Wieder ist ein Monat vergangen, selbstverständlich gibt es auch diesmal wieder einen (wie immer noch unlektorierten) Textschnipsel aus Der Hexenschöffe für euch. Ich habe lange überlegt, welchen Ausschnitt ich diesmal wählen soll. Ich hoffe, er gefällt euch.

Bartel verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht, Vater. Ihr habt mir damals gesagt, das Waschbecken und die Lampe seien ein Freundschaftsgeschenk. Wenn mehr dahinter gesteckt hat, so habt Ihr es mir verschwiegen. Aber jetzt aus heiterem Himmel zu verlangen, dass ich meine geliebte Anna verschmähen soll, nur weil Ihr irgendwelche Gespenster seht … Das kann ich nicht akzeptieren.«

»Davon war doch überhaupt keine Rede, Bartel«, mischte sich seine Mutter erneut besänftigend ein. »Niemand verlangt von dir, deine Anna aufzugeben.«

»Aber hat er das nicht gerade eben gesagt? Dass es besser wäre, wenn ich kein Mädchen aus der Stadt freien würde?«

»Dreh mir nicht die Worte im Mund um, Bartholomäus!«, fuhr sein Vater ihn wütend an. »Es reicht schon, wenn die Hexenjäger das tun. Und das werden, sie, glaube mir. Und wie stehen wir dann alle da?«

Bartel spürte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Obwohl er wusste, dass es ihm nicht guttun würde, platzte er heraus: »Das ist mir gleich, Vater. Ihr werdet mich jedenfalls nicht von meinen Plänen mit Anna abbringen, nur weil Ihr euch vor Dr. Möden fürchtet. Wenn Ihr so sehr gegen das Wirken der Hexenkommissare seid, weshalb habt Ihr dann nichts dagegen getan? Ihr seid selbst Schöffe am Rheinbacher Hochgericht. Wer, wenn nicht Ihr, hätte denn Einspruch erheben sollen?«

»O Bartel, bitte …« Kunigundes erschrockener Ausruf blieb unbeachtet.

Hermann sprang wutentbrannt ebenfalls von seinem Stuhl auf und beugte sich weit über den Tisch, die Hände auf der Platte abgestützt. Seine Wangen hatten sich zornrot verfärbt. »Das wagst du, mir ins Gesicht zu sagen, Bartholomäus? Mir? Lass dir eines gesagt sein: Wenn du noch ein einziges Mal derartiges aussprichst, wirst du erkennen, dass ich dich noch nicht für zu alt halte, um dir eine Abreibung zu verpassen. Dir gehört dein loses Mundwerk um die Ohren gehauen. Wag es niemals wieder, mir so etwas vorzuwerfen, obwohl du überhaupt nicht weißt, wovon du redest. Ich habe meine Familie beschützt. Das ist meine Aufgabe als Ehemann und Vater.«

»Stimmt«, gab Bartel mit leicht schwankender Stimme zurück. Er kannte die Wutausbrüche seines Vaters und hatte Mühe, ihm standzuhalten. »Aber es ist auch meine Aufgabe als zukünftiger Ehemann und – so Gott will – mein Wort zu halten und meiner Braut zur Seite zu stehen. Es ist mir einerlei, ob Euch das passt oder nicht, Vater. Und es schert mich auch nicht, ob die Leute sich die Mäuler zerreißen. Niemand wird mich davon abbringen, Anna zu heiraten. Nicht Ihr und auch nicht dieser Hexenkommissar.«

»Es hat doch aber auch niemand verlangt , dass du …« setzte seine Mutter noch einmal an, wieder ohne Erfolg.

Hermann war bereits um den Tisch herumgegangen und hatte sich vor Bartel aufgebaut. Die beiden waren etwa gleich groß und kräftig, und beinahe sah es so aus, als würden sie im nächsten Moment aufeinander losgehen.

»Sprich nicht in diesem Ton mit mir, Bartholomäus. Ich bin dein Vater und habe jedes Recht, meine Meinung zu äußern. Du hingegen solltest es unterlassen, despektierlich über Dinge zu reden, von denen du nicht die geringste Ahnung hast.«

»Und woran liegt das?« erwiderte Bartel, nun wieder mit festerer Stimme. »Doch nur daran, dass Ihr uns offenbar etwas verschwiegen habt, Vater. Was soll die alte Geschichte mit der Lampe für die Frau des Amtmannes plötzlich? Und warum behauptet Ihr, Ihr hättet uns beschützen müssen? Oder habt Ihr das alles erfunden, weil Ihr lieber eine Braut für mich hättet, die noch reichere Eltern hat und Euch besser in den Kram passt? Eine mit perfektem Stammbaum, ohne versengte Verwandtschaft? Wisst Ihr eigentlich, wie scheinheilig das ist? Ich gehöre doch selbst zur versengen Art, wenn man so will. Was war denn mit Großvater Frembgen? Wurde er etwa nicht auch wegen Hexerei hingerichtet?« Noch ehe er die Worte ausgesprochen hatte, spürte er einen gemeinen Stich der Reue in der Magengrube, der sich noch verstärkte, als er den entsetzten Laut seiner Mutter vernahm, die beide Hände vors Gesicht schlug. Im nächsten Moment traf die Hand seines Vaters mit Wucht Bartels Wange. Sein Kopf flog zur Seite, ein brennender Schmerz durchzuckte sein Gesicht.

»Raus!«, brüllte Hermann. »Verschwinde sofort aus dieser Stube und komm mir heute nicht mehr unter die Augen.«

Bartel blickte seinen Vater zornig und mit einem tiefen Gefühl der Erniedrigung in die Augen. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ die Wohnstube und auch gleich das Haus. Erst, als er im Hof angekommen war, machte er Halt, schloss die Augen und ballte die Hände zu Fäusten.

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Über Kommentare, Fragen, erste Eindrücke zu diesem Textschnipsel würde ich mich wie immer sehr freuen.

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Petra Schiers großer Schicksalsroman: Eine wahre Geschichte aus dunkler Zeit

Ganz Deutschland ist vom Hexenwahn ergriffen. Hermann Löher, Kaufmann und jüngster Schöffe am Rheinbacher Gericht, hat Angst um Frau und Kinder. Er glaubt nicht an Hexerei und die Schuld derer, die bereits den Flammen zum Opfer fielen. Eine gefährliche Einstellung in diesen Zeiten. Als die Verhaftungswelle auch auf Freunde übergreift, schweigt Löher nicht länger. Und schon bald beginnt für ihn und seine Frau ein Kampf gegen Mächte, die weit schlimmer sind als das, was man den Hexen vorwirft …

Buchvorschautext, Quelle: www.rowohlt.de

SU_978-3-499-26800-7_E9Der Hexenschöffe
Historischer Roman
Petra Schier
Rowohlt-Taschenbuch, ca. 450 Seiten
ISBN 978-3-499-26800-7
9.99 Euro
Erscheint im Oktober 2014

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