Seit einigen Wochen schreibe ich an meinem nächsten historischen Roman Die Bastardtochter, dem Finale meiner Kreuz-Trilogie. Über 200 Seiten sind bereits zusammengekommen, deshalb finde ich, dass es an der Zeit ist, mal wieder das Türchen zu meiner Schreibstube zu öffnen. Ihr wisst, dass ich euch gerne immer mal wieder Einblicke in den Schreibprozess gebe. Dass ich diesmal so lange gezögert habe, liegt daran, dass ich nach meinem letzten Roman Der Hexenschöffe in ein emotionales Schreibloch gefallen bin. Wer das Making-of zu dem Buch verfolgt hat, weiß, wie viel Herzblut und Nerven mich das Schreiben gekostet und wie sehr die Arbeit an diesem Buch an mir gezehrt hat. Ich hatte zwar einige wenige Monate Zeit, um Abstand zu gewinnen, aber offenbar haben die nicht ausgereicht, um mich wieder vollständig zu erden.

Von der ersten Seite der Bastardtochter an fühlte ich mich merkwürdig deplatziert. Dabei bin ich im späten Mittelalter und der Stadt Koblenz, also dem Schauplatz, inzwischen praktisch zu Hause. Literarisch gesprochen. Viel recherchieren musste ich nicht, denn das hatte ich ja bereits für die ersten beiden Teile der Trilogie (Die Eifelgräfin/Die Gewürzhändlerin) größtenteils erledigt. Alle Unterlagen und Rechercheergebnisse hatte ich ordentlich gesammelt, sodass sich die Jahre zwischen der Entstehung der Romane einfach überbrücken ließen. Ich habe sogar die ersten beiden Romane noch einmal gelesen, denn nach so langer Zeit (2009 und 2011 sind die beiden Vorgänger erschienen) und etlichen neuen Büchern vergisst man auch als Autorin viele Details.

Dennoch – ich hatte das Gefühl, in der neuen Geschichte fremd zu sein. Ich war gedanklich noch immer im 17. Jahrhundert gefangen, konnte mich von den wahren Schicksalen im Hexenschöffen nur schwer lösen und die nötige Distanz schaffen. Da aber ein Abgabetermin feststeht, den ich doch wenigstens einigermaßen einzuhalten gedenke, musste ich loslegen, ob meine Muse nun bereits im 14. Jahrhundert angekommen war oder immer noch im Jahr 1636 herumtrödelte.

Ich schrieb also erst mal den Prolog. Und wenige Wochen später habe ich ihn dann wieder rausgeschmissen. Dazu werdet ihr zu einem späteren Zeitpunkt noch Genaueres erfahren. Dieser Prolog half mir, zumindest in den Schreibfluss zu kommen, den ich so dringend brauchte. Es folgte das erste, dann das zweite und dritte Kapitel. Inzwischen bin ich beim sechzehnten angekommen. Erschreckend war für mich, dass ich während der ersten fünfzehn Kapitel ständig das unterschwellige Gefühl hatte, überhaupt keine Geschichte zu schreiben. Mir kam es vor, als würde in diesem Roman überhaupt nichts passieren. Null. Flaute. Langeweile. Die Figuren handelten und sprachen zwar, aber mir kam das alles so belanglos und unwichtig vor! Dabei hatte ich doch dem Verlag vor ca. zwei Jahren ein Exposé eingereicht, aufgrund dessen ich den Vertrag erhielt. Und da waren wir uns einig, dass es eine schöne, spannende Geschichte würde.

Ich halte mich im Großen und Ganzen an den roten Faden in diesem Exposé. Wer selbst Romane schreibt, weiß natürlich, dass das selten zu 100 Prozent möglich ist. Vielleicht sogar nur zu höchstens 50 Prozent. Die Geschichte, die Figuren, beides entwickelt irgendwann (bei mir meistens schon sehr bald) eine Eigendynamik. Der rote Faden bleibt, die Details verändern sich, oftmals ganz extrem. Am Ende komme ich immer irgendwie dorthin, wo ich mit der Geschichte hinwollte. Der Weg gestaltet sich aber eben meistens anders als ursprünglich gedacht. Das ist gut so und auch die Verlage wissen darum.

Es war also zumindest einmal ermutigend, dass diese Eigendynamik einsetzte. Die Figuren wurden lebendig. Dennoch hörte ich ständig dieses Stimmchen in meinem Ohr, das mir zuflüsterte: “Petra, in dieser Story geschieht ja gar nichts. Was schreibst du denn da für langweiliges Zeug? Das will doch niemand lesen!”

So etwas kann extrem störend und demotivierend sein, selbst wenn – oder gerade weil – meine Leserinnen und Leser mir ständig versichern, wie toll sie meine bisherigen Romane (ja, ganz besonders den Hexenschöffen) finden und wie sehr sie sich auf Die Bastardtochter freuen.

Mhm, ja, dieses Buch meint ihr, von dem ihr euch eine spannende, von der ersten bis zur letzten Seite fesselnde Geschichte erhofft, die die losen Enden rund um Elisabeth, Johann, Luzia, Martin, Enneleyn und Anton sinnvoll miteinander verknüpft? Die einen würdigen Abschluss der Mythologie um das silberne Kruzifix liefern soll und darüber hinaus auch noch eine schöne Liebesgeschichte? Dieses Buch meint ihr? Darauf seid ihr gespannt? Ich auch. Ganz im Ernst. Ich hänge in der Luft. Oder vielmehr: Ich hing in der Luft.

Selbstzweifel sind bei Autoren an der Tagesordnung. Mit der Zeit lernt man, damit umzugehen, sie bestenfalls in positive Energie umzuwandeln. Trotzdem weiterzuschreiben. Wenn sie jedoch mit derartiger Wucht aufschlagen, kann man schon mal ins Schwanken geraten. Ich hatte schon während der Arbeit am Hexenschöffen die Befürchtung, dass so etwas passieren würde. Er ist, davon bin ich überzeugt, mein Meisterstück. Nicht unbedingt frei von Fehlern, das kann ein Roman fast gar nicht sein. Aber doch das Schwierigste und Beste, was mir bisher schriftstellerisch gelungen ist. Und das schreibe ich an dieser Stelle, ohne meine bisherigen Romane kleinreden oder in den Schatten stellen zu wollen. Jedes Buch, das ich schreibe, ist ein Lernprozess, mit jedem Roman versuche ich besser, sicherer, souveräner zu werden und meinen schriftstellerischen Horizont zu erweitern.

Das Problem war, dass ich von einem Buch über eine wahre Begebenheit, über die Schrecknisse der Hexenverfolgung, nun eine Kehrtwende um beinahe 180 Grad machen musste. Die Bastardtochter ist kein Roman voller Gräuel. Zwar gibt es beileibe nicht nur nette Figuren darin und es wird auch gemordet, intrigiert, gebrandschatzt und vielerlei schlimme Dinge mehr. Dennoch herrscht in diesem Buch ein ganz anderer, man könnte sagen heiterer Grundton. Meine Erzählstimme war noch im Gruselstadium, während ich bereits schlagfertige Wortabtausche zwischen Luzia und ihrem Bruder Anton zu verfassen hatte. Oder die erste Begegnung zweier zukünftiger Liebender formulieren musste.

Die Bastardtochter ist eine fiktive Geschichte. Zwar sind die historischen Schauplätze und geschichtlichen Details alle recherchiert, aber es handelt sich nicht um wahre Begebenheiten und Menschen, die  tatsächlich einmal gelebt, geliebt und gelitten haben. Das mit dem Leben, Lieben, und Leiden findet zwar auch hier statt, aber es geht um Figuren, die allesamt meiner Fantasie entsprungen sind. Der Unterschied ist enorm. Viele Leser haben mir mittlerweile erzählt, dass Der Hexenschöffe sie vor allem deshalb so sehr mitgenommen und aufgewühlt (und entsetzt) hat, weil sie auf jeder Seite wussten, dass die Story so oder so ähnlich wirklich passiert ist. Mir ging und geht es nicht anders.

Ich hing also in der Luft, den Kopf wie in einem Schraubstock. Aber ich schrieb weiter. Möglicherweise ist es diese Eigenschaft, dieser Wille, TROTZDEM weiterzumachen, der den Anfänger- oder Hobby-Autor vom professionell arbeitenden Schriftsteller unterscheidet. Ich habe schon Schreibblockaden hinter mir, grässlichen Termindruck und niederschmetternde Rezensionen (die kriegt jeder Autor, ganz gleich wie viel Herzblut er investiert und wie viele Leser ihn lieben). Dennoch habe ich nie aufgegeben und trotz aller Widrigkeiten ich WEITERGESCHRIEBEN. Weil ich schreiben will und schreiben muss. Daran muss man sich als Autorin hin und wieder selbst erinnern, denn andere tun es eher selten.

Auch wenn man viele wunderbare Fans hat (und ich danke jedem und jeder einzelnen von euch da draußen aus tiefstem Herzen), die immer wieder in Mails, persönlichen Gesprächen, auf Messen, Lesungen und in den sozialen Netzwerken versichern, wie toll sie meine Bücher finden: Dieses riesige Lob beinhaltet auch immer eine Erwartungshaltung, und der muss ich wohl oder übel gerecht werden, ob mir gerade danach ist oder nicht. Nachlassen darf man als Autorin nicht, schlechte Bücher schreiben schon gleich zweimal nicht. Man hat also immer auch einen großen Druck im Nacken sitzen. Im Allgemeinen lasse ich mir diesen Druck nicht anmerken, der ständig auf mir lastet, und von dem meine Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft sicher auch ein Lied singen können. Ich wandele ihn in Motivation und positive Energie um. Bisher ist mir das immer gelungen. Ich schöpfe ja schließlich auch ganz viel Kraft und Freude aus dem positiven Feedback meiner Leser.

Diesmal, den Kopf in besagtem Schraubstock, der Rest von mir fröhlich (oder eher panisch) im Wind flatternd, brauchte ich ziemlich lange, um meine Füße zurück auf festen Boden zu dirigieren. Ich hätte es wohl nicht geschafft, wenn ich den Kopf in den Sand gesteckt hätte oder knatschend in meinem Schneckenhaus verschwunden wäre. So etwas kommt für mich nicht infrage. Stattdessen sagte ich mir: “Da fließt eine Geschichte aus dir heraus. Du hast zwar da Gefühl, sie sei nichtssagend, doch sie fließt. Sie wächst, verändert sich und hält sich dabei auch noch an den roten Faden im Exposé. Also muss sie was taugen, denn für literarischen Müll ist in meinem Kopf kein Platz. Ich schreibe und schreibe und schreibe jetzt weiter. Vielleicht wird es dieser lästigen Kritikerstimme in meinem Kopf dann irgendwann zu blöd oder zu langweilig, ständig ihre Negativ-Mantras vor sich hinzumurmeln. Das hat früher schon funktioniert, warum also nicht auch bei diesem Manuskript?”

Dann kam das erste Erfolgserlebnis. Ich habe mich verliebt. In einen kleinen, Gassenjungen aus Mailand. Was genau passiert ist, könnt ihr HIER nachlesen. Danach floss die Geschichte schon ein gutes Stück leichter. Zwar nölte das Stimmchen noch immer, dass ich zig Seiten über nichts und wieder nichts schreiben würde. Aber ich ignorierte es jetzt geflissentlich und konzentrierte mich darauf, jeden Tag mindestens sieben Seiten zu verfassen, ganz gleich, was dabei herauskam.

Und dann, vor ein paar Tagen: BÄM!

In meinem Kopf formten sich Details der Geschichte, an die ich beim Planen des Plots nicht mal im Traum gedacht hatte. Aber sie waren genial, passend, perfekt. Kann es sein, dass mein Unterbewusstsein genau an diesen Details so intensiv gefeilt hat, dass es meine Ressourcen fast vollständig belegt hat? So wie ein Computer, der langsam wird, weil der Arbeitsspeicher voll ist und im Hintergrund etliche Programme auf Hochtouren laufen? Sicher ist jedenfalls, dass nun alles einen Sinn ergibt, die Zahnrädchen ineinander greifen und ich Licht am Ende des Tunnels erkennen kann.

Vielleicht, nein, ziemlich wahrscheinlich, wird aus meinem Manuskript schließlich doch noch ein lesenswerter Roman. Ich muss mich nur von der Idee verabschieden, dass er so grausam intensiv wird wie Der Hexenschöffe. Und auch meine Leser dürfen kein Buch von solchem Kaliber erwarten. Das gibt das Thema einfach nicht her. Doch ein Buch ist nicht wie das andere, deshalb ist aber keines von beiden schlechter oder langweiliger. Nur anders. Vollkommen anders. Und jetzt schreibe ich an meinem Manuskript weiter.

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Koblenz, 1362. Die schöne Enneleyn lebt mit einem Makel: Sie ist unehelich geboren. Zwar hat Graf von Manten sie als Tochter anerkannt, die gesellschaftliche Akzeptanz bleibt ihr jedoch verwehrt. Als Ritter Guntram von Eggern um ihre Hand anhält, zögert sie deshalb nicht lange. Schon bald stellt sich heraus: sie hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Nach außen ganz liebevoller Gatte, verbirgt Guntram geschickt seine dunklen Seiten. Nur Ennelyn weiß um seine Brutalität und Machtgier. Nur sie weiß um seinen großen Plan … Nach «Eifelgräfin» und «Gewürzhändlerin» nun Teil drei der beliebten Reihe.

Buchvorschautext und Cover, Quelle: www.rowohlt.de

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Die Bastardtochter
Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt-Taschenbuch
ca. 480 Seiten
ISBN 978-3-499268-01-4
9.99 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

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