Um euch die Wartezeit auf den nächsten Lichterhaven-Roman zu versüßen (verkürzen geht ja irgendwie nicht), habe ich euch einen neuen Textschnipsel herausgesucht, den ihr allerdings bereits kennen dürftet, wenn ihr meinen Newsletter abonniert habt. ;-)

 

Viel Vergnügen!

 

Oh, wuff, fahren wir mit dem Schiff? Wie lustig, da bin ich dabei! Barnabas war der Erste, der den Ausflugskutter betrat. Jörn ließ die Leine los, weil der Hund sofort voranpreschte.
»Halt, Barnabas, nicht so schnell!« Erschrocken folgte Ella dem Hund und wollte ihn wieder einfangen.
Rasch fasste Jörn sie wie vorhin am Handgelenk und hielt sie zurück. »Nein, Ella. Lass ihn doch. Er kann hier nichts kaputt machen, und abhauen auch nicht.« Zum Beweis schloss er die Klappe hinter sich wieder.
»Das hast du vorhin im Feuerwehrhaus auch gesagt, und dann hat er die Puppe gemeuchelt.«
»Ottokar geht es gut.« Jörn schmunzelte. »Du musst wirklich lernen, dich zu entspannen. Du bist ja ein Nervenbündel.«
Ellas Miene verfinsterte sich. Ihr Blick heftete sich auf seine Hand, die ihren Arm immer noch umfasst hielt. »Vielleicht liegt das daran, dass du mich dauernd in meiner Bewegungsfreiheit einschränkst.«
»Ich tue was?« Erheitert hob er ihren Arm ein wenig an. Dabei wurde ihm bewusst, dass er schon wieder dieses eigentümliche Kribbeln verspürte. Womöglich floss tatsächlich so etwas wie elektrische Energie von ihr auf ihn über. Höchst merkwürdig – und alarmierend. »Seit wann lässt du dich so ungern anfassen?« Um sie nicht weiter zu verärgern, ließ er sie wieder los.
»Normalerweise entscheide ich, wen ich anfasse – oder wer mich anfassen darf.« Hoch erhobenen Hauptes ging sie übers Deck und sah sich um.
»Setz dich, wo du möchtest.« Jörn ging zu einer der Holzbänke, die sich auf beiden Seiten des Kutters an den Außenwänden entlangzogen. Er wählte die Steuerbordseite, weil diese dem Kai abgewandt war und weil man von hier aus über das Hafenbecken auf die Museumsschiffe blicken konnte.
Zögernd folgte Ella ihm und setzte sich neben ihn. »Ich war schon ewig nicht mehr auf einem Kutter. Als ich noch ein Kind war, ist Oma Carlotta oft mit mir auf einem der städtischen Ausflugsschiffe rausgefahren.« Vorsichtig legte sie ihre Pizzaschachtel neben sich auf die Bank und klappte den Deckel hoch. »Damals fand ich das total spannend. Vor allem die Seehundbänke.«
»Jetzt nicht mehr?« Auch Jörn legte seine Schachtel ab und öffnete sie. Der verführerische Pizzaduft ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.
»Doch, schon, schätze ich.« Ella biss in eine ihrer beiden Pizzaecken und schloss für einen kurzen Moment genießerisch die Augen. »Meine Güte, ich merke jetzt erst, wie ausgehungert ich bin!« Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie sich neugierig um. »Auf der Fischerin war ich überhaupt noch nicht. Ihr habt sie toll restauriert.«
»Restaurieren lassen trifft es wohl eher.« Auch Jörn biss in ein Stück Pizza und schlang es gleich darauf in Rekordgeschwindigkeit hinunter. »Ein teurer Spaß, weil wir alles so authentisch wie möglich belassen wollten, genau wie auf der Lichterhavener Sonne. Aber die Touristen mögen es.«
»Kann ich mir vorstellen.« Aufmerksam musterte Ella jedes Detail an Deck, dann wanderte ihr Blick hinüber zum Hafen, wo nach wie vor munteres Treiben herrschte. »Nicht schlecht, die Idee, sich hierhin zurückzuziehen. Man kann alles beobachten, ist aber nicht mitten im Trubel.« Sie grinste. »Und ein paar Frauen beneiden mich jetzt wahrscheinlich um den bequemen Sitzplatz in Gesellschaft des verwegenen Kapitäns.«
Beinahe hätte Jörn sich verschluckt. »Bitte was?«
Das Grinsen auf ihren Lippen wurde noch breiter. »Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass du mit der Masche noch nie eine willige Touristin aufgerissen hast, oder?«
Jörn hüstelte. »Nicht als Kapitän. Da käme ich mir ziemlich albern vor.«
»Dann als Feuerwehrmann?«
Er verdrehte die Augen. »Wenn ich meine Feuerwehrmontur trage, bin ich im Einsatz, da habe ich keine Zeit, Frauen kennenzulernen.«
»Aber manchmal trägst du auch die schicke Uniform. Viele Frauen stehen auf Männer in Uniform.« Übertrieben klimperte Ella mit den Wimpern.
»Du musst es ja wissen.« Jörn nahm sich ein weiteres Stück Pizza. »So viele Single-Frauen, die hier Urlaub machen, treffe ich gar nicht.«
»Na, na, als Mönch lebst du aber bestimmt auch nicht.« Auch Ella knabberte inzwischen an ihrer zweiten Pizzaecke herum. »Caroline hat erzählt, dass man dich durchaus hin und wieder mit einer hübschen Blondine oder Brünetten durch Lichterhaven ziehen sieht. Allerdings sind das nie Frauen aus dem Ort, sondern von anderswo. Insofern scheint es, als würdest du meine Regel ebenfalls befolgen.«
»Ich halte mich nicht an Regeln, wenn ich jemanden kennenlerne.« Mit einem Schluck Cola spülte Jörn den nächsten Bissen Pizza hinunter und richtete seinen Blick auf das Gewusel am Hafen. »Entweder mir gefällt eine Frau oder eben nicht. Wo sie wohnt, ist dabei eher zweitrangig.«
»Wie du meinst.« Auch Ella ließ ihren Blick wieder hinüber zum Hafen wandern. »Tut mir übrigens leid, dass Francesca uns schon als neues Pärchen am Lichterhavener Liebeshimmel gesehen hat. Sie liebt es, Leute zu verkuppeln oder zumindest über die Möglichkeit zu reden.«
»Ich weiß.«
»Dass wir beide überzeugte Singles sind, scheint sie dabei geflissentlich zu übersehen.«
Darauf gab Jörn keine Antwort. Dass Ella ein überzeugter Single war, stand außer Frage. Sie flirtete gern und war dafür bekannt, sich immer mal wieder auf lockere Urlaubsbekanntschaften einzulassen, die regelmäßig mit dem Ferienende des betreffenden Mannes endeten – oder sogar noch schneller. Sich selbst als überzeugten Single darzustellen widerstrebte Jörn hingegen. Natürlich traf auch er sich ab und an mit einer Frau, die ihm gefiel, doch nicht etwa, um, wie Ella es ausdrücken würde, die wunderbare Vielfalt zu genießen. Er wünschte sich eine Familie. Eine Frau, die er liebte und die ihn wiederliebte, Kinder, einfach alles, was dazugehörte. Wenn eine Frau ihm auf den ersten Blick gefiel, dann wollte er herausfinden, ob dieses Gefallen auch auf den zweiten und dritten Blick anhielt. Ob die Chemie stimmte. Ob es eine Zukunft geben könnte. Bisher war ihm die Richtige einfach noch nicht begegnet.
»Worüber meditierst du denn jetzt schon wieder?«, unterbrach Ella die nachdenkliche Stille, die zwischen ihnen entstanden war.
Jörn lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf das Hier und Jetzt. »Ich meditiere nicht. Mir fällt nur mal wieder auf, wie unterschiedlich unsere Ansichten sind, das ist alles.«
»Das ist ja nichts Neues. Wir sind eben inkompatibel.« Lässig streckte Ella die langen Beine aus und legte ihren Kopf in den Nacken. »Was meinst du, wann können wir mit der Planung des Caterings ins Detail gehen?«
Beinahe hätte Jörn sich an seiner Pizza verschluckt. »Noch mehr ins Detail? Ich dachte, das hätten wir heute schon getan.«
»Du hast ja keine Ahnung.« Ella wandte ihm wieder das Gesicht zu und lächelte fein. »Erst mal musst du das Konzept in deinem Vorstand durchboxen, dann müssen wir uns noch mal alle zusammensetzen und die Einzelheiten durchsprechen.«
»Du lieber Himmel, das artet ja in Stress aus!« Auch Jörn streckte die Beine aus und überkreuzte sie an den Knöcheln. »Am Sonntag sehe ich einen Großteil der Truppe zur Übung und hinterher beim Bau der Festwagen. Da kann ich schon mal vorfühlen. Für kommende Woche Dienstag steht dann eine Vorstandsbesprechung an, in der wir über deine Vorschläge abstimmen werden.«
»Soll ich auch hinkommen? Vielleicht hilft es, wenn ich persönlich meine Vorschläge unterbreite.«
Er warf ihr einen abschätzenden Seitenblick zu. »Glaubst du, dazu bin ich allein nicht fähig?«
Ella grinste. »Vielleicht bringst du nicht die erforderliche Begeisterung auf.«
Spöttisch verzog er die Lippen. »Von mir aus kannst du gerne zur Sitzung kommen, wenn du scharf darauf bist.«
»Das war lecker.« Sorgsam verschloss Ella ihre leere Pizzaschachtel und schielte zu der seinen. »Allerdings ein bisschen zu wenig …«
Seufzend schob er seine Pizza näher an sie heran. »Bedien dich.«
»Danke.« Schon wollte Ella zugreifen, doch mitten in der Bewegung hielt sie inne. »Sag mal, wo steckt eigentlich Barnabas?« Bereits während sie sprach, sprang sie auf. Jörn bekam sie gerade noch an der Hand zu fassen und zog sie zurück auf die Bank.
»Ella, du meine Güte. Nicht immer gleich von null auf hundert.«
Verärgert starrte sie erst ihn, dann seine Hand an, die ihre immer noch festhielt. »Ich bin nicht auf hundert. Aber ich werde es gleich sein, wenn du nicht aufhörst, mich ständig festzuhalten.«

 

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