
Einen ersten Einblick …
… in meinen neuen historischen Roman Ränke im Zollhaus hatte ich bereits in einem meiner letzten Newsletter exklusiv für die Abonnent:innen gegeben. Es war nur ein winziger Ausschnitt aus einer Szene, doch hier und heute gibt es einen ausgewachsenen Textschnipsel für euch. Es handelt sich um dieselbe Szene, aber mit ein bisschen mehr “Fleisch an den Knochen”. ;-)
Ich bin schon gespannt, was ihr davon haltet. Magister von Gorkum ist übrigens eine historisch verbürgte Figur. Er war tatsächlich im Jahr 1420 ganz neu als Magister und somit Lehrender an der Universität in Köln und wurde noch im selben Jahr Rektor. Wie er ausgesehen hat, ist allerdings nicht überliefert, das habe ich hinzufantasiert. :-)
Aus dem 1. Kapitel
Als der Pedell draußen die Stundenglocke schlug, zuckte Katharina regelrecht zusammen. Magister von Gorkum redete jedoch unbeirrt weiter, bis er mit seinen Ausführungen am Ende war. Erst dann gab er den Scholaren zu verstehen, dass sie aufhören durften, seine Worte mitzuschreiben. »Wiederholt diese weisen Worte des Petrus Lombardus, bis ihr sie verinnerlicht habt. Und vergesst nicht die heutige Übungsdisputation vor der Vesper. Wir disputieren heute die unsäglichen Auslegungen der Via Moderna der fehlgeleiteten Nominalisten. Hütet euch, Scholaren, vor den Irrtümern derer, die sich die Modernen nennen!« Hier wurde seine Stimme nun doch laut und lebhaft, und er stieß zur Bekräftigung seiner Worte den rechten Zeigefinger in die Luft. »Sie werden euch in der Disputation mit jeder Menge hanebüchenen Argumenten in die Irre zu leiten versuchen. Lasst euch davon auf keinen Fall übertölpeln. Wir haben die Lehren des Thomas von Aquin eingehend studiert. Sein Weg ist der Weg der Wissenschaft. Der Moderne Weg aber ist der Weg des Irrtums und der Blindheit.« Eindringlich musterte er die Scholaren, die tunlichst schwiegen, weil ihnen das Sprechen ohne Aufforderung während der Vorlesung streng verboten war.
Magister von Gorkum nickte zufrieden, fuhr sich über den hellbraunen, kurz geschorenen Bart und klappte das Buch, aus dem er vor gelesen hatte, energisch zu. »Jungfer Katharina«, wechselte er ohne Übergang in die deutsche Sprache. »Begleitet mich nach draußen. Magister Egbert wird gleich hier eintreffen und die nächste Vorlesung abhalten.«
Rasch erhob Katharina sich und griff nach dem Bündel mit dem Buch und dem Brief. Dabei wäre sie beinahe auf die hellbraune Toga eines der Scholaren getreten und entschuldigte sich hastig. Der junge Mann nickte nur knapp. Er durfte sie nicht auf Deutsch ansprechen, solange er sich auf dem Gelände der Universität aufhielt.
»Bringt Ihr mir Kunde von Eurem Vater?« Magister von Gorkum war vor der Tür des Vorlesungsraumes stehengeblieben und sah ihr fragend entgegen. »Ich ging davon aus, ihn heute persönlich hier zu begrüßen.« Als Katharina ihm nun direkt gegenüberstand, konnte sie ein paar Fältchen um seine Augen und einige graue Strähnen in seinen Haaren und seinem Bart ausmachen. Er mochte etwa Anfang der Vierzig sein und war für einen geistlichen Gelehrten ausgesprochen gutaussehend, wie sie fand. Zumindest machte er in seiner weißen Gelehrtentoga eine bessere Figur als so manch anderer Magister, dem sie bisher begegnet war.
»Verzeiht bitte, Magister von Gorkum.« Sie lächelte ihm verbindlich zu. »Mein Vater wurde heute früh unverhofft zu einem wichtigen Patienten gerufen. Er lässt Euch vielmals grüßen und bat mich, Euch dieses Buch und ein persönliches Schreiben zu übergeben.« Sie zog das gerade anderthalb Handspannen breite Buch aus dem Bündel und reichte es ihm zusammen mit dem Brief. »So es seine Zeit zulässt, wird er Euch morgen oder übermorgen aufsuchen.«
»Ah.« Der Magister kräuselte ganz kurz die Lippen, nickte dann aber gleichmütig. »Ihr sprecht Latein.«
Ruckartig hob Katharina den Kopf, und da er ihr die Frage nicht auf Deutsch gestellt hatte, war sie damit unfreiwillig beantwortet. Wieder kräuselte er die Lippen und fuhr auf Latein fort: »Welch Kuriosum. Eine Frau, die einer Vorlesung lauscht. Nicht zum ersten Mal, wie ich vermute, denn ich hörte bereits, dass Ihr häufig Botengänge für Euren Vater erledigt oder auch für Eure Mutter, Meisterin Adelina Burka.« Er hielt kurz inne. »Sonderlich angetan scheint Ihr von meinen Ausführungen nicht gewesen zu sein.«
Katharina schluckte, unsicher, wie sie sich verhalten und ob sie nun wohl auch auf Latein antworten sollte. Sie entschied sich dagegen, weil der Eingangsbereich der Burse, in dem sie sich aufhielten, nach und nach von mehreren Scholaren und Magistern bevölkert wurde, die sich auf dem Weg von oder zu einer Vorlesung befanden. »Ich durfte die Sentenzen des Petrus Lombardus schon selbst lesen. Mein Vater besitzt ein Exemplar und ebenso mein Bruder Colin.«
»Ach.« Auf der Stirn des Magisters bildeten sich mehrere Furchen. »Ihr lest also die Werke der großen Philosophen.« Nun sprach auch er wieder Deutsch, dem ein ganz leichter niederländischer Akzent anzuhören war.
»Hin und wieder.«
»Thomas von Aquin ebenfalls?«
Sie räuspert sich. »Auszüge.«
»Albertus Magnus?«
»Auch.«
»Fürwahr ein Kuriosum.« Aufmerksam musterte er sie von Kopf bis Fuß. »Was denkt sich Euer Vater dabei, Euch in die Welt der männlichen Gelehrsamkeit einzuführen, anstatt Euch mit einem guten Mann zu verheiraten?«
»Diese Frage müsst Ihr meinem Vater stellen.« Sie lächelte wieder verbindlich. »Möglicherweise hat sich noch kein passender Mann gefunden, der seinen Vorstellungen entspricht.«
»Den seinen oder den Euren?« In den Augen des Gelehrten blitzte es schalkhaft auf. »Schüchtern scheint Ihr mithin nicht zu sein, Jungfer Katharina, und weder dumm, anderenfalls würdet Ihr die Schriften der großen Philosophen wohl kaum lesen und verstehen, noch auf den Mund gefallen. Wäret Ihr ein Mann, würde ich Euch fragen, was Euch als so ermüdend und reizlos an meinen Ausführungen erschien, dass Ihr beinahe eingeschlafen wäret.«
Sie konnte ein Lächeln kaum unterdrücken. »Aber ich bin kein Mann, deshalb darf ich meine Kritik für mich behalten?«
Wieder blitzte es in seinen braunen Augen auf. »Das beantwortet meine Vermutung von vorhin. Nicht oder zumindest nicht vollendsd em Urteil Eures Vaters ist der Umstand geschuldet, dass Ihr noch nicht unter der Haube seid. Zumindest nicht im übertragenen Sinne. Es ist Klug von Euch, Euer Haar angesichts einer Schar halbwüchsiger Scholaren einigermaßen züchtig zu bedecken.«
Unwillkürlich tastete Katharina nach dem leichten Leinenschleier, den sie an dem filigranen, silbernen Jungfernkranz befestigt hatte und der ihr geflochtenes, hochgestecktes schwarzes Haar verbarg. »Ihr heißt meine Anwesenheit hier in der Burse also nicht gut?«
Nun lächelte auch er und überdies ein ausgesprochen einnehmendes Lächeln. »Ihr wollt, dass ich für oder gegen die offensichtliche Verfügung Eures geschätzten Vaters, Euch hierher zu entsenden, Position beziehe und stellt mir eine Fangfrage?«
»Auf die ihr mit einer Gegenfrage reagiert.« Sie grinste mutig. »Das gäbe Abzüge bei einer Disputation.«
»Herr, erbarme dich unser.« Magister von Gorkum bekreuzigt sich sichtlich erheitert. »Richtet Eurem Vater meine Grüße aus. Und nun entschuldigt mich, ich habe zu tun.«
Ränke im Zollhaus
Petra Schier
Historischer Roman
Band 7 der Romanreihe Apothekerin Adelina
ca. 450 Seiten
Erscheint voraussichtlich am 02.11.2026
ISBN 978-3-96711-986-2
18,00 € / eBook 6,99 €
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Petra Schier, Jahrgang 1978, lebt mit Mann und Hund in einer kleinen Gemeinde in der Eifel. Sie studierte Geschichte und Literatur und arbeitet seit 2003 als freie Autorin. Ihre historischen Romane erscheinen im Rowohlt Taschenbuch Verlag, ihre Weihnachtsromane bei Rütten & Loening sowie MIRA Taschenbuch.
Unter dem Pseudonym Mila Roth veröffentlicht die Autorin verlagsunabhängig verschiedene erfolgreiche Buchserien.
Petra Schier ist Mitglied in folgenden Autorenvereinigungen: DELIA, Syndikat, Autorenforum Montségur








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