Lange habe ich überlegt, wie ich die historischen Hintergründe zu Die Stadt der Heiligen prägnant für euch zusammenfassen könnte. Dann fiel mir ein, dass ich das ja gar nicht brauche, denn diese Arbeit habe ich mir ja schon einmal gemacht, und zwar für das historische Nachwort des Buches. Da es über die Handlung selbst nichts verrät, möchte ich es euch hier präsentieren. Allerdings, anders als im Buch, mit ein paar Fotos aus meinem Recherchefundus unterlegt.

Aachener Dom

Aachener Dom im Dezember 2007

Aachener Dom im Dezember 2007

Aachener Dom im Dezember 2007

Historische Nachbemerkung

Im gesamten Mittelalter nahm Aachen als Stadt Karls des Großen eine herausragende Rolle unter den Städten der Christenheit ein. Der bedeutende und schließlich heilig gesprochene Kaiser prägte durch sein politisches und kulturelles Wirken die nachfolgenden Epochen bis in die heutige Zeit hinein. Insbesondere der von ihm geschaffene prächtige Dom mit den wertvollen Reliquien, die bis heute in seinem Inneren aufbewahrt werden, verliehen der Stadt einen besonderen Status.

Aachener Dom von innen, Dezember 2007

Aachener Dom von innen, Dezember 2007

Seit vielen Jahrhunderten pilgern die Menschen in Scharen nach Aachen, um einen Blick auf die Windeln und das Lendentuch Christi, das Kleid Mariens, welches diese angeblich in der Christnacht getragen haben soll, und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers zu werfen und im Angesicht der Reliquien für das eigene Seelenheil zu beten. Auch der vollkommene Sündenablass, der jeweils einmal an jedem Tag der Heiltumsweisung gewährt wurde, war sehr begehrt. Die Vermutung, dass dieser in Aachen an Bedingungen wie den Besuch der Messe, die Beichte und eine nicht zu kleine Spende für die Kirche gebunden war, liegt nahe, da diese auch bei anderen Gelegenheiten, zu denen ein vollkommener Ablass verkündet wurde, gebräuchlich waren. Doch jener Aachener Ablass war (und ist) umstritten, da er nicht vom Heiligen Vater verliehen worden war, sondern nur auf eine so genannte „Engelweihelegende“ zurückgeht.

Marienschrein im Aachener Dom, Dezember 2007

Marienschrein im Aachener Dom, Dezember 2007

Marienschrein im Aachener Dom, Dezember 2007

Marienschrein in der Chorhalle des Aachener Doms, dem “Glashaus von Aachen” (2007)

Die Heiligtümer wurden den Pilgern, soweit aus den Quellen ersichtlich, bereits im 13. Jahrhundert nur zu bestimmten Zeiten gezeigt.
Der Siebenjahresturnus der Heiltumsweisung, auch Aachenfahrt oder Heiltumsfahrt genannt, ist seit 1349 schriftlich belegt und wird seither, bis auf nur zwei oder drei Abweichungen, bis heute eingehalten.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts hatte sich die Heiltumsweisung zu einer regelrechten Massenveranstaltung entwickelt. Quellen berichten zum Teil von hunderttausend Pilgern oder mehr, die während des vierzehntägigen Kirchweihfestes – in Aachen Kirmes genannt – vom 10. bis 24. Juli täglich nach Aachen strömten. Sicherlich muss man diese Zahlen mit Vorsicht genießen, doch selbst wenn nur der zehnte Teil dieser enormen Zahl wahr ist, kann man sich vorstellen, was dies für eine Stadt, die zu jener Zeit etwa acht- bis zehntausend Einwohner hatte, bedeutet haben mag.

Tatsächlich wurden auch die guten Aussichtsplätze auf den Dächern der Wohnhäuser rings um den Dom von deren Besitzern an vermögende Pilger vermietet. Das ging so weit, dass es mehrfach zu schweren Unfällen und sogar Todesfällen kam, weil Dächer unter der Last der vielen Menschen einstürzten.

Ritus und Ablauf der Heiltumsweisung, angefangen bei der Öffnung des Marienschreins durch je einen Gold- und Eisenschmied in Anwesenheit von Abgesandten des Stadtrates sowie des Marienstifts, über die täglich am frühen Vormittag stattfindenden Zeigungen der Reliquien bis hin zum erneuten Verschließen der Reliquien im Marienschrein mit anschließender Feier sind historisch verbrieft. Den Ablauf der Heiltumsweisung am ersten Tag der Kirmes, an der Bruder Christophorus teilnimmt, konnte ich fast wortwörtlich einer historischen Quelle aus jener Zeit entnehmen.

Das Blasen auf den sogenannten Achhörnern zur Begrüßung der einzelnen Reliquien ist ebenfalls belegt. Diese tönernen Pilgerhörner wurden in Langerwehe hergestellt und massenhaft an die Pilger verkauft, die sie als Andenken mit in ihre Heimat nahmen, wo sie dann oftmals als Wetterhörner dienten. Noch heute kann man sich darüber im Töpfereimuseum in Langerwehe informieren.

Achhörner und Trinkflaschen.

Achhörner und Trinkflaschen. Typische Ausrüstung der Aachenpilger.

Das Ausblasen der Freiheit war ein – zugegebenermaßen etwas merkwürdiger – Brauch in Aachen, der es all jenen Menschen, die wegen eher kleinerer Vergehen aus der Stadt verbannt waren, erlaubte, während der Kirmes die Stadt zu betreten, ohne Verfolgung oder Inhaftierung fürchten zu müssen. Die allgemeine Gerichtsbarkeit ruhte während dieser Zeit. Allerdings galt dies nicht für schwere Verbrechen wie Mord, Brandstiftung oder Diebstahl.

Die Freiheit wurde übrigens nicht nur zur Heiltumsweisung ausgeblasen, sondern auch zu jeder regulären Kirmes und zu den anderen Aachener Jahrmärkten.

In Aachen wurden aber natürlich nicht nur die großen Reliquien gezeigt und verehrt, sondern es wurden hier wie auch überall in der christlichen Welt kleine Reliquien verkauft. Oft handelte es sich um Haare oder winzigste Knochensplitter von Heiligen, auch Schnipsel von Fingernägeln oder Kleidungsstücken waren üblich. Noch wertvoller, und damit natürlich viel teurer, waren Kuriositäten wie Tränen von Heiligen oder Tropfen der Milch Mariens. Die Liste solcher Reliquien ließe sich noch weit fortsetzen.

Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Großzahl solcher Reliquien nicht wirklich auf Heilige zurückging. Auch wenn der christliche Kalender Hunderte Heilige kennt, dürften doch die meisten der von Händlern, Klöstern oder Kirchen feilgebotenen Reliquien gefälscht gewesen sein. Und an diesem Punkt setzt die Geschichte ein, die ich in diesem Buch erzählt habe.

Die Schauplätze des Buches sind leicht wiederzuerkennen, geändert haben sich im Laufe der Jahrhunderte allerdings einige der Straßennamen:

Spätes Mittelalter:                              heute:

Auf dem Graben                                         Hirschgraben

Kaxhof                                                          Katschhof

Die Kreme                                                    Krämerstraße

Parvisch                                                       Fischmarkt

Platz op der Pley                                        Seilgraben

Die meisten Figuren sind dagegen meiner Fantasie entsprungen, wenngleich ich mich gerade bei den Domherren und den Personen aus dem Stadtrat durchaus von historischen Persönlichkeiten habe inspirieren lassen. Auch die Querelen zwischen Marienstift und Stadtrat um die gerichtliche Zuständigkeit bei Vergehen oder gar Verbrechen, vor allem wenn sich diese auf der Domimmunität ereignet hatten, geht aus historischen Quellen hervor.

Somit hoffe ich, dem geneigten Leser zumindest einen kleinen Ausschnitt aus der Geschichte Aachens näher gebracht und ihn darüber hinaus mit einer spannenden Geschichte unterhalten zu haben.

Petra Schier im Oktober 2008

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Eine weitere Leseprobe aus dem Roman als PDF-Datei gibt es HIER.

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Ein Toter im Dom. Eine gefälschte Reliquie. Eine Frau auf der Suche nach der Wahrheit.

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Doch ihre Feinde sind mächtig: Marysa wird der Ketzerei angeklagt und soll auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Die Zeit wird knapp für Christophorus …

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Die Stadt der Heiligen

Petra Schier
Rowohlt-Taschenbuch
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ISBN 978-3-499-248-62-7
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