Wie ich bereits in meinem ausführlichen Artikel zum Thema Lektorat erklärt habe, kommt es in der Überarbeitungs- und Lektoratsphase eines Manuskripts immer mal zu Textkürzungen (Outtakes). Wenn mir mein Lektor so etwas vorschlägt, ist das zwar hart, aber meistens hat er mit seiner Begründung recht. Im oben genannten Artikel hatte ich exemplarisch den Screenshot einer solchen gelöschten Szene abgebildet und euch versprochen, eben jene Szene hier im Blog als weiteren Outtake zu präsentieren. Zunächst aber noch einmal besagter Screenshot:

Outtake Der Hexenschöffe Screenshot

Und im Folgenden nun genau diese entfallene Szene, die ich eigentlich sehr schön und auch wichtig finde. Leider hatte auch hier mein Lektor recht: Sie verzögert die Handlung zu sehr, da sie zu lange in der Vergangenheit verharrt. Außerdem wird in der darauf folgenden Szene noch einmal einiges mit anderen Worten wiederholt. Da es sich aber um einen Vorfall handelt, der sich laut Hermann Löher genau so zugetragen hat, und der damit auch historisch relevant ist, möchte ich euch die Szene nicht vorenthalten. Ich hatte sie als Rückblende gedacht und als (Alb)Traum Hermann Löhers angelegt.

Outtake Nr. 2 aus Der Hexenschöffe

Als Hermann sich im Gerichtssaal umsah, seine Mitschöffen an dem großen Tisch nach und nach erblickte, überkam ihn das ungute Gefühl, diese Situation schon einmal durchlebt zu haben. Sein Herz pochte unstet, und das Gefühl des Wiedererlebens verstärkte sich, als ihm bewusst wurde, dass neben dem Amtmann auch Franz Buirmann anwesend war.

Ein Traum, überlegte er. Das musste ein böser Traum sein, wie so viele zuvor, die ihn früher bereits um seinen Seelenfrieden gebracht hatten. Er musste aufwachen! Doch wie in Muttergottes Namen sollte er das anstellen, wie die schrecklichen Bilder, die doch nur Gespinste seiner Erinnerung waren, davon abhalten, seinen Schlaf zu durchdringen?

Johann Bewell – wie schlank und gesund er noch aussah! Lediglich an seinem bitteren Blick war zu erkennen, dass ihn großes Leid quälte, seit man seine Tochter und deren Schwiegervater zum Flammentod verurteilt hatte. Herbert Lapp saß direkt neben ihm, beide waren seit mehr als zwanzig Jahren gemeinsam im Schöffenamt und das, was man gemeinhin gute Freunde nannte.

Der Augenblick, da Hermann den ältesten Schöffen Lapp erkannte, wusste er, weshalb sein Traum ihn hierher zurückgeführt hatte. Er wehrte sich dagegen, versuchte, sich von seinem Stuhl zu erheben, sich aus dem Saal zu entfernen, doch es schien, als sei er angeleimt worden. Nicht einmal eine Bewegung mit Armen und Beinen war ihm möglich. Verzweifelt bemühte er sich zu sprechen, doch es kamen nicht die Worte, die er gerne hervorgebracht hätte, sondern gänzlich andere: »Herr Dr. Buirmann, sagt an, weshalb habt Ihr uns denn heute bereits zur zweiten Stunde hierher bestellt? So früh tagt das Schöffenkollegium normalerweise nicht.«

Der Hexenkommissar ging nicht auf Hermanns Frage ein, sondern sagte stattdessen: »Meine Herren Schöffen, da ihr nun vollzählig versammelt seid, möchte ich euch bitten, mir in die Folterkammer zu folgen. Denn das, was ich zu verkünden habe, soll euch gleich am passenden Ort zu Ohren kommen.« Ohne auf die teils erstaunten, teils unbehaglichen Blicke zu achten, die die Anwesenden einander zuwarfen, erhob er sich und ging ohne ein weiteres Wort hinüber in die Peinkammer. Also folgten sowohl die Schöffen als auch Amtmann und Gerichtsschreiber dem Kommissar und nahmen an dem großen Tisch Platz, der die Kopfseite des Raumes einnahm.

»Gut«, hub er erneut an. »Da wir nun alle hier versammelt sind, möchte ich euch, werte Schöffen, um eure Hilfe bitten. Wie ihr wisst, bin ich im Begriff, über alle Gericht zu halten, die sich des Zauberlasters schuldig gemacht haben. Nun wurden mir gegenüber zwei berüchtigte Personen beschuldigt. Diese beiden sollt ihr, werte Schöffen, mir nun ins Gefängnis bringen lassen, und zwar ohne ihre Namen zu kennen und ohne dass ich sie euch nennen muss.«

Hermann wollte protestieren, doch es war, als sei seine Zunge gelähmt und er selbst wie versteinert. Ängstlich sah er in die Runde der übrigen Schöffen. Bis auf Thynen und Halfmann schauten alle unsicher und betreten drein. Sie hatten erst kürzlich einige Rheinbacher Bürger auf diese Weise vor den Kommissar gebracht und das Todesurteil über sie fällen müssen, welches inzwischen auch vollzogen worden war. Nun schien Buirmann entschlossen, das auf diese Weise verwaiste Gefängnis rasch wieder mit neuen Delinquenten zu füllen.

»Mit Verlaub, Herr Dr. Buirmann«, wandte Herbert Lapp ein. »Ihr könnt nicht schon wieder von uns verlangen, jemanden anzuklagen, ohne uns zuvor den Namen der Person zu nennen. Solches Vorgehen entspricht nicht den Gewohnheiten und Regularien dieses Gerichts.«

Hermann sah, wie sich die Miene des Hexenkommissars verfinsterte, und wusste genau, was nun kommen würde.

»Sollte ich etwa«, antwortete Buirmann aufgebracht, »als Kommissar gehalten sein, euch die zwei Personen mit Namen zu nennen? Das darf bei Zauberprozessessen nicht sein. Besser ist es, ein wenig zeitliche Schande zu erleiden, als wider Gott und im Dienste des Teufels länger zu leben. Zornig und ungnädig fuhr er den ältesten Schöffen an: »Ich befehle Euch, Herbert Lapp, und allen anderen Schöffen, dass ihr mir die zwei Berüchtigten und vielmals Angeschuldigten unverzüglich ins Gefängnis bringen sollt! Wenn Ihr mir das verweigert, dann verurteile ich Euch, Herbert Lapp, und alle anderen wegen Ungehorsams gegen die Obrigkeit zu einer Geldstrafe von einhundert rheinischen Goldgulden.« Nach einer Atempause und einem strafenden Blick in die Runde fuhr er fort: »Was soll das eigentlich, diese hochnötige Justiz durch Gerichtspersonen selbst zu behindern? So etwas hat bei Zauberprozessessen nichts zu suchen. Ihr wisst selbst, wie wichtig es ist, mit dem Hexengezücht ein für alle Mal aufzuräumen. Euer ständiges Beklagen meiner Vorgehensweise wird mir allmählich doch sehr verdächtig. Muss ich euch in Erinnerung rufen, dass derjenige, der für eine Zauberperson Partei ergreift, sich selbst in das Licht des Hexenpatronats rückt? Wollt Ihr wirklich daran erinnert werden, dass Hexenpatrone ebenso der Hexerei verdächtig sind wie die Sünder, für die sie sich einsetzen? Ich werde mit eiserner Hand durchgreifen, wenn ihr weiterhin versucht, meine Prozessführung zu behindern.« Mittlerweile hatte sich das Gesicht des Kommissars rot verfärbt, seine Augen blitzten zornerfüllt.

Hermann hörte sich daraufhin selbst für Herbert Lapp Partei ergreifen, argumentierte wie dieser, dass es besser sei, die Namen der besagten Personen vor ihrer Ergreifung zu erfahren. Halfmann und Thynen hielten dagegen, dass der ehrenwerte Dr. Buirmann besser wisse, wie in Zaubereiprozessen vorzugehen sei. Bewell schlug sich ebenfalls auf die Seite des Kommissars, so, wie er es seit dem Tod seiner Tochter immer wieder tat.

Zwischendurch hatte Hermann das Gefühl, aus seinem Körper herauszutreten und den hitzigen Disput der Schöffen wie ein Geist von oben oder außen zu betrachten. Er sah sich selbst in der Folterkammer stehen und Worte sagen, die er nicht kontrollieren konnte, von denen er aber wusste, dass er sie vor fünf Jahren gesprochen hatte.

Buirmann, den es indes nicht auf der Richtbank gehalten hatte, stapfte mittlerweile fuchsteufelswild in der Folterkammer auf und ab und stieß wieder und wieder wüste Drohungen gegen die Schöffen aus, bis diese schließlich vollkommen eingeschüchtert waren.

Schließlich erhob sich Herbert Lapp von seinem Platz auf der Richtbank, nahm seinen breiten Filzhut von seinem schneeweißen Haupt und sprach furchtsam und gezwungen, so, wie es zu einem Bluturteil gehörte: »Herr Dr. Buirmann, Ihr befehlt mir kraft Eurer fürstlichen Amtsmacht und Eurer Ungnade, dass ich zwei unbekannte Personen ins Gefängnis bringe. Tue ich es nicht, falle ich einer Geldstrafe von hundert rheinischen Goldgulden anheim. Daher sage ich, dass Ihr, Herr Dr. Buirmann, nach Eurem Belieben die beiden ungenannten Personen ins Gefängnis holen lassen sollt, um mit ihnen zu tun, was vor Gott recht und billig ist.«

»Dem schließe ich mich an«, sagte sogleich der Schöffe Bewell. »Holt die beiden unbekannten Zauberspersonen ins Gefängnis und haltet Gericht über sie.« Seine Stimme klang merkwürdig emotionslos, so als schere es ihn nicht einen Deut, was mit den Angeklagten geschehen würde. Unbegreiflich, wie Hermann fand, hatte doch Bewells Tochter und Schwiegervater erst kürzlich dasselbe Schicksal ereilt. Doch vielleicht, so vermutete Hermann, hatte dieses Erlebnis in Bewell etwas absterben lassen, sodass er nun keinerlei Mitgefühl mehr empfand.

Thynen und Halfmann stimmten ebenfalls sogleich für die Verhaftung, sodass Hermann und sein Freund Richard Gertzen überstimmt waren, obgleich sie sich gegen das Vorgehen aussprachen. Somit war das Wild im Strick, der Fisch im Netz, der Vogel mit Leim gefangen.

Hermann war nun auch wieder in seinen Körper zurückgekehrt und fühlte die argwöhnischen Blicke von Amtmann, Kommissar und Gerichtsschreiber über sich hinweggleiten. Alle drei vergewisserten sich mit Argusaugen, ob es vielleicht noch eine Meinungsänderung unter den Schöffen gab. Da dies nicht der Fall war, standen die drei Männer auf und verließen gemeinsam die Folterkammer, um sich in der kleinen Schöffenstube zu beraten. Die Schöffen blieben derweil schweigend und mit betretenen Mienen zurück. Es dauerte nicht lange, bis der Gerichtsschreiber in der Tür erschien und Johann Bewell aufforderte, ihn in die Schöffenstube zu begleiten.

Hermanns Herzschlag beschleunigte sich erneut unangenehm, denn er allein wusste, was als Nächstes geschehen würde. Inzwischen hatte er es jedoch aufgegeben zu versuchen, sich dagegen zu wehren oder die Mitschöffen zu warnen. Es ging einfach nicht, er war wie zur Salzsäule erstarrt. Je mehr er versuchte, sich gegen das Unvermeidliche zu stemmen, desto größer wurde seine Angst und desto schlimmer sein Unwohlsein. Schweiß stand ihm auf der Stirn, doch niemand schien es zu bemerken.

»Was treiben die Herrschaften denn da unter sich?«, fragte Gertzen in die Runde, doch niemand wagte es, ihm zu antworten. Schweigend warteten sie; es schien, als zöge sich die Zeit unmäßig in die Länge. Endlich, als die unbehagliche Stille kaum noch zu ertragen, war, ging die Tür der Schöffenkammer auf und die vier Männer erschienen wieder in der Folterkammer. Während Buirmann, der Amtmann sowie der Gerichtsschreiber Heimbach sich wieder auf ihre Plätze setzten, stellte sich Johann Bewell hinter dem ältesten auf und sagte in dem ihm mittlerweile so typischen emotionslosen Tonfall: »Herbert Lapp, hört, was ich Euch im Namen des Amtmanns, Dr. Buirmanns und Heimbachs zu sagen habe.«

Lapp hob erstaunt den Kopf. »Was habt Ihr mir zu sagen?

»Ich sage im Namen der vorgenannten drei Männer, dass Ihr sofort aus der Richtbank aufstehen und euch von den Schöffen entfernen sollt als unehrlicher Mann. Denn Ihr seid als Zauberer zum Gefängnis verurteilt.«

Ob dieser bösartigen Anschuldigung stand Herbert Lapp abrupt auf und wandte sich zu Bewell um. »Was behauptet Ihr da von mir, Johann Bewell?

»Ja, ich wiederhole es noch einmal: Auf Befehl des Amtmanns und Dr. Buirmanns sollt Ihr als ein unehrenhafter Mann von der Richtbank aufstehen und Euch daraus entfernen.«

»Ihr seid der Zauberei beschuldigt und besagt worden«, ergriff nun der Amtmann das Wort. »Unter diesen Umständen dürft Ihr nicht einen Augenblick länger als Schöffe fungieren.«

»Sofort und ohne Verzug seid Ihr ins Gefängnis im Burgturm zu bringen«, ergänzte Buirmann.

»Das kann nicht Euer Ernst sein, Herr Dr. Buirmann«, protestierte Lapp erschrocken. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, seine Stimme schwankte leicht. »Ich bin doch kein Zauberer! Wie um alles in der Welt kommt Ihr bloß darauf? Ihr und alle hier um Raum kennt mich schon seit vielen Jahren, nein Jahrzehnten! Ich war Bürgermeister von Rheinbach, habe der Stadt und dem Schöffenamt immer treu und ehrlich gedient. Ihr wisst selbst, dass ich sogar der Älteste dieser Versammlung bin, und dass ich mir nie etwas habe zuschulden kommen lassen. Der Herrgott, Himmel und Erde sind meine Zeugen, dass ich unschuldig bin!«

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Über Kommentare, Fragen, erste Eindrücke zu diesem Outtake würde ich mich wie immer sehr freuen.

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Buchvorschautext, Quelle: www.rowohlt.de

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