Am 6. November 2021 habe ich nicht nur einen videobegleiteten Rundgang durch die älteste gotische Kirche des Rheinlandes, die ehemalige Pfarrkirche St. Margaretha in Blasweiler in der Eifel (Kreis Ahrweiler), unternommen, sondern auch unzählige Fotos gemacht, von denen ich euch in dieser Fotostrecke gerne die schönsten zeigen möchte.

Wer bei dem Ortsnamen Blasweiler aufgehorcht hat, wird sich vermutlich daran erinnern, dass dieses Eifeldorf, in dem ich selbst einige Jahre lang gelebt habe, der Geburtsort von zwei meiner Romanfiguren ist, nämlich Luzia und Anton (Tünn) Bongert aus meinem historischen Roman Die Eifelgräfin.

Die dortige Kirche oder vielmehr deren Kirchhof ist denn auch der Schauplatz einer, nun, sagen wir einer unschönen Szene, die sich zuträgt, während die große Pestepidemie 1349 auch in der Eifel wütet. Luzia, die als Leibmagd für die Grafentochter Elisabeth von Küneburg auf der Burg Kempenich dient, kommt in ihr Heimatdorf, um nach ihrer Familie zu sehen, um die sie sich verständlicherweise große Sorgen macht.

Im Folgenden habe ich drei Abschnitte aus dieser Romanszene für euch herausgesucht und sie in meine Fotostrecke eingebettet, sodass ihr abwechselnd lesen und euch die Bilder ansehen könnt.

Die Kirche St. Margaretha von außen mit alten Grabmalen und -kreuzen auf dem Kirchhof

Der Kirchhof war damals der Friedhof. Heute befindet sich jedoch ein neuer Friedhof am Ende des Ermländerwegs in Blasweiler.

Textausschnitt Nr. 1 aus “Die Eifelgräfin”

Die Nacht roch würzig nach Gras und der Sonne, die die Erde den ganzen vergangenen Tag über gespeichert hatte. Luzia sog die Luft tief in ihre Lungen und versuchte sich zu beruhigen. Dann rannte sie wieder los.

Jetzt, da sie auf dem Weg nach Blasweiler war, hatte sie das Gefühl, von einer inneren Stimme zur Eile angetrieben zu werden. Sie kannte den Weg; nicht sehr gut zwar, doch in der mondhellen Nacht war es nicht schwierig, die wenigen wichtigen Landmarken auszumachen. Nachdem sie die Kohlstraße erreicht hatte, ging es dann fast nur noch geradeaus. Sie kannte eine alte Abkürzung über einen Acker, und nach kaum mehr als anderthalb Stunden erblickte sie die ersten Dächer von Blasweiler.

Sie stieg den letzten Hügel so rasch hinab, dass sie mehrmals beinahe stürzte. Inzwischen war das Mondlicht der langsam einsetzenden Morgendämmerung gewichen, die die Landschaft in ein unwirkliches graublaues Licht tränkte.

Schweigend und mit wild pochendem Herzen durchquerte Luzia das Dorf auf dem Hauptweg. Gespenstische Stille lag über den Holzhütten und wenigen Steinhäusern. So früh am Tag waren nicht einmal die fleißigsten Seelen schon wach. Sie passierte die kleine Kirche mit dem Friedhof, ohne sie zu beachten. Je näher sie dem Hof ihrer Eltern kam, desto nervöser wurde sie. In Blasweiler schien alles friedlich zu sein. Hatte sie sich umsonst Sorgen gemacht?

Friedlich. Sie blieb stehen und starrte auf die Tür einer Hütte. Ein wenig zu friedlich vielleicht? Plötzlich wurde ihr bewusst, dass jene Tür mit zwei überkreuzten Brettern vernagelt war. Und die der Hütte daneben genauso.

Es dauerte eine Weile, bis Luzia den Sinn begriff, doch dann packte sie das kalte Entsetzen. Im langsam zunehmenden Tageslicht erkannte sie, dass fast alle Hütten vernagelt waren.

Luzia schluckte und kämpfte die plötzlich aufsteigende Übelkeit herunter. Ohne noch weiter auf die Hütten zu achten, hastete sie zum Hof ihrer Eltern und spürte ein Gefühl tiefer Erleichterung, denn an der Haustür gab es keine überkreuzten Bretter. Sie war jedoch verschlossen, und so pochte Luzia mit neuem Mut kräftig gegen das schwere Eichenholz.

Nichts rührte sich, auch nicht, als sie noch lauter klopfte. Sofort war die Übelkeit wieder da. Luzia bemühte sich, sie zu ignorieren und ging beherzt zur Hintertür. Doch auch diese war fest verschlossen, ebenso wie die Fenster. Ratlos sah sie sich um und entdeckte schließlich neben dem Stalleingang die große Leiter ihres Vaters, mit der er im Herbst in die Obstbäume kletterte. Entschlossen lehnte sie sie gegen die Hauswand und stieg behände hinauf. Sie wusste, dass die kleine Dachluke zu ihrer Schlafkammer sich nicht richtig verschließen und von außen leicht öffnen ließ. Mehr als einmal hatte sie als Kind diesen Umstand genutzt, um spät abends heimlich aus dem Haus zu schlüpfen und dann mit den Nachbarskindern in einem der Bäche oder gar im Mühlteich zu baden.

Als irgendwo in der Nähe ein Hahn krähte, zuckte sie erschrocken zusammen, fing sich jedoch gleich wieder und fingerte an dem Fensterladen, der die Dachluke verschloss. Er ließ sich problemlos öffnen. Schwieriger war es, durch das Fenster ins Haus zu klettern, denn erstens war sie mittlerweile kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau, und zweitens behinderte sie der weite Rock ihres Kleides. Doch nach einigen erfolglosen Anläufen schaffte sie es, durch die Luke in ihre alte Schlafkammer zu klettern. Während sie sich den Staub abklopfte, blickte sie sich neugierig um. Nichts hatte sich verändert. Ihr Bett, die Truhe für ihre Kleider – ja sogar die Sammlung merkwürdig geformter Steine, die sie eine Zeit lang gesammelt und auf Dachstreben aufgereiht hatte – alles war noch so, wie sie es vor fast einem Jahr hinterlassen hatte. Sie riss ihren Blick jedoch wieder davon los, öffnete die niedrige Tür und kletterte die steile Stiege hinab in die Stube.

„Mutter? Vater? Seid ihr da?“, rief sie und drehte sich suchend einmal im Kreis. Es war kühl im Haus und roch ein wenig merkwürdig. Als sie keine Antwort erhielt, stieß sie die Tür zur Küche auf. Der Raum lag verlassen da; das Kochfeuer schien schon seit langem erloschen zu sein.

Übelkeit stieg in ihr auf. Sie rannte zurück in die Stube und stieß die Tür zur Schlafkammer ihrer Eltern auf. Doch auch diese war leer, ebenso wie die Kammer ihrer Geschwister.

„Vater?“, rief sie verzweifelt. „Mutter! Anton, Trinchen, wo steckt ihr denn?“ Schwer atmend stützte sie sich am Türstock zur Küche ab. „Antwortet doch!“ Ihre Stimme klang hohl. „Wo seid ihr?“

Sie hatte das Gefühl, als wollten sie sämtliche Kräfte verlassen. Dennoch schleppte sie sich zur Hintertür und entriegelte sie. Draußen im Hof lauschte sie angestrengt. Obwohl es immer heller wurde, schien sich im Ort noch immer niemand zu rühren. Lediglich der Hahn von vorhin krähte wieder und wieder.

Zögernd ging sie zum Stall und schob das schwere Tor auf. Intensiver Mistgeruch schlug ihr entgegen und – Stille. Die Schweine waren fort, ebenso die Kuh und die beiden Ochsen. Im Hühnerverschlag raschelten lediglich ein paar Mäuse, ansonsten war auch er leer.

Neben dem Stall hatte ihre Mutter einen Hausgarten angelegt, in dem Rüben, Kohl, Kräuter und Pastinaken gediehen. Die Reihen waren ordentlich geharkt, das Gemüse wuchs gesund und üppig. Nur hier und da waren kleine Spuren von Unkraut und die Schleimspuren von Schnecken zu sehen. Und nur wer nicht wusste, wie penibel Traud Bongert ihr Gemüse pflegte, wäre auf den Gedanken gekommen, dass der Garten vernachlässigt aussah.

Luzias Kehle schnürte sich zu; sie atmete heftig und lief zur Straße. Dort schlug sie den Weg zur Kirche ein. Der Pfarrer. Sie musste zu Vater Anselm gehen und ihn fragen, was hier geschehen war und wo ihre Eltern hingegangen waren.

Je näher sie der Kirche kam, desto schneller wurden ihre Schritte, das letzte Stück rannte sie. Als sie die Pforte zum Kirchhof aufstieß, begann die Kirchenglocke zu läuten.

Rundgang durch die Kirche St. Margaretha in Blasweiler

St. Margaretha in Blasweiler ist die älteste gotische Kirche im Rheinland und noch vollständig erhalten. Vor einigen Jahren hat der Förderverein der Kirche begonnen, das Gebäude innen wie außen zu sanieren und zu renovieren, um sie auch für zukünftige Generationen zu erhalten. Seit 2009 ist die Kirche wegen Baufälligkeit für Gottesdienste geschlossen, inzwischen wurden aber die schlimmsten Mängel beseitigt, wie man sieht.

Wären Luzia und Anton nicht nur Romanfiguren, dann hätten sie in dieser Kirche das heilige Sakrament der Taufe empfangen und wären auch regelmäßig hier zur Heiligen Messe gegangen. Der Dorfpfarrer wurde damals, also im 14. Jahrhundert, von den Grafen von Kempenich bestimmt, die auf der Burg Kempenich ansässig waren.

Die Inneneinrichtung der Kirche hat sich natürlich über die Jahrhunderte teilweise immer mal wieder verändert. Die Empore zum Beispiel wurde erst im 18. Jahrhundert erbaut, ebenso wie die Sakristei. Die Chorfenster mit der bunten Verglasung stammen aus dem 17. Jahrhundert.

Weitere Informationen habe ich den einzelnen Fotos als Bildunterschrift hinzugefügt.

Textausschnitt Nr. 2 aus “Die Eifelgräfin”

Luzia blieb wie erstarrt mitten auf dem Kirchhof stehen. Das Dröhnen der Totenglocke füllte ihren Kopf. Sie starrte auf zwei Reihen frischer Gräber, die sich über die gesamte Länge des Friedhofs erstreckten. Ein säuberlich angehäufter Hügel neben dem anderen, jeder mit einem einfachen Holzkreuz versehen. Auf einigen der Grabhügel lagen vertrocknete oder welkende Blumen, jedoch längst nicht auf allen. Die Angehörigen hatten die Kreuze mit Bändern oder kleinen angebundenen Gegenständen kenntlich gemacht, um anzuzeigen, wer dort beerdigt lag.

Fast meinte Luzia, ihre Gliedmaßen seien abgestorben, denn sie fühlten sich vollkommen taub an, als sie an den Gräbern entlangschritt. Am Ende der ersten Reihe erblickte sie an einem der Kreuze ein kleines Holzpüppchen, mit dem sie selbst als kleines Kind gespielt hatte. Das Entsetzen packte sie so hart, dass sie taumelte und auf die Knie fiel. „Trinchen“, murmelte sie und legte ungläubig ihre Hände auf den Erdhügel. „Nicht du, Trinchen. Nicht du!“

Sie streckte eine Hand nach dem Püppchen aus, berührte es aber nicht, sondern erstarrte mitten in der Bewegung. Ihr Blick war an dem Kreuz auf dem Nachbargrab hängengeblieben. Ein Doppelgrab, das konnte man an dem breiteren Grundriss und höheren Hügel erkennen. Auf die Mitte des Kreuzes hatte jemand recht ungelenk mit Pechfarbe einen Baum aufgemalt – das Hauszeichen der Familie Bongert.

Mit weit aufgerissenen Augen rutschte Luzia auf allen Vieren hinüber zu dem Grab, kroch halb darüber und umfasste das Holzkreuz. Mit der anderen Hand fuhr sie zittrig über den Baum. Die Farbe glänzte, war jedoch längst getrocknet. „Vater …“ Ihre Stimme versagte. „Mutter. Ihr liegt nicht hier. Das kann nicht sein!“ Doch das Zeichen auf dem Kreuz war eindeutig. Nichts anderes bezeugte es, als dass Luzias Eltern hier begraben lagen – neben ihrer Schwester.

Luzia ließ das Kreuz los und umschlang mit den Armen ihren Leib. Dennoch hatte sie das Gefühl, in tausend Stücke gerissen zu werden. Sie war zu spät gekommen. Zu spät, um etwas zu tun, zu spät, um Abschied zu nehmen. Zu spät … Ihrer Kehle entrang sich ein schriller Schrei, der jedoch sogleich wieder abbrach und in ein trockenes Schluchzen überging. Von einer Welle des Schmerzes erfasst, ließ sich Luzia einfach vornüber fallen und drückte ihr Gesicht in die lockere Erde des Grabhügels. So verharrte sie eine lange Weile. Keinen Muskel bewegte sie, obwohl sie kaum Luft bekam. Und sie nahm auch nicht die Schritte wahr, die sich ihr näherten. Erst als sich eine Hand auf ihre Schulter legte, schrak sie hoch.

„Luzia, Kind, bist du das?“

Luzia hob den Kopf und blickte in das schmale, faltige Gesicht des Dorfgeistlichen. Vater Anselms Miene drückte neben Überraschung auch höchste Besorgnis aus, als er sie erkannte. „Bei allen Heiligen, du bist es wirklich!“ Er nahm sie am Arm und half ihr auf. „Komm, Kind, begleite mich ins Pfarrhaus. Ich werde …“

„Wann, Vater Anselm?“ Luzia wischte sich unbewusst etwas Schmutz aus dem Gesicht. „Wann sind sie …?“

„Vor einer Woche.“ Der Pfarrer seufzte. „Ich hätte dir ja einen Boten geschickt, aber es fand sich keiner, und ich konnte doch hier nicht fort.“ Müde rieb er sich die Augen, und erst jetzt bemerkte Luzia, wie erschöpft und ausgemergelt er aussah.

Unschlüssig blickte sie wieder auf das Grab ihrer Eltern. „Tünn“, sagte sie tonlos. „Wo …?

„Tünn lebt“, beeilte sich der Pfarrer zu antworten. „Er ist bei mir im Pfarrhaus. Erst dachte ich, er sei auch krank, doch es war wohl nur die Erschöpfung. Luzia, dein Bruder hat sich aufopferungsvoll um eure Eltern und deine Schwester gekümmert – bis zum Schluss. Doch dann ist er zusammengebrochen.“

„Tünn.“ Luzia spürte dem winzigen Glücksmoment nach, der in ihr auflebte. „Ich muss zu ihm!“

„Natürlich, Kind. Komm, ich bringe dich hin.“ Vater Anselm winkte ihr und ging voraus.

Der Kreuzweg

Der Kreuzweg beginnt auf der rechten Chorseite vorne am Seitenaltar und endet auf der linken Chorseite wiederum vor dem Seitenaltar.

Entschuldigt bitte die teilweise grünstichigen Fotos, die den Lichtverhältnissen in der Kirche geschuldet sind. Ich wollte sie aber nicht extra alle nachbearbeiten.

Textausschnitt Nr. 3 aus “Die Eifelgräfin”

Als Johann Blasweiler erreichte, ließ die Sonne bereits den Tau auf Büschen und Gräsern glitzern und versprach, die morgendliche Kühle alsbald zu verscheuchen. Vor dem Hof der Familie Bongert zügelte er sein Pferd und stieg ab. Er versuchte, die Haustür zu öffnen. Da sie jedoch fest verschlossen war, ging er hinüber zum Stall. Das Tor stand ein Stück offen, und als er hineinging, wurde ihm auf den ersten Blick klar, was hier geschehen war. Er fluchte leise, als er auf eine verendete Ratte trat. Doch er ging noch weiter in den Stall hinein, denn es war immerhin möglich, dass sich Luzia hier aufhielt. Außer Resten von Mist und Heu konnte er nichts erkennen. Irgendwo raschelten Mäuse – oder weitere Ratten – in den Ecken. Eine Mücke surrte um seine Ohren, und er schlug geistesabwesend nach ihr. Als er erneut beinahe auf einen Kadaver, diesmal den einer Katze, trat, erfasste ihn heftiger Ekel und er verließ den Stall rasch wieder.

Die vielen toten Bauern waren ein herber Verlust für Simon. Doch an die Trauer, die die Überlebenden nun in sich trugen, wollte Johann erst gar nicht denken. Er wusste selbst zur Genüge, wie es sich anfühlte, einen geliebten Menschen zu verlieren. Energisch wendete er sein Reittier und richtete seine Gedanken auf das, was ihn hierher geführt hatte. Er wollte Luzia finden. Es war verrückt, dass er sich überhaupt bereit erklärt hatte, sie zu suchen, anstatt sich auf direktem Wege zur Mantenburg aufzumachen. Er hatte überhaupt nicht nachgedacht, dafür hätte er sich selbst ohrfeigen mögen. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er – bewusst oder unbewusst – damit, über Elisabeth nachzudenken, doch sobald er sich in ihrer Gegenwart befand, setzte sein verdammter Verstand aus.

Aufmerksam blickte er sich im Dorf um. In einigen Häusern und Hütten regte sich mittlerweile Leben. Hühner rannten gackernd über die Straße, Frauen und Männer gingen ihrer Arbeit nach – irgendwo plärrte ein Säugling. Er wurde neugierig, aber auch ein wenig argwöhnisch angestarrt, als er den Hauptweg hinunter in Richtung der kleinen Kirche ritt. Gerade wollte er einen der Bauern nach Luzia fragen, als er seitlich bei dem Gotteshaus eine Bewegung wahrnahm. Luzia kam um die Ecke der Kirchhofsmauer, in Begleitung des Pfarrers und eines höchstens zwölfjährigen Jungen, der ihr mit seinen rotblonden Locken, der Stupsnase und den Sommersprossen auffallend ähnlich sah.

Als sie den Ritter auf sich zukommen sah, blieb Luzia überrascht stehen. „Herr Johann! Was …?“ Sie verstummte, als sie seinen finsteren Blick bemerkte, und legte ihrem Bruder schützend einen Arm um die mageren Schultern.

Johann trieb den Falben auf sie zu und schaute streng auf sie herab. „Mädchen, du bist ohne die Erlaubnis deiner Herrin von der Burg fortgelaufen. Elisabeth von Küneburg besteht darauf, dass du sofort zurückkehrst.“ Er streckte ihr die Hand hin. „Steig auf!“

„Nein.“ Luzia wich einen Schritt zurück. „Herr Johann, verzeiht, aber ich kann nicht mit zurückkommen.“ Sie zog Anton noch dichter zu sich heran. „Meine …“ Sie schluckte hart. „Meine Eltern sind verstorben und auch meine Großmutter und meine Schwester. Wenn ich fortgehe, bleibt mein Bruder ganz alleine zurück.“

„Luzia, Kind“, mischte sich nun Vater Anselm ein. „Tünn könnte sicher auch bei einem der Nachbarn unterkommen, bis sich eine Lösung findet. Auch ich wäre bereit, ihn aufzunehmen.“

„Nein.“ Luzia schüttelte den Kopf. „Das ist gut gemeint, Vater Anselm, aber ich möchte es nicht. Ich will, dass mein Bruder bei mir bleibt.“

Johann blickte nachdenklich auf die Magd und den Jungen. In Tünns Augen sah er Schrecken und tiefe Erschöpfung, nicht nur körperliche. Er hatte Elisabeth versprochen, ihre Magd zurückzubringen. Und wenn man bedachte, wie viele Hütten in Blasweiler bereits leer standen und mit Brettern vernagelt worden waren, weil die Einwohner der Pest zum Opfer gefallen waren, konnte man davon ausgehen, dass sie auf der Burg noch wesentlich sicherer war als hier.

Doch Luzias Miene drückte eine stoische Entschlossenheit aus. Er würde sie nicht zwingen können, mit nach Kempenich zu kommen. Und was sollte mit dem Jungen geschehen?

Sein Pferd tänzelte, und er nahm die Zügel kürzer. „Ich habe den Auftrag, dich zur Burg zurückzubringen, mit oder ohne deinen Bruder“, sagte er in harschem Ton. „Wenn du der Jungfer Elisabeth den Dienst aufsagen willst, so tu es selbst. Nun komm, denn ich will bis zum Mittag wieder dort sein.“ Er wendete sein Pferd und ritt voran. Nach wenigen Schritten wandte er sich um. „Was ist? Bewegt euch!“

„Geh schon, Luzia.“ Vater Anselm nickte ihr aufmunternd zu. „Du hast eine Verpflichtung gegenüber deiner Herrin. Und vielleicht ergibt sich ja für Tünn eine Lösung. Falls nicht, weißt du, dass du dich an mich wenden kannst.“

Luzia schaute ihren Bruder an, der alles stumm angehört hatte, sich jedoch nicht rührte und keinerlei Anzeichen einer Gefühlsregung zeigte. Sie sorgte sich sehr, denn mehr als ihren Namen, als sie das Pfarrhaus betreten hatte, war ihm bisher nicht über die Lippen gekommen. Natürlich musste sie zur Burg zurück. Aber Tünn würde sie keinesfalls alleine lassen, und wenn das bedeutete, dass sie die gute Stellung bei Elisabeth verlor. Schließlich rang sie sich zu einer Entscheidung durch. „Komm, Tünn. Wir gehen zusammen nach Kempenich.“

Hier sind wir nun bereits am Ende meiner Fotostrecke angekommen. Wenn sie euch gefallen hat, falls ihr noch Fragen oder auch Anmerkungen habt, hinterlasst sie bitte unten in den Kommentaren.

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