Drei Wochen sind seit dem letzten Textschnipsel schon wieder vergangen und der Veröffentlichungstermin für Vergeltung im Münzhaus rückt mit großen Schritten näher. Der heutige Ausschnitt schließt übrigens unmittelbar an den vorherigen an.

So langsam wird es richtig schwierig, Textschnipsel zu finden, die euch neugierig machen, ohne zu viel über die Figuren zu verraten. Ich möchte ja, dass ihr im Vorfeld schon ein bisschen mutmaßt, welche Motive Griet, Cristan und all die anderen haben, warum sie also sagen, was sie sagen, und tun, was sie tun.

Dieser Schnipsel hier dürfte recht gut geeignet dazu geeignet sein, euch zum Spekulieren zu verleiten. Und er enthält eine meiner allerliebsten Textstellen des gesamten Buches, die ihr, wenn ihr die Lieblingstextstellen auf Facebook verfolgt hat, wiedererkennen müsstet.

Gerne dürft ihr auch raten, welche Textstelle es wohl sein mag, die ich so liebe. ;)

Ich wünsche gute Unterhaltung mit dem folgenden Textschnipsel!

Sie hatte sich zusammengerissen. Lange. Während des restlichen Gottesdienstes, der kurzen Zusammenkunft der Familie vor dem Kirchenportal, bei der Hauptmann Reese noch einmal seinen Dank betonte, dass Adelina und Neklas ihrer Tochter erlaubten, mit ihm gemeinsam die Kunibertstorburg aufzusuchen. Während er versichert hatte, dass er Griet im Lauf des Nachmittags sicher zurück zum Alter Markt bringen würde, hatte sie mit den Zähnen geknirscht und ein nichtssagendes Lächeln aufgesetzt. Genickt. Geschwiegen. Nun hatten sie beinahe die Dombaustelle erreicht. Kaum jemand hielt sich in den Gassen auf, denn es regnete noch immer leicht und ein kühler Wind trieb Nebelschwaden vom Rhein herauf. Reese schwieg ebenfalls und schien guter Dinge. Griet hätte ihn am liebsten geschlagen. Stattdessen blieb sie abrupt stehen und veranlasste ihn so, ebenfalls in seinem Schritt innezuhalten.
»Wie könnt Ihr es wagen?« O ja, sie war zornig. So ungewohnt das Gefühl auch war, es brodelte in ihr und ließ sie alle Zurückhaltung vergessen.
Cristan Reese behielt seine ruhige Miene bei, er lächelte sogar leicht. »Verzeiht, Jungfer Griet. Ich kann verstehen, dass Ihr ungehalten seid. Ehrlich gesagt wundert es mich, dass Ihr Euch nicht gleich bei Euren Eltern über mich beschwert habt.«
Sie maß ihn mit verärgerten Blicken. »Keine Sorge, meine Schwester wird ihnen alles haarklein berichten. Weder Vater noch Mutter werden sonderlich begeistert von Eurer Dreistigkeit sein.«
»Und dennoch habt Ihr sie ihnen verschwiegen.«
»Ja, weil ich verhindern wollte, dass sie Euch zum Teufel jagen und ich dann Clara nicht mehr helfen kann.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ging mit energischen Schritten weiter. Reese war sogleich wieder an ihrer Seite. »Was habt ihr Euch bloß dabei gedacht? Ist Euch überhaupt bewusst, wie wir auf die Leute gewirkt haben müssen?«
»Allzu bewusst, ja.«
Seine Gelassenheit trieb ihren Pulsschlag erneut in die Höhe. »Dann war das also volle Absicht und geplant?«
»Volle Absicht, ja. Geplant? Nein. Obwohl ich zugeben muss, dass mir Fassbenders Auftauchen günstig in die Hände gespielt hat. Und das wiederum, Jungfer Griet, sah mir sehr eindeutig nach einer geplanten Handlung aus. Er hat Euch seit Eurem Eintreffen in der Kirche beobachtet und abgewartet, ob Ihr Euch zu Eurer Familie durchkämpfen würdet. Als Ihr das nicht tatet, ging er zum Angriff über. Sozusagen.«
Erneut blieb sie stehen und blickte entgeistert zu ihm auf. »Das habt Ihr beobachtet?«
Er lächelte erneut. »Ihr wart der bei weitem reizendste Anblick weit und breit, Jungfer Griet. Ja, ich habe Euch im Auge behalten, so gut es ging, ohne unschicklich zu wirken. Als mir klar wurde, was Fassbender vorhatte, fand ich, dass es in Eurem Sinne wäre, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen, bevor er zu übermütig würde.«
»Ich wäre ihn schon wieder losgeworden.« Langsam setzte sie sich erneut in Bewegung. »Er war nicht der erste Mann, der glaubte, mich mit ein paar schönen Worten und Komplimenten für sich gewinnen zu können.«
»Das glaube ich unbesehen, Jungfer Griet.«
»Jetzt glauben alle, die uns gesehen haben, dass Ihr … und ich … dass wir …« Sie schluckte. »Ihr habt mich angefasst und so getan, als wäre ich Eure …« Sie stockte. Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Zu spät bemerkte sie, dass er sie schon wieder berührte, diesmal am Ellenbogen. Umsichtig führte er sie um eine besonders tiefe und schlammige Pfütze herum, die sie in ihrem Ärger vollkommen übersehen hatte.
Ehe sie sich ihm entziehen konnte, hatte er sie auch schon wieder losgelassen. »Und nun habe ich es erneut getan«, sagte er leichthin. »Es hat weder wehgetan, noch braucht Ihr deswegen in Panik zu verfallen. Mir wäre es sehr recht, wenn Ihr Euch mit dem Gedanken anfreunden könntet, dass ich Euch hin und wieder berühre und Ihr mir glauben würdet, wenn ich Euch auf Ehr und Gewissen verspreche, dass ich zu keiner Zeit vorhabe, Euch einen Schaden oder Schmerz zuzufügen. Niemals.«
»Ich will nicht angefasst werden.«
»Das weiß ich, doch manchmal lässt es sich eben nicht verhindern. Außerdem macht es uns glaubwürdiger, wenn Ihr Euch nicht verhaltet, als hättet Ihr Angst vor mir.«
»Ich habe keine Angst vor Euch.« Ihr Herz raste in ihrer Brust. Selbstverständlich hatte sie Angst. In diesem Augenblick sogar so schreckliche, dass sie kurz davor war davonzulaufen, so schnell sie konnte.
»Bleibt hier«, murmelte er. »Ich hätte Euch sowieso nach ein paar Schritten eingeholt.«
Wenn sie nicht so dringend Clara hätte helfen wollen, wäre sie auf der Stelle umgekehrt und nach Hause gegangen. »Warum tut Ihr das, Hauptmann Reese?« Sie hasste es, dass ihre Stimme so schwankte! »Was versprecht Ihr Euch davon?«
Er schwieg einen Moment, bevor er antwortete. »Wie gesagt, ich habe mit voller Absicht gehandelt, jedoch war der Zeitpunkt ein wenig verfrüht, das gebe ich zu. Fassbender hat mir allerdings eine einmalige Gelegenheit in die Hände gespielt, die ich mir nicht entgehen lassen konnte. Seht es einmal so: Fortan werdet Ihr vor ähnlichen Annäherungsversuchen und möglichen Anträgen hoffnungsvoller Möchtegern-Bräutigame verschont bleiben.«
Sie runzelte empört die Stirn. »Ja, aber nur, weil jetzt alle glauben, wir seien …«
»Verlobt?«
Sie zuckte heftig zusammen.
Der Hauptmann schwieg erneut. »Der Gedanke ist Euch zuwider, nicht wahr? Ihr könnt Euch nichts Schlimmeres vorstellen, als mit einem Mann verlobt – oder gar verheiratet – zu sein.« Auf seinen Lippen erschien ein Lächeln, das seltsam grimmig auf sie wirkte. »Was aber wäre, wenn ich Euch anböte, dass Ihr beides sein könntet, erst das eine, dann das andere, ohne dass Ihr je irgendeine Form von Nähe gegen Euren Willen zulassen müsst? Mal abgesehen von der einen oder anderen Berührung, wie sie unter Paaren in der Öffentlichkeit üblich ist und ohne die wir wohl schwerlich glaubhaft auftreten würden.« Inzwischen hatten sie sie Kunibertstorburg erreicht und er verlangsamte seinen Schritt. »Denkt einmal darüber nach, Jungfer Griet. Später sprechen wir weiter darüber.« Er nickte dem Torwächter zu und ließ ihr den Vortritt ins Innere des Gefängnisturms.
Griet war zu verblüfft, als dass ihr auch nur ansatzweise eine Erwiderung einfallen wollte. Was hatte er ihr da gerade vorgeschlagen? Wie sollte das denn gehen? Und überhaupt, was meinte er damit, sie müsse niemals gegen ihren Willen Nähe zulassen? War er verrückt geworden?
Dummerweise hatten sie die Stufen ins zweite Obergeschoss allzu rasch erklommen und außerdem wurden sie von dem zweiten Wächter begleitet, sodass sie, selbst wenn ihr etwas Sinnvolles eingefallen wäre, nichts erwidern konnte. Dann wurde ihnen Claras Zellentür geöffnet, sie traten ein und Griet war gezwungen, alle Fragen und vor allen Dingen auch ihren erneut aufflackernden Zorn auf den Hauptmann für eine Weile beiseitezuschieben.

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Über Fragen, Kommentare, Anregungen usw. würde ich mich wie immer sehr freuen.

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Cover zu Textschnipsel aus Vergeltung im Muenzhaus


Vergeltung im Münzhaus

Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt-Taschenbuch + eBook
512 Seiten, ISBN  978-3-4992695-85-7
9.99 Euro

Erscheint am 26. August 2016

 

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