Die Überschrift dieses Artikels bringt meine Stimmung heute voll und ganz auf den Punkt: Ich könnte heulen. Dabei ist es nicht einmal so, dass ich es nicht schon kommen gesehen hätte. Das habe ich nämlich durchaus, als meine Lesungsagentin mir vergangene Woche mitteilte, die Buchhandlung, in der meine morgige Lesung stattfinden sollte, würde sich vorbehalten, die Veranstaltung abzusagen, wenn nicht genügend Karten im Vorverkauf über den Ladentisch gehen.

Und genau das ist heute passiert. Die Lesung wurde abgesagt, weil es nur 12 Voranmeldungen gab. 12! Zu wenige. Die Buchhandlung hätte mindestens 30 Karten vorab verkaufen müssen, damit sie die Lesung nicht abgesagt hätte. 30!

Liebe Zeit, wann hatte ich zuletzt 30 Voranmeldungen? Ganz ehrlich? Selbst vor Corona noch nie.

Warum nicht? Sind meine Lesungen zu langweilig? Bin ich zu unbekannt?

Ersteres kann ich ohne rot zu werden verneinen. Meine Lesungen sind super. Das sagen zumindest alle, die mal eine erlebt haben. Ich lese nicht nur schnöde aus meinem buch vor, sondern halt immer auch (freihändig, ganz ohne Skript) einen spannenden Vortrag über die Hintergründe der Geschichte, die Entstehung des Buches, mein Leben als Autorin, was ihr wollt. Darüber hinaus beantworte ich gerne alle Fragen des Publikums und plaudere selbst in der Pause noch gerne mit den Gästen über dies und das.

Bin ich also ein zu kleines Licht?

Mit einer Gesamtauflage all meiner Bücher von gut 1,5 Millionen Exemplaren dürfte auch das ausgeschlossen sein. Vermute ich zumindest mal. Hinzu kommt ja noch, dass diese spezielle Lesung in Remagen, im Kreis Ahrweiler, also meinem Heimatlandkreis stattgefunden hätte. Hier bin ich ganz sicher keine gänzlich Unbekannte.

Woran liegt es also, dass es nicht so viele Anmeldungen gab?

Das kann hundert Gründe haben. Vielleicht Fußball im TV, eine andere Parallelveranstaltung, zu gutes Wetter, zu schlechtes Wetter und so weiter.

Der Trend allerdings ist, verstärkt jetzt nach Corona, in allen Kulturbereichen zu spüren. Googelt mal nach “Stattfinden ist das neue Ausverkauft”. Überall beklagen Literatur-, Theater- und Musikbranche einen erheblichen Besucherschwund. Halbvolle Säle, manchmal auch weniger, sind inzwischen mehr die Regel als die Ausnahme. Es scheint eine Art Kulturmüdigkeit eingetreten zu sein, die aber sicherlich auch mit der Angst vieler Menschen zusammenhängt, sich noch in größere Menschenansammlungen zu begeben. Außerdem wird gerade alles exorbitant teurer, da spart man am ehesten an der kulturellen Freizeitgestaltung. Und noch etwas komm hinzu, das ich aber schon vor Corona beobachtet habe: Immer mehr Menschen scheuen sich davor, sich für irgendetwas festlegen zu müssen. Karten für eine Lesung vorab reservieren? Wozu, wenn es doch auch eine Abendkasse gibt und man sich deshalb auch spontan noch entscheiden kann hinzugehen? Rühmliche Ausnahmen erleben hinsichtlich Lesungen höchstens Autorinnen und Autoren, die so megaberühmt sind, dass die Lesungsbesucher:innen befürchten müssen, keinen Platz mehr zu bekommen, wenn sie nicht vorab reservieren. Ansonsten ist es inzwischen Gang und Gäbe, dass die wahre Anzahl der Veranstaltungsbesucher erst nach Abendkassenschluss feststeht. Und diese ist so gut wie immer höher (oft sogar sehr deutlich) als die, die anhand der Vorverkäufe geschätzt wurde.

Apropos Geld und teuer: Sind 10 Euro Eintritt zu viel?

Darüber kann man sich trefflich streiten. Bei einer Lesung, zu der auch Getränke und Häppchen geboten werden und vielleicht noch ein bisschen was drumherum, ist dies bestimmt angebracht. Bei einer Lesung, zu der die Autorin als Alleinunterhalterin geladen ist, kann man sich ggf. überlegen, ob es auch 5 oder 7 Euro getan hätten. Aber darüber will ich gar nicht streiten. Was mich vielmehr ärgert/verwundert, ist die Tatsache, dass nun eine Lesung offensichtlich nur dann stattfinden sollte, wenn 30 Karten à 10 Euro vorab verkauft worden wären. Wenn also mein Honorar vollständig wieder eingespielt worden wäre. Das ist doch eine Spitz-auf-Knopf-Rechnung, die ich persönlich so in meinem Unternehmerinnendasein nicht machen würde.

Ach, 300?

Ja, genau, jetzt wisst ihr es, ich hätte 300 Euro (Plus Fahrtkosten) erhalten. Zu wenig, rufen vielleicht jetzt sogar einige Kolleg:innen, und ja, ganz unrecht habt ihr damit nicht. Der VS (Verband deutscher Schriftsteller) empfiehlt seit Kurzem 500 Euro als Mindesthonorar für eine Lesung (plus Spesen selbstredend). Ich überlege schon eine Weile, meine Preise anzupassen. Vielleicht nicht auf 500, sondern vielleicht wenigstens auf 400 Euro. Denn ob ihr es glaubt oder nicht: Auch für Autor:innen wird alles teurer, auch wir müssen etwas essen und trinken und unsere Rechnungen bezahlen. Und Lesungen sind im Gegensatz zu dem, was viele Veranstalter uns weismachen wollen, nicht einfach nur wahnsinnig tolle Werbung, die eigentlich gar nicht bezahlt werden müsste.

Versucht das mal einem Handwerker aufzutischen! Fragt mal demnächst euren Heizungsbauer oder eure Fliesenlegerin, ob er oder sie umsonst für euch arbeiten kommt, wenn ihr dafür überall herumerzählt, dass sie oder er ganz wunderbare Arbeit leistet, und ggf. noch einen kleinen Zeitungsartikel über ihn veröffentlicht. Was wird er oder sie euch wohl darauf antworten?

Genau.

Nicht kostenlos, aber dann doch wenigstens billiger …

Autor:innen sollen aber genau das tun: Umsonst oder für “weniger” arbeiten.

Eine Lesung besteht nicht nur aus den 60 oder 90 oder vielleicht auch 120 Minuten der Veranstaltung an sich, in denen wir irgendwie unserem Hobby nachgehen. Wir müssen uns vorbereiten, anreisen (und ggf. übernachten und wieder abreisen) und verlieren dadurch je nach Ort und Art der Lesung von einem halben Tag bis zu drei Tage für nur eine Veranstaltung. Das ist Zeit, in der wir auch an unserem nächsten Buch arbeiten könnten oder recherchieren oder Druckfahnen korrigieren oder was auch immer sonst noch. Trotzdem tun wir es immer wieder gerne, das Lesen vor Publikum. Weil wir den Kontakt zu Leserinnen und Lesern und auch zu Buchhändlern, Büchereien und sonstigen Veranstaltern lieben.

Nur … weshalb sollten wir das kostenlos tun? Oder für weniger, als unsere Arbeit wert ist? Niemand sonst würde jemals auf die Idee kommen, ohne Lohn, Gehalt oder Honorar zu arbeiten, von uns Künstler:innen wird so etwas aber regelmäßig erwartet.

Deshalb könnte ich nämlich heulen: Als mich meine Lesungsagentin heute Morgen ganz früh anrief, um mir von der abgesagten Veranstaltung zu berichten, erwähnte sie etwas, das mir letztlich den Grund für diesen Blogartikel geliefert hat: Der Buchhändler fragte, ob ich denn bereit sein, entsprechend der niedrigen Voranmeldungen mein Honorar zu senken, damit die Lesung doch noch stattfinden könnte.

Ein hübscher Köder, oder?

Noch mal zum Mitschreiben: Laut Vorverkäufen wären das dann wohl 120 Euro anstelle der 300. Wäre ja so schön, und Remagen ist ja auch gar nicht so weit und ich hätte dann wenigstens meine Lesung (und Werbung) und alle wären glücklich.

Alle, bis auf mich. Weshalb muss mein Honorar senken, nur weil die Leute einfach nicht mehr bereit sind, sich frühzeitig festzulegen und eine Karte zu reservieren? Es könnte ja auch sehr gut sein, dass morgen Abend noch zusätzliche 10, 20 oder 30 Leute vor der Tür gestanden hätten oder es wirklich tun, weil sie nicht mitbekommen haben, dass die Lesung ausfällt, und sich dann doppelt ärgern.

Genau das ist mir vor ein paar Jahren (noch vor Corona) mal passiert. Da gab es nur für meine Lesung nur vier oder fünf Voranmeldungen, die Buchhandlung sagte ab, am nächsten Tag stellte sich heraus, dass über 20 Personen vergeblich vor der Tür des Veranstaltungsraumes gewartet hatten. Tja, Pech für die Buchhandlung. Schade für die Gäste. Aber auch Pech für mich. Ich hätte gerne mit diesen Menschen einen schönen Abend verbracht, ihnen mein Buch vorgestellt, etwas über die Entstehung und Hintergründe erzählt und ihre Fragen beantwortet.

Versteht mich nicht falsch!

Selbstverständlich müssen auch Buchhändler:innen an ihr Überleben denken, das ist vollkommen legitim. Eine solch knappe Kalkulation kann ich allerdings beim besten Willen nicht nachvollziehen. Wenn ich die 300 Euro für die Autorin nicht in meinem Budget habe, dann buche ich sie nicht.

Leider erscheint dieser Betrag wohl auch deshalb für Veranstalter:innen so hoch, weil es immer noch Autor:innen gibt, die auf Teufel komm raus kostenlos lesen. Die sogar (wie hier bei uns auch momentan der Fall) über alle Dörfer tingeln, honorarfrei selbstverständlich, um ihre Bücher wie Sauerbier an Mann und Frau und alle Übrigen zu bringen. Vielleicht auch, weil sie sich gerne in ihrer momentanen Bekanntheit sonnen. Übrigens sind das in den seltensten Fällen hauptberufliche Autor:innen, sondern solche, die sich über ihr Auskommen eher keine Gedanken machen müssen, weil sie nur nebenbei schreiben und einen anderen Brotjob haben.

Dass das honorarfreie Lesen per se problematisch ist, sehen diese Kolleg:innen leider nicht ein. Damit zerstören sie aber dummerweise jegliche Verhandlungsgrundlage derer, die vom Schreiben leben und eben nicht kostenlos lesen wollen und können. Immer wieder heißt es von Veranstalterseite: “Aber xy liest honorarfrei. Ist doch Werbung. Warum machen Sie das nicht auch?”

Weil ich es nicht einsehe, deshalb! Warum soll der Veranstalter/die Veranstalterin das Recht haben, seine/ihre Kosten wieder hereinzuholen, ich aber nicht? Ich bin als Autorin, die Lesungen anbietet, eine Dienstleisterin. Versucht mal, irgendwo eine Dienstleistung kostenlos zu bekommen. Wird … schwierig.

Sponsoren und Kulturstarthilfen gibt es auch noch

Grundsätzlich sollte also doch wohl eine Gleichberechtigung vorliegen. Wenn die Buchhandlung kostendeckend arbeiten will und muss, dann ich auch. Also kann ich nicht einfach mein Honorar reduzieren. Wenn sich das nämlich herumspricht, habe ich mir selbst ein Bein gestellt. Dann brauche ich demnächst gar nicht mehr bei 300 (oder mehr) Euro anzufangen, sondern muss gleich viel tiefer stapeln und mich unter Wert verkaufen. Wie lange dauert es dann wohl, bis auch das niedrigere Honorar als zu viel angesehen wird? Ganz zu schweigen von dem Bärendienst, den ich damit meinen Kolleg:innen erweise, die ebenfalls auf eine faire Bezahlung hoffen?

Nun gibt es allerdings einen Aspekt, von dem ich nicht ganz begreife, dass er immer noch nicht in den Köpfen der Veranstalter:innen angekommen ist: Für kulturelle Veranstaltungen gibt es diverse Fördertöpfe. Der Bekannteste war bzw. ist Neustart Kultur, aber es finden sich durchaus auch noch andere.

Und noch etwas: Man kann sich auch Sponsor:innen ins Boot holen. Warum nicht zum Beispiel mit der örtlichen Sparkasse, einem Geschäft, Restaurant oder was auch immer eine Kooperation eingehen, damit gleichzeitig weitere Werbekanäle eröffnen und sich die Kosten für die Autorin teilen? Aber dazu müsste man ja über den eigenen Tellerrand hinausschauen, was leider offenbar auch nicht gerne und oft getan wird.

Wie dem auch sei, auch am Ende dieses Blogartikels fühle ich mich noch genau wie am Beginn: Ich könnte heulen. Nicht allein meinetwegen, sondern auch wegen der Leserinnen und Leser, die nun enttäuscht sein werden, weil die Lesung nicht stattfinden wird. Die vielleicht auch noch spontan morgen Abend hingegangen wären. Euch kann ich nur sagen: Es tut mir leid. An mir lag es nicht.

Ich hätte übrigens für 12 Personen genauso engagiert und spannend gelesen, erzählt und geplaudert wie für 30 (oder 50 oder 500). Wer meine Lesungen und mich kennt, weiß das. Auf Anfrage hätte ich es bestätigt. Bei mir gibt es keine abgespeckte Version, nur weil das Publikum etwas kleiner ist.

Der betreffenden Buchhandlung, stellvertretend für alle Veranstalter:innen, bei denen so etwas schon vorgekommen ist, kann ich ebenfalls nur sagen: Es tut mir leid, dass es nicht sein sollte. Vielleicht sind Sie jetzt böse auf mich. Zugegebenermaßen kann es sein, dass ich mich mit diesem Artikel kräftig in die Nesseln gesetzt habe.

Aber mal ehrlich: Sie haben jedes Recht, kostendeckend zu arbeiten. Ich aber auch. Förder- oder Sponsorenmöglichkeiten hätte es ganz sicher gegeben, und auf Anfrage hätte meine Agentin sie garantiert genannt und bei der Vermittlung geholfen. Von mir zu verlangen, mich unter Wert zu verkaufen, obgleich ich für 12 oder 30 oder mehr Personen die gleiche Arbeit leisten würde, ist aber alles andere als kollegial oder professionell, denn so etwas verlange ich ja umgekehrt auch nicht von Ihnen. Sie leben davon, ich lebe davon. Man sollte meinen, wie säßen im selben Boot.

Oder?

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