Ich liebe Jane Austen.

Ihr auch?

Falls ja, habt ihr nicht nur etwas mit mir, sondern auch mit meiner Lektorin (und Programmleiterin) bei Rowohlt gemeinsam. Es war so um das Jahr 2010/11, der Hype um die so genannten Auswanderersagas begann, gerade richtig an Fahrt aufzunehmen. Ich wollte mal was ganz anderes schreiben, aus dem späten Mittelalter ausbrechen. Mich neu erfinden.

Als Autorin muss man das hin und wieder tun, innerhalb und auch außerhalb der Grenzen des Genres, in dem man erfolgreich ist. Denn nur so kann man den eigenen Horizont erweitern und sich entwickeln.

Da ich, wie gesagt, Fan der großartigen Jane Austen bin und all ihre Bücher auf Deutsch und auf Englisch gelesen habe UND auch fast alle Verfilmungen im Originalton auf DVD besitze, war es nahe liegend, das 18. und/oder 19. Jahrhundert für meinen nächsten literarischen Ausflug zu wählen. Inspiriert dazu hat mich ganz besonders eine Szene aus der BBC-Verfilmung von EMMA mit Kate Beckinsale von 1996 (obgleich dies nicht unbedingt meine Lieblingsversion unter den Verfilmungen ist).

Es gibt da nämlich zwei Szenen, die sich irgendwie in meinem Unterbewusstsein festgesetzt hatten. Einmal die, in der Jane Fairfax bei einer Abendgesellschaft überaus talentiert das Pianoforte spielt und dabei singt, zum anderen eine Szene beim Dinner. Die frisch gebackene Ehefrau des Pfarrers Mr. Elton will Jane Fairfax überreden, eine Stellung als Gouvernante anzunehmen. In diesem Zusammenhang erwähnt Jane den “Gouvernentenhandel”, der zu jener Zeit an der Tagesordnung war und der von Mrs. Elton fälschlicherweise mit dem Sklavenhandel gleichgesetzt wird.

In meinem Kopf formte sich nach und nach das Bild einer jungen, sehr gebildeten aber mittellosen Frau, die den Posten einer Gouvernante annimmt, weil sie anders ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten könnte. Mit der Zeit gesellten sich selbstverständlich weitere Details, Umwege und Irrungen in die Geschichte. Und natürlich durfte auch die Liebe nicht fehlen. Im Grunde genommen war die Liebe sogar das Hauptmotiv, denn wie sollte es bei einem Roman nach dem Vorbild von Jane Austen anders sein?

Spannend war die Recherche zu diesem Thema, denn da ich mit dem neuen Roman in eine mir vergleichsweise unbekannte Epoche (sieht man mal von literarischer Lektüre ab) einzutauchen gedachte, musste ich jede Kleinigkeit erst einmal zusammentragen. Wie so eine Recherche abläuft, habe ich exemplarisch schon ausführlich in meinem kürzlich veröffentlichten Artikel Rechercheberge und wie man sie bezwingt erklärt, deshalb gehe ich an dieser Stelle hier darauf nicht mehr im Einzelnen ein.

Nicht nur das Zusammentragen aller relevanten Informationen zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war aufwendig, schwierig war es auch anfangs, den richtigen Ton beim Schreiben zu finden. Denn ein Roman, der im Jahr 1823 spielt, muss in einer vollkommen anderen Sprache geschrieben werden als einer, der im späten Mittelalter angesiedelt ist. Sowohl der Erzähltext als auch die Dialoge müssen der jeweiligen Epoche angepasst werden. Die Struktur der Geschichte sollte außerdem in Form und Rhythmus der Geschichte entsprechen, trotzdem aber unseren heutigen Lesegewohnheiten entgegenkommen. Wer schon einmal Jane Austen gelesen hat, der weiß, dass sich die Erzähltechniken seither sehr stark verändert haben.

Hier der link zur offiziellen Leseprobe, in der hr euch davon überzeugen könnt, wie sehr sich die Sprache von der in meinen bisherigen Romanen unterscheidet:
http://www.rowohlt.de/fm90/131/Schier_Das_Haus_in_der_Loewengasse.pdf

Wie eingangs erwähnt, kam mir die Idee zum Roman, als Auswanderersagas bzw. das so genannte Love & Landscape gerade zu boomen begannen. Als ich andeutete, ich würde auch gerne mal einen literarischen Ausflug ins 19. Jahrhundert machen, stellte ich aber sofort klar, dass ich etwas vollkommen anderes im Sinn hatte. Man kann als Autorin natürlich mit dem Strom schwimmen, und das ist vollkommen legitim. Vor allem, wenn der Verlag es als dringend sinnvoll erachtet. Man kann sich aber auch weigern und gegen den Strom schwimmen, und das tat ich in diesem Fall, weil ich das Gefühl hatte, mit irgendwelchen Kolonien, anderen Kontinenten usw. nicht viel am Hut zu haben. Es zog mich einfach nicht in die Richtung eines solchen Plots. Viel lieber wollte ich das 19. Jahrhundert in einer Geschichte beleuchten, die in Deutschland spielt. Da mir die Stadt gefühlsmäßig sehr nahe steht, hatte ich schnell Köln als Schauplatz erwählt.

Als ich meiner Lektorin das Exposé zum neuen Roman vorstellte, war sie denn auch absolut begeistert, da auch sie großer Jane Austen-Fan ist und sofort das Potenzial erkannte, das in der Geschichte steckte. Mit der Titelwahl ging es dann nicht ganz so leicht, denn ich wollte unbedingt “Das Haus in …” haben, aber der rechte Ort fehlte uns noch. Erst nach eingehender Recherche wurde er auf die Löwengasse fixiert. Denn im 19. Jahrhundert hatte das Haus des Textilfabrikanten Julius Reuther durchaus in der Kölner Löwengasse stehen können.

Der Titel des Romans ist übrigens bei diesem Roman ganz besonders Programm, denn gute 80 Prozent der Geschichte spielen genau dort: im Haus in der Löwengasse. Nirgendwo sonst. Vielleicht sind es sogar 85 Prozent. Genau errechnet habe ich das nicht. Aber es ging mir darum, auch einen Titel für das Buch zu finden, der bereits im Klang die Atmosphäre der Geschichte ausstrahlt. Als dann das Cover aus der Grafikabteilung kam, war ich vollkommen begeistert. Schöner und passender hätte es nicht sein können. Ein Hingucker, der ebenfalls bereits die Atmosphäre des Romans eingefangen hat.

Rowohlt hat auf das Cover diesmal nicht “Historischer Roman” geschrieben, sondern lediglich “Roman”. Das ist aus marketing-strategischen Gründen geschehen, ebenso wie die Tatsache, dass im Klappentext keine Jahreszahl erscheint. Obwohl ich für letzteres sehr gekämpft habe, denn immer wieder fragen sich Leserinnen oder Leser, wann genau die Geschichte angesiedelt ist. Sie erfahren es leider erst, wenn sie das erste Drittel des Buches gelesen haben. Auf meiner Homepage weise ich allerdings deutlich darauf hin, dass es sich um das Jahr 1823 handelt.

Das Haus in der Löwengasse ist ein historischer Liebesroman.

Jawohl, Liebesroman. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Wer mich kennt, weiß, dass ich dazu stehe. Ich bin nicht umsonst Mitglied und Teil des Vorstands von DELIA, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren. Liebe (als Thema) steckt in fast jedem Roman. Im einen mehr, im anderen weniger. Das Haus in der Löwengasse wäre ohne die Liebesgeschichte gar nicht existent.

Was ich bemerkenswert finde ist, dass trotzdem (oder gerade deswegen?) viele männliche Leser zu dem Roman gegriffen haben (und noch immer greifen) und nicht enttäuscht wurden. Viele von ihnen attestieren mir eine “kitschfreie Zone”. Das kann man selbstverständlich sehen, wie man will. Geschmäcker sind eben verschieden. Aber es hat mich doch gefreut, dass auch Männer ihre Freude an diesem Buch haben können.

Wenn es also auch für euch hin und wieder ein bisschen Jane Austen sein darf, dann greift entweder zu einem ihrer Romane oder schlagt – zum ersten oder vielleicht auch zum wiederholten Mal – Das Haus in der Löwengasse auf und lasst euch in eine Zeit entführen, die gar nicht so schrecklich weit von der unseren entfernt und uns deshalb in vielerlei Hinsicht fremd und vertraut zugleich ist.

Falls ihr beim Leser gerne Musik im Hintergrund hört, empfehle ich euch meine Playlist auf YouTube zum Roman. Darin habe ich alle möglichen Lieder zusammengetragen, die ich auf der Plattform zu den verschiedenen Literaturverfilmungen von Jane Austens Büchern finden konnte und die mich zum Teil während des Schreibprozesses begleitet haben. Auch zu der unvergleichlichen BBC-Verfilmung von Elizabeth Gaskells Roman “North & South”, die ich ebenfalls sehr liebe, findet ihr dort Teile des Soundtracks.

In meinem Roman spielt Pauline, die Protagonistin, übrigens ebenfalls das Pianoforte und singt ganz entzückend. Die Lieder, die im Roman eine besonders wichtige Rolle spielen, habe ich in einer weiteren kleinen Playlist zusammengetragen. Wenn diese exemplarischen Lieder auch nicht immer vollkommen zeitgemäß musikalisch untermalt sind, bekommt ihr doch einen sehr schönen Eindruck, wie ich finde.

Noch besser wird dieser Eindruck, wenn ihr auch das mehr als gelungene, wunderschöne ungekürzte Hörbuch anhört, das Radioropa zum Roman produziert hat. Die Sprecherin, Sabine Swoboda, liest den Roman in absolut perfekt treffender Weise und auch hier gibt es echte Musik und Gesang zum Genießen. Für meine Begriffe ist es das schönste Hörbuch zu einem meiner Romane überhaupt, deshalb habe ich es selbst schon drei- oder viermal angehört.

Wer jetzt noch wissen möchte, welche Verfilmung von EMMA mein Favorit ist …

Die Hollywood-Version mit Gwyneth Paltrow und Ewan McGregor ist für Einsteiger in die Jane-Austen-Materie, wie ich finde, sehr geeignet.

Aber absolut unübertroffen ist die BBC-Miniserie von 2009 mit Romola Garai als Emma Woodhouse, Jonny Lee Miller (aus Elemantary) als Mr. Knightley and Michael Gambon als Mr. Woodhouse.

Und hier eine Liste mit den Amazon-Links zu allen meinen liebsten BBC-Literaturverfilmungen:

EMMA (1996, Gwyneth Paltrow und Jeremy Northam)
EMMA (1996, Kate Beckinsale, Mark Strong) => Empfehlenswert ist die englische Langfassung.
EMMA (2009, Romola Garai, Jonny Lee Miller) => Meine All-Time-Favourite-Emma!

Pride & Prejudice (Kyra Knightley) => Für Hollywood-Fans. Dann aber unbedingt auch das alternative Ende der amerikanischen Fassung ansehen, das auf der DVD zu finden ist.
Pride & Prejudice (Jennifer Ehle, Colin Firth, BBC 2005) => Sehr empfehlenswert! Vor allem die Langfassung mit allen Szenen.

Sense & Sensibility (1998, Kate Winslett, Emma Thompson)
Sense & Sensibility (BBC, 2007, Hattie Morahan, Charity Wakefield) => Sehr empfehlenswert!

Persuasion (BBC, 1995, Amanda Root, Ciarán Hinds ) => Dies ist meine persönliche Lieblingsversion, aber es gibt noch einige andere. Mit den Darstellern muss man vielleicht erst ein wenig warm werden, aber es lohnt sich in jedem Fall!

Es gibt auch noch ältere BBC-Verfilmungen der Romane, die alle mehr oder weniger sehenswert sind. Wer sich näher damit befasst, findet sie sehr schnell.

Die BBC hat auch Austens übrige Romane sehr schön verfilmt, wie Mansfield Park (2008) und Northanger Abbey (2006). Auch diese DVDs findet man in Deutsch und Englisch sehr schnell in den gängigen Online-Shops.

Zu guter Letzt, weil im Rahmen der Playlist erwähnt, möchte ich auch die BBC-Verfilmung von Elisabeth Gaskells North & South empfehlen. Und hier hat mir die Miniserie um Längen besser gefallen als der Roman, das will schon was heißen. Übrigens ist hier die deutsche Fassung fast ebenso gut wie das englische Original. Letzteres ist nur etwas für Kenner (nehmt Kopfhörer!), denn der nordenglische Akzent ist alles andere als einfach zu verstehen.

Insgesamt empfehle ich IMMER die englische Fassung, falls nötig mit Untertiteln. Hört sie mit Kopfhörern, dann versteht ihr gleich ganz enorm viel mehr. Und irgendwann schaltet ihr dann auch die (deutschen oder englischen, je nach Können) Untertitel ab …

North & South DVD bei Amazon (Daniela Denby-Ashe, Richard Armitage, BBC 2004)

Tipp für Romantiker:

Am Ende von North & South gibt es für meine Begriffe einen der schönsten Filmküsse ever. ;-)

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Nur das Schicksal kennt ihren Weg
1823. Pauline Schmitz ist Waise. Nach dem Tod ihres Onkels auf sich gestellt, findet die junge Frau eine Anstellung als Gouvernante in Bonn. Der Hausherr hat Hintergedanken: Als sich Pauline gegen seine Nachstellungen zur Wehr setzt, steht sie plötzlich auf der Straße – mit nicht mehr, als in einen Koffer passt. Mittellos und ohne Beziehungen droht Pauline das Schlimmste.
Dann kommt ihr das Glück zuhilfe: Der Kölner Textilfabrikant Reuther nimmt sie in seine Dienste. Und er verliebt sich in sie. Doch Julius Reuther braucht eine Frau mit Geld, will er sein Unternehmen retten. Und Pauline muss sich entscheiden: Folgt sie ihrem Herzen und lebt ein Leben als Mätresse im Verborgenen? Oder geht sie ihren eigenen Weg?

Das Haus in der Löwengasse
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