Erinnert ihr euch noch an den letzten Textschnipsel aus Die Bastardtochter? Falls nicht oder für den Fall, dass ihr ihn verpasst habt, lest ihn euch erst noch einmal durch, denn der neue Schnipsel schließt sich beinahe nahtlos daran an. Lediglich das nächste Kapitel beginnt hier. Warum ich euch diesen Tipp überhaupt gebe? Weil ihr ein interessantes Kontrastprogramm vorfinden werdet, bestehend aus Luzias Einschätzung des Charakters ihres Bruders und (einem Teil) der Wirklichkeit. ;-)

Der heutige Textschnipsel ist denn auch etwas länger ausgefallen, was euch bestimmt gefallen wird. Ich habe erst überlegt, ihn in der Mitte abbrechen zu lassen, doch da ihr ja schon so dringend auf das neue Buch wartet, dachte ich mir, ich überlasse euch ausnahmsweise die gesamte Szene. Sie ist wie immer noch nicht lektoriert, wird also später im Buch stilistisch noch ein wenig geschliffener daherkommen. Ich nehme aber an, dass sie auch so schon sehr aussagekräftig ist.

Viel Spaß mit dem 4. Textschnipsel!

»In diesem Sinne, meine lieben Freunde – Alla Salute!« Mit einer schwungvollen Bewegung hob Anton Bongert den Weinkrug an die Lippen und trank einen großen Schluck. Er war auf der Rückreise von Venedig nach Mailand und war an diesem Abend, dem letzten vor Erreichen seines Zieles, in einer Taverne vor den Stadttoren Treviglios eingekehrt, um sich zu stärken und ein wenig zu feiern. Zwar war er als Vorhut seiner Handelskarawane allein unterwegs, doch an Gesellschaft mangelte es ihm nicht, hatte er das Gasthaus doch bis auf den letzten Platz besetzt mit Kaufleuten aus aller Herren Länder vorgefunden. Unter ihresgleichen fühlte er sich wohl.
Die bunt gemischte Gruppe von englischen, italienischen und französischen Handelsleuten trank ihm denn auch fröhlich zu. Es wurde gelacht und gegrölt. Was sie nicht bemerkten, war die Stille, die ringsum an den anderen Tischen eingekehrt war, und die Männer – und auch einige der wenigen anwesenden Frauen –, die sich heimlich und geduckt aus dem Staub machten. Grund für die so plötzlich umgeschlagene Stimmung war eine Bande bewaffneter Söldner, die den Gastraum betreten hatte.
Anton wurde erst auf sie aufmerksam, als er sich umdrehte, um nach der Schankmagd zu rufen. Mitten in der Bewegung hielt er inne. Seine freie Hand wanderte instinktiv zu dem kleinen Dolch, den er stets am Gürtel trug. Er erkannte Räubergesindel, wenn er es sah, und dieses hier schien von der übelsten Sorte zu sein – und auf der Suche nach Streit.
Anton sprang auf, als einer der Söldner vortrat, den ersten ihm im Wege stehenden Tisch packte und mit einem Wutschrei umstürzte. Zinn- und Holzgeschirr flog scheppernd umher, die Gäste, die um den Tisch versammelt gewesen waren, sprangen und stolperten zur Seite. Irgendwo hörte Anton jemanden halblaut ein Ave Maria beten.
Anton dachte in diesem Moment weniger ans Beten und vielmehr daran, seine prall mit Silber- und Goldmünzen gefüllte Geldkatze vor diesen üblen Burschen in Sicherheit zu bringen. Schon forderte der Anführer in einem breiten, beinahe unverständlichen Dialekt die Anwesenden auf, ihre Börsen und Wertgegenstände auszuhändigen.
Als sich zunächst niemand rührte, zogen die Räuber Schwerter und Dolche. Der Anführer, groß, breitschultrig und, wie der umgeworfene Tisch bewies, mit Bärenkräften ausgestattet, zog eine kurzgriffige Streitaxt aus einer Schlaufe an seinem Gürtel und schwang sie kurz durch die Luft. Im nächsten Moment traf die Waffe einen alten, kahlköpfigen Mann, der unglücklicherweise in der Flugbahn stand, und spaltete ihm den Schädel. Blut und Unsägliches spritze, der Alte sackte zu Boden.
Eine der Schankmägde kreischte schrill, die Gäste, die in der Nähe des Ermordeten standen, wichen entsetzt zurück. Die meisten zückten nun fahrig und voller Angst ihre Geldkatzen, warfen sie auf die Tische oder den Eindringlingen vor die Füße.
Anton tat nichts dergleichen. Er hatte sich langsam erhoben und jeden Muskel in seinem Körper angespannt. Solchen vagabundierenden Kriegsknechten war er schon früher begegnet und hatte sich bisher erfolgreich gegen sie zur Wehr setzen können. Jedenfalls war er nicht gewillt, auch nur einen Heller des in seinem Besitz befindlichen Geldes herzugeben.
Einige der Söldner hatten begonnen, die Wertsachen einzusammeln. Der Anführer schritt derweil, die blutüberströmte Axt in der Hand, langsam durch den Raum. Er sprach nicht, aber das war auch nicht notwendig. Ein jeder Gast, an dem er vorbeikam, warf ohne weitere Aufforderung alles, was er an Münzen und Schmuck bei sich trug, hastig von sich.
Da der bullige Kerl immer näher kam, schätzte Anton rasch den Abstand zwischen sich und den möglichen Fluchtwegen ab. Die Erkenntnis, dass er keinen von ihnen schnell genug erreichen würde, ließ ihn den Plan, der sich in seinem Kopf geformt hatte, gleich wieder ändern.
Dicht vor Anton blieb der Hüne stehen. »Grana! Monete! Denari!«, forderte er mit einer Reibeisenstimme, die durch Mark und Bein ging. Als Anton nicht reagierte, schwang der Räuber seine Streitaxt erneut. Die übrigen Männer am Tisch sprangen zur Seite oder warfen sich zu Boden.
Anton duckte sich gerade rechtzeitig, sodass der Schlag ins Leere ging. Der Hüne strauchelte ob des Schwungs, mit dem er ausgeholt hatte. Diesen Moment nutzte Anton und warf sich gegen ihn.
Der Räuber stürzte, die Axt flog ihm aus der Hand. Anton sprang behände über ihn hinweg und brachte die gefährliche Waffe an sich.
Mit einem Wutschrei rappelte sich der Anführer der Bande wieder auf, während seine Kumpanen sich nun gegen einige weitere Gäste zur Wehr setzten, die den Überraschungsmoment ausgenutzt hatten, um sie ebenfalls anzugreifen. Mit so etwas hatte das Gesindel offenbar nicht gerechnet.
Anton warf die Streitaxt in hohem Bogen aus einem der Fenster. Flink und beweglich, wie er war, gelang es ihm, noch zwei weitere Söldner zu entwaffnen, bis er sich zum Ausgang vorgekämpft hatte. In der Taverne tobte mittlerweile eine üble Schlägerei. Auch Blut floss, jedoch schien der Alte bisher das einzige Todesopfer zu sein. Die Kämpfenden trampelten allerdings jetzt blindlings über ihn hinweg.
»Diavolo!«, hörte Anton den Anführer hinter sich brüllen. »Diavolo rosso!« Er machte den Fehler, sich umzudrehen und bereute ihn sofort, als ihn die Faust des Hünen im Gesicht traf. Er taumelte rückwärts, wäre beinahe gefallen. Gerade noch konnte er sich abfangen und einen Ausfallschritt machen, bevor ihn ein zweiter Schwinger treffen konnte.
»Diavolo rosso, Diavolo rosso«, brüllte sein Gegner immer wieder.
Anton wich ihm aus, so gut er konnte, musste aber mehrere Schläge einstecken, bis es ihm gelang, sich einmal rechtzeitig zu ducken. Er warf sich zu Boden und wirbelte mit den Beinen so schnell herum, dass er seinen Gegner mit voller Wucht treffen und von den Füßen holen konnte. Während der Hüne noch schäumend vor Zorn kreischte und mit den Armen fuchtelte, kam Anton bereits wieder auf die Füße, versicherte sich, dass Geldkatze und Dolch noch an Ort und Stelle waren, und machte, dass er fortkam. Sein Pferd hatte er hinter der Taverne in einer Stallung untergebracht. Es zu satteln, würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Da es sich aber sowieso nur um ein gemietetes Tier handelte, entschied er sich, es zurückzulassen. Stattdessen schwang er sich kurzerhand auf eines der Pferde, mit denen die Räuberbande offenbar hergekommen war. Der kräftige Rappe tänzelte schnaubend, als Anton sich auf seinen Rücken schwang.
Im gleichen Moment flog die Tavernentür auf und der Anführer des Gesindels kam herausgerannt. Als er sah, was Anton vorhatte, brüllte er erneut etwas in seinem unverständlichen Dialekt.
Anton trat dem Pferd kräftig in die Seiten und trieb es an. Es wirbelte herum und galoppierte in großen Sätzen aus der Reichweite seines ehemaligen Besitzers.
»Diavolo!«, konnte Anton den Räuber schreien hören. »Diavolo rosso!«
Als er sicher war, dass der Kerl ihn nicht mehr erreichen konnte, zügelte er sein Pferd und drehte sich um. »Diavolo rosso«, murmelte er und fuhr sich mit einem spöttischen Lächeln durch sein lockiges rotes Haar, das er im Nacken mit einem Lederriemen zu einem Zopf gebunden hatte. »Roter Teufel.« Sein Grinsen verbreiterte sich. »Gern geschehen, du Hundsfott. Auf Nimmerwiedersehen!« Damit wendete er den Rappen und trieb ihn zu einem erneuten Galopp an.

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Koblenz, 1362. Die schöne Enneleyn lebt mit einem Makel: Sie ist unehelich geboren. Zwar hat Graf von Manten sie als Tochter anerkannt, die gesellschaftliche Akzeptanz bleibt ihr jedoch verwehrt. Als Ritter Guntram von Eggern um ihre Hand anhält, zögert sie deshalb nicht lange. Schon bald stellt sich heraus: sie hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Nach außen ganz liebevoller Gatte, verbirgt Guntram geschickt seine dunklen Seiten. Nur Ennelyn weiß um seine Brutalität und Machtgier. Nur sie weiß um seinen großen Plan … Nach «Eifelgräfin» und «Gewürzhändlerin» nun Teil drei der beliebten Reihe.

Buchvorschautext und Cover, Quelle: www.rowohlt.de

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Die Bastardtochter
Historischer Roman
Petra Schier

Rowohlt-Taschenbuch
ca. 480 Seiten
ISBN 978-3-499268-01-4
9.99 Euro

 

 

 

 

 

 

 

 

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