Frô Welt, ir sult dem wirte sagen,
daz ich im gar vergolten habe,
mîn grœste gülte ist abe geslagen,
daz er mich von dem briefe schabe.

Walther von der Vogelweide, nach 1220

Frau Welt, sagt es dem Wirt,
dass ich ihm alles bezahlt habe.
Meine große Schuld ist abgetragen,
er soll mich aus dem Schuldbuch streichen.

Übersetzung aus: Stange, Manfred (Hg.), Deutsche Lyrik des Mittelalters, Wiesbaden 2005

Okay, ich gebe zu, dieser Auszug aus einem Lied von Walther von der Vogelweide gehört weder ins Nachwort meines Romans Das silberne Zeichen noch hat er etwas mit Blockaden oder Fastenkrapfen zu tun. Ich finde ihn einfach nur schön, deshalb steht er auch als Leitsatz ganz am Anfang des Buches.

Verfasst habe ich das Manuskript zum dritten Teil meiner Aachen-Trilogie im Sommer und Herbst 2010. Das heißt, über lange Strecken habe ich lediglich versucht, es zu verfassen. Es ging aber aber nicht.

Erst einmal war ich krank. Das muss so im Juli/August 2010 gewesen sein. Mich hatte eine Grippe samt Nebenhöhlenentzündung niedergestreckt, und das mitten in einer Sommerhitzewelle. Eine Woche lag ich deshalb flach. Drei Wochen wurden es letztendlich, weil ich hinterher von einer Schreibblockade gebremst wurde.

Ja, ihr lest richtig: Schreibblockade

Manche Autoren behaupten, es gäbe sie nicht. Ich kann mich dieser Meinung nicht anschließen, weil ich schon häufiger welche hatte. Diese hier war mit Abstand die längste und fieseste, die ich bisher hatte. Ich konnte wirklich wochenlang überhaupt nichts tun. Auch nichts Schreibfernes. Gar nichts. Ich lag auf der Couch in unserem Wohnzimmer und starrte auf den Fernseher (oder wahlweise auf meinen Laptop) und sog wie ein Schwamm eine meiner Lieblingsserien aus den 80ern auf, die gerade auf DVD veröffentlicht worden war.

Welche, wollt ihr wissen? Dann lest bitte den Blogartikel, den ich dazu vor einigen Jahren verfasst habe. Denn auch wenn Schreibblockaden gemein sein können, kommt immer etwas Gutes dabei heraus. Bei mir zumindest.

Blockaden stellen sich bei mir in der Regel dann ein, wenn der Plot eines Romans irgendwo noch nicht ganz schlüssig ist, eine Figur sich querstellt oder wenn der Spannungsbogen hakt. Mit anderen Worten: Wenn mein Unterbewusstsein merkt, dass etwas nicht stimmt. Inzwischen gehe ich relativ gelassen mit diesem Phänomen um, weil ich weiß, dass es ein hilfreiches Signal aus den (Un-)Tiefen meines Ichs ist, dass es ein Problem gibt, mit dem ich mich auseinandersetzen muss. Sobald es gelöst ist, fließt auch das Schreiben wieder.

Und wie löse ich solch ein Problem? Meistens nicht aktiv, sondern komplett passiv. Ich höre auf zu schreiben und beschäftige mich mit etwas ganz anderem. Wie oben schon erwähnt, am besten mit schreibfernen Tätigkeiten. Wenn auch das nicht funktioniert, tut es immer eine DVD mit einem guten Film oder einer meiner Lieblingsserien.

Für Außenstehende sieht das dann so aus, als würde ich den lieben langen Tag faulenzen. Aber das ist mitnichten so. Vielmehr gebe ich meinem Kopf und meinem Unterbewusstsein damit Gelegenheit, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen und eine Lösung zu finden. Wenn ich versuche, rational und bewusst an die Sache heranzugehen, mache ich mich nur verrückt. Lasse ich das Süppchen aber vor sich hin brodeln und beschäftige mich vordergründig mit anderen Dingen, kocht die Lösung irgendwann von selbst hoch.

Im Fall von Das silberne Zeichen war ich noch nicht ganz so gelassen, das gebe ich zu. Ich hatte meinen Abgabetermin vor Augen und wusste, wenn ich nicht bald weiterschreibe, kann ich ihn nicht einhalten. Das kann schon mal zu panischen Anfällen führen. Trotzdem lag ich wie erschlagen auf meiner Couch und rührte mich kaum. Selbst unser Hund hatte Probleme, mich wenigstens zu den regelmäßigen Gängen nach draußen zu animieren.

Das war dann auch das erste (und zum Glück bisher das letzte) Mal, dass ich einen Abgabetermin so weit verschieben musste, dass die Veröffentlichung des Romans sich um einen Monat verzögert hat. Zum Glück war der Verlag, vor allem meine geschätzte Lektorin, sehr verständnisvoll und nicht im Mindesten böse. Im Gegenteil, sie war sehr besorgt, dass es mir so schlecht ging, und bot mir mehrmals an, mit ihr gemeinsam eine Lösung zu suchen.

Das funktioniert bei mir allerdings in den seltensten Fällen. Ich bin ein Einzelkämpfer, wenn es um meine Geschichten geht. Also lehnte ich dankend ab, zwang mich zur Geduld und was soll ich sagen? Nach etwa drei Wochen klickte etwas in meinem Kopf und ich konnte weiterschreiben.

Das Ergebnis ist das spannende Finale meiner Aachen-Trilogie, in dem ich alle bis dahin noch losen Enden der Geschichte um Marysa, die Reliquienhändlerin, und den Ablasshändler Christophorus zu einem großen Ganzen verknüpft habe.

Während in den ersten beiden Teilen tatsächliche historische Ereignisse den Rahmen für die Geschichten geliefert haben, bin ich im dritten Band einen etwas anderen Weg gegangen, wenn auch keinen minder “historischen”. Welcher das ist, habe ich im Nachwort des Romans beschrieben, ebenso wie Details zum spätmittelalterlichen Aachen. Und als Krönung habe ich auch noch das Rezept für die leckeren Fastenkrapfen angefügt, die im Buch eine Rolle spielen.

Aus dem Nachwort:

Bei der Vorbereitung eines historischen Romans stehe ich nicht selten vor der Frage, welche historische Begebenheit sich für einen Roman eignet, ob sie mit der Geschichte, die mir vorschwebt, zusammenpasst. Zu „Das silberne Zeichen“ gab nicht ein Ereignis den Ausschlag, sondern eine Besonderheit in der Aachener Rechtspraxis des späten Mittelalters, die mir schon bei der Recherche zu den ersten beiden Büchern der Reihe um die Reliquienhändlerin Marysa immer wieder begegnet ist.

In den mannigfaltigen Quellen und Aufsätzen über Aachen, die ich während meiner Recherche gelesen habe, tauchten immer wieder Hinweise auf die Spannungen zwischen der städtischen Gerichtsbarkeit und jener des Marienstifts auf. Offensichtlich gab es über Jahrhunderte häufig Streitigkeiten über die Zuständigkeiten beider Gerichte. Diese spitzten sich immer dann zu, wenn das Marienstift sich das kirchliche Asylrecht zunutze machte, um seine Interessen durchzusetzen.

Grundsätzlich galt in allen christlichen Einrichtungen, hauptsächlich Kirchen und Kapellen, dieses Asylrecht. Flüchtete sich ein Delinquent in das kirchliche Asyl, durften weltliche Behörden ihn daraus nicht ohne Weiteres herausführen. Zu erheblichen Auseinandersetzungen mit der Stadt Aachen kam es, als das Marienstift begann, den Anspruch auf das Asylrecht auch auf weltliche Straßen und Plätze auszuweiten. Wenn zu hohen Festtagen, wie z. B. Fronleichnam oder dem Ägidiustag, eine Prozession durch die Straßen Aachens führte, mussten sowohl die Tore der Gefängnisse als auch die Türen der Gefängniszellen nach altem Brauch geöffnet werden. Den Gefangenen mussten die Fesseln abgenommen werden. Wenn dann einer dieser Gefangenen es schaffte, das Gefängnis zu verlassen, die Prozession zu erreichen und dort entweder das Kreuz oder aber die Fahne des Marienstifts zu berühren, war er vor weiterer strafrechtlicher Verfolgung wenigstens vorläufig geschützt und durfte ungehindert mit der Prozession bis zum Dom ziehen.

Hierbei ging es nicht darum, Straftäter gänzlich vor ihrer Verurteilung zu schützen, sondern meistens um die Möglichkeit, während der Asylzeit eine Strafmilderung, einen privaten Sühnevertrag oder Ähnliches auszuhandeln. Allerdings kam es auch vor, dass das Marienstift dem Betreffenden half, durch Flucht aus der Stadt zu entkommen.

Da die Stadtobrigkeit diesen Asylbrauch natürlich nicht schätzte und zu unterbinden versuchte, kam es hin und wieder sogar zu Ausschreitungen, wenn z. B. das Marienstift gewaltsam in das Gefängnis einbrach, um einen bestimmten Gefangenen herauszuholen. Auch kam es – wie in der vorliegenden Geschichte – vor, dass der Vogtmeier versuchte, den Gefangenen rechtzeitig vor einer Prozession wegführen zu lassen. Nicht selten geschah es dann, dass die Prozession ihnen nachzog, den Gefangenen regelrecht einkesselte und so der Gewalt des Vogtmeiers entzog.

Nicht immer stand dabei das Wohl oder Wehe des Gefangenen im Vordergrund, sondern es handelte sich oft schlicht und ergreifend um ein Machtspiel zwischen Marienstift und der Stadt. Genau dieser Punkt war es, der für mich so interessant wurde, dass ich ihn für meinen Roman einfach verwenden musste.

Übrigens gibt es in jedem der drei Aachen-Romane am Ende ein mittelalterliches Rezept, das im Zusammenhang mit der Geschichte steht. In Band 3 sind es Fastenkrapfen mit Apfelfüllung, die sich relativ leicht nachbacken lassen. Die Protagonistin Marysa schätzt sich als Fastenspeise sehr, aber sie schmecken auch außerhalb der Fastenzeiten ausgezeichnet.

Einen krapfen

So du aber wilt einen vasten krapfen machen von nu:ezzen mit ganzen kern, vnd nim als vil epfele dor under vnd snide sie wu:erfeleht, als der kern ist, vnd ro:est sie wol mit ein wenig honiges vnd mengez mit wu:ertzen vnd tu:o ez vf die bleter, die do gemaht sin zv:o krapfen. vnd loz ez backen vnd versaltz niht.
(aus: Das buoch von guoter spîse, 1345/52, und Kuchenmeysterey, um 1486)

Fastenkrapfen

Zutaten

Teig:

3 EL Wein
2 EL Honig
300 g Mehl
6 Eigelbe
70 g Butter
Salz
3 EL Sahne
1 Eiweiß

Füllung:

200 g Haselnüsse (oder Walnüsse)
2 säuerliche Äpfel
2 EL Honig
Zimt, Ingwer, Nelken, Safran
Kardamom nach Belieben

Schmalz zum Ausbacken

Zubereitung:

Die Haselnüsse fein hacken, Die Äpfel schälen, vom Kerngehäuse befreien und fein hacken. Äpfel und Nüsse vermengen und mit Honig, Zimt, Ingwer, Nelken, Safran und evtl. ein wenig Kardamom abschmecken.
Wein mit dem Honig aufkochen, sodass der Honig sich auflöst.
In einer Schüssel Mehl, Butter, Salz, die größte Menge des Wein-Honig-Gemischs und Sahne vermischen.
In einer kleinen Schüssel die Eidotter mit dem restlichen Honig-Wein-Gemisch verquirlen und zu dem Teig geben.
Alles gut verkneten und den Teig sogleich dünn ausrollen.
Vierecke oder Kreise ausschneiden, mit Eiweiß bestreichen und in der Mitte mit der Füllung belegen. Zuklappen und die Ränder fest andrücken.
In einer Pfanne mit sehr heißem Schmalz ausbacken.
Warm auftragen; nach belieben mit Zucker oder mit Zucker und Zimt bestreuen.

Variante I:

Fastenkrapfen mit ganzen Nüssen. Man läßt die Nüsse ganz, röstet sie im Backofen auf dem Kuchenblech, bis die braunen Schalen abfallen, und schneidet die Äpfel in nußgroße Stückchen.

Variante II:

Fastenkrapfen mit Weinbeeren und Äpfeln: Statt der Nüsse werden Rosinen in die Füllung gemischt.

Na, Hunger bekommen?

Wie wäre es, wenn ich euch einfach mal eine Portion Fastenkrapfen backt, euch das Buch schnappt und die Krapfen beim Lesen genießt? ;-)

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Falscher Glanz.

Die Reliquienhändlerin Marysa steht kurz vor der ersehnten Hochzeit.  Doch ihre Unruhe ist groß – der Zukünftige kehrt nicht von seiner Reise  zurück. Wie lange kann sie geheim halten, dass sie sich in anderen  Umständen befindet? Auch endet bald die von der Zunft auferlegte Frist  für ihre Neuvermählung, um weiterhin als Meisterin arbeiten zu dürfen.

Als wäre das nicht Unglück genug, ist plötzlich Marysas guter Ruf in  Gefahr: Das Silber, das ihr zur Fertigung von Pilgerzeichen übergeben  wurde, entpuppt sich als versilbertes Messing. Marysa steht plötzlich  als Betrügerin da.

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