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Textschnipsel Der Ring des Lombarden

 

Da nun endlich Cover und Klappentext zu meinem neuen historischen Roman Der Ring des Lombarden verfügbar sind, möchte ich euch nun auch einen Textausschnitt kredenzen. Es dauert zwar noch bis Ende Januar 2020, bis das Buch erscheint, aber ein bisschen hineinschnuppern dürft ihr jetzt schon, und zwar in das erste Kapitel. Die Textstelle ist nicht ganz vom Anfang, sondern aus der Kapitelmitte und selbstverständlich noch nicht lektoriert und fertig korrigiert. Falls ihr also Fehler oder stilistische Unebenheiten entdeckt, dürft ihr sie wie immer gerne behalten. ;-)

 

Aus dem 1. Kapitel

Ein leichter Wind war aufgekommen, als Aleydis und die Mädchen St. Kunibert verließen. Er trieb die wenigen Wolken am Himmel zügig Richtung Nordosten, sodass ein rascher Wechsel von Licht und Schatten entstand, der die Augen anstrengte. Aleydis blinzelte ein paarmal, bevor sie, Symon diesmal dicht hinter sich, den Weg zurück nach Hause einschlug. Die Mädchen plauderten und kicherten hinter ihr über das, was sie in der Kirche gehört und gesehen hatten und sie lauschte ihnen für eine Weile amüsiert.
An der Dombaustelle schließlich machte sich ihr Magen mit einem deutliche vernehmbaren Knurren bemerkbar, ausgelöst wohl durch die mannigfaltigen Düfte, die von den offenen Feuern der Garküchen und den fahrbaren Öfen der Pastetenbäcker ringsum zu ihnen herüberwehten. Die Arbeiter auf der riesigen ewigen Baustelle konnten auf eine beachtliche Auswahl an Gebäck und Gebratenem oder Gegrilltem – am heutigen Freitag ausnahmslos fleischlos oder mit Fisch – zurückgreifen, um in den Pausen oder nach Feierabend ihren Hunger zu stillen. Viele der Standbesitzer bestritten ihren Lebensunterhalt ausschließlich von den Einnahmen hier auf der Dombaustelle, andere besaßen noch zusätzlich eine Bäckerei oder Garküche anderswo in der Stadt.
»Frau Aleydis, hat da gerade Euer Magen geknurrt?« Die kleine Ursel, hellblond und grauäugig, schob sich neben sie und ihre Hand in die von Aleydis. »Er war fast so laut wie mein eigener vorhin in der Kirche. Marlein hat mich gescholten, aber ich konnte gar nichts dafür.«
»Das war schon peinlich, so laut, wie dein Magen geknurrt hat.« Marlein tauchte auf Aleydis‘ anderer Seite auf. »Die Leute haben schon ganz böse geguckt.«
»Haben sie gar nicht.«
»Dabei hast du doch zum Frühstück eine ganze Schale Hirsebrei gegessen. Mit Honig und Dickmilch.«
»Na und? Du doch auch!«
»Kinder!« Mahnend blickte Aleydis erst Ursel, dann Marlein an. »Kein Streit bitte. Wahrscheinlich hat uns der weite Weg von zu Hause bis St. Kunibert hungrig gemacht. Dann die doch sehr lange Messe …« Pater Ägidius hatte zu Ehren der Ewalde die heilige Messe fast doppelt so lange wie gewöhnlich zelebriert. »Was haltet ihr davon, wenn wir uns mit frischen süßen Pasteten eindecken und uns auch ein paar Pfannkuchen und Gemüsefladen fürs Abendessen mitnehmen?«
»Aber Ells hat doch schon Kräuterpasteten vorbereitet.« Ursels Augen glitzerten erfreut. Obwohl sie zierlich und fast zu dünn war, konnte sie essen wie ein Arbeiter, der den ganzen Tag auf der Dombaustelle schuftete.
»Na, das wird dich wohl kaum davon abhalten, die Pasteten zu kosten, oder doch?« Aleydis zwinkerte ihr zu. »Ells wird schon nichts dagegen haben, wenn wir zu ihren Kräuterpasteten noch ein wenig Abwechslung auf den Tisch bringen. Und wie ich euch kenne, bleibt nach dem Mittagessen sowieso nicht mehr viel für den Abend übrig, also werden euch die Gemüsefladen aus der Garküche über den nächsten Hunger hinweghelfen, den ich bei euch so sicher erwarten kann wie das Amen im Gottesdienst.« Zielstrebig steuerte sie den Stand eines Pastetenbäckers an, bei dem sie früher schon eingekauft hatte und dessen mit klebrigem Honigseim und Äpfeln gefüllte Krapfen ihr besonders gut mundeten.
Sie waren um diese Zeit nicht die einzigen Kunden, deshalb mussten sie sich in einer beachtlichen Schlange einreihen. Brunhild bot sich an, sich schon am Nachbarstand für die Gemüsefladen anzustellen, doch nach einem Blick auf das derbe Jungvolk, das sich dort herumtrieb, verbot Aleydis es ihr. Auch wenn Symon sehr wachsam war, konnte er doch nicht seine Augen überall gleichzeitig haben. Das Letzte, was sie brauchen konnte, waren junge Kerle, die die hübsche Brunhild aus Langeweile oder Übermut foppten. Insbesondere weil das Mädchen sich nur allzu leicht von Komplimenten beeindrucken ließ und nicht unterscheiden konnte, ob diese ernst gemeint waren oder im Scherz ausgesprochen wurden.
Brunhild schien denn auch enttäuscht zu sein. Ihr Blick wanderte immer wieder zu einem Grüppchen junger Männer von vielleicht sechzehn, siebzehn Jahren, die viel lachten und einander verulkten und dabei auch häufig in ihre Richtung schauten, so als wollten sie die Aufmerksamkeit des Mädchens erlangen. Als Aleydis die Burschen streng und strafend musterte, zogen sie sich jedoch rasch zurück.
Zufrieden wandte sie sich wieder dem Pastetenstand zu. Da sie endlich selbst an der Reihe waren, kaufte sie gleich ein ganzes Dutzend der herrlich duftenden Krapfen. Noch während die Bäckersfrau sie in ein einfaches Weidenkörbchen packte, wurde hinter ihnen irgendwo wütendes Gebrüll laut.
»Lasst mich in Ruhe«, schrie ein Junge im Stimmbruch.
»Hau ab, Bettelknabe!«, antwortete eine wütende Männerstimme. »Solche wie doch können wir hier nicht gebrauchen. Ich melde ich bei der Zunft der Bettler, wenn du nicht sofort von hier verschwindest.«
»Ich bin gar kein Bettler!« Die Stimme verursachte Aleydis eine Gänsehaut, weil sie ihr seltsam bekannt vorkam.
»Dann hast du erst recht nichts hier zu suchen!« Diesmal zeterte eine brüchige Frauenstimme. »Mach dich weg von hier, sonst setzt es was!«
»Ich wollte nur hier sitzen und nachdenken.«
»Und versperrst uns damit die besten Plätz, du Sauhund. Weg da, sage ich!« Diesmal war es wieder der Mann, der nun klang, als wolle er gewalttätig werden.
»Herrin?« Symon trat neben sie und zupfte sie aufgeregt am Kleid. »Herrin, das müsst Ihr Euch ansehen. Der Junge hat Ärger, fürchte ich. Soll ich ihm helfen?«
»Welcher Junge?« Verwundert drehte Aleydis sich um. »Was haben wir mit irgendeinem …« Sie erstarrte, als sie den halbwüchsigen, braunhaarigen Jungen erkannte, der nicht weit vor dem Eingang zur Dombauhütte stand und, ein Kleiderbündel an die Brust gepresst, vor einer Schar zorniger Bettler zurückwich, bis er mit dem Rücken gegen die Hütte stieß. »Matteo!«
»Was geht denn hier vor, Bettlergesindel, verdammichtes!« Aus dem Eingang der Dombauhütte trat Meister Claiws, der kommissarische Dombaumeister und gute Freund von Aleydis‘ Vater. »Verschwindet gefälligst von hier, sonst mache ich euch Beine!« Seine kräftige, breitschultrige Gestalt und die wütende Donnerstimme veranlasste die Bettler tatsächlich dazu, das Weite zu suchen. Der Junge hingegen, obwohl ebenfalls recht kräftig gebaut, duckte sich verschreckt gegen die Wand. »Was ist denn, du auch, du Nichtsnutz.« Meister Claiws näherte sich dem Jungen mit in die Seiten gestemmten Händen. Dann stutzte er. »Was ist das denn? Matteo, bist du das?«
»Um Himmels willen.« Aleydis drückte der verdutzten Bäckerin eine Münze in die Hand, riss ihr praktisch den Korb aus der Hand und eilte mit großen Schritten auf Meister Claiws und den verschreckten Jungen zu.
»Frau Aleydis, so wartet doch!« Symon fluchte und folgte ihr, woraufhin die Mädchen ihr ebenfalls erschrocken nachliefen.
»Matteo, du lieber Himmel. Was ist denn passiert?« Als Aleydis den Jungen erreicht hatte, sah sie erst, dass seine Kleider ganz verschmutzt und an einigen Stellen beschädigt waren. Er war der Sohn ihres kürzlich verstorbenen Schwagers Andrea; mit ihm hätte sie hier am allerwenigsten gerechnet, noch dazu in einem solchen Aufzug und in Ärger mit Bettelvolk verwickelt. Matteo war gerade sechzehn Jahre alt und von eher sanftmütiger Natur. »Was machst du denn hier?« Aleydis berührte den Jungen besorgt am Arm.
»Aleydis, na das nenne ich eine Überraschung.« Meister Claiws lächelte trotz seiner Überraschung erfreut. Er war ein stattlicher Mann Anfang oder Mitte der Vierzig mit dunkelbraunem, von einigen silbernen Härchen durchzogenem Haar und Bart, den sie bereits seit ihrer Geburt kannte und liebte wie einen Onkel. »Ist dir der Junge abhandengekommen oder was treibt er hier alleine auf der Baustelle? Ich dachte eben, ich sehe nicht recht.«
»So geht es mir auch.« Aleydis ließ sich von Meister Claiws kurz umarmen, trat dann aber gleich wieder auf Matteo zu, der schweigend und mit hängendem Kopf dastand und den Tränen nahe wirkte. »Matteo, was machst du hier? Warum legst du dich mit den Bettlern an? Und warum«, sie musterte ihn noch einmal eingehend, »siehst du fast so aus wie einer von ihnen? Man könnte meinen, du hättest seit Tagen auf der Straße geschlafen.«
Matteo schniefte und wandte den Blick zur Seite.
»Was …?« Erschrocken fasste Aleydis ihn an den Schultern und zwang ihn, sie anzusehen. »Was hat das zu bedeuten, Matteo? Warum bist du nicht zu Hause und kümmerst dich um das Geschäft deines Vaters selig? Es ist jetzt immerhin das deine.«
»Weil …« Wieder wich er ihrem Blick auf. Sein Kinn zitterte.
»Weil was? So rede doch!«
»Kommt erst einmal alle herein.« Meister Claiws wies einladend auf den Eingang zur Bauhütte. »Es muss ja nicht ganz Köln erfahren, was hier vor sich geht. Kommt, Mädchen hinein mit euch. Aleydis?«
Sie nickte und zog Matteo einfach am Handgelenk mit sich durch den Eingang. Die Hütte selbst war recht geräumig, jedoch nicht unbedingt als bequem zu bezeichnen. Ringsum gab es mehrere Tische, auf denen Zeichnungen, Messgeräte und allerlei Werkzeuge verstreut lagen. In der Mitte des Raumes standen und lagen unterschiedlich große Steinblöcke, die mit Farbe gekennzeichnet waren und sich in verschiedenen Stufen der Bearbeitung befanden. Meister Claiws war einst selbst Steinmetz gewesen, was man seinen großen, schwieligen Händen heute noch deutlich ansah, und er legte an besonders wichtige und komplizierte Steinarbeiten auch heute noch hin und wieder Hand an. Auf seinen Wink hin verließen zwei Steinmetze und drei Gehilfen die Bauhütte eilig, sodass sie ungestört waren.
»Nun erzähle, Matteo«, forderte Aleydis ihren Stiefneffen erneut auf. »Was ist geschehen?«
»Es ist nicht mehr mein Geschäft.« Die Stimme des Jungen klang dumpf. »Das war es nie. Mutter hat … Sie hat … Sie sagt, sie will mich nie wieder sehen.«
»Deine Mutter?« Vollkommen verblüfft starrte Aleydis Matteo an. Sie kannte Edelgard natürlich und wusste, dass sie eine hochnäsige, herrische Frau war, die gerne Andreas Geld mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen hatte und nie den Eindruck einer liebenden Gemahlin gemacht hatte. Weshalb sie jedoch ihren Sohn des Hauses verweisen sollte, konnte Aleydis nicht nachvollziehen. »Hattet ihr einen Streit, der deine Mutter gegen dich aufgebracht hat?«
»Sie ist … nicht …« Matteo sank regelrecht in sich zusammen. »Sie ist nicht meine Mutter.«
»Na, na, mein Junge, so hart spricht man doch nicht …«, setzte Meister Claiws streng an, brach jedoch ab, als Matteos Kopf sich ruckartig hob.
»Sie hat gesagt, ich soll ihr nie wieder unter die Augen kommen. Sie behauptet, ich sei ein elender Bastard und solange Vater noch gelebt hat, hätte sie nicht anders gekonnt, als so zu tun, als wäre sie … als wäre ich ihr Sohn. Er hat sie dazu gezwungen, hat sie gesagt, weil sie selbst keine Kinder bekommen kann. Aber jetzt … Sie war so wütend und hat gesagt, ich darf nie wieder nach Hause, sonst schlägt sie mich tot.«

 

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Der Ring des Lombarden

Der Ring des Lombarden
Petra Schier
Historischer Roman
Rowohlt-Taschenbuch & eBook
384 Seiten
ISBN 978-3-499275-02-910.99 Euro / eBook 9,99 €

Erscheint am 28. Januar 2020

 

 

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