Ungefähr das erste Drittel meines historischen Romans Der Hexenschöffe ist nun geschrieben, da wird es, wie ich finde, Zeit für einen ersten Textschnipsel. Wie ich bereits erzählt habe und ihr auch dem Klappentext entnehmen könnt, dreht sich der Roman um den Rheinbacher Schöffen Hermann Löher in den Jahren 1631/36. Hermann hatte insgesamt acht Kinder, und ich habe mir überlegt, dass die erste Szene, die ich euch präsentieren möchte, sich um seinen ältesten Sohn Bartholomäus (Bartel) drehen soll. Wie immer bei den Textschnipseln gibt es keine Gewähr, dass sie am Ende wirklich im Roman zu finden sind. Und falls ja: Dies ist die noch unlektorierte Version; sie kann sich also noch ganz oder in Teilen ändern. Viel Spaß beim Lesen!

»Hoffentlich erlässt Vater mir meine frühmorgendlichen Aufgaben«, nuschelte Georg. »Könnt‘ sein, dass ich ein Weilchen nicht des Zählens und Rechnens mächtig bin.«

Bartel lachte. »Bis zum Mittag solltest du dich aber wieder berappeln. Vergiss nicht, dass du deiner Betty einen Einstandsbesuch schuldest.«

»Wie könnt‘ ich das vergessen.« Georg schwankte ein wenig und hielt sich an der Schulter des Freundes fest. »Immerhin is‘ meine Betty das hübscheste und netteste Mädchen weit und breit.« Das Grinsen auf seinem Gesicht reichte beinahe von Ohr zu Ohr. »Und sie hat mich ganz schön was gekostet, da will ich mein Lehen auch so richtig auskosten.«

»Na, na, übertreib mal nicht. Die Hübscheste und Liebste ist doch wohl eindeutig meine Anna.« Da Bartel abrupt stehen geblieben war, strauchelte Georg und wäre um ein Haar gestürzt. Bartel bekam ihn gerade noch zu fassen und half ihm, sich wieder aufzurichten. »Aber, aber, du musst dich nicht gleich vor mir verbeugen, nur weil ich recht habe.«

»Ha ha. Von wegen. Meine Betty ist deiner Anna weit überlegen.«

»Ach ja?«

»Jawoll. Und zwar weil … weil …«

»Ja? Ich höre?« In einer übertriebenen Geste formte Bartel mit der rechten Hand eine Muschel und hielt sie sich ans Ohr.

»Weil …« Georg fuhr sich mit gerunzelter Stirn durch sein blondes, schulterlanges Haar, dann zuckte er die Achseln. »Ach, was soll‘s. Keine Ahnung. Wie war noch mal die Frage?«

Bartel prustete, dann brachen beide Männer in Gelächter aus.

»Weißt du, was ich jetzt gern machen würde?«, fragte Georg, als beide sich wieder etwas beruhigt hatten.

»Was?«

»Meiner Betty einen Gute-Nacht-Kuss geben.«

»Du hast wohl nen Vogel.« Kopfschüttelnd tippte Bartel sich an die Schläfe. »Es ist mitten in der Nacht.«

»Na, klar, deshalb ja.«

»Willst du dich zum Jecken machen?«

»Warum denn?«

»Und was, wenn der Flurschütz dich erwischt?«

»Der liegt besoffen unterm Tisch im Ochsen.«

»Und wenn ihr Vater dich sieht?«

Georg hielt inne. »Das wär nich‘ so gut.« Seine Miene hellte sich auf. »Aber er schläft sicher schon und kriegt es nicht mit, wenn ich ganz leise bin.«

»Wenn ihr Vater schläft, dann doch wohl Betty erst recht«, argumentierte Bartel.

»Hm, stimmt. Aber das bedeutet auch, dass ich sie im Nachtkleid sehen könnte …« Georg machte mit den Händen eindeutige, wellenförmige Bewegungen, die Bettys figürliche Vorzüge darstellen sollten.

Bartel prustete wieder. »Mhm, und dann brät sie dir eins mit der Bettpfanne über.«

»Spielverderber.« Schmollend setzte Georg sich wieder in Bewegung. »Hast aber wahrscheinlich recht.«

»Klar hab ich recht.« Bartel feixte.

»Komm schon, als ob du nicht auch liebend gerne noch bei der Anna vorstellig werden würdest.«

»Klar würde ich das gerne«, gab Bartel unumwunden zu. »Aber ich bin im Gegensatz zu dir nicht lebensmüde.«

»Vielleicht wär sie ja gar nich‘ so abgeneigt …«

»Halt die Klappe.«

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Das klingt alles gar nicht so schlimm, findet ihr? Laut Klappentext hättet ihr etwas anderes erwartet? Nun, niemand hat je behauptet, dass die Menschen zu jener Zeit nicht auch fröhlich waren, gefeiert, gelacht und geliebt haben. Das “Lehen” spielt übrigens auf den Brauch des Mailehens an. Dazu erfahrt ihr demnächst in einem eigenen Artikel mehr.

Über Kommentare, Fragen, erste Eindrücke würde ich mich wie immer sehr freuen.

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Buchvorschautext, Quelle: www.rowohlt.de

SU_978-3-499-26800-7_E9Der Hexenschöffe
Historischer Roman
Petra Schier
Rowohlt-Taschenbuch, ca. 450 Seiten
ISBN 978-3-499-26800-7
9.99 Euro
Erscheint im Oktober 2014

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