Vermutlich haben viele von euch schon darauf gewartet, und da wieder ein Monat vergangen ist, kommt hier der neue Textschnipsel aus Der Hexenschöffe. Diesmal geht es um Marta, die Ehefrau von Neyß Schmid, die 1636 in Rheinbach wegen Hexerei angeklagt wurde.

»Zieh dich aus.«

Marta starrte den Henker verständnislos an.

Er wedelte mit der Hand, stellte dann seine Laterne auf dem kleinen Schreibpult ab. »Ausziehen. Ich muss dich scheren.«

»Scheren?« Es grenzte an ein Wunder, dass ihr die Stimme gehorchte. Die Kälte in ihren Knochen schien sich noch zu verstärken.

»Bevor die Pfaffen kommen und dich exorzieren, müssen alle Haare weg«, brummte er beinahe gutmütig. Der kalte Blick in seinen Augen strafte den Tonfall jedoch Lügen.

»N-nein. Nein, ich werde mich nicht vor dir ausziehen, du Hundeschläger!« Marta wich zurück, bis sie gegen einen Stuhl stieß. Erschrocken stolperte sie einen Schritt zur Seite. Sie verschränkte die Arme fest um ihren Leib.

»Mach’s selbst oder ich erledige das.« Achselzuckend drehte der Henker den Kopf in Richtung der Tür. »Tünnes, komm rauf, die Hexe wehrt sich.«

Sogleich wurden Schritte auf der Treppe laut.

Marta wich noch einen Schritt zurück. »Ich, nein, ich … Ihr dürft nicht …«

»Was darf ich nicht?« Das Lächeln des Henkers entsetzte sie. »Nee, Liebchen, ich muss sogar. Anweisung von ganz oben. Erst ziehen wir dir mal den Hexenkittel an und dann kümmern wir uns um deine Haare. Wenn der Kommissar nachher mit den Pfaffen eintrifft, muss alles vorbereitet sein.«

»Rühr mich nicht an!« Ihre Augen weiteten sich, als neben dem vierschrötigen Meister Jörg dessen Gehilfe Tünnes auftauchte, in der Hand eine weitere Laterne. Auch auf seinem Gesicht erschien ein feistes Grinsen, das von seinen Zahnlücken entstellt wurde.

»Wehrt sie sich arg?«, fragte er und es schien, als würde er sich darüber freuen. Eilig stellte er die Laterne neben die des Henkers.

»Nur ein bisschen. Halt sie fest, ich erledige das mit dem Kleid.«

»Nein, nicht!« Ihre Stimme klang schrill, sie versuchte zu fliehen, doch Tünnes hatte sie bereits gepackt und hielt sie an den Armen fest. Dann schob er sich geschickt hinter sie und drehte ihr die Arme auf den Rücken.

»Komm ja nicht auf die Idee hier rumzuplärren«, sagte der Henker, als er auf sie zu trat und sich an ihrem Spitzenkragen zu schaffen machte. »Tünnes, öffne die Nesteln hinten.«

Marta wehrte sich, so gut es ging, doch die beiden Männer hatten ihr sehr schnell das Kleid geöffnet und ausgezogen. Dass sie dabei ein paar Nähte zerrissen, schien ihnen nicht einmal aufzufallen. Auch des Hemdes und des Schnürleibchens entledigten die beiden Männer sie erstaunlich flink. Zum Schluss zerrten sie ihr noch die Unterröcke herunter und nahmen ihr sogar Schuhe und Strümpfe.

Marta Herz pochte schnell und hart gegen ihre Rippen, vor Scham hätte sie am liebsten geschrien und geweint. Sie versuchte vergeblich, ihre Brüste und ihre Heimlichkeit mit den Händen zu bedecken. »Ihr Schweine«, schluchzte sie. »Wie könnt ihr es wagen! Rührt mich nicht an. Das darf nur mein Mann, niemand sonst!«

»Halt den Mund, Hexe.« Tünnes war wieder dicht hinter ihr. Mit Leichtigkeit hielt er ihre Arme auf dem Rücken fest. Sein säuerlicher Atem stieg ihr in die Nase, als er sie näher zu sich heranzog, um ihr direkt ins Ohr zu flüstern. »Und jetzt die Haare.«

Das Grauen, das Marta packte, ließ sie für einen Moment die Augen schließen. Der Henkersgeselle rieb angelegentlich seinen Unterleib an ihrem Gesäß und lachte, als sie einen entsetzten Laut ausstieß.

»Komm schon, Tünnes, lass die Faxen.« Meister Jörg hatte aus einem schmalen Schrank einen dünnen, ärmellosen Kittel aus grobem Leinen gefischt und drückte ihn Marta in die Hände, sobald sein Geselle sie freigegeben hatte. »Zieh das über.«

Sie gehorchte so rasch sie konnte. Wenigstens war ihre Nacktheit jetzt ein wenig bedeckt, wenn auch der Kittel mehr als fadenscheinig und unter den Armen viel zu weit ausgeschnitten war. Die Rundungen ihrer Brüste waren mehr als deutlich zu sehen, und an ihren nach vier Schwangerschaften doch etwas ausladenderen Hüften spannte der Stoff ein wenig.

»Hinsetzen.« Der Henker zog einen schweren Stuhl heran, an dessen Armlehnen eiserne Schellen befestigt waren, mit denen er Marta nun fesselte. Als sie die große Schere sah, die Tünnes im gleichen Moment herbeibrachte, schloss sie wieder die Augen. Heiße, brennende Tränen liefen über ihr Gesicht. »Bitte, bitte nicht«, flehte sie, doch da hatte Meister Jörg bereits mit einer seiner großen Hände in ihr aufgelöstes Haar gegriffen und ein großes Büschel abgeschnitten.

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Buchvorschautext, Quelle: www.rowohlt.de

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