Nur noch wenige Tage, dann wird Der Hexenschöffe an den Buchhandel ausgeliefert. Für die ganz Ungeduldigen unter euch habe ich deshalb hier den neunten und letzten Textschnipsel, damit ihr auch schon mal auf den Roman einstimmen könnt:

Zögernd betrat Hermann das Bürgerhaus. Es widerstrebte ihm zutiefst, die Stufen ins obere Geschoss hinaufzusteigen, doch er zwang sich dazu. Auf halbem Weg hörte er schon den jämmerlichen Schrei einer Frau durch das Haus gellen. Er zuckte zusammen, ihm wurde kalt und übel zugleich und er blieb mitten auf der Treppe stehen.

Als aus dem Schrei ein klägliches Wimmern und Schluchzen wurde, setzte er sich langsam wieder in Bewegung. Die Tür zur Peinkammer war nur angelehnt, im Raum standen seine fünf Schöffenkollegen schweigend im Halbkreis um den Folterstuhl herum. Direkt neben dem Stuhl erkannte er den Hexenkommissar, der mit unbewegter Miene auf Marta Schmid hinabblickte. Sie war mit den Handgelenken an die Armlehnen gekettet, ihre Beine steckten in zwei speziell für sie angepassten Spanischen Stiefeln. Die Augen waren ihr mit einem breiten grauen Leinenstreifen verbunden worden.

Der Henker war gerade dabei, an ihrem linken Bein das Foltergerät noch etwas nachzujustieren. Offenbar saß es nicht so gerade und fest, wie es sollte. Ihr Gesicht war kalkweiß, lediglich auf ihren Wangenknochen zeichneten sich rote Flecken ab.

»Da seid Ihr ja endlich, Herr Löher. Guten Tag«, grüßte Möden mit seiner ihm eigenen überfreundlichen Stimme. Sein leutseliges Lächeln wirkte hier in der Peinkammer vollkommen fehl am Platz. »Ich dachte schon, wir müssten heute auf Euch verzichten.«

»Geschäfte«, knurrte Hermann und vermied es, zu Marta hinzusehen. Der graue Kittel war ihr bis über die Knie hochgeschoben worden, damit ihre Beine in die Folterinstrumente eingespannt werden konnten.

»Selbstverständlich«, antwortete Möden liebenswürdig. »Umso mehr freut es mich, dass Ihr doch noch hergefunden habt.

»Hatte ich denn eine andere Wahl?«

Für diese sarkastische Bemerkung erntete Hermann von Richard Gertzen einen heftigen Rippenstoß und warnende Blicke.

Möden drehte sich bedachtsam zu ihm um. »Nein, Herr Löher, hattet Ihr wohl nicht.« Sein Lächeln vertiefte sich noch. »Eure Abwesenheit hätte ich mir äußerstem Bedauern wahrgenommen. Immerhin habt Ihr als Schöffe eine Pflicht der Stadt Rheinbach gegenüber zu erfüllen.« Dann wandte er sich an den Henker. »Meister Jörg, dreht die Schrauben fester an. Die liebe Marta soll nicht glauben, dass das eben schon alles gewesen ist.«

Martas Kopf ruckte hoch. »Nein, bitte, Herr Dr. Möden … das ist alles ein furchtbarer Irrtum!«

»Ach, ist es das, liebe Marta? Wie kommst du darauf, dass ich mich irren könnte?« Neugierig musterte Möden sie und verschränkte dabei die Hände auf dem Rücken.

»Ich habe mir nie etwas zuschulden kommen lassen«, erklärte Marta sichtlich bemüht, den Kommissar zu überzeugen.

Hermann schloss verzagt die Augen, weil er wusste, dass es vergebene Liebesmüh war. Als Marta weitersprach, blickte er doch wieder zu ihr hin. »Ich bin eine gute Christin, Herr Dr. Möden, das können alle bezeugen, die mich kennen. Nie und nimmer weiß ich, wie Zaubern geht. Und überhaupt – wen oder was hätte ich denn behexen sollen?« Sie schluckte. »Ich glaube, jemand hat mich aus Missgunst angezeigt.Aber das darf doch nicht sein!«

»Du hast recht, Marta«, antwortete Möden. »Wenn es sich so verhielte, wäre es tatsächlich eine große Schande. Aber ich habe eine Zeugenaussage vorliegen, die dir vorwirft, du habest schon seit geraumer Zeit deine Nachbarn und guten Freunde mit dem bösen Blick angesehen und sie heimlich verwünscht. Des Nachts bist du außerdem schon gesehen worden, wie du heimlich aus dem Haus geschlüpft bist, um dich zum Hexentanz mit dem Teufel und deinen Komplizen davonzustehlen.«

»Das ist gelogen! Niemals würde ich das tun!«, protestierte Marta verzweifelt. »Wer kommt denn nur auf so etwas?«

Auf einen Wink Mödens hin drehte der Henker an den Beinschrauben.

Marta stieß einen Schrei aus. »Hört auf! Ich kann nicht … Ich habe mich noch niemals heimlich davongeschlichen.«

»Ach?« Möden trat näher an sie heran und beugte sich ein wenig zu ihr hinab. »Dann bist du vergangene Woche nicht am Montag noch vor dem Morgengrauen mutterseelenallein durch die Straßen Rheinbachs gehuscht, auf dem Heimweg vom Hexensabbat, wie ich annehmen muss?«

Marta drehte ihm sichtlich verwirrt den Kopf zu. »Nein. O nein, ich war nicht auf einem Hexentanz. Es war Neumond, da kann ich immer ganz schlecht schlafen. Ich war nur kurz an der frischen Luft.«

»Um dich mit dem Teufel zu paaren?«

»O Gott, nein!«

»Du gibst also zu, dass du zu unbilliger Zeit ganz alleine draußen warst, anstatt, wie es sich gehört, in deinem Ehebett zu liegen?«

Marta zögerte. »Nun, ja. Aber doch wirklich nur, um …«

»Und du behauptest, du wüsstest nicht, dass sich der Teufel für seine Zusammenkünfte mit euch Zauberern besonders gerne Voll- und Neumondnächte aussucht?«

»Nein, davon weiß ich überhaupt nichts.«

»Das ist seltsam, denn just vor zwei Tagen hat man mir aus sicherer Quelle zugetragen, dass du auf einem Hexentanz gesehen worden bist.«

»Das ist eine Lüge!«

»Ganz sicher nicht, denn die Person, die dich dort gesehen hat, war selbst an dem Tanz beteiligt und musste sich diese Sünde von der Seele reden, um nicht im ewigen Höllenfeuer zu schmoren.«

»Was sagt Ihr da?« Entgeistert starrte Marta zu Möden auf.

Der Kommissar wandte sich kurz an den Gerichtsschreiber, der eifrig jedes Wort mitschrieb. »Für das Protokoll bitte ich aufzunehmen, dass der verurteilte und auf dem Scheiterhaufen hingerichtete Friedrich Ackermeier, ehemals wohnhaft in Meckenheim, vor dem hohen Gericht bezeugt und beschworen hat, die hier angeklagte Marta Schmid, Ehefrau des Schöffen Neyß Schmid, bei mehreren Gelegenheiten getroffen zu haben, als sie beide an geheimen Hexentänzen teilgenommen haben.«

»Das ist gelogen!« verzweifelt zerrte Marta an ihren Fesseln. »Ich war das nicht, so glaubt mir doch! Nie und nimmer habe ich an Hexentänzen teilgenommen, und diesen Friedrich Ackermann kenne ich auch nicht.«

»Ackermeier«, korrigierte Möden ungerührt. »Nicht nur hat er dich dabei gesehen, wie du Unzucht mit dem Teufel getrieben hast, nein, du hast dich auch ihm und deinen übrigen Komplizen zur fleischlichen Begegnung angeboten.«

»Herr Dr. Möden, das klingt mir denn doch ein bisschen weit hergeholt«, mischte Hermann sich ein, denn er konnte die Winkelzüge des Kommissars kaum ertragen. »Marta Schmid ist eine tugendsame Frau und Gattin. Was Ihr ihr hier vorwerft, wäre ja Hurerei. So etwas halte ich für ausgeschlossen.«

»So, tut Ihr das, Herr Löher?« Mödens Augenbrauen wanderten nach oben, als er auf Hermann zutrat. »Vergesst nicht, dass ich das Verhalten und die Untaten der frevlerischen Zauberer und des Gottseibeiuns seit Jahren tagtäglich studiere. Schon aus diesem Grund ist es unangebracht, mein Urteilsvermögen in dieser Hinsicht anzuzweifeln. Was wisst Ihr denn schon davon, welch widerwärtigen Einfluss die Gegenwart des Teufels auf seine Buhlen hat, insbesondere, wenn es sich um eine willensschwache Frau handelt?« Mahnend hob er den Zeigefinger. »Es würde Euch wesentlich besser anstehen, mir schweigend zuzusehen und zu lernen, damit Ihr für die Zukunft Bescheid wisst.« Er gab dem Henker erneut ein Zeichen. »Lasst sie ein bisschen den Galgentrott tanzen.«

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Ganz Deutschland ist vom Hexenwahn ergriffen. Hermann Löher, Kaufmann und jüngster Schöffe am Rheinbacher Gericht, hat Angst um Frau und Kinder. Er glaubt nicht an Hexerei und die Schuld derer, die bereits den Flammen zum Opfer fielen. Eine gefährliche Einstellung in diesen Zeiten. Als die Verhaftungswelle auch auf Freunde übergreift, schweigt Löher nicht länger. Und schon bald beginnt für ihn und seine Frau ein Kampf gegen Mächte, die weit schlimmer sind als das, was man den Hexen vorwirft …

Buchvorschautext, Quelle: www.rowohlt.de

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