Oder: Wenn du als Autor Erfolg haben willst, dann lass’ die wirkliche Welt hinter dir!

Erstmals erschienen am 26.11.2001 in der Rubrik “Internet für Autoren” von Titus Müller bei www.clickfish.com als Wochenthema, zu dem im Forum diskutiert werden sollte.
(Seit einigen Jahren gibt es die Domain www.clickfish.com nicht mehr, Anm. d. Autorin, 2003)

Ich lese gern und ich lese viel.

Und wenn ich in mein Bücherregal schaue, dann springen mich eine Menge verschiedener Autorennamen an. 90 % davon sind Amerikaner, Engländer und Iren, und nur klägliche 10 % Deutsche. Als mir das zum ersten Mal klar wurde, war ich ziemlich perplex. Aber ich gehe jede Wette ein, bei den meisten von Euch sieht es fast genauso aus.

Dann habe ich den Fernseher eingeschaltet und mir einen ganz neuen Spielfilm angeschaut. Eine deutsche Produktion. Was soll ich sagen? Nach etwa 10 Minuten habe ich den Sender gewechselt, weil woanders ein schöner Hollywood-Streifen aus dem Vorjahr lief.

Und dann habe ich mich einmal ganz ernsthaft gefragt, was  eigentlich mit den deutschen Roman- und Drehbuchautoren nicht stimmt. Denn dass etwas mit ihnen nicht stimmen kann, das ist doch offensichtlich. Weshalb sonst geben deutsche Verlage Unsummen für ausländische Lizenzen aus? Warum werden so verschwindend wenige deutsche Romane ins Ausland verkauft? Und warum habe ich so eine verdammte Abneigung gegen deutsche TV-Produktionen?

Auf alle diese Fragen gibt es eine einzige plausible Antwort: Weil wir Deutschen es einfach nicht so gut hinkriegen wie die Amis (oder auch Engländer, Iren …).

Aber was machen die denn anders?

Warum kriegen wir das nicht hin?Nehmen wir als Beispiel das Genre Liebesroman. Und zwar nicht  den Heftroman, sondern den ganz normalen, ernst gemeinten und meist taschenbuchförmigen Liebesroman. Die Verlage kaufen jährlich hunderte, wenn nicht sogar tausende davon aus den USA.

Lese ich solch einen amerikanischen Liebesroman, versetzt er mich schon auf den ersten Seiten in eine wunderbare Welt, in der sich zwei Liebende suchen und finden. Und das in allen denkbaren Variationen.

Diese wunderbare Welt spielt sich durchaus in der Realität ab, jedoch in einer Realität, die man trotzdem nicht ganz mit der wirklichen Welt gleichsetzen kann. Die Welt des Romans ist eben einen Tick besser, schöner, romantischer. Auch wenn sich noch so grausame, tragische oder sogar kriminelle Elemente in diesem Roman tummeln. Es ist nicht ganz die wirkliche Welt, aber es ist eine Welt, in der ich gerne leben würde, weil da die Gefühle einfach etwas intensiver und die Sinneseindrücke etwas tiefer sind als in der wirklichen Welt.

Nehme ich mir nun einen deutschen Liebesroman vor, kann es erst einmal sein, dass es sich um ein Werk à la Hera Lind & Co. handelt, in dem eine Liebesgeschichte mehr oder weniger auf die Schippe genommen wird. Gut, solche Romane haben auch ihre Daseinsberechtigung, aber auf Dauer schlagen sie mir doch auf den Magen.

Habe ich dann endlich einen normalen Liebesroman gefunden, überfällt mich beim Lesen so gut wie immer ein rechtes Unmutsgefühl. Ich kann mich zwar bis zu einem gewissen Grad in die Figuren hineinversetzen, doch ich bleibe trotzdem in der wirklichen Welt, weil es in den deutschen Werken kaum jemals diese für US-Werke so typische Ebene über der wirklichen Welt gibt.

Es ist wohl so: Ein deutscher Roman spielt sich in der Realität ab, also muss es ein 100%iger Spiegel der wirklichen Welt sein. Und daran scheitern wir am Ende. Würden die deutschen Autoren den Mut aufbringen, sich und ihre Leser in eine Realität zu versetzen, die eben nicht das ist, was sie sowieso und genau so selbst schon erlebt, gefühlt u.s.w. haben, dann könnten sie auch den Kampf gegen die Übermacht der ausländischen Kollegen gewinnen.

Warum kriegen wir das nicht hin?Genauso verhält es sich mit den deutschen TV-Filmen (Kinofilmen meistens auch). Schalte ich die Flimmerkiste an, sehe ich, sogar ohne Ton, innerhalb von wenigen Sekunden, dass es sich um eine deutsche Produktion handelt. Aus den gleichen Gründen. Ich finde mich in der wirklichen Welt wieder. Und sogar wenn sich in dem Film Engel und andere übersinnliche Wesen die Klinke in die Hand drücken, haben sie viel zu viele Probleme, die ich haargenau so auch habe. Zappe ich jedoch weiter zu einer US-Produktion, kann ich in aller Regel davon ausgehen, dass ich in kürzester Zeit wieder in der eben beschriebenen Welt lande, die eine Ebene über unserer wirklichen Welt liegt. Und das auch, wenn es sich um ganz reale Plots handelt.

Es geht also beim Schreiben nicht nur darum, die Realität so absolut genau wiederzugeben, dass der Leser (oder bei Filmen der Zuschauer) in seiner eigenen, zur genüge bekannten Welt landet, sondern darum, ihn in eine andere Welt zu versetzen. Sie kann so real sein, wie sie will, aber sie muss sich auf einer Ebene befinden, in der man sich wünscht, leben zu können.

Ein Genre gibt es, in dem dies auch deutschen Autoren immer häufiger gelingt: im historischen Roman. Da trauen sich die Autoren seltsamerweise, diesen Schritt in die andere Ebene zu machen. Liegt es daran, dass die Handlung in vergangenen Zeiten spielt, in die man die eigenen verborgenen Wünsche und Gefühle leichter hinein projizieren kann? Aber was ist dann an der Gegenwart auszusetzen? Oder haben die Amerikaner eine andere Realität als wir? Kaum anzunehmen, nicht wahr?

Ich schreibe gern und ich schreibe viel.

Und wenn ich eine Geschichte erfinde, dann nur eine, die den Leser in eine Welt entführt, die er nur ungern wieder verlässt, weil sie ihm besser gefällt als die wirkliche Welt.

© by Petra Schier Okt. 2001

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