Meine Güte, was rennt die Zeit! Schon wieder ist ein Monat vergangen und vor lauter Schreibklausur hätte ich jetzt fast vergessen, euch einen neuen Textschnipsel aus Vergeltung im Münzhaus zu präsentieren. Wenn ihr aber schon einen Monat länger auf das Buch warten müsst, sollt ihr doch wenigstens regelmäßig in das Manuskript hineinschnuppern dürfen. Und ein bisschen länger ist die heutige Textstelle auch, damit es sich auch so richtig lohnt.

Nachdem ihr im ersten Textschnipsel kurz in Griets Haut schlüpfen durftet, werdet ihr diesmal eine Szene aus der Sicht von Cristan Reese, dem Hauptmann der Stadtsoldaten, erleben.

Wie immer ist der Text noch vollkommen unlektoriert, sodass ihr – ihr kennt es schon – jeden Tippfehler, jede Wortdoppelung und sonstige Unebenheiten, so ihr sie denn findet, behalten dürft. Viel Spaß!

Aus dem 5. Kapitel

Cristan zügelte sein Pferd und stieg mit Schwung von seinem Rücken. Kaum hatte er das Tier an dem Eisenring festgebunden, der dafür neben dem Eingang angebracht worden war, tauchte die Magd neben ihm auf. »Hauptmann Reese?«
Mit einer Mischung aus Überraschung und Neugier sah er auf sie hinab. »Ja? Was willst du?«
»Würdet Ihr … Ich meine, Griet ist da drinnen und … Ich hab gesagt, sie soll da nicht reingehen, aber sie will Clara helfen und jetzt …«
»Jungfer Griet?« Vollkommen verblüfft hielt er inne.
»Würdet Ihr sie bitten, wieder herauszukommen? Frau Adelina wird sich bereits Sorgen machen, weil wir so lange fort sind.« Die Magd nestelte verlegen an dem leeren Korb herum, den sie bei sich trug.
Ohne sie weiter zu beachten, ging Cristan zur Eingangstür. Dass kein Wächter davorstand, ließ ihn die Stirn runzeln. Brauchten sie eine ganze Abordnung von Knechten und Soldaten, um eine einzige Gefangene in ihre Zelle zu bringen? Als er die Tür öffnete, vernahm er von irgendwo Griets gepresste Stimme.
»Hört … auf … damit! Lasst mich los.«
Darauf die Stimme eines Mannes: »War doch deine Idee, das mit der Bezahlung. Also, was ist jetzt? Lüpf ein wenig die Röcke für mich und ich überleg mir das mit der Einzelhaft für die Mörderin.«
»Nein!«
»Nein? Jetzt auf einmal doch nicht? Komm schon, wird dir auch gefallen.«
»Hört auf!«
Cristan stellten sich die Nackenhaare auf, denn er erkannte deutlich die Panik in der Stimme der jungen Frau. Suchend sah er sich in dem Zwielicht um und steuerte dann auf die kleine Schreibstube auf der linken Seite zu. »Was geht hier vor?«, fragte er barsch, noch ehe er den Raum betrat.
Einer der Stadtbüttel hielt Griet gegen das Schreibpult gedrängt. Sie rührte sich nicht und starrte mit glasigem Blick ins Leere. Offenbar war sie vor Angst wie gelähmt. Der Büttel fuhr erschrocken herum. »Hauptmann Reese. Ich …« Er ächzte und stieß pfeifend die Luft aus, als ihn Cristans Faust in der Magengrube traf. Keuchend ging er in die Knie. Im gleichen Moment kamen die Knechte des Büttels sowie zwei Wachmänner lachend die Stufen herabgepoltert. Beim Anblick des zu Boden gegangenen Büttels verstummten sie augenblicklich.
Cristan trat mit der Stiefelspitze unsanft gegen den Oberarm des noch immer nach Luft ringenden Mannes. »Mats Creucher. Was hat das hier zu bedeuten? Vergreifst du dich etwa an einer ehrbaren Jungfer?« Während er sprach, versuchte er mit einiger Anstrengung, Griets eigenartig entrückten und gequälten Blick zu ignorieren, der ihn auf seltsame Weise anrührte. Fast war ihm so, als wolle sich irgendetwas den Weg in sein Bewusstsein bahnen.
»N-nein, Hauptmann, gewiss nicht. Ich wollte bloß, habe, ähm …«
»Was du wolltest, habe ich deutlich erkennen können, du Mistdreck. Rühr die Jungfer noch einmal an und ich stopfe dir dein bestes Stück in den Rachen, bis du daran erstickst.« Noch einmal trat er gegen den Arm des Büttels. »Steh auf und mach, dass du verschwindest. Und nimm deine Knechte mit, ihr werdet hier nicht mehr gebraucht. Hein, Tönn«, er wandte sich an die beiden Wachmänner, die betreten auf ihre Füße blickten. »Was habt ihr beide oben zu suchen? Ist der Schlüssel zu den Zellen so schwer, dass ihr ihn zusammen hinauftragen musstet?«
»Nein, Hauptmann Reese. Wir haben bloß …«
»Gegafft. Schlimmer als die Waschweiber. Geht auf eure Posten zurück.«
Die Männer gehorchten sofort.
Als die kleine Kammer sich geleert hatte, trat Cristan auf Griet zu, die mittlerweile die Arme um ihren Leib geschlungen hatte und zitterte. Behutsam berührte er sie an der Schulter, doch sie zuckte heftig zusammen und wich so weit zurück, wie es in dem winzigen Raum möglich war. Der Laut, den sie dabei ausstieß, klang schrill und schnitt Cristan wie ein scharfes Messer ins Fleisch.
Sogleich hob er beruhigend die Hände und zeigte ihr damit an, dass er sie nicht noch einmal anfassen würde. »Jungfer Griet.« Er bemühte sich, seiner Stimme einen beiläufigen Klang zu geben, damit sie sich beruhigte. »Alles ist gut. Ihr seid in Sicherheit. Mats wird Euch nichts tun.« Da sie ihn nur weiter so glasig anstarrte, änderte er seine Taktik und gab sich verärgert. »Was treibt Ihr überhaupt hier? Hat Euch noch niemand gesagt, dass ein Gefängnis kein Ort für eine brave Jungfer ist?«
Nun flackerte etwas in Griets Augen. Sie öffnete den Mund, doch es dauerte einen Moment, bevor sie ein Wort herausbrachte. »Ich … Clara. Sie wurde verhaftet. Ich muss ihr helfen.«
»Helfen? Der Hebamme, die wegen Mordes angeklagt wurde?« Überrascht runzelte er die Stirn. »Ihr kennt sie?«
»Sie ist eine gute Freundin. Sie hat ihren Vater nicht ermordet.« Griets Stimme klang noch immer etwas dünn, doch ihr Gesicht schien allmählich wieder Farbe zu bekommen. Cristan atmete auf. Ihre geisterhafte Blässe hatte ihm einige Sorgen bereitet.
»Aha. Und das wisst Ihr so genau, weil …«
»Ich kenne sie. Sie würde niemals jemandem ein Leid antun.«
»Es mag löblich sein, dass Ihr sie verteidigen wollt, doch dazu war es gewiss nicht notwendig, hier hereinzukommen.« Er warf einen kurzen Blick über die Schulter, doch weit und breit war niemand zu sehen. »Ihr seid ein großes Risiko für Eure Freundin eingegangen, Jungfer Griet. Was, glaubt Ihr, wäre geschehen, wenn ich nicht zufällig gerade hereingekommen wäre? Wäre Eurer Freundin damit gedient gewesen?« Noch immer gab er sich verärgerter, als er war, denn das schien ihr besser zu bekommen als Mitgefühl.
»Sie darf nicht zu den anderen Gefangenen gesperrt werden. Ich wollte … Ich kann für sie bezahlen, damit sie eine Einzelzelle bekommt.« Hektisch zupfte sie an ihrer Geldbörse herum. »Bei den anderen Gefangenen könnte ihr ein Leid geschehen. Ich will nicht, dass die Männer sie …«
»Moment, wer behauptet denn, dass sie zu den männlichen Gefangenen gesperrt werden soll?« Cristan kräuselte die Lippen und stieß einen Fluch aus. »Na warte, Mats Creucher, wir sprechen uns noch«, knurrte er. Inzwischen hielt ihm Griet einige Münzen hin. Er neigte den Kopf ein wenig und musterte erst ihre zitternde Hand, dann ihre unsichere Miene. Langsam, um sie nicht erneut zu erschrecken, streckte er ebenfalls die rechte Hand aus und öffnete die Handfläche, sodass Griet die Münzen hineinfallen lassen konnte. »Das ist zu viel«, sagte er ruhig und ergriff sanft ihre Hand, ehe sie sie fortziehen konnte. Bis auf zwei Münzen legte er das Geld wieder auf ihre Handfläche und schloss ihre Finger darum, dann ließe er sie los. Offenbar gerade rechtzeitig, denn er hatte gespürt, wie sie bei der Berührung erstarrt war. Hätte er sie nur einen Lidschlag länger festgehalten, wäre sie kopflos davongerannt, das sah er ihr an. Ihre Augen waren weit aufgerissen und dieser beunruhigend glasige Ausdruck zurückgekehrt. »Selbstverständlich sollte sie zu den Frauen gesperrt werden. Auch keine wirklich angenehme Gesellschaft, denn es sind zwei dreiste Dirnen, die ihre Freier bestohlen haben. Aber für das hier«, er ließ die beiden Münzen aufblitzen, »wird sie einige Tage in Einzelhaft verbringen können.«
»Danke.«
»Was sind das für Narben an Eurem Handgelenk?«
»Was?« Erschrocken schob sie die Hände in die weiten Ärmel ihres Kleides.
»Ihr habt verblasste Narben an den Handgelenken. Habt Ihr mal einen Kampf mit einem wilden Tier ausgefochten?«
»Ich …« Sichtlich verlegen biss sie sich auf die Unterlippe. »Die sind schon alt.«
Mehr schien sie dazu nicht zu sagen zu haben und Cristan beschloss, dieses Thema vorerst ruhen zu lassen. »Eure Magd wartet vor der Tür und macht sich Sorgen um Euch. Sie sagt, Ihr werdet zu Hause erwartet.«
»Ich weiß, aber … Clara … Sie ist unschuldig. Ich will zu ihr. Geht das?« Sie wich seinem Blick aus und es war deutlich erkennbar, wie viel Mut sie diese einfache Bitte gekostet hatte.
Cristan dachte einen Moment nach, dann nickte er. »Ich schicke Eure Magd nach Hause, damit sie Eurer Mutter Bescheid geben kann, wo Ihr seid. Später begleite ich Euch zum Alter Markt.«
»Ihr?« Sie schluckte nervös.
»Ich wohne dort ebenfalls, wie Ihr Euch sicher erinnert. Außerdem muss ich noch ins Rathaus, um die Ergebnisse der ersten Befragung an den Gewaltrichter weiterzugeben.«
Nun hob Griet den Kopf doch wieder und sah ihn überrascht an. »Ihr wollt Clara befragen? Warum? Ich meine, das ist doch nicht Eure Aufgabe als Hauptmann der Stadtsoldaten.«
»Da habt Ihr recht. Als Hauptmann tue ich dies auch nicht, sondern in meiner Eigenschaft als zukünftiger Gewaltrichter der Stadt Köln. Ab Oktober übernehme ich diesen Posten von Georg.«
»Oh, das wusste ich nicht.«
»Wie könntet Ihr auch?« Er lächelte leicht. »Die Entscheidung ist erst heute Vormittag gefallen. Sicher wird es Euch also nichts ausmachen, Euch von einem zukünftigen Richter nach Hause begleiten zu lassen.«
»N-nein, natürlich nicht. Vielen Dank.«
Cristan musterte sie erneut. Ihrer Stimme war deutlich anzuhören, dass sie sich in seiner Gegenwart alles andere als wohl fühlte. Und plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, traf ihn die Erinnerung und er wusste wieder, wo er Griet Burka schon einmal gesehen hatte.

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Über Fragen, Kommentare, Anregungen usw. würde ich mich wie immer sehr freuen.

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