Nur noch wenige Tage, dann ist Vergeltung im Münzhaus überall im Buchhandel erhältlich. Bis dahin möchte ich euch noch einmal mit einem spannenden kleinen Textschnipsel erfreuen, der euch hoffentlich noch mehr Lust auf das Buch macht.

Viel Vergnügen! Und ja, selbstverständlich endet der Textschnipsel da, wo es am spannendsten ist. ;)

»Jungfer Griet?« Eine untersetzte Frau mit ebenso strohblondem Haar wie Nettis trat aus der Küchentür. Sie hatte leicht gerötete Wangen, wohl von dem Herdfeuer, das sie, wie Griet spüren konnte, kräftig angeheizt hatte. Vielleicht aber auch wegen der Anstrengung, die damit einhergegangen war, denn sie wirkte alles in allem ein wenig kränklich. »Verzeiht, aber ich wollte mich bei Euch bedanken. Mein Name ist Veronika.«
»Du bist Nettis Mutter!« Griet hatte es sich bereits gedacht. »Netti sagte mir, dass du von deiner Krankheit genesen wärst und bald wieder arbeiten wolltest. Dann ist also heute dein erster Tag zurück?«
»So ist es.« Veronika nickte und strich sich fahrig über ihre Schürze. »Ich bin Euch wirklich dankbar, Euch und Eurer Mutter, dass Ihr meiner Herrin in ihrer schweren Stunde beigestanden habt. Mir hat man davon gar nichts gesagt, bestimmt wollte Netti nicht, dass ich mich aufrege. Aber ich wäre zur Stelle gewesen, um Frau Lisbeth zu helfen.«
»Es ist ja alles gutgegangen.« Griet lächelte der Köchin zu. »Und du solltest dich vielleicht noch etwas schonen, wenn du so schwer krank gewesen bist.«
»Äh, na ja, krank.« Veronika errötete. »Es kommt ja doch früher oder später heraus. Ich war nicht krank, sondern hatte eine … Fehlgeburt.« So, wie sie das Wort aussprach, ahnte Griet, dass noch mehr dahinter stecken musste. Da Veronika nicht verheiratet war, nahm Griet an, dass sie bei einer Engelmacherin gewesen war, um die ungewollte Schwangerschaft zu beenden.
»Das tut mir aber leid, Veronika«, sagte sie mitfühlend. »Dann hoffe ich erst recht, dass es dir bald wieder gut geht.«
»Ach ja, was soll man machen. Solche Dinge geschehen. Der Allmächtige hat wohl seinen Plan mit uns.« Veronika bekreuzigte sich flüchtig, schien aber selbst nicht ganz an ihre Worte zu glauben. »Sagt, was ist das alles mit der Verhaftung meines Herrn? Glaubt der Gewaltrichter wirklich, er habe Urs van Oeche ermordet?«
Griet hob die Schultern. »Es ist nichts erwiesen, Veronika. Möglicherweise hat Herr Birboim jemanden gedungen, den Kürschner umzubringen.«
»Um Gottes willen!«
»Vielleicht war es aber auch ganz anders. Es gibt keine Zeugen für die Tat und keine weiteren Verdächtigen. Oder fällt dir jemand ein, der van Oeches Tod gewollt hätte?«
»Seinen Tod?« Veronika wurde blass. »Nein. Ich meine, er war, na ja, kein guter Mann. Wirklich nicht. Aber ihn zu töten wegen dem, was er getan hat …«
Griet horchte auf. »Was hat er denn getan?«
»Was?« Veronika hob verblüfft den Kopf, zuckte dann aber die Achseln. »Na ja, was man ihm so nachsagt.« Sie räusperte sich, offenbar verlegen. »Es steht mir nicht zu, über ihn zu richten, das steht niemandem zu.« Sie seufzte. »Außer natürlich dem Allmächtigen. Niemand sonst darf sich das anmaßen.«
»Und doch hat es jemand getan.«
Veronika nickte betrübt. »Ja, ganz offensichtlich. Wie schrecklich. Was wird jetzt aus Frau Lisbeth und dem Haushalt, wenn man Herrn Birboim einsperrt … oder gar schlimmeres?«
»Das weiß ich leider auch nicht.« Griet bemühte sich um ein beruhigendes Lächeln. »Verlier den Mut nicht und steh deiner Herrin weiterhin bei. Es wird sich alles finden, auf die eine oder andere Weise.«
»Ja, Ihr habt wohl recht, Jungfer Griet. Aber verzeiht, ich wollte Euch gar nicht so lange aufhalten. Bestimmt habt Ihr noch eine Menge zu tun, ebenso wie ich. Die Küche ist in einem bedauernswerten Zustand. Die arme Netti war wohl doch überfordert mit allem.« Seufzend wandte sich die Köchin ab. »Gehabt Euch wohl und meine besten Wünsche an Eure Mutter.« Sie hielt kurz inne und drehte sich noch einmal um. »Braucht Ihr eine Begleitung nach Hause? Ich kann den Honnes rufen, wenn Ihr wollt.«
»Nein, nicht nötig.« Griet war bereits an der Hintertür. »Unser Knecht Ludowig wartet draußen im Hof auf mich.«
»Ah, gut. Dann auf bald.« Veronika verschwand in der Küche und Griet verließ nachdenklich das Haus.
Sie verstand die Sorge der Köchin gut. Wenn Birboim zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt oder gar der Stadt verwiesen wurde, war es fraglich, ob er sein Gesinde weiter beschäftigen würde. Es war gut möglich, dass Knechte und Mägde oder zumindest einige von ihnen bald auf der Straße stehen würden.
Wer wohl der Vater von Veronikas totgeborenem Kind war? Womöglich gar der Hausherr selbst? Es gab Männer, die sich an ihrem Gesinde schadlos hielten. Allerdings kam ihr Henns Birboim nicht so vor, als würde er so etwas tun. Ihn verband vielleicht mit seiner Gemahlin keine innige Liebe, aber dennoch wohl eine gewisse Verbundenheit. Vielleicht war es ja Honnes, der Knecht. Vom Alter her würde er passen.
»Oder gar Urs van Oeche?«, murmelte sie vor sich hin. War das vielleicht möglich? Das wäre sicherlich auch ein guter Grund gewesen, das Kind wegmachen zu lassen. Denn ein Kürschner würde sich bestimmt keinen Deut um den Bastard kümmern, den er mit einer Küchenmagd gezeugt hatte. Urs van Oeche schon gleich gar nicht. Obgleich Griet nicht von bösartiger Natur war, kam sie nicht umhin zu überlegen, dass Veronika ohne diesen Mann ganz sicher besser dran war. So gemein, wie er sich seiner Gemahlin und seiner Tochter gegenüber verhalten hatte, war es fraglich, wie er reagiert hätte, wenn er von Veronikas Schwangerschaft erfahren hätte. »Falls er der Vater war, was natürlich gar nicht bewiesen ist. Vielleicht war es auch ganz jemand anderer«, sagte sie erneut halblaut vor sich hin.
Sie stand mitten im Hof und sah sich suchend nach Ludowig um, konnte ihn jedoch nirgends entdecken. Das war seltsam, denn der Knecht war immer sehr zuverlässig und würde niemals einfach weggehen, wenn er auf sie zu warten hatte. Also ging sie bis zum Hoftor und blickte über den von Menschen bevölkerten Laurenzplatz. Vielleicht hatte er ja einen Bekannten getroffen und die Zeit vergessen. Doch der hochgewachsene und kräftige Knecht war nirgendwo auszumachen. Irritiert wandte sich Griet wieder um und kehrte in den Hof zurück. »Ludowig? Bist du hier?«, rief sie, erhielt jedoch keine Antwort. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, doch sie versuchte, es zu ignorieren. Bestimmt war er hier irgendwo. Also sah sie sich eingehend um und ging schließlich auf den Stall zu, öffnete die Tür und blickte hinein. Außer Hühnern, einem Esel und zwei fetten Schweinen war niemand zu sehen. Sie ging weiter zur Remise, doch bevor sie die Tür öffnen konnte, wurde ihr Blick von etwas Braunem neben dem Gebäude angezogen. Einem Schuh, nein, einem Fuß!
Griets Herzschlag setzte für einen Moment aus. Als sie näher hinsah, erblickte sie den Knecht, der in einer Nische zwischen der Remise und dem Aborthäuschen lag und sich nicht rührte. »Ludowig! Um Gottes willen, was ist geschehen?«
Er lag mit dem Gesicht nach unten und sie sah, dass er aus einer Wunde am Hinterkopf blutete. Eiseskälte ergriff sie. Schon wollte sie neben ihm in die Hocke gehen, um zu prüfen, ob er noch atmete, als jemand hinter ihr auftauchte und sie mit einem Ruck zurückzerrte. Sie prallte gegen ihren Angreifer und spürte im nächsten Moment dessen Hand auf ihrem Mund und etwas Kaltes, Scharfes an ihrem Hals. Einen Dolch!

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Cover zu Textschnipsel aus Vergeltung im Muenzhaus


Vergeltung im Münzhaus

Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt-Taschenbuch & eBook
512 Seiten, ISBN  978-3-4992695-85-7
9.99 Euro

Erscheint am 26. August 2016

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