Ja, genau, ihr seht richtig. Ich bin ein Rottweiler. Ein ziemlich großer noch dazu und noch keine zwei Jahre alt. Vor einigen Wochen hat mein Herrchen mich in die Hundepension gebracht, die zu Christinas Hundeschule in Lichterhaven gehört. Ganz neu übrigens, wie ich erfahren habe. Ich bin einer der allerersten Gäste dort.

Toll ist es hier. Ich treffe jeden Tag neue Kumpels und Kumpelinnen, weil ja Christina diese Hundeschule betreibt. Es gibt superleckeres Futter und ich habe einen ganz gemütlichen Schlafplatz.

Anfangs mochte ich es hier allerdings so gar nicht, weil mein Herrchen mich einfach allein hiergelassen hat. In Urlaub fliegen wollte er und irgendwo klettern gehen. Das fand ich nicht sehr nett, obwohl ich zugeben muss, dass ich überhaupt nicht gerne klettere. Allerdings hätte Herrchen das auch mal lieber bleiben lassen sollen. Er ist nämlich verunglückt. Zumindest hat Christina mir das erzählt. Und gestorben ist Herrchen dabei dann auch. Er kommt also nie wieder zurück, um mich abzuholen. Ist das nicht furchtbar?

Jetzt sitze ich hier in der Hundepension und weiß nicht, was aus mir werden soll. Herrchen hatte nämlich nur noch eine Handvoll Verwandte, von denen mich aber keiner haben will, weil ich eben so groß bin und ein Rottweiler. Angeblich sei ich gefährlich, was aber überhaupt nicht stimmt. Ich habe noch niemals einer Fliege etwas zuleide getan. Wörtlich! Nicht mal eine Fliege gefangen habe ich bisher, weil die immer viel zu schnell sind.

Mich will also niemand haben, und wenn das so bleibt, muss ich ins Tierheim, hat Christina gesagt. Sie meinte aber auch, dass sie alles versucht, damit das nicht passiert. Immerhin kennt sie jede Menge Leute, besonders Hundehalterinnen und Hundehalter. Vielleicht ist ja doch jemand dabei, der mich bei sich aufnimmt.

Obwohl … Ich weiß gar nicht, wie ich das alles finden soll. Mein Herrchen war ein ganz cooler Typ, aber manchmal auch ziemlich merkwürdig drauf. In so einer Hundeschule wie hier waren wir nie, dafür hat er aber dauernd versucht, mir Sachen beizubringen, die mir nicht gefallen haben. Im Stechschritt neben ihm hergehen zum Beispiel, oder in so einen ekligen Lederhandschuh beißen und erst loslassen, wenn er es sagt. Oder … ach, einfach so komische Sachen, auf die ich nie Lust hatte. Manchmal wurde er dann auch wütend und laut, da habe ich mich dann fürchterlich erschreckt und mich gleich auf den Rücken geworfen und ihm meinen Bauch und meine Kehle gezeigt, um ihn zu beschwichtigen.

Wenn Christina also nur jemanden findet, der so ist wie mein Herrchen, wird es echt kompliziert. Ich mag nämlich alle diese Hundebeschäftigungen überhaupt nicht gerne. Oder arbeiten! Herrchen hat immer gesagt, wir müssten miteinander arbeiten, damit ich ausgelastet bin und meinem Wesen als Rottweiler entsprechend “drauf bin”. Möglicherweise hat er mein “Wesen” aber gar nicht richtig gekannt, weil ich nämlich viel lieber herumtolle und spiele und im Sand buddele und mich mit Matsch einsaue. Arbeit brauche ich eigentlich so gar nicht. Lieber wäre es mir, wenn man mir mir knuddelt, aber das traut sich bestimmt niemand. Gestreichelt werde ich auch so unsagbar gerne. Stundenlang am liebsten. Spazieren gehe ich auch mit Vorliebe, aber nicht immer gleich stundenlang. DAs wird mir dann nämlich irgendwann zu anstrengend und dann liege ich am liebsten irgendwo auf kalten steinen und verschnaufe. Oder im Winter, wenn es kalt ist, in meinem Körbchen.

Was ich auch nicht mag, sind laute Stimmen. Vor allem solche, die mir mir schimpfen. Herrchen hat das schon recht oft getan, und meistens wusste ich nicht mal genau, weshalb er so böse auf mich war. Deshalb habe ich mich, wie schon erwähnt, dann immer ganz schnell auf den Rücken gedreht. Ich glaube, manchmal war er auch darüber dann wieder sauer. Aber was sollte ich denn machen? Zurückmotzen? Das ist so gar nicht meine Art. Viel zu anstrengend und am Ende greift mich womöglich noch jemand an! Himmel, das wäre erschreckend.

Überhaupt, das gebe ich zu, bin ich leider ein bisschen ängstlich. Also nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich sehr. Im Grunde macht mir alles Angst, was ich nicht kenne, und manchmal auch Sachen, die mir doch schon bekannt sind. Also wenn ich vergessen habe, dass ich sie schon kenne. Für einen Rottweiler ganz schön peinlich, oder? Vielleicht mögen mich die Leute auch deshalb nicht. Wer will schon so einen Bangeschiss… Pardon, wer will schon so einen Angsthasen, äh, Angsthund haben? Dabei kann ich gar nix dafür. Es klingt vielleicht abgedroschen, aber meine Kindheit war nicht so dolle. Ich bin in so einem engen Zwinger aufgewachsen und meine Mama ist ganz schrecklich früh von mir und meinen Geschwistern weggegangen. Oder weggenommen worden. Wie auch immer. Und dann haben die Leute, bei denen wir wohnten, gar nichts mit uns gemacht. Wir sind nur immer auf so eine Wiese mit Büschen drum herum gelassen worden, um ein bisschen zu spielen und unser Geschäft zu verrichten. Mehr haben wir in den ersten drei Monaten unseres Lebens nicht gesehen, und als Herrchen mich dann zu sich geholt hat, haben wir beide zusammen auch fast nur in seiner Wohnung Zeit verbracht oder auf so einem Hundeplatz, wo alle immer ganz laut geredet und herumgebrüllt haben, oder am Waldrand, wo unsere Gassirunde war. Im Wald selbst war ich nie. Ich glaube, da hätte ich auch wieder Angst gehabt, weil … Habt ihr mal gesehen, wie groß Bäume sind? Und wisst ihr, was die manchmal für unheimliche Geräusche machen, wenn der Wind hindurch geht? Ich glaube, wenn ich von ihnen umringt wäre, würde ich vor Schiss sterben.

Tja, also eigentlich wollte ich mich euch ja im besten Licht zeigen und mich vorstellen, aber ehrlich gesagt ist das nicht sooo einfach. Weil die Menschen wohl nur perfekte Hunde haben wollen. Ich bin aber nicht perfekt. Jetzt habe ich Angst, doch ins Tierheim zu müssen. Wenn man als Rottweiler einmal im Tierheim landet, kann es sein, dass man für immer dortbleiben muss. Für immer! Das ist eine verdammt lange Zeit.

Christina hat versprochen, dass sie überall herumfragt und eine Anzeige in die Lichterhavener Stadtzeitung setzt und ein Plakat mit meinem Foto in dem Raum aufhängt, wo die Leute sich anmelden, wenn sie in die Hundeschule gehen oder eines ihrer Seminare besuchen wollen. Ob ich auf diese Weise wohl einen neuen Menschen finde? Mir ist es auch ganz egal, ob es ein Herrchen oder Frauchen wird. Ich will nur nicht mehr so einsam sein. Obwohl das wieder gar nicht so richtig ist, weil ich ja eigentlich immer Gesellschaft habe. Aber ich habe keinen Menschen mehr, zu dem ich gehöre und der zu mir gehört. Blöd, oder?

Christina hat gesagt, dass es wahrscheinlich einfacher wäre, wenn ich so ein goldiger Kuschelwuff wäre. Na ja, Kuscheln mag ich eigentlich schon, aber goldig bin ich nun mal gar nicht und auch viel zu schwer, um mich gut als Schoßhund zu machen. Mit rund 56 Kilogramm Kampfgewicht schmeiße ich die meisten Menschen eher um oder erdrücke sie. Hach, ich hoffe, das Blatt wendet sich bald für mich. Christina sagt, meine Geschichte wird demnächst sogar aufgeschrieben. Von einer Autorin. Und nächstes Jahr Ende März wird sie dann in einem Buch veröffentlicht und alle Menschen, die es gerne möchten, können es dann kaufen und lesen.

Hoffentlich wird es eine gute Geschichte. Eine mit einem Happyend. Das würde mir gefallen. Drückt ihr mir ganz fest die Daumen?

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