Es wird allmählich wieder Zeit für einen neuen Textschnipsel. Diesmal begeben wir uns zusammen in den Sonntagsgottesdienst in der Pfarrkirche St. Brigiden, zusammen mit Griet, ihrer Familie und dem zweiten Hauptmann der Stadtsoldaten, Cristan Reese.

Was, ihr glaubt, ein Gottesdienst kann unmöglich interessant sein? Dann lest mal weiter und lasst euch eines Besseren belehren. ;)

Viel Vergnügen mit diesem Textschnipsel aus dem 9. Kapitel

Sie erreichten die Pfarrkirche St. Brigiden gerade noch rechtzeitig, bevor ein heftiger Platzregen niederging. Die Menschen drängten sich eiligst in das Gotteshaus, schoben und schubsten, in der Hoffnung, einen Platz mit guter Sicht auf den Altar zu ergattern. Griet hatte Katharina bei der Hand genommen, damit das Mädchen nicht verloren ging und versuchte, sich dicht bei Adelina zu halten. Doch schon bald wurde sie abgedrängt und fand sich schließlich mit ihrer kleinen Schwester bei einem Pfeiler in der Nähe des Marienaltars wieder, während der Rest ihrer Familie mehr in der Mitte des Kirchenschiffs zum Stehen kam. Sie konnte die Haube ihrer Stiefmutter gerade noch zwischen den Kopfputzen der anderen Frauen ausmachen. Ludowig, der höher gewachsen war als die meisten Männer, war leichter im Blick zu behalten.
Griet sah, wie Adelina sich umdrehte und nach ihr und Katharina Ausschau hielt und winkte, um auf sich aufmerksam zu machen. Adelinas Miene entspannte sich und sie nickte ihr kurz zu.
»Ich sehe hier hinten gar nichts.« Enttäuscht stellte Katharina sich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals. Dann hüpfte sie sogar ein wenig, doch ohne Erfolg. Um sie herum wogte eine Masse aus raschelnden Kleidern und verschiedenfarbigen Mänteln. Es roch nach nasser Wolle, Schweiß und Knoblauch. Ringsum wurde gemurmelt und gelacht. Hier und da konnte Griet Männer sehen, die sogar jetzt noch miteinander Geschäfte machten.
Weiter vorne, dort, wo ihre Familie Platz gefunden hatte, war vermutlich einiges mehr von den Worten des Paters zu verstehen. Hier herüber wehten zwar noch die meisten der lateinischen Formeln, jedoch wurden sie von den Geräuschen um sie herum und dem immer wieder empört ausgestoßenen »Pst« verärgerter Zuhörer übertönt.
Genervt trat Griet von einem Fuß auf den anderen. So hatte sie sich den Sonntagsgottesdienst heute nicht vorgestellt. Es war eng und stickig und einer der Männer vor ihr verströmte einen unangenehmen Geruch nach Bier. Während sie angestrengt der Liturgie lauschte, wanderte ihr Blick unwillkürlich zu Cristan Reese, der etwas seitlich von ihr einen Platz gefunden hatte, konzentriert zum Altar sah und Pater Simeon zuhörte. Seine Miene war ruhig und entspannt und er hielt sich aufrechter als die meisten Männer um sie herum. Wieder erinnerte er sie damit an ihren Onkel Tilmann. Es musste wohl etwas mit der soldatischen Ausbildung zu tun haben oder auch mit der regelmäßigen körperlichen Betätigung an der frischen Luft. Cristan Reese war ein Bild von einem Mann. Beeindruckend. Und gefährlich.
In Griets Magengrube verknäuelte sich ein heißer Ball, wenn sie daran dachte, dass sie die nächsten Stunden allein in seiner Gesellschaft zubringen musste. Nun ja, nicht ganz allein, denn sie würden ja Clara aufsuchen. Um die Unschuld ihrer Freundin zu beweisen, würde sie weit mehr in Kauf nehmen als einen Gang durch die Stadt an der Seite des Hauptmannes der Stadtsoldaten.
Sie erschrak, als sich sein Kopf in ihre Richtung drehte. Er lächelte leicht und zwinkerte ihr zu. Noch ehe sie rot werden konnte, weil er sie ertappt hatte, wandte er sich wieder dem Pater zu. Griets Herz überschlug sich fast. Sie musste damit aufhören! Weshalb in aller Welt hatte sie ihn so lange angestarrt? Er musste ja denken … Nein, das durfte er auf keinen Fall, denn damit lag er vollkommen falsch. Sie war nicht an ihm interessiert. Nicht … so. Niemals. Allein der Gedanke ließ den Ball in ihrer Magengrube anwachsen und ihr schmerzhaft die Luft abdrücken. Sie hasste es, jemandem zu nahe zu kommen. Einem Fremdem sowieso. Die Enge in der Kirche machte ihr normalerweise wenig aus, solange sie sich im Kreis ihrer Familie sicher fühlte. Hier kam auch kaum jemals ein Mann auf die Idee, sich ihr in eindeutiger Absicht zu nähern.
Sie kannte diese Absichten nur zu gut, hatte sie bereits am eigenen Leib erfahren müssen, und das in einem Alter, in dem sich solche Handlungen normalerweise noch strikt verboten.
Aber gerade deshalb hatte ihr Stiefvater sie ja an Freier verkauft. An Männer, die eine besonders widernatürliche Lust verspürten, wenn sie sich an Kindern vergingen. Mehr als zwei Jahre lang hatte sie diese Tortur – denn nichts anderes war es gewesen – erleiden müssen. Dann war dieser freundliche Medicus aufgetaucht und hatte gesagt, er sei ihr leiblicher Vater. Er hatte sie einfach mitgenommen und ihr versprochen, dass sie fortan ein sicheres, behütetes Leben führen dürfe. Dass sie keinem Mann mehr zu willen sein müsse. Niemals mehr.
Wie lange hatte es gedauert, bevor sie eine Umarmung ihres Vaters oder die von Meister Jupp hatte dulden können. Heute machte ihr das nichts mehr aus. Sie liebte ihren Vater und ebenso den Baderchirurgen, der für sie fast noch mehr ein Onkel war als Tilmann. Zu ihnen hatte sie Vertrauen gefasst, weil sie wusste, mit dem Herzen wusste, dass sie sie ebenfalls liebten und ihr nichts Böses wollten.
Doch außerhalb ihrer engsten Familie war es nicht weit her mit ihrer Fähigkeit zu vertrauen. Zu lieben schon gar nicht. Sie konnte sich nicht einmal mit größter Anstrengung vorstellen, wie sich die Liebe zu einem Mann anfühlen mochte. Natürlich hatte sie die besten Beispiele direkt vor Augen. Ihre Eltern waren einander in tiefer Zuneigung verbunden. Ebenso Jupp und Marie, von Mira und Tilmann ganz zu schweigen. Diese beiden stritten zwar häufig und oft auch sehr heftig, doch die leidenschaftliche Liebe, die sie vereinte, strahlte doch aus jedem Blick, jeder Geste, jedem Wort.
Griet freute sich am Glück der anderen, doch sie war nicht fähig, selbst so zu empfinden. Wie sollte sie auch, wenn sie doch jeden Mann insgeheim fürchtete. Angst hatte, er könne Dinge von ihr verlangen, die sie nicht geben wollte. Nicht geben konnte. Nicht mehr. Nie mehr.
Ohne dass sie sich dessen bewusst wurde, wanderte ihr Blick erneut hinüber zu Cristan Reese. Nach wie vor sah er aufmerksam geradeaus. Ruhig, stark, selbstsicher. Wie ein Fels in einem Meer aus wogenden Menschen. In ihrer Magengrube zwickte und brannte es. Katharina drückte ihre Hand und lehnte sich erschöpft gegen sie. Das Mädchen war es offenbar leid, sich den Hals zu verrenken. Ringsum wurde das Gemurmel immer lauter. Kaum jemand achtete mehr auf das, was am Altar vor sich ging und worüber Pater Simeon predigte. Der neueste Tratsch war wesentlich interessanter.
Griet erschrak, als sich ein schlanker junger Mann in ledernem Wams und dem Zunftmantel der Küfer neben sie schob und sie mit einem vielsagenden Grinsen anstieß. »Langweilig, was? Hier hinten kriegt man kaum was mit.«
Griet nickte vage. Sie kannte den Mann. Dietrich, nein, Degenhard Fassbender. Er war vor einiger Zeit ein paarmal in der Apotheke gewesen, um eine Arznei für seinen Vater abzuholen, die Doctore Bertini ihm verordnet hatte. Kürzlich war der alte Fassbender verstorben, sein Sohn hatte die Küferei als Meister übernommen. Er war noch ledig, wie ihr jetzt einfiel, deshalb blickte sie angestrengt geradeaus und tat, als horche sie besonders konzentriert auf das, was Pater Simeon über Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu sagen hatte. Dann erhob der Chor der Benediktiner, der die Messe begleitete, die Stimmen zu einem Lobgesang. Noch ein Grund mehr, andächtig zu lauschen.
»Ihr seht heute ganz bezaubernd aus, Jungfer Griet.« Der junge Degenhard schob sich noch ein wenig näher und nahm ihr damit die Luft zum Atmen. Sie schluckte hart, blickte aber weiter geradeaus. Wenn sie ihm antwortete, würde ihn das nur ermutigen.
»Ich habe mich gefragt, ob es Euch vielleicht recht wäre, wenn ich Euch am späteren Nachmittag einmal besuchen käme, Jungfer Griet. Wir haben uns neulich so nett in der Apotheke unterhalten und Ihr habt mir die Wirkung der Kräuter so einleuchtend erklärt.« Sein Blick ruhte durchaus freundlich auf ihr, das spürte sie, dennoch fand sie seinen Annäherungsversuch unschicklich. Offenbar hatte er nur gewagt, sie anzusprechen, weil ihre Eltern weit genug entfernt waren. Schon bemerkte sie aus den Augenwinkeln neugierige Blicke der Umstehenden. Getuschel. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Eine unverheiratete junge Frau, die sich in der Kirche mit einem ebenfalls unverheirateten Mann unterhielt, noch dazu fernab von ihrer Familie, konnte nur eines bedeuten – ein heimliches Stelldichein. Sie wusste, wie schnell solche Gerüchte die Runde machten, und es sah ja wirklich so aus, als habe sie sich von ihren Eltern abgesetzt, um ungestört mit ihrem Liebsten reden zu können. Dass sie Katharina an der Hand hielt, die mittlerweile fast im Stehen einschlief, konnte sogar als Tarnung ausgelegt werden.
»Ich wollte Euch nicht in Verlegenheit bringen.« Offenbar war dem jungen Küfermeister ihre Situation jetzt auch klar geworden, allerdings machte er keinerlei Anstalten, sich zu entfernen. Im Gegenteil. »Ich konnte nur der Versuchung nicht widerstehen, Euch einmal ein paar Minuten ungestört zu sprechen. Wisst Ihr, ich denke schon seit einer Weile darüber nach …«
Griets Blick wanderte zu Cristan hinüber, doch der war verschwunden. Irritiert suchte sie mit dem Blick die umstehenden Menschen ab, doch er war nirgendwo zu entdecken. Nervös biss sie sich auf die Unterlippe. Degenhard redete noch immer leise auf sie ein und betonte immer wieder, wie gut sie ihm gefiele. Eine andere Jungfer hätte sich wahrscheinlich geschmeichelt gefühlt, die Aufmerksamkeit dieses Mannes erregt zu haben. Er war eine gute Partie, das war nicht von der Hand zu weisen. Griet hätte ihn am liebsten von sich gestoßen.
Inzwischen war Katharina aus ihrer Lethargie erwacht und blickte mit großen Augen zwischen dem Küfer und Griet hin und her, traute sich aber offenbar nicht, etwas zu sagen.
Hinter sich vernahm Griet überraschtes Gemurmel, im nächsten Moment spürte sie zwei kräftige, warme Hände auf ihren Schultern. Sie zuckte heftig zusammen und versteifte sich entsetzt. Im selben Moment hörte sie dicht bei ihrem Ohr die Stimme des Hauptmannes. »Da seid ihr zwei ja. Ich hatte schon befürchtet, man hätte euch wieder bis nach draußen gedrängt. Scheußlich eng ist es hier heute.« Der leichte Druck seiner Hände blieb, seine Daumen streichelten sanft über ihre Schulterblätter, als wolle er sie beruhigen und dazu bringen, sich wieder zu entspannen. Doch das war nicht möglich. Ihr Herz raste in ihrer Brust, in ihren Ohren rauschte das Blut. Es wurde noch schlimmer, als er seine Hände über ihre Arme hinabgleiten ließ und sich neben sie schob. Einen Arm ließ er ganz leicht um ihre Schultern gelegt, sodass es aussah, als gehöre sie zu ihm. Ihre Kehle verengte sich, als ihr die Tragweite seiner Geste bewusst wurde.
Der junge Küfer hatte ebenfalls begriffen, denn er war zwei Schritte zur Seite gewichen und veranlasste dabei einige Umstehende zu Unmutsäußerungen. Der Hauptmann beugte sich ein wenig vor und lächelte ihm ungezwungen zu. »Guten Morgen, Herr Degenhard. Wir haben uns lange nicht gesehen. Und noch mein herzliches Beileid. Ich hörte, dass Euer Vater kürzlich verstorben ist.«
»D-Danke, Hauptmann Reese.« Mit gerunzelter Stirn und sichtlich enttäuscht musterte der Küfer Griet, dann zuckte er die Achseln. »Entschuldigt mich, ich muss nach meiner Mutter sehen.«
Kaum war Degenhard in der Menge verschwunden, als der Hauptmann Griet auch schon wieder losließ und einen halben Schritt zur Seite trat, um ihr Luft zum Atmen zu geben. Dann beugte er sich zu Katharina hinab, die ihn mit kugelrunden Augen anstarrte. »Jetzt wird die Hostie erhoben, Jungfer Katharina. Möchtest du dabei zusehen?« Ehe sie noch reagieren konnte, hatte er das kleine Mädchen bereits auf den Arm gehoben, sodass es aus luftiger Höhe den Altar sehen konnte.
»Danke, Hauptmann Reese!« Katharina warf ihm ein strahlendes Lächeln zu und stützte sich an seiner Schulter ab, um sich noch ein wenig recken zu können. Das sorgte zwar ringsum erneut für leises Räuspern, das dieses Mal jedoch deutlich amüsiert klang.
Griet biss die Zähne zusammen und starrte krampfhaft nach vorne. Ihr Schreck hatte sich etwas gelegt, doch dafür kämpfte sie nun mit einem eher ungewohnten Gefühl: Ärger. Nein, Zorn!
Die Benediktinermönche sangen erneut zum Lobpreis des Herrn. Das Brot wurde gebrochen, der Wein dargebracht. Griet bekam nichts davon mehr mit.

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Über Fragen, Kommentare, Anregungen usw. würde ich mich wie immer sehr freuen.

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