Nicht nur wertvolle (echte und gefälschte) Reliquien hat Aachen im 15. Jahrhundert zu bieten, sondern auch einen imposanten Dom, dessen riesige, ringsum mit großen farbigen Bleiglasfenstern verglaste Chorhalle am 600. Todestag Karls des Großen am 28. Januar 1414 eingeweiht wurde. Die Bauzeit allein für diesen Bau, der wegen der beeindruckenden Verglasung auch Glashaus von Aachen genannt wird, hat rund 60 Jahre gedauert.

Wer sich näher mit der Geschichte des Aachener Doms befassen möchte, dem empfehle ich zum Einstieg den entsprechenden Artikel auf Wikipedia. Und wem das noch nicht reicht, der findet dort weiterführende Links und Literaturhinweise. Auch die Internetseite des Aachener Doms ist hochinteressant: www.aachendom.de Das war übrigens die Internetseite, auf die ich ursprünglich beim Surfen nach Romanideen geraten bin und die mich zur Aachen-Trilogie inspiriert hat. Ich hatte euch ja bereits vor einiger Zeit darüber berichtet.

Die Einweihung der Chorhalle fiel praktischer Weise exakt in den Zeitablauf für meine Aachen-Trilogie, sodass ich den zweiten Band Der gläserne Schrein diesem “Event” gewidmet habe. Übrigens ist Der gläserne Schrein auch eine historische Bezeichnung für die Chorhalle, denn genau das sollte sie sein: ein gläserner (verglaster) Schrein für die wertvollen Reliquien, die darin aufbewahrt und den Gläubigen nur alle sieben Jahre bei der Heiligtumsfahrt gezeigt wurden (und bis heute werden).

Ich habe lange überlegt, wie ich euch auf dieses Buch am besten mit einem Artikel einstimmen kann und habe mich für eine Leseprobe entschieden, gepaart mit einem kleinem Rundgang durch den Dom, einmal mit Fotos aus meiner Recherche und am Schluss noch mit einem kurzen Video, das ich bei YouTube entdeckt habe.

Die Textstellen, die ich für euch ausgesucht habe, drehen sich alle um den Aachener Dom bzw. den Bau der Chorhalle, aber selbstverständlich auch um Marysa und Christophorus, die Reliquienhändlerin und den Ablasskrämer, die beiden Hauptfiguren der Trilogie.

Hier die Leseprobe:

Aus dem 1. Kapitel

Gerade passierten sie den Marktplatz und wollten in den Büchel einbiegen, als sie einen Aufruhr bei der Dombaustelle bemerkten. Die meisten Bauern und Händler hatten ihre Verkaufsstände bereits abgebaut, doch diejenigen, die noch auf dem Markt waren, liefen bei dem provisorischen Eingang zur Chorhalle zusammen und vereinten sich mit Knechten und Mägden, die für ihre Herrschaft noch letzte Besorgungen erledigten.
„Was ist dort los, Tibor?“, fragte Marysa neugierig und blieb stehen.
Hilferufe wurden laut und die Menschenmenge begann zu wogen. Im nächsten Augenblick kamen zwei kräftige Gesellen – der Kleidung nach waren es Maler – aus der Chorhalle und rannten in Richtung Parvisch. Wieder ertönten Rufe.
„Da ist doch etwas passiert.“ Marysa strebte bereits auf den Dom zu, obwohl Tibor sie aufhalten wollte.
„Wartet, Herrin! Das ist wüstes Mannsvolk. Ihr solltet da nicht hingehen.“
Doch Marysa beachtete ihn gar nicht, sondern drängte sich bereits durch die dicht beieinanderstehenden Menschen. Als sie Heyn Meuss, den Altgesellen aus ihrer Werkstatt, erblickte, tippte sie ihn an. „Was ist hier geschehen?“
Heyn drehte sich überrascht zu ihr um. Er war schon einige Jahre jenseits der Vierzig. Das steingraue Haar trug er kurzgeschoren, sein Gesicht war ledrig und mit Lachfältchen durchzogen, die von seiner angeborenen Heiterkeit zeugten. Doch nun wirkte seine Miene besorgt. „Frau Marysa!“ Er schob einen anderen Mann beiseite, um ihr Platz zu verschaffen. „Es heißt, ein Unglück sei geschehen. Eines der Gerüste, auf dem die Goldschmiede arbeiten, soll eingestürzt sein.“
„O mein Gott!“ Entsetzen durchfuhr Marysa. „Bardolf! Meister Goldschläger, ist er da drinnen?“ Nochmals versuchte sie, sich zwischen den Menschen hindurchzudrängen. Heyn half ihr dabei, indem er seine Ellenbogen einsetzte.
„Ich weiß es nicht, Frau Marysa. Sie haben die Tür verriegelt und zwei Männer geschickt, um Hilfe zu holen.“
Vor der verschlossenen Tür blieb Marysa stehen. Die Angst schnürte ihr für einen Moment die Kehle zu. „Ich muss …“ Ihr kam ein Gedanke. „Folgt mir!“, rief sie Heyn und Tibor zu bevor sie sich durch die Menge in Richtung Kaxhof drängte. Von dort aus betrat sie den Dom durch das große Portal.

Aachener Dom

Der Knecht und der Geselle folgten ihr auf dem Fuße, als sie die kostbar eingerichtete Pfalzkapelle durchquerte und auf die Chorhalle zustrebte. In dem großen Leuchter, den Kaiser Friedrich, genannt Barbarossa, einst gestiftet hatte, brannten Kerzen, an den Wänden mehrere Fackeln. Das Marienstift würde hier in Kürze eine Abendmesse abhalten.
Marysa umrundete ein provisorisches Regal, in dem neben Malerfarben auch Werkzeuge, Lappen und Behälter mit Blattgold lagen, und blieb erschrocken stehen, als sie die Unglücksstelle erblickte.
Eines der schwindelerregend hohen Gerüste war tatsächlich umgestürzt und hatte ein weiteres mit sich gerissen. Beide Arbeitsplattformen waren beim Aufprall auf den Boden zerborsten.

Pfalzkapelle

Pfalzkapelle

Pfalzkapelle mit Leuchter

Pfalzkapelle mit dem Leuchter Friedrich Barbarossas

Mehrere Männer, darunter zwei Kanoniker in ihren schwarzen Gewändern sowie drei Augustinermönche klaubten das gesplitterte Holz und die Balken der Gerüste auseinander. Offenbar waren ein paar der Arbeiter unter den Trümmern verschüttet worden.
Als Marysa zwischen zwei Balken ein Stück blauen Stoff aufblitzen sah, schrie sie entsetzt auf. „Meister Goldschläger!“

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Aus dem 5. Kapitel

Die Pontstraße ging in den Graben über, auf dem ein reger Verkehr von Fuhrwerken und Bauern mit Handkarren herrschte. Nach dem Regen der letzten Tage hatten sich die Fahrspuren in tiefe matschige Rinnen verwandelt. Christophorus’ Schuhe waren bereits durchweicht, sein dunkler Mantel aus feiner Wolle wies am Saum unzählige Schlammspritzer auf. Er hätte die Abkürzung durch die schmalen Gassen zum Augustinerbach nehmen können, doch irgendetwas ließ ihn zögern, und so folgte er dem Graben weiter und bog schließlich in die Großkölnstraße ein, die geradewegs auf den Marktplatz zuführte.
„Sieh an, sieh an, Bruder Christophorus! Was führt Euch denn nach so langer Zeit wieder nach Aachen?“
Neben ihm war ein verhutzeltes Männchen aufgetaucht, das sich beim Gehen auf einen alten, schon arg mitgenommenen Pilgerstab stützte. Die Haare wie auch der Bart des Mannes waren struppig und schlohweiß. Auf seinem braunen Pilgermantel reihten sich unzählige, zum Teil schwarz angelaufene Pilgerabzeichen aus Zinn aneinander.
Christophorus blickte ihn zunächst irritiert, dann, als er ihn erkannte, erfreut an. „Amalrich! So weilt Ihr denn noch immer als ewiger Pilger in der Stadt des Heiligen Karls?“
„Weshalb sollte ich fortgehen?“ Amalrich lachte scheppernd. „Es geht mir doch gut hier. Habe ein Dach über dem Kopf, wenn auch ein etwas undichtes, und ausreichend Münzen, um nicht hungern zu müssen.“
„Ihr bettelt nach wie vor?“
Amalrich grinste. „Mein lieber Bruder Christophorus, ich habe nie gebettelt. Dazu müsste ich in die Zunft der Bettler eintreten, und daran würde ich gewiss keine Freude finden. Aber wenn eine gutmütige Seele einen Pfennig oder auch zwei für einen hungrigen Pilger übrig hat, sage ich gewiss nicht Nein.“ Er streichelte dem Maultier über die Nüstern. „Ihr und Euer vierbeiniger Gefährte scheint wohlgenährt und zufrieden daherzukommen. Eure Geschäfte sind in den vergangenen anderthalb Jahren offenbar zufriedenstellend verlaufen.“
„So kann man sagen.“ Christophorus nickte. „Sie führen mich nun auch wieder hierher.“
„Ah, die Einweihung der Chorhalle.“ Amalrich lachte erneut. „Hätte ich mir ja denken können.“
Inzwischen hatten sie den Marktplatz erreicht und Christophorus steuerte ein wenig planlos über die Kreme auf die Dombaustelle zu. Bewundernd blickte er an der Fassade der neuen Chorhalle hinauf. Bei seinem Weggang hatte das Dach noch überwiegend aus offenen Gewölberippen bestanden, doch inzwischen war die Dachkonstruktion beinahe fertig. An einer Seite hatte man sogar schon damit begonnen, die riesigen Fensteröffnungen mit bunten Glasornamenten zu verschließen.

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„Ein prachtvoller Bau, nicht wahr?“ Auch Amalrich blickte nicht ohne Ehrfurcht auf das Bauwerk. „Das Glashaus von Aachen nennen sie es jetzt schon. Ein riesiger gläserner Schrein für die allerheiligsten Reliquien der Christenheit. Gefällt er Euch, Bruder Christophorus?“

Glashaus von Aachen

Glashaus von Aachen

Glashaus von Aachen

Gläserner Schrein für die Aachener Reliquien

„Ein Wunderwerk menschlicher Baukunst“, antwortete Christophorus leise.
„In der Tat. Aber zuletzt standen die Bauarbeiten unter keinem guten Stern.“
Überrascht wandte Christophorus seinen Blick von der Chorhalle ab. „Warum?“
Amalrich schnalzte vernehmlich. „Vor ein paar Tagen gab es einen bösen Unfall. Zwei der Gerüste, auf denen die Goldschmiede und Maler arbeiten, sind umgestürzt. Meister Goldschläger und einer seiner Gesellen wurden dabei verschüttet.“
„Meister Goldschläger?“ Erschrocken zuckte Christophorus zusammen. „Wurde er verletzt?“
„Nicht schlimm, wie es heißt. Aber seinen Gesellen soll es böse erwischt haben. Man sagt, er sei mehr tot als lebendig.“

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Aus dem 8. Kapitel

„Nanu! Seid Ihr es, Bruder Christophorus?“ Bardolf war gerade aus dem Zunfthaus in der Kreme getreten und mitten auf der Gasse stehen geblieben, als er den hochgewachsenen, breitschultrigen Mann im Dominikanerhabit erkannte. „Ich hätte nicht gedacht, Euch noch einmal wiederzusehen.“
Christophorus blieb ebenfalls stehen. „Guten Tag, Meister Goldschläger. Auch ich war mir nicht sicher, ob mich mein Weg noch einmal nach Aachen führen würde.“
„Was gab den Ausschlag?“ Bardolf lächelte. „Lasst mich raten: die Chorhalle, nicht wahr? Ihr wittert ein gutes Geschäft während der Kirmes zur Einweihung. Allerdings seid Ihr recht früh dran. Bis Januar sind es noch einige Wochen.“
„Mag sein“, stimmte Christophorus ihm zu. „Aber mir scheint, Aachen ist auch ein guter Ort zum Überwintern.“
„Nun, dem will ich nicht widersprechen. Weilt Ihr wieder im Ordenshaus in der St. Jakobstraße?“
„Ich hatte vor, dort unterzukommen“, bestätigte Christophorus. Über das gemietete Zimmer in der Herberge vor der Stadtmauer schwieg er tunlichst. Er hatte beschlossen, sich tatsächlich im Konvent zu melden, denn nach allem, was er inzwischen in Erfahrung gebracht hatte, würde ihm von Bruder Eldrad keine Gefahr drohen.
Die beiden Männer gingen langsam nebeneinander die Kreme entlang.

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„Ihr seid also noch nicht lange in Aachen?“, fragte Bardolf. „Habt Ihr Marysa bereits einen Besuch abgestattet?“
„Nein, dazu hatte ich bisher noch keine Gelegenheit“, antwortete Christophorus, vermied es jedoch, Bardolf direkt anzusehen. „Sie …“ Er zögerte kurz, weil er nicht wusste, wie er die Frage nach Marysas neuem Gemahl am besten formulieren könnte. „Sie ist doch hoffentlich wohlauf?“
Lächelnd nickte Bardolf. „Es geht ihr ausgezeichnet. Seit Eurem Fortgehen hat sich in unserer Familie einiges verändert, müsst Ihr wissen. Marysa hat den Reliquienhandel ihres Vaters übernommen – sehr erfolgreich, möchte ich sagen. Außerdem hat sie zwei Gesellen eingestellt, denn zwei Jahre lang darf sie die Schreinwerkstatt ja allein weiterführen. Und nun hoffen wir – Jolánda und ich –, dass sie sich bald entschließt, einen der beiden zu heiraten, damit die Werkstatt wieder einen Meister bekommt. Leider zögert sie noch, weil …“
„Dann ist sie gar nicht verheiratet?“, rutschte es Christophorus heraus. Verblüfft blickte er den Goldschmied von der Seite an. „Ich dachte …“
Bardolf blieb stehen. „Was dachtet Ihr?“
Christophorus ärgerte sich über seine unbedachten Worte, hatte sich jedoch schon wieder im Griff. „Ich dachte …“, formulierte er vorsichtig, „dass sie sich meinen Ratschlag zu Herzen genommen und sich einen neuen Ehemann erwählt hätte.“
„Ihr habt ihr diesen Ratschlag gegeben?“
„Kurz bevor ich fortging“, bestätigte Christophorus.
Bardolf lachte. „Dann bin ich ja froh, dass ich nicht der einzige Mann bin, auf den sie nicht hört.“ Er wurde wieder ernst und musterte Christophorus aufmerksam. „Sie behauptet, ihr Geschäft lasse ihr keine Zeit, über die Wahl eines neuen Gatten nachzudenken. Vielleicht stimmt das zum Teil sogar, denn sie war in den vergangenen Monaten wirklich sehr beschäftigt. Wenn sie nicht gerade mit Reliquien handelt, kümmert sie sich um Éliás.“
„Éliás?“ Erstaunt hob Christophorus den Kopf. „Ein weiterer Geselle?“
Bardolf lachte schallend. „Gott bewahre! Nein, damit müssten wir wohl noch etliche Jahre warten. Und dann möchte ich sehr hoffen, dass er einmal die Goldschmiedekunst erlernen wird. Der Schreinbau in allen Ehren, aber meine Werkstatt würde ich doch ganz gern meinem Sohn vererben.“
„Eurem Sohn?“ Plötzlich begriff Christophorus. Die Erleichterung, die ihn überkam, äußerte sich in einem breiten Grinsen. „Ihr seid Vater geworden, Meister Goldschläger?“
„Im Sommer“, bestätigte Bardolf. Der Stolz war ihm deutlich anzusehen.
„Geht es Frau Jolánda denn gut?“
„Ausgezeichnet sogar. Allerdings hat sie sich wohl jetzt in den Kopf gesetzt, Marysa müsse auch so bald wie möglich Mutter werden, damit die Kinder gemeinsam aufwachsen können.“
„Wäre das nicht in Eurem Sinne?“ Christophorus wich einer Magd aus, die zwei große Eimer voller Kohlrüben schleppte. An der Einmündung zum Markt blieb er stehen.
„Ich muss zum Dom“, sagte Bardolf und sie gingen einträchtig in die entsprechende Richtung. „Sicher würde mich das freuen, das sagte ich ja bereits. Aber Marysa steht der Ehe nicht sehr wohlwollend gegenüber. Reinold hat es fertiggebracht, ihr fröhliches Wesen fast vollständig zu unterdrücken. Ich kann nicht sagen, ob er dies mit Absicht tat oder, weil er selbst ein Sauertopf war – Gott hab ihn selig. Aber mir scheint, sie bliebe lieber für den Rest ihres Lebens allein, als zu riskieren, dass ihr Ähnliches noch einmal widerfährt. Dabei kann ich mir nicht vorstellen, dass Leynhard sie schlecht behandeln würde.“
„Leynhard?“
„Ihr Geselle“, erklärte Bardolf. „Wir hoffen, dass er sich ein Herz fasst und um sie wirbt. Er wäre mir als Schwiegersohn willkommen, mehr jedenfalls als dieser Gort Bart, mit dem Hartwig uns seit Monaten auf die Nerven geht. Ihr erinnert Euch doch an Marysas Vetter?“
Christophorus merkte auf. „Versucht er noch immer, ihr das Leben schwerzumachen?“

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Aus dem 9. Kapitel

Marysa blieb nicht lange an der Unglücksstelle. Nachdem sie sich überzeugt hatten, dass Bardolf und seine Gesellen nicht unter den Opfern waren, kehrte sie mit ihrer Mutter in die Kockerellstraße zurück. Bardolf helfe mit einigen anderen Männern, die Trümmer des herabgestürzten Dachbalkens und der neuerlich umgefallenen Gerüste abzutransportieren, sagte man ihnen. Dies würde vermutlich noch eine Weile dauern.
Da sich Jolánda beruhigt hatte, beschloss Marysa, wieder nach Hause zu gehen, denn sie wollte für die beiden ungarischen Augustiner noch ein Handelsangebot ausarbeiten. Ihr Großvater hatte sich erboten, ihr dabei zu helfen und wollte sie deswegen am morgigen Tag aufsuchen. Bis dahin, so hatte sie beschlossen, würde sie bereits selbst etwas vorzuweisen haben. Zusammen mit Milo und Jaromir wanderte sie also erneut in Richtung Dom, am Augustinerkloster vorbei, dann über den Kaxhof. Dort traf sie auf Bardolf, dessen Mantel verstaubt und an einem Ärmel eingerissen war. Seine Miene drückte Betroffenheit aus, als er auf sie zukam. „Marysa, was machst du denn hier? Deine Mutter hat dich doch wohl nicht geschickt, nach mir zu sehen?“
Marysa schüttelte den Kopf. „Aber nein, Bardolf. Ich bin auf dem Heimweg. Mutter hat sich sehr aufgeregt aber inzwischen wieder beruhigt.“ Sie hielt kurz inne. „Wir haben alle einen ziemlichen Schreck bekommen, als Ulf uns von dem neuen Unfall berichtete. Was in Gottes Namen ist denn geschehen? Er sagte etwas von einem Deckenbalken …?“
Bardolf seufzte und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch sein dunkelblondes Haar. Holzspäne rieselten herab. Marysa wischte sie sanft von seinen Schultern. „Einer der Gewölbebalken. Bei Gott, es hätte noch schlimmer kommen können. Er hat ein Gerüst mit sich gerissen und zwei der Regale zertrümmert. Drei Menschen sind ums Leben gekommen.“
„Drei?“ Entsetzt bekreuzigt sich Marysa. „Wie schrecklich! Wer …?“
Bardolf blickte kurz über die Schulter und winkte seinen beiden Gesellen, die eben den Dom verlassen hatten, zu ihm zu kommen. „Der Baumeister des Marienstifts – einer der Dompfaffen. Er wurde von dem Balken erschlagen. Einer von Ansems Gesellen und ein Knecht wurden unter dem Gerüst begraben.“
„Wie konnte das passieren?“, fragte Marysa und schauderte gleichzeitig. „Nach dem letzten Unfall hat man doch die Gerüste ganz neu aufgebaut.“
„Ich weiß es nicht.“ Bardolf hob die Schultern. „Aber wenn so ein Balken aus dem Deckengewölbe herabstürzt, reißt er leicht auch ein stabiles Gerüst mit sich.“
„Wie soll es jetzt weiter gehen?“
Bardolf hob die Schultern. „Die Kanoniker haben die Chorhalle abgesperrt. Dort wird nicht mehr gearbeitet, bis feststeht, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Die anderen Gewölbebalken müssen auch kontrolliert werden. Nicht auszudenken, wenn noch einmal so etwas geschähe!“

Bleiglasfenster

Bleiglasfenster im Aachener Dom

Inzwischen waren die beiden Gesellen, Bastian und Engelbert, bei ihnen angekommen. „Die Dompfaffen halten ihre Messe ab, trotz des Unfalls“, berichtete Bastian, der ältere von ihnen, mit grimmiger Miene. „Die haben vielleicht Nerven. Was sind schon ein paar tote Arbeiter mehr oder weniger?“
„Bastian!“ Mit strenger Miene schüttelte Bardolf den Kopf.
„Ist doch wahr“, mischte sich nun auch Engelbert ein und tippte sich an die Schläfe, wo sich feuerrote Locken kräuselten. „Die beten und beten. Aber dafür sorgen, dass wir in der Chorhalle sicher arbeiten können, tun sie nicht.“
„Nun hört schon auf“, tadelte Bardolf erneut. „Lasst uns nach Hause gehen. Wir können hier nicht weiter helfen.“ Er wandte sich noch einmal an Marysa. „Wir sehen uns spätestens auf dem Bankett, oder?“ Er seufzte wieder. „Falls es nicht ausfällt wegen der Trauerfeier für Ansems Gesellen.“ Bedauernd senkte er den Blick. „Er war ein fähiger Goldschmied.“
„Genau wie Piet“, sagte Marysa leise.
Bardolf merkte auf, dann nickte er. „Du hast Recht. Bis bald.“
Marysa sah ihm nach, wie er mit seinen beiden Gesellen den Weg entlangging, den sie vorher gekommen war. Dabei sah sie, dass sein Mantel auch am hinteren Saum zerrissen war.
„Lasst uns weitergehen“, sagte sie und drehte sich zu ihren Knechten um. Überrascht stellte sie fest, dass die beiden nicht mehr hinter ihr standen, sondern zu der provisorischen Tür an der Chorhalle getreten waren und hineinlinsten. Rasch ging sie zu ihnen. „He ihr zwei, was soll das?“ Milo drehte sich zu ihr um. „Die halten wirklich ihre Messe ab“, raunte er und wies mit dem Kinn auf die Chorhalle, durch die von der Pfalzkapelle her das Echo von Stimmen schallte. Die Augustinermönche sangen eine Hymne.
Marysa stieß Milo unsanft an und zupfte Jaromir am Ärmel seines Hemdes. „Kommt schon, ihr habt hier nichts verloren. Wir gehen nach Hause!“
Doch die beiden jungen Männer hörten nicht auf sie. Etwas im Inneren der Chorhalle hatte ihre Aufmerksamkeit gefesselt. „Da liegt der Unglücksbalken“, flüsterte Jaromir und betrat die Halle. Dann blickte er über die Schulter zurück. „Niemand hier.“ Er tippte mir der Fußspitze gegen den mächtigen Balken. „Sieh dir das an, Milo. Herrin, schaut doch! So ein riesiges Ding. Das hätte gut noch mehr Menschen erschlagen können.“
Marysa verdrehte ungehalten die Augen. „Kommt jetzt sofort da heraus, sage ich!“, zischte sie. Dann stieß sie die Tür weiter auf und trat selbst ein. Erschrocken betrachtete sie den riesigen Haufen zersplitterten Holzes, aus dem einmal das umgestürzte Gerüst bestanden hatte. An der Wand klaffte nun eine breite Lücke. Schaudernd wandte sie sich ab und wollte schon wieder hinausgehen, als ihr Blick auf das obere Ende des Balkens fiel. Irritiert blieb sie stehen.

***

Christophorus kroch auf allen Vieren zwischen der Wand und dem Trümmerhaufen herum, um den Fußboden zu mustern. Vorsichtig sammelte er einige winzige Partikel vom Boden auf, als er plötzlich leise Stimmen vernahm. Er hob den Kopf und spürte sein Herz einen unerwarteten Satz machen. Am Eingang der Bauarbeiter stand Marysa mit ihren beiden Knechten.

Im Aachener Dom
Langsam erhob er sich. Was hatte sie hier zu suchen? Etwas an dem Deckenbalken schien ihre Aufmerksamkeit erregt zu haben, denn sie beugte sich darüber. Dann richtete sie sich jedoch auf und ermahnte die beiden Jungen, ihr nach draußen zu folgen – ohne Erfolg. Die beiden Jungen hatten sich zu der Bretterwand geschlichen, die die Chorhalle von der Pfalzkapelle trennte, damit die Heilige Messe nicht durch den Anblick von Werkzeugen und Bauschutt gestört wurde. An dem schmalen Durchgang standen die beiden nun und lauschten gebannt der Liturgie auf der anderen Seite.
Marysa flüsterte etwas und Christophorus konnte an ihren hochgezogenen Schultern sehen, dass sie sich ärgerte. Entschlossen klopfte er sich den Staub und Schmutz von seinem Habit und trat ihr entgegen.

***

Verärgert starrte Marysa zu ihren beiden Knechten hinüber. Einen solchen Ungehorsam konnte sie unmöglich dulden. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob es klug gewesen war, den Straßenjungen Milo in ihre Dienste zu nehmen. Er und Jaromir waren schon von klein auf eng befreundet gewesen. Sie hatte Milo und seiner Familie einen Gefallen tun wollen, außerdem war er ein kräftiger und geschickter junger Mann. Doch er hatte auch das unselige Talent, Jaromir zu allerlei Schabernack anzustiften und ihn von seiner Arbeit abzulenken.
Sie wollte gerade zu einem heftigen Tadel ansetzen, als sie hinter sich leise Schritte vernahm und kurz darauf eine Stimme, die sie seit anderthalb Jahren nicht mehr gehört hatte.
„Ihr solltet Eure Knechte härter an die Kandare nehmen, Frau Marysa, damit sie Euch nicht auf der Nase herumtanzen.“
Marysa schluckte und versuchte, den Sturm, der in ihrem Inneren ausgebrochen war, wieder unter Kontrolle zu bringen. Sehr langsam drehte sie sich um.

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Wer wissen möchte, wie es weitergeht, sollte jetzt ganz rasch das Buch lesen. 😉

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Hier der virtuelle Rundgang durch den Aachener Dom.

Für uns ist das Bauwerk schon beeindruckend. Stellt euch nur mal vor, wie es auf die Menschen im 15. Jahrhundert gewirkt haben muss!

 

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Cover Der gläserne Schrein
Der gläserne Schrein
Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt Taschenbuch, 352 Seiten
ISBN 978-3-499-24861-0
8.99 Euro

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