Es ist schon wieder Mitte Juli und in meinem Blog herrscht seit einigen Wochen bedauerliche Stille. Das liegt daran, dass ich immer noch an meinem Weihnachtsroman arbeite, zwischendurch jetzt noch Korrekturfahnen auf dem Tisch hatte und insgesamt, ehrlich gesagt, dringend Urlaub benötige. Geht aber leider gerade nicht, weil, ja, genau: Der Roman muss fertig werden. Wird er in den kommenden zwei, drei Tagen auch, aber er hat mich überdurchschnittlich viele Nerven gekostet, sodass mir nicht einmal aufgefallen ist, dass ich euch noch gar keinen Textschnipsel zum dritten Pilger-Roman gepostet habe, und das, obwohl er ja schon am 22. August erscheint. Das hole ich hiermit nach. Entschieden habe ich mich für den Anfang des Romans, denn da dürft ihr gleich das große Dilemma einer meiner Hauptfiguren miterleben, sogar lektoriert und korrigiert, weil ich ja gerade die Fahnen bearbeiten durfte. Dazu wünsche ich euch gute Unterhaltung!

Aus dem 1. Kapitel

17. November, Anno Domini 1379

Als die Tür hinter Palmiro zufiel, schnürte sich Benedikts Kehle für einen Moment so fest zu, dass er keine Luft mehr bekam. Er starrte auf das silberne Kruzifix, das still und verlassen auf dem Pult lag. Vorsichtig trat er näher heran, berührte es mit den Fingerspitzen. Das Silber fühlte sich kühl an. In keiner Weise ungewöhnlich. Entschlossen wandte Benedikt sich zum Gehen. Er musste fort. So weit fort von dem unsäglichen Schmerz, den er verursacht hatte und der zugleich sein Inneres zerriss. Fort.

Er hatte bereits die Hand an der Türklinke, als ein eigenartiges Brennen sein Rückgrat hinaufstieg. Erschrocken hielt er inne.

Sirr.

Sein Herz schlug einen Haken. »Was war das?«

Sirr.

Ganz langsam und vorsichtig drehte er sich um – und erstarrte. Das silberne Kruzifix schien rötlich zu leuchten. Das war doch nicht möglich!

Sirr.

Schweiß trat ihm auf die Stirn. »Was soll das?« Zögernd trat er wieder an das Pult.

Sirr. Sirr.

»Redest du mit mir?« War er irrsinnig, mit einem silbernen Schmuckstück zu sprechen?

Sirr. Sirr. Sirr.

Benedikts Herz schlug noch schneller. »Was soll das bedeuten?«

SIRR!

Furchtsam betrachtete er die Reliquie und streckte schließlich wider besseres Wissen die Hand danach aus. Er spürte die rote Aura heiß gegen seine Handfläche wabern.

SIRR!

Schmerz durchzuckte ihn wie ein Schwerthieb. »Ich weiß nicht, was du mir sagen willst.« Seine Stimme klang hohl und kratzig. »Was soll ich tun?«

Sirr.

Nun klang das Kruzifix eigentümlich traurig. War das überhaupt möglich? Er musste irrsinnig sein. In Benedikts Kehle bildete sich ein Kloß. Obwohl er wusste, dass es falsch war, gefährlich, unentschuldbar, griff er nach dem Kreuz, nahm es an sich.

Sirr.

Wieder durchfuhr ihn ein brennender Schmerz. Nach Atem ringend fuhr er auf, schweißgebadet. Allein.

Es war finster um ihn herum, und es dauerte eine Weile, bis er sich erinnerte, wo er sich befand. Schwer atmend ließ er sich in die weichen Kissen zurücksinken, welche die alles andere als billige Herberge in Nürnberg ihren Gästen bot.

Sssiiiirr.

»Nein!« Wild schlug Benedikt um sich, bis er bemerkte, dass lediglich eine Schmeißfliege um seinen Kopf herum summte. Verfluchter Traum, der ihn Nacht für Nacht verfolgte. Verfluchtes Kruzifix.

Verflucht.

Es dauerte eine geraume Weile, bis sich sein Herzschlag wieder beruhigt hatte und der kalte Schweiß auf seiner Haut getrocknet war. Er war nun schon seit über zwei Monaten von Koblenz fort, doch noch immer verfolgten ihn die Erinnerungen, klebten an ihm wie Pech, ließen sich nicht vertreiben. Sein ursprünglicher Plan, auf direktem Wege nach Rom zu reisen, um dem Inquisitor Erasmus von London Bericht zu erstatten, hatte sich bereits vor einigen Wochen zerschlagen. Denn schon in der Handelsstadt Frankfurt, am Main gelegen, war ihm auf der großen Messe die Kunde zu Ohren gekommen, dass der Heilige Vater zusammen mit einigen Kardinälen eine Reihe hoher Inquisitoren aus ihren Positionen entlassen – oder vielmehr gewaltsam entfernt – hatte. Aufgeräumt habe der Papst, so erzählten die reisenden Kleriker, die in derselben von Dominikanern geführten Herberge untergekommen waren wie Benedikt. Sie gehörten zu einer Abordnung von Gesandten, die beauftragt waren, Ruprecht II. von der Pfalz, der sich momentan in Frankfurt aufhielt, ihre Aufwartung zu machen.

Ob die Begegnung mit den Dominikanern Zufall oder Schicksal gewesen war, wusste Benedikt nicht zu sagen, doch er konnte nicht umhin, dem Schicksal den Vorrang einzuräumen, auch wenn er bisher nicht an dergleichen geglaubt hatte.

Pfalzgraf Ruprecht war ihm kein Unbekannter. Er residierte in Amberg, einer Stadt nahe Nürnberg, aus der auch Benedikts Familie stammte. Die Kleriker, die Ruprechts wegen aus Rom angereist waren, hatten ohne Zweifel in Nürnberg oder Amberg haltgemacht, um dort zu erfahren, wo der Pfalzgraf sich im Augenblick aufhielt, und waren auf direktem Wege nach Frankfurt gekommen. Benedikt wiederum hatte sich lediglich auf der Durchreise befunden, als er ihnen begegnet war. Deshalb wusste er nun, dass er sich den weiten Weg über die Alpen bis nach Rom sparen konnte, denn unter den in Ungnade gefallenen Inquisitoren befand sich auch Erasmus von London.

Aus Rom vertrieben hatte man ihn, so wussten die Kleriker zu berichten. Mit nichts als seinen Kleidern am Leib war er aus der Stadt gejagt worden, an seiner Seite zwei junge, wehrhafte Geistliche, die dafür Sorge zu tragen hatten, dass er seinen Bestimmungsort, sein Mutterkloster in England, ohne Umwege erreichte.

Bei dieser Kunde hatte Benedikt große Erleichterung verspürt, denn er war alles andere als erpicht auf die lange Reise nach Rom gewesen. Er hätte sie nur auf sich genommen, um sein Versprechen Palmiro gegenüber einzuhalten.

Palmiro.

Mit beiden Händen fuhr Benedikt sich in sein verschwitztes hellbraunes Haar, zerrte verzweifelt daran, so als würde dies helfen, die Gedanken an diesen seltsamen, besonderen Mann zu vertreiben. An den Ketzer. Hinfort mit euch!, sprach Benedikt im Stillen diese Gedanken direkt an, schalt sich jedoch gleich darauf einen elenden Idioten, weil er wusste, dass es nichts ändern würde.

Er hatte das Versprechen gegeben zu versuchen, die drohende Gefahr, die von Erasmus ausging, nach besten Kräften von Palmiro, seiner Familie, von ganz Koblenz fernzuhalten, soweit es in seiner Macht stand. Ob er damit Erfolg gehabt hätte, war alles andere als sicher. Nun jedoch schien diese Gefahr aus Gründen, die sich ihm entzogen, gebannt zu sein.

Erasmus war es gewesen, der Benedikt vor einigen Monaten nach Koblenz entsandt hatte, um sich auf die Suche nach Mathys le Smithy zu machen, der, wie Benedikt, als Spion der Inquisition ausgesandt worden war, dessen Berichte jedoch immer spärlicher in Rom eingetroffen und schließlich gänzlich ausgeblieben waren. Erasmus hatte in Erfahrung bringen wollen, ob Mathys nicht mehr lebte oder ob er womöglich in die Fänge der vermeintlichen Ketzer geraten war, die er auszukundschaften hatte. Natürlich gab es zwischen diesen beiden Extremen noch jede Menge weiterer Gründe, weshalb ein Spion und Söldner abtrünnig geworden sein könnte. Benedikt hatte es oblegen, genau dies in Erfahrung zu bringen. Darüber hinaus hätte er Mathys festnehmen und zurück nach Rom bringen sollen. Falls irgend möglich und zusammen mit ausreichend Beweisen gegen jene vermeintlichen Ketzer, laut Erasmus Parteigänger einer Nachfolgersekte des vor vielen Jahrzehnten aufgelösten und ausgerotteten Ordens der Tempelritter. Einen pompösen, aufsehenerregenden Prozess gegen die Häretiker hatte Erasmus führen wollen. Zumindest war dies die vordergründige Argumentation, mit der er die Ausstattung und Entsendung von Spähern wie Mathys und Benedikt begründet hatte. Viel eher, so argwöhnte Benedikt inzwischen, war es Erasmus’ Begehr gewesen, des unermesslich wertvollen Gralsschatzes Herr zu werden, der nach der Legende von den Tempelrittern versteckt worden war und sich bewacht noch immer irgendwo im Heiligen Land befand.

Auf die Idee, Palmiro und dessen Freund Conlin vom Langenreth gehörten dieser Sekte von Häretikern an, war Erasmus verfallen, nachdem er die beiden Männer, die sich auf einer Pilgerreise ins Heilige Land befunden hatten, bei einem Überfall seiner Söldnertruppe auf die vermeintlichen Wächter des Gralsschatzes entdeckt hatte. Palmiro und Conlin, deren Heimat im Rheinland, in der Handelsstadt Koblenz, lag, hatten sich den mutmaßlichen Gralswächtern angeschlossen, sie verteidigt. Grund genug für Erasmus anzunehmen, dass sie mit ihnen verbündet waren.

Benedikt, der zeit seines Lebens ein Söldner und Kundschafter vieler verschiedener Herren gewesen war, hatte diesen Auftrag zunächst wie jeden anderen behandelt. Er war gut bezahlt und mit wenig Aufwand verbunden. Zumindest hatte es den Anschein gehabt. Doch kaum war Benedikt in Koblenz angekommen, jener kleinen, aber wohlhabenden Stadt, die sich am Zusammenfluss von Rhein und Mosel befand, hatte er feststellen müssen, dass er sich auf etwas eingelassen hatte, dessen Ausmaß er selbst jetzt, nachdem er – feige, wie er zugeben musste – die Flucht ergriffen hatte, nicht gänzlich zu erfassen in der Lage gewesen war.

Seit Wochen, nein Monaten, versuchte er mit allen Mitteln, sich der Erinnerungen zu entledigen, den Aufruhr in seinem Herzen zu bändigen. Gelungen war ihm bislang beides nicht, und ihn deuchte, dass es mehr brauchen würde als nur einen möglichst großen Abstand zwischen ihm und jener Handelsstadt am Rhein, um seinen Seelenfrieden wiederherzustellen.

Zumindest war ihm nun die Sorge um Palmiros Leib und Leben genommen, redete er sich innerlich gut zu. Erasmus von London stellte keine Gefahr mehr dar, wenn er tatsächlich, wie es hieß, all seiner Privilegien verlustig gegangen war und nunmehr den Rest seines Lebens als einfacher Mönch in einem englischen Kloster zu verbringen gezwungen sein würde.

Die unangenehme innere Stimme, die Benedikt davon zu überzeugen versuchte, dass Erasmus ein viel zu ehrgeiziger Inquisitor gewesen war, um sich von solch einem Rückschlag abhalten zu lassen, versuchte Benedikt mit stichhaltigen Argumenten zum Schweigen zu bringen. Ein einfacher Mönch, noch dazu beim Heiligen Vater höchstpersönlich in Ungnade gefallen, hatte nicht die geringsten Möglichkeiten, irgendeinen Schaden anzurichten. Es sei denn, er würde einen anderen hochgestellten Geistlichen von seinen Ideen überzeugen können. Offenbar wollte jedoch der Heilige Vater genau dies verhindern, andernfalls hätte er Erasmus nicht unter Aufsicht gestellt. In dieser Hinsicht waren die reisenden Kleriker in Frankfurt äußerst präzise gewesen und hatten auch nicht mit Häme gegeizt. Es kam wohl nicht allzu oft vor, dass ein Papst auf solche Weise Ordnung in den eigenen Reihen schuf. Unbequeme Kardinäle, Inquisitoren oder andere Geistliche starben eher eines offiziell natürlichen Todes, hin und wieder auch eines unnatürlichen, wurden aber kaum jemals öffentlich in Schimpf und Schande aus Rom verbannt. Man munkelte, so hatte Benedikt den Männern in Frankfurt entlockt, dass sogar der Gegenpapst in Avignon dieses Vorgehen gutgeheißen und Anweisung gegeben habe, sich nicht mit den Verbannten gemein zu machen. Auch wenn es sich hierbei wohl nur um ein Gerücht handelte, war es doch überaus bemerkenswert, denn immerhin hätte man die in Ungnade gefallenen Inquisitoren durchaus in Avignon mit offenen Armen und als nützlichen Quell von Auskünften willkommen heißen können.

Benedikt lag es fern, sich weiter in Gedanken mit den Beweggründen des Heiligen Vaters und dessen Erzfeind in Avignon zu befassen. Ihm war schlussendlich nur die Nachricht willkommen gewesen, dass er die Reise nach Rom nicht auf sich nehmen musste. Zwar hätte diese ihn in die Lage versetzt, noch weit mehr Raum zwischen sich und all das zu bringen, was in Koblenz geschehen war, doch letztendlich wusste er, dass eine solche Reise für ihn nur eine weitere Flucht darstellen würde. Eine Flucht vor den Erinnerungen, aber auch eine Flucht vor sich selbst.

Es hatte eine Weile gedauert, aber inzwischen war Benedikt sich bewusst geworden, dass er sein ganzes Leben lang vor sich selbst geflohen war. Die Ereignisse in Koblenz hatten ihm vor Augen geführt, dass er sich einigen Dingen – und Erkenntnissen – stellen musste. Nicht nur dem, was sich kürzlich ereignet hatte, sondern auch in seiner Vergangenheit. Und hier kam das Schicksal ins Spiel.

Das Schicksal, Gottes Wille, vielleicht aber auch schlicht und ergreifend die Erkenntnis, dass sein Leben, wie es bisher gewesen war, so nicht weitergehen konnte. Er war inzwischen sechsunddreißig Jahre alt und besaß … nichts. Gewiss, er hatte in den Jahren seiner Söldnerschaft einiges an Silber und Gold eingeheimst, doch darüber hinaus konnte er nichts und niemanden sein Eigen nennen. Schon als Junge von dreizehn Jahren durch den Tod seiner Eltern und Schwestern entwurzelt, war er wie ein Blatt im Wind, taumelte von Ort zu Ort, berührte kaum jemals den Boden, blieb nirgends lange genug haften, um neue Wurzeln zu schlagen.

Er hätte sich ganz sicher nicht nach Nürnberg begeben, wenn er in Frankfurt nicht von Erasmus’ Vertreibung aus Rom gehört hätte. Stattdessen wäre er auf direktem Weg, ohne haltzumachen, über den Landweg gen Süden gereist. Nicht wieder über den Rhein! Diesen Fehler hatte er auf dem Hinweg nach Koblenz gemacht und nicht wenig bereut. Er verabscheute das Reisen auf einem Schiff, wurde regelmäßig scheußlich seekrank dabei. Deshalb hatte er sich noch in Koblenz in die Unkosten für ein junges, kräftiges Reitpferd gestürzt, einen Rappen, der ihm seither getreulich Dienst leistete.

Nachdem er seines ursprünglichen Reiseziels beraubt worden war, hatte er sich überlegen müssen, was er stattdessen mit dem traurigen Rest seines Lebens anfangen sollte, und noch bevor er bewusst eine Entscheidung treffen konnte, hatte er bereits den Weg nach Nürnberg eingeschlagen. Von dort aus war es zu Pferd nur noch eine überschaubare Reise von etwa zwei Tagen bis in seine Heimatstadt Amberg. Zwei Tagesreisen, die ihm jedoch, seit er in Nürnberg weilte, weiter vorkamen als der Weg nach Rom.

Zunächst hatte er sich damit beruhigt, dass er, bevor er seinem Onkel und dem übrigen verbliebenen Teil seiner Familie einen Besuch abstattete, Erkundigungen einziehen musste. Das Auskundschaften der Lage, das Sammeln von Informationen war ihm nach so vielen Jahren als Spion in Fleisch und Blut übergegangen. Informationen waren überlebenswichtig und konnten den Unterschied zwischen Wohl und Wehe, zwischen Leben und Tod, zwischen Glück und Unglück bedeuten.

All jene Auskünfte besaß er nun schon seit geraumer Zeit, doch bisher hatte er sich dennoch nicht durchringen können, die letzten Meilen, die zwischen ihm und Amberg lagen, endlich zurückzulegen. Er war ein elender Feigling! Nicht anders war das Zögern zu erklären, das ihn jedes Mal erfasste, wenn er sich auf sein Pferd schwingen wollte, um die zwei Tagesreisen in Angriff zu nehmen.

Morgen, so beschloss Benedikt voller Ingrimm bei sich. Morgen würde er nach Amberg aufbrechen. Oder vielmehr heute, denn das Morgengeläut der Kirche Sankt Lorenz, in deren Schatten Benedikts Herberge lag, war seiner Schätzung nach nicht mehr allzu fern. Bald also. Zufrieden mit diesem Beschluss drehte Benedikt sich auf die Seite und schloss die Augen.

Sirr.

Ungehalten öffnete Benedikt die Augen wieder und vermeinte, ein rötliches Leuchten in der Dunkelheit zu erkennen.

»Halt dich gefälligst da heraus«, grollte er.

Sirr.

Verflucht.

Und nun ihr!

Spinnt doch gerne mal weiter, was ihr glaubt, das als Nächstes passiert und was Benedikt in Amberg erwarten wird. Ich bin gespannt, was euch alles einfällt. Seid ruhig mutig, obwohl ich nicht glaube, dass ihr darauf kommt, was wirklich passieren wird. ;-)

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