Am Montag, den 10. Februar 2014, war ich endlich nach vielen vielen Jahren einmal wieder zu Gast im Rheinbacher Hexenturm. Die Besichtigung stand schon lange auf dem Plan, spielt doch mein historischer Roman Der Hexenschöffe, der im Oktober bei Rowohlt erscheint, genau dort: im und um den Hexenturm herum.

Bei meinem letzten Besuch dort muss ich etwa 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein, und ich war nicht etwa dort zwecks einer Führung, sondern weil einer meiner Klassenkameraden dort seinen Geburtstag gefeiert hat. Und damit kommen wir auch schon zur heutigen Verwendung des Hexenturms. Man kann ihn nicht nur besichtigen, sondern auch die Räumlichkeiten darin mieten, ob nun für Feiern, Zusammenkünfte oder was auch immer. Es gibt zudem einen Raum, in dem zum Beispiel Trauungen abgehalten werden können. Wer sich das Bauwerk gerne ansehen möchte (allein oder mit einer Gruppe), kann ganz unkompliziert eine Führung beim Rheinbacher Stadtarchiv erbitten.

Zunächst einmal möchte ich erwähnen (und ihr habt es sicherlich auch schon erraten), dass ich in Rheinbach bzw. in dem Vorort Oberdrees aufgewachsen und in Rheinbach zur Schule gegangen bin, zuerst in der Katholischen Grundschule St. Martin, die in direkter Nachbarschaft zum Hexenturm liegt, später dann in der Tomburg Realschule. Das bedeutet, ich bin sozusagen im Schatten des Hexenturms aufgewachsen, und dass ich nun über einen hochinteressanten, wenn auch gruseligen Teil seiner Geschichte schreibe, war also vielleicht gewissermaßen vorprogrammiert. Es musste nur eines zum anderen kommen, und wie sich das genau ereignet hat, könnt ihr HIER nachlesen.

Bevor ich nun aber zum Stadtarchiv ging, habe ich ein anderes wichtiges Gebäude besucht (zumindest von außen) und fotografiert, und zwar den Wasemer Turm, der gerade noch in Sichtweite zum Hexenturm liegt, und in dem im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit u.a. das Rheinbacher Gefängnis untergebracht war. Zwischen den beiden Bauwerken liegen der Himmeroder und der Prümer Wall (nach den beiden jeweiligen Klöstern benannt), die heute als Parkplätze und als Standort für die jährliche Herbstkirmes dienen.

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Nachdem ich dann die kurze Distanz über die beiden Wälle zurückgelegt hatte, habe ich zunächst einmal den Hexenturm von außen fotografiert, so, wie er sich heute dem Betrachter zeigt:

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Ein imposantes Bauwerk, nicht wahr? Es handelt sich dabei ursprünglich um den Bergfried der Rheinbacher Burg, also um einen wehrhaften Wohnturm. Ich könnte euch jetzt natürlich etwas über die Geschichte der Rheinbacher Burg aufschreiben, habe aber beschlossen, dass es auch einfacher geht. Vor dem Hexenturm gibt es nämlich ein Infotafeln, die das hervorragend für mich erledigen.

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Einen Grundriss der Burg findet ihr im Hexenturm übrigens auch. Ich hoffe, er ist so abfotografiert einigermaßen erkennbar:

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Anschließend bin ich dann die wenigen Schritte zur Ecke Bachstraße/Polligstraße gegangen (ist weniger als ein Katzensprung, nämlich direkt schräg gegenüber vom Hexenturm), wo sich das Rheinbacher Stadtarchiv befindet. Auch dieses Gebäude ist schon sehr alt, wie man sieht, aber wunderbar erhalten.

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Es handelt sich bei diesem Gebäude um den Hof Raaf, der vermutlich Anfang des 17. Jahrhunderts erbaut wurde. Dass es sich um ein derart altes Gebäude handelt, sieht man nicht nur an dem alten Fachwerk, sondern auch gleich beim Betreten des Gebäudes. Da fällt einem nämlich auf, wie niedrig die Türklinke angebracht ist und dass auch die Tür selbst für heutige Verhältnisse niedrig ist. Ich bin 1,74 m groß und kann gerade so aufrecht hindurchgehen, habe aber instinktiv den Kopf eingezogen. :-)

Frau Fabian vom Stadtarchiv (sie wollte sich leider nicht fotografieren lassen) hat mich dann im Hexenturm herumgeführt. Wie ihr oben auf der Schautafel schon lesen konntet, befand sich der Eingang zum Turm nicht ebenerdig. Das wäre für eine mittelaterliche Burg auch vollkommen untypisch gewesen, sondern viel weiter oben. Der momentane Eingang ist auch nicht der ursprüngliche, denn auch er liegt eigentlich noch viel zu nah über dem Boden.

20140210_105710Bergfriede waren, wie gesagt, Wehr- und Wohntürme und oftmals nur über “Hühnerleitern” oder Stege von der Wehrmauer aus zu erreichen. Letzteres (also der Steg) war auch beim Hexenturm vorhanden. Der Grund dafür ist leicht nachvollziehbar: Wenn sich die Burgbewohner im Falle eines Angriffs in den Bergfried flüchteten, konnten Leiter oder Steg leicht abgeschlagen werden, sodass der Feind es schwer hatte, die Insassen zu erreichen.

Im Falle der Rheinbacher Burg gab es noch einen zusätzlichen Aspekt, der zu beachten ist: Es handelte sich um eine Wasserburg, sie war also von tiefen, breiten Wassergräben umgeben. Überreste dieser Gräben sind heute nur noch in Teilen erkennbar, wie zum Beispiel hier:

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Wenn man den Hexenturm heute betritt, befindet man sich im zweiten Geschoss, also im Raum direkt über dem Verlies.

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Wie die einzelnen Räume bzw. Geschosse des Bergfrieds genutzt wurden, ist übrigens nicht mehr überliefert. Sicher ist jedoch, dass der Turm als Wohnturm, wie alle mittelalterlichen Bergfriede, ziemlich ungemütlich gewesen sein dürfte. Eine Heizmöglichkeit gab es hier nicht (vermutlich höchstens ein Kohlebecken), und der Raum ist auch nicht sonderlich groß. Das Foto oben habe ich direkt von der gegenüberliegenden Wand aus gemacht. Ihr sehr also, der Raum ist relativ winzig, nur ca. sieben bis acht Schritte (je nach Schrittlänge) im Durchmesser. Das Mauerwerk war hingegen sehr dick, wie man an dieser Schießscharte sehen kann:

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Zudem sind auch hier die Türen sehr niedrig und darüber hinaus auch noch sehr schmal. Jemand von meiner Größe kann eben so gerade hindurchgehen, und ich hatte schon das Bedürfnis, die Tür etwas seitlich zu durchqueren (und wiederum den Kopf einzuziehen).

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An der Wand dieses Raumes findet man übrigens einen Überblick über die Rheinbacher Stadtgeschichte:

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Noch schlimmer als die Tür, nein *lach*, genauso eng ist die Treppe, die die Stockwerke miteinander verbindet. Ebenfalls nichts Ungewöhnliches für einen mittelalterlichen Bergfried. Aber selbst, wenn man mit einbezieht, dass die Menschen früher nicht ganz so groß wurden wie heute, habe ich mir doch sofort die Frage gestellt, wie wohl ein Ritter in voller Rüstung diesen schmalen Gang womöglich im Laufschritt hinauf oder hinab bewältigt haben mochte. Ich hatte eine gefütterte Winterjacke an, die beim geraden Hochsteigen ständig mindestens an einer Seite an der Steinwand entlanggerieben hat. Deshalb bin ich immer etwas seitlich gegangen. :-)

Zu Verteidigungszwecken ist ein solch schmaler Aufgang natürlich ideal, aber wenn eine Frau mit langen Kleidern/Röcken da hinauf und hinab gehen musste, war sie ganz sicher nicht zu beneiden. Schon gar nicht, wenn sie noch irgendwelche Gegenstände oder Behältnisse zu tragen hatte (wie zum Beispiel eine Magd, die Essen und/oder Getränke oder andere Dinge zu befördern hatte) und vielleicht nur Holzschuhe an den Füßen trug. Denn nicht nur ist der Aufgang sehr eng, die Stufen sind auch noch sehr unterschiedlich hoch und teilweise etwas schief.

Treppauf:

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Treppab:

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Im dritten Stockwerk befindet sich ein Raum, der heute zum Beispiel für die eingangs erwähnten Trauungezeremonien dient. Wer sich im mittelalterlichen Ambiente das Ja-Wort geben möchte, dürfte hier genau richtig sein. Die Anzahl der Gäste würde ich in diesem Fall allerdings rigoros beschränken, denn natürlich ist dieser Raum nur unwesentlich größer als der vorherige. Ein wenig jedoch schon, denn die Wände des Turmes verjüngen sich wie bei vielen mittelalterlichen Türmen von Stockwerk zu Stockwerk, sodass die oberen Räume immer etwas größer sind als die unteren. Wer meinen historischen Roman Die Eifelgräfin gelesen und hinterher die im Anhang befindlichen Grundrisszeichnungen der Burg Kempenich studiert hat, dürfte mit diesem Umstand bereits vertraut sein. ;-)

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Im vierten Stockwerk befand sich, wie vorhin erwähnt, ursprünglich der Eingang zum Bergfried. Und dies muss wohl auch der allgemeine Wohnraum, die Stube, gewesen sein, denn nur hier gibt es eine Feuerstelle mit Kamin.

In diesem Raum haben wir damals übrigens auch den Geburtstag meines Klassenkameraden gefeiert. Wer ein solches Fest in mittelalterlicher Atmosphäre plant, kann den Raum für allerhand Anlässe mieten. Aber Achtung: So richtig gemütlich ist es dort nicht. Holzbänke und -stühle, Steinmauern und der Geruch des Kamins dürfen einen nicht stören, wenn man so etwas vorhat. Wem das aber nichts ausmacht, der findet hier einen interessanten, geschichtsträchtigen Ort zum Feiern im (relativ) kleinen Kreis.

Leider sind die folgenden Fotos der “Stube” ein wenig unscharf, weil die Lichtverhältnisse nicht optimal waren. Ich denke aber, man kann genug erkennen, um sich ein Bild von den Räumlichkeiten zu machen.

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Auf dem nächsten Foto kann man sehr schön erkennen, wie stark sich das Mauerwerk nach oben hin verjüngt. Diese Fensteröffnung liegt wesentlich weniger tief im Mauerwerk verborgen als die Scharte, die ich weiter oben gepostet habe:

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Von der Stube führt eine Treppe noch weiter hinauf ins oberste Stockwerk, das eigentlich nur das Dachgeschoss ist, das man durch eine Holzluke erreichen kann. Zu sehen gibt es dort allerdings nichts Interessantes, deshalb habe ich auf Fotos verzichtet.

Ein Raum fehlt uns jetzt noch in unserem Rundgang, aber unterschlagen werde ich ihn selbstverständlich nicht. Doch als Autorin warte ich natürlich mit dem gruseligen Knaller bis zum Schluss. Denn wohin mag wohl diese Treppe führen?

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Ganz recht, sie führt ins Verlies hinab. Dort unten wurden vermutlich nicht wenige der zwischen 1631 und 1636 der Hexerei angeklagten Rheinbacher Bürger eingesperrt. Andere mussten wahrscheinlich im Wasemer Turm ihres Prozesses und sicheren Todes harren. Leider gibt es über die Unterbringung der Gefangenen keinerlei Aufzeichnungen mehr, doch der Name Hexenturm kommt ja nicht von ungefähr. Das erste, was man am Fuß der Treppe sieht, ist die (wiederum scheußlich schmale und niedrige) Tür.

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Bleibt man in diesem Winkel stehen, überlegt man automatisch, was für ein schauerlicher Anblick einen wohl gleich erwarten wird. Vor allem, wenn man (wie ich) bereits eine gewisse Vorstellung von den damaligen Ereignissen hat. Für Hermann Löhers Klageschrift Hochnötige Unterthanige Wemütige Klage Der Frommen Unschültigen hat dieser unter anderem auch mehrere Kupferstiche anfertigen lassen, die die Vorfälle während der Hexenprozesse sehr schön illustrieren.

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Tja, und was erwartet uns nun tatsächlich, wenn wir das Verlies betreten? Schaut her:

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Das hattet ihr euch aber anders vorgestellt? Irgendwie unheimlicher? Ich ehrlich gesagt auch. :-D

Denkt euch den Tisch und die Stühle weg und das war’s auch schon. Möglicherweise gab es an den Wänden noch Eisenringe oder ähnliches, an die man die Gefangenen ketten konnte, aber beim genauen Hinsehen kann man keine Spuren davon erkennen. Vielleicht reichte es auch einfach, die armen Seelen hier hineinzuwerfen und die Tür zuzuschließen. Es war kalt, ungemütlich, die Fenster waren vergittert und die Aussicht, noch einmal lebend das Gefängnis zu verlassen, verschwindend gering bis nicht vorhanden. Führt man sich das vor Augen, spürt man dann doch früher oder später eine Gänsehaut.

Ich habe mich während der gesamten Führung sehr nett und angeregt mit meiner Führerin, Frau Fabian, unterhalten, was natürlich möglicherweise vorhandene Geister der Vergangenheit in Schach gehalten haben dürfte. Ich kann mir aber vorstellen, dass man, wenn man dort unten im Verlies ganz still ist und die Atmosphäre auf sich wirken lässt, durchaus die eine oder andere Stimme aus längst vergangenen Tagen wispern (oder wehklagen) hört.

Am Ende unserer Führung ging es dann noch auf die Rückseite des Hexenturms, wo ich auch noch ein paar Fotos schießen konnte.

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Und um den Rundgang komplett zu machen, hier auch noch mal das Gegenfoto zu dem am Anfang dieses Artikels, quer über Himemroder und Prümer Wall hinweg. Ganz hinten rechts sieht man die Spitze des Wasemer Turms.

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Buchvorschautext und Cover, Quelle: www.rowohlt.de

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