Die wenigsten Ideen entstehen ohne einen Anstoß von außen. War es ein Vorfall in der U-Bahn, ein Lied im Radio oder ein Gemälde im Museum? Manchmal wissen wir gar nicht, wie wir zu der Idee für einen Roman gekommen sind, sie war einfach plötzlich da.

Das wäre sie aber nicht gewesen, wenn wir tagein tagaus in unserem stillen Kämmerlein hocken und auf den Kuss der Muse warten würden. Schriftsteller müssen am Leben teilnehmen und mit offenen Augen und Ohren alles in sich aufnehmen. Was bei den meisten Menschen als unhöflich verschrien ist, gilt beim Schriftsteller als oberste Lebensregel: die Neugier.

Augen

Wir haben also eine Idee, und nun? Wahrscheinlich wälzen wir sie in Gedanken hin und her und klopfen sie auf ihre Tauglichkeit ab. Wenn die Idee diesen Test bestanden hat, dann merken wir das zumeist daran, dass sich bereits die ersten schemenhaften Szenen vor unserem inneren Auge entwickeln. Zunächst natürlich ungeordnet und vage, doch wenn sich eine Idee erst einmal in unserem Hirn eingenistet hat und sich heimisch fühlt, lässt sie sich so gut wie nicht mehr vertreiben. Die Zahl der möglichen Szenen nimmt immer weiter zu, grundlegende Figurenkonstellationen stehen hierbei meist schon fest. (Das ist der Punkt, an dem ich mich dabei ertappe, wie ich minuten- oder stundenlang träumend in die Luft starre und dabei die Welt um mich herum total vergesse.)

TräumenIn diesem Stadium entscheidet sich auch, um was für einen Roman es sich handeln wird. Eine romantische Liebesgeschichte, ein Krimi, Fantasyabenteuer oder ein Thriller. Was auch immer es sein soll, wir wissen es jetzt bereits. Und das ist insofern nützlich, als wir unser Denken ganz auf die jeweiligen Anforderungen des Genres lenken und uns so in die dafür passende Umgebung versetzen können. Das geschieht ganz automatisch, auch wenn wir von dem Thema, das uns vorschwebt, noch nicht sehr viel wissen.

Wenn wir genug an einer Idee herumgefeilt haben und sie einigermaßen deutlich vor uns sehen, sollten wir sie für eine Weile vergessen.

Das geht nicht?

O doch, und wie das geht. Am besten, indem wir uns mit etwas vollkommen anderem beschäftigen. Ganz egal, ob wir Brot backen, auf eine Party gehen oder dem Hund die Krallen schneiden, Hauptsache, wir lenken uns ab.

UnterbewusstseinDabei kann es passieren, dass wir die Idee für unsere Geschichte für eine Weile tatsächlich verlieren, dass sie verschwindet, als sei sie nie dagewesen, als hätten wir sie vergessen. Aber keine Angst, sie ist nicht wirklich weg, auch wenn wir felsenfest dieser Überzeugung sind und womöglich schon in Panik ausbrechen wollen. Sie ist nur abgetaucht in die unbewussten Ebenen unseres Geistes, auch Unterbewusstsein genannt. Dort verharrt sie eine Weile, Stunden, Tage, vielleicht sogar Wochen. Und wir sollten sie auch nicht stören.

Mit zunehmender schriftstellerischer Übung lernt man zwar, diese Zeit selbst zu lenken und, wenn nötig zu verkürzen, doch es ist nun einmal so, dass die Idee eine Weile sich selbst, bzw. dem Unterbewusstsein überlassen werden muss.

Wenn sie dann plötzlich wieder auftaucht – und das wird sie mit Sicherheit irgendwann – sind wir überrascht, wie glasklar sie uns plötzlich vor Augen steht.

HeldMöglicherweise wissen wir jetzt, wie unser Held aussehen wird, welche Motive für unsere Charaktere in Frage kommen und welche nicht, wie die Geschichte ausgehen wird und noch vieles mehr, das uns vorher noch gefehlt hat. Wie das funktioniert, kann uns vielleicht ein Psychologe erklären, aber dass es funktioniert, ist auf jeden Fall sicher.

An dieser Stelle ist es spätestens ratsam, die Idee irgendwo zu aufzuschreiben. Entweder in ein Notizbuch oder auf eine lose Kladde, eine Karteikarte oder was uns sonst als nützliche Unterlage erscheint. Denn nun ist unsere Idee schon so weit ausgereift und komplex, dass wir nicht alle Einzelheiten im Kopf behalten können, ohne unser Gedächtnis allzu sehr zu belasten. Haben wir die Ideen alle säuberlich notiert, ist unser Kopf wieder schön frei für die nächste Ebene der Planung, ohne dass wir Angst haben müssten, uns könne ein genialer Gedanke entfallen.

Notizen

Nun können wir diese Methode des Planens und sich Ablenkens theoretisch so oft wiederholen, bis uns die ganze Geschichte und Struktur des Romans vor Augen steht. Doch meist ist unsere Idee schon vorher so weit ausgefeilt, dass sie aus uns heraus will.

Wir haben das Gefühl, jetzt unbedingt mit dem Schreiben anfangen zu müssen, dass es uns in den Fingern kribbelt.

 

Und wir wären keine Schriftsteller, wenn wir diesem Drängen unseres Unterbewusstseins nicht nachgeben würden, oder?

Copyright by Petra Schier 2005

 

 

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