Hat euch auch schon mal jemand so richtig herablassend ein “Ich BITTE Sie!” ins Gesicht gesagt?

Mir ist das am vergangenen Samstag passiert, und zwar inmitten meiner wirklich wunderschönen und erfolgreichen Signierstunde in der Buchhandlung am Ahrtor in Ahrweiler. Ich saß draußen vor der Buchhandlung, weil das Wetter so gut war, also praktisch mitten in der belebten Fußgängerzone Ahrweilers. Das war klasse, weil ich so ganz leicht mit den vorüberflanierenden Leuten ins Gespräch kommen konnte. Viele probierten auch meine Wattwurmkekse, die ich am Tag zuvor extra für diese Veranstaltung gebacken hatte.

Natürlich haben sich auch ganz viele Leserinnen (und auch ein paar Leser, dazu später mehr) mein Buch gekauft und signieren lassen. Eigentlich sollte die Signierstunde nur von 10:30 Uhr bis 12:00 Uhr gehen, aber weil es so schön war, habe ich dann spontan erst um 14:00 Uhr aufgehört. Am Ende waren, denke ich, alle glücklich und zufrieden:

a) Die Buchhändlerin, weil die Aktion so gut gelaufen ist,
b) die Leser/innen, weil sie ein signiertes Buch ergattern konnten
und c) ich, weil a und b glücklich und zufrieden waren. Außerdem hat mir die ganze Sache richtig viel Spaß gemacht. :)

Aber zurück zu “Ich bitte Sie!”

Irgendwann um die Mittagszeit trat ein gepflegt gekleideter Herr mittleren Alters auf die Buchhandlung zu. Neben und hinter mir gab es ein paar Auslagen, wie viele Buchhandlungen sie vor der Tür haben. Bücher, Postkarten usw. Er griff nach einem der Bücher, welches es war, weiß ich nicht, überflog den Klappentext und stellte es zurück. Dann blickte er mich und meinen Signiertisch mit den hübsch dekorierten Stapeln von Körbchen mit Meerblick scheel von der Seite an und sagt etwas näselnd: “Also ich lese ja NUR Belletristik.” Und das mit einem Unterton, der besagt, dass das, was da auf dem Signiertisch lag, weit unter seiner Würde war.

Ich daraufhin mit einem liebenswürdigen Lächeln: “Das hier ist eindeutig auch Belletristik.”

Und dann kam es. Er rümpfte die Nase, und sagte im überheblichsten Tonfall: “Ich BITTE Sie!” Und zog eilig ab.

Nein, ihr braucht mich jetzt nicht zu trösten. Im Gegenteil! Bitte lacht mir mir. Denn dieser Herr, der sich mir und meinem Roman intellektuell so dermaßen weit überlegen gefühlt hat, hat offenbar in der Schule nicht besonders gut aufgepasst. Oder wo auch immer er glaubt, seine Bildung her zu haben. Denn zur Belletristik zählen per Definition im Buchhandel alle Formen der Unterhaltungsliteratur, wie beispielsweise die literarischen Genres Roman und Erzählung, und zwar unabhängig davon, wie sehr oder wenig anspruchsvoll das jeweilige Buch verfasst ist.

Wikipedia hat eine sehr ausführliche Definition des Begriffs zu bieten, die ich hier ins Feld führen möchte, da sie einen Satz beinhaltet, an den ich mich noch aus der Schule (Deutsch Leistungskurs) und später auch aus dem Studium (Germanistik und Neuere Deutsche Literatur) gut erinnern kann:

“Die Belletristik ging aus dem Buchhandelssegment der Belles Lettres (frz. „schöne Literatur“) hervor. Im 17. Jahrhundert entstand sie zwischen dem Markt gelehrter Fachliteratur der Wissenschaften (den Lettres – mithin damals die Literatur im eigentlichen Wortsinn) und dem Markt billiger, zumeist sehr roh gestalteter Bücher für das „einfache Volk“.”
Nachzulesen hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Belletristik

Ihr glaubt gar nicht, wie gerne ich diesem Herrn das unter die Nase gerieben hätte. Äußerst charmant natürlich. :D Aber leider war er ja sofort wieder weg.

Was ich an der Sache ein wenig befremdlich finde, ist, dass ausgerechnet jemand, der sich so offensichtlich selbst als Bildungsbürger sieht, nicht einmal weiß, dass er nicht von Belletristik hätte sprechen sollen, sondern von Hochliteratur. Wenn überhaupt, denn ich finde, diese Trennung von Hoch- und Unterhaltungsliteratur, die es so auch nur im deutschsprachigen Raum gibt, ist vollkommen unnötig und überholt. Aber das ist ein anderes Thema. Er hätte “anspruchsvollere Literatur” sagen können. Ich wäre auch überhaupt nicht beleidigt gewesen, denn ihm hätte ich mein Buch von vorneherein nicht empfohlen. Mein Sommer-Liebesroman ist eindeutig für eine andere, hauptsächlich eine weibliche Zielgruppe geschrieben. Männer greifen eher selten danach. Wie gesagt, später dazu noch etwas mehr.

Aber warum bloß so überheblich? Hätte er ganz normal gesagt: “So was lese ich nicht, ich mag lieber anspruchsvollere Romane.”
Dann hätte ich antworten können: “Das kann ich mir vorstellen. Dieses Buch habe ich auch gar nicht in erster Linie für Männer geschrieben. Welche Autoren mögen Sie denn besonders gerne?”
Und schon hätten wir herausfinden können, ob wir nicht vielleicht sogar irgendwo eine Gemeinsamkeit haben. Wäre doch durchaus möglich.
Aber nein, so weit dachte der Herr gar nicht. Leider wird er, wenn überhaupt, vermutet haben, dass man mit einer Autorin/Frau, die solchen trivialen “Schund” schreibt, bestimmt kein einziges vernünftiges Wort reden kann. Und anstatt höflich und freundlich zu sein, benimmt er sich unhöflich und beeidigend.

Gut, dass ich so ein dickes Fell habe! Zarter besaiteten Autor/innen hatte man mit so einer Überheblichkeit durchaus die tränen in die Augen treiben können. Mir zum Glück nur die Lachtränen.

Aber schade, nicht wahr? Ausgerechnet ein Leser anspruchsvoller Literatur, die ja bekanntlich in vielen Fällen die Probleme der Welt und der Menschheit von allen Seiten beleuchtet und analysiert und in schön geschliffenen Worten verpackt den Menschen zum Nachdenken anregen will, scheint das, was er da gelesen hat, nicht verstanden oder verinnerlicht zu haben.

Sollten nicht ganz besonders Menschen, die lesen (ob nun anspruchsvolle Kost oder leichtere oder irgendwas dazwischen oder auch alles abwechselnd) toleranter sein? Jedem Menschen und auch jedem Buch seine Daseinsberechtigung zugestehen, ohne naserümpfend darauf hinab zu sehen und sich selbst für meilenweit überlegen zu halten?

Aber genug gejammert. Nein, nicht gejammert, gewundert. Wie gesagt, ich brauche keinen Trost. :) Es geht nämlich auch anders. Kurz darauf kam eine Frau an den Stand, die sich auch ein Buch signieren ließ und erzählte, sie habe ganz viele (vielleicht gar alle) Bücher von mir gelesen und sie wünsche mir allzeit gute Gesundheit und gute Einfälle, damit ich noch viele schöne Bücher schreiben kann. Was ich auch fest vorhabe.

Wiederum wenig später kam die Buchhändlerin nach draußen, schenkte mir Mineralwasser nach und fragte halb erstaunt, halb lachend, wie ich es denn jetzt bloß hinbekommen hätte, dass plötzlich so viele Männer (es waren, glaube ich, drei oder vier innerhalb kurzer Zeit) mein Buch gekauft hätten. Ob es da ein Zauberwort gäbe, das sie noch nicht kennt, denn um solche Romane würden Männer ja doch meist eher einen großen Bogen machen.

Ich darauf (grinsend): “Keine Ahnung. Vielleicht wollen sie das Buch verschenken. Obwohl, nein, die Männer, die es sich haben signieren lassen, machten schon den Eindruck, als wollten sie es auch lesen. Vielleicht liegt es einfach an den Wattwurmkeksen.”

Kann das sein? Liebe, sagt man, geht durch den Magen. Verführung (in diesem Fall natürlich nur zum Lesen, aber immerhin) vielleicht auch? Sollte ich möglicherweise in Erwägung ziehen, Deutschlands Buchhandlungen mit Wattwurmkeksen zu bestücken?

Scherz beiseite. Ich habe an jenem Tag in Ahrweiler so viele nette Leute getroffen, so viele begeisterte Leserinnen und Leser, dass ich sicherlich noch eine ganze Weile davon zehren kann. Einige kannten meine Bücher schon, andere noch nicht, aber alle (bis auf diesen einen) waren unheimlich freundlich, interessiert und aufgeschlossen. Und da fast alle das Wattwurmkeks-Rezept mitgenommen haben, mit oder ohne Buch, wird es wahrscheinlich bald landauf, landab nach leckeren Plätzchen duften …

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