verdammten Jutesack.
Entschlossen zog Lars das graue Sweatshirt aus, das er über einem weißen T-Shirt trug, weil das Juniwetter wieder einmal beschlossen hatte, eher dem April zu gleichen, und breitete ihn auf dem Boden aus. Dann griff er erneut nach dem Hundekind.
Aua, aua, aua, das tut so weh! Nicht anfassen, sonst beiße ich dich wieder. Ich will nicht, hörst du, lass los!
»Schon gut, ganz ruhig, ich will dir doch nicht wehtun, Kleiner. Wenn ich dir helfen soll, muss ich dich aus diesem unsäglichen Ding da befreien.«
Nicht, aua, hör auf, lass los! Aua, wau, lass mich!
Der Welpe zappelte und schrie geradezu vor Angst und Schmerzen und schnappte auch wieder nach Lars‘ Hand, doch diesmal ließ er sich davon nicht beeindrucken. »Es wird alles wieder gut. Ich hab es ja gleich. Diesen bösen Sack tun wir weg, okay? Komm schon, autsch, ich kann dir nicht helfen, wenn du mich dauernd beißt.« Lars bemühte sich, ganz leise und ruhig zu sprechen, um dem verzweifelten Wesen nicht noch mehr Furcht einzujagen, als es offensichtlich jetzt schon ausstand. Der kleine Hundekörper zitterte heftig und das wiederholte Jaulen und Fiepen ging ihm an die Nieren. »Ganz ruhig, siehst du, ich hab’s gleich. Ich helfe dir.«
Helfen, du? Du bist ein fieser, riesiger Mann-Mensch, so wie der andere, der mir immer wehtut. Und, schnüff, wo ist mein Bruder? Eben war er noch hier und jetzt nicht mehr. Ich will nicht ganz allein sein und schon gar nicht bei so einem gemeinen Mann-Mensch, der mir wieder wehtut. Aua, aua, aua, das tut alles so weh. Ich will nicht mehr.
Unbewusst fuhr Lars sich mit dem Handrücken über die Augen, als er es endlich geschafft hatte, den Welpen aus dem Jutesack zu befreien und auf das Sweatshirt zu betten. »Du bist ja ein kleines Hundemädchen«, stellte er nach näherer Musterung fest. »Was hat dir der böse Kerl nur angetan?« Besorgt suchte er den Körper des Tieres nach offenen Wunden ab, konnte jedoch keine finden. So kläglich, wie die Kleine jedoch bei jeder Berührung jaulte, hatte sie bestimmt innere Verletzungen oder auch Knochenbrüche.
Kurz raufte Lars sich sein kurzes, schwarzes Haar und blickte zu seinem Auto hinüber. »Ich bringe dich jetzt erst mal zu Luisa, die wird dir helfen«, versprach er und wickelte das Tierchen sehr behutsam in den Pullover ein. Als er das Bündel hochhob, fiepte die Kleine erneut und zappelte leicht. Sogar ein ängstliches Knurren ließ sie verlauten, das ihn fast zum Lächeln gereizt hätte. »Du bist eine kleine Kämpferin, was? Gut so, dann wirst du hoffentlich auch wieder ganz gesund.«

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Luisa hat sich einen Traum erfüllt: Sie hat ihre eigene Tierarztpraxis eröffnet! Voller Hingabe beginnt sie nun, sich für ihre flauschigen Patienten einzusetzen. Da steht eines Tages Lars vor der Tür – ihre erste große Liebe. Im Arm hält er einen winselnden Golden-Retriever-Welpen. Luisa sieht sofort, wie dringend das Tier ihre Hilfe braucht. Wie gut, dass der Notfall sie von ihren Gefühlen für Lars ablenkt, die sofort wieder in ihr brodeln. Auf keinen Fall darf sie zulassen, dass dieser Mann ihr noch einmal das Herz bricht!

Cover Strandkoerbchen und Wellenfunkeln
Strandkörbchen und Wellenfunkeln
Petra Schier

MIRA Taschenbuch & eBook, ca 380 Seiten
ISBN 978-3745700053
9,99 € / eBook 8,99 €

Erscheint am 1. April 2019

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